Europa droht "verlorene Generation"

Weltweit haben 75 Millionen junge Menschen keine Arbeit. Das führt zu Hoffnungslosigkeit und Resignation, so die UNO. Auch das reiche Europa steht vor einer hohen Jugendarbeitslosigkeit.

(c) AP (Emilio Morenatti)

Wien. Spaniens Junge riefen als Erste die Revolution aus. Studenten und arbeitslose Jungakademiker gingen auf die Straße, um auf ihre Jobmisere aufmerksam zu machen. Das war im Mai 2011, und seither ist alles schlimmer geworden. Nirgends in Europa sind so viele Junge arbeitslos wie in Spanien. Aber die Situation ist rund um den Globus dramatisch. So sehr, dass die Internationale Arbeitsorganisation der UNO (ILO) vor dem Heranwachsen einer „verlorenen Generation“ warnt und den Regierungen empfiehlt, den Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit ganz oben auf die Agenda zu setzen.

Weltweit haben laut ILO 75Millionen Jugendliche keine Arbeit, um vier Millionen mehr als vor der Krise im Jahr 2007. Die Wirtschaftskrise hat die Jungen in den entwickelten Regionen der Welt besonders getroffen: Der Anstieg war mit 4,7 Prozentpunkten weltweit am stärksten. Rund zwei Millionen junge Arbeitskräfte sind dort im Zuge der Krise vom Arbeitsmarkt verschwunden.

Länger auf die Uni statt ins Büro

Laut der Organisation liegt die Arbeitslosigkeit in der EU und den übrigen Industrieländern der Welt bei 18 Prozent. 2008 waren es noch rund 13,5 Prozent, aber dann kam das Krisenjahr 2009 und damit der große Sprung: Die Rate stieg auf 17,3 Prozent. In den nächsten Jahren soll sie leicht sinken.

Die ILO zeigt sich besorgt. Denn die Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrise nehme den Jungen zunehmend den Mut. „Viele junge Menschen haben es komplett aufgegeben, eine Arbeit zu suchen“, heißt es in dem Bericht. Die erfolglose Jobsuche rufe in vielen Jugendlichen ein Gefühl von sozialer Ausgrenzung und Nutzlosigkeit hervor. Andere hätten den Eintritt ins Berufsleben einfach verschoben, indem sie ihre Ausbildung verlängert oder eine neue begonnen hätten. Das könnte das Problem in ein paar Jahren noch verschärfen: Wenn diese Jungen wieder auf den Arbeitsmarkt drängen.

Besser Teilzeit als keine Arbeit

Problematisch ist aber nicht nur die Arbeitslosigkeit an sich. Sondern auch die Tatsache, dass junge Menschen zunehmend in Jobs arbeiten, die nicht ihren Erwartungen entsprechen, keine Aufstiegschancen oder keine Perspektive auf reguläre Beschäftigungsverhältnisse oder bessere Bezahlung bieten. Eine „Übergangszeit“, in der Arbeit, Studium und Reisen ineinandergreifen, sei zwar völlig normal für junge Menschen. „Aber es gibt Anzeichen, dass junge Menschen in entwickelten Nationen zunehmend in prekären Beschäftigungsverhältnissen gefangen sind und der Übergang zur angemessenen Beschäftigung sich immer weiter nach hinten verschiebt“, so die Studienautoren. Mit anderen Worten: Dauerhafte Nebenjobs statt richtiger Arbeit.

Wer arbeitet, arbeitet immer öfter in Teilzeitjobs. Die Teilzeitarbeit steige schon seit Jahren, aber besonders seit Beginn der Krise. Das könne auch positive Seiten haben: Denn wer nicht Vollzeit arbeitet, nützt die übrige Zeit auch oft für ein Studium oder andere sinnvolle Aktivitäten. Aber der Anstieg seit Ausbruch der Krise deute darauf hin, dass die Teilzeitarbeit nicht nur zunimmt, weil die Jugendlichen das wollen. Sondern auch, weil sie keine andere Arbeit finden. EU-weit lag die Teilzeitquote bei den unter 25-Jährigen im Vorjahr bei rund 30 Prozent, bei den Erwachsenen bei rund 17 Prozent. Seit der Krise hat der Anteil der Jugendlichen in Teilzeit um fast vier Prozentpunkte zugelegt.

Gratisarbeit auf dem Feld

Besser sieht es in Südasien aus, wo „nur“ 8,6 Prozent der Jungen keinen Job haben. In Zentral- und Südosteuropa ist die Jugendarbeitslosigkeit entgegen dem europäischen Trend sogar gesunken. In der EU selbst sind die Unterschiede riesig: Während in Spanien und Griechenland bereits jeder zweite Jugendliche durch die Finger schaut, liegt Österreich mit 8,6 Prozent auf dem zweitbesten Platz hinter Deutschland (7,9 Prozent). Und das bei einer allgemeinen Arbeitslosigkeit von vier Prozent (nach EU-Methode).

Mit anderen Problemen kämpfen die Entwicklungsländer: Aus Mangel an richtigen Jobs flüchten dort viele Jugendliche in unbezahlte Arbeit in Familienbetrieben oder in der Landwirtschaft. Doppelt tragisch: Just in den Ländern, in denen die Erwerbsbevölkerung noch wächst, gibt es am wenigsten Arbeit für die Jungen.

Auf einen Blick

Die Internationale Arbeitsorganisation der UNO (ILO) warnt vor den Folgen der hohen Jugendarbeitslosigkeit: Viele Junge seien entmutigt und hätten es aufgegeben, Arbeit zu suchen. Andere würden den Eintritt ins Berufsleben einfach nach hinten verschieben, indem sie etwa noch ein Studium beginnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2012)

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