Betriebliche Gesundheitsvorsorge: Wartungsverträge für Mitarbeiter

Oder gesunde Unternehmenskultur? Experten sprechen auch von Vitalität und Wohlfühlfaktoren. Wahr ist jedenfalls: Geht es den Mitarbeitern gut, geht es dem Unternehmen gut.

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Aals Stefan Bayer in den 1980er Jahren als Betriebsarzt der ÖAMAG, später Radex-Austria in Radenthein, einen Gesundheitspass inklusive Cholesterin-Screening einführte, wurde er „von den Behörden fast geprügelt“. Mittlerweile ist Gesundheitsvorsorge Teil des HR-Managements, so der heutige Konzernbetriebsarzt der RHI und Präsident der österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin. „Für Maschinen werden Wartungsverträge abgeschlossen, betriebliche Gesundheitsvorsorge ist dasselbe für Mitarbeiter.“

Gemeint sei allerdings nicht Gesundheitsaktionismus, der sich auf einen ,Tag des Apfels' beschränkt, sondern eine präventive Sicht, die auch die Zunahme der psychischen Belastungen mitberücksichtigt. Letzteres untermauert er mit Zahlen der deutschen Angestelltenversicherung, wonach Krankenstände zwischen 1997 und 2006 von 4,2 auf 3,3 Prozent sanken, während im gleichen Zeitraum Ausfälle aufgrund psychischer Erkrankungen um 70 Prozent zunahmen. „Ähnliches zeichnet sich auch bei uns ab.“

Antonia Arnold, Geschäftsführerin des Uniqa Vitalclub mit 1,1 Mio. Mitgliedern, bestätigt: „Es geht um Verhaltens- und Verhältnisprävention, nicht um Einzelmaßnahmen, die verpuffen. Bei einem Pilotprojekt in Tirol konnten wir durch vorübergehende Gesundheitsmaßnahmen Krankenstände um 50 Prozent verringern. Nach Absetzen des Projekts gingen sie wieder nach oben.“ Die ehemalige Spitzensportlerin sieht Gesundheitsprävention aber auch als moderne Form der Kundenbindung: „Vitalität entspricht dem Lifestyle, Gesundheitsprävention wird als Wertschätzung verstanden.“

Erfolgreich investiert in die physische und psychische Gesundheit seiner Mitarbeiter hat auch Josef Vanicek, Geschäftsführer von Miele Österreich. Ein Fitnesscenter, ein Betriebskindergarten – „der verhindern soll, dass wir bestausgebildete Frauen verlieren“ – sowie eine Krankenversicherung seien nur Bausteine eines Gesamtpakets. „Unsere Mitarbeiter sollen sich wohlfühlen, auch Dauerpräsenz in der Firma ist nicht nötig.“


Wertschätzung mit Zusatznutzen

Was bringt es dem Unternehmen? „Zufriedene und gesunde Mitarbeiter leisten einen besseren Beitrag zum Ergebnis“, sagt Bettina Selden, Vorstand der Prisma Kreditversicherung. Mit 110 Mitarbeitern sei man zwar eine Nischenversicherung, die sich kein eigenes Fitnesscenter leisten kann, aber auch wenig aufwendige Maßnahmen zeigten enorme Erfolge. „Obwohl wir ein Durchschnittsalter von nur 34 Jahren haben, leiden bei uns viele unter Rückenproblemen. Neben ergonomischen Möbeln bieten wir etwa regelmäßige Vorträge zum Thema gesunder Rücken oder einen Masseur im Haus.“ Wichtig sei, nicht mit dem Zeigefinger auf das Thema Gesundheit aufmerksam zu machen: „Gemeinsames Nordic Walken oder Schneewandern soll das partnerschaftliche Miteinander in den Vordergrund stellen, die Leute sollen in erster Linie Spaß daran haben.“ Den Benefit für das Unternehmen konkretisiert Arnold auch quantitativ: „Laut Studien kommen alle Investitionen in die Gesundheit dreifach zurück.“

Mehr als nur „nice to have“ ist betriebliches Gesundheitsmanagement auch für Gerhard Kantusch, Geschäftsführer der Pension Consulting GmbH: „Wer nachhaltig wirtschaften will, muss auf die Gesundheit seiner Mitarbeiter achten. In Wirklichkeit geht es um wertorientierte Unternehmensführung, das Bewusstsein, dass gesunde Mitarbeiter zum Unternehmenserfolg beitragen.“ Gerade in Klein- und Mittelbetrieben liege hier noch vieles im Argen. „Es muss der Belegschaft vermittelt werden, was den Unternehmenswert steigert oder vernichtet.“


Private Produktivitätsbremsen

Werden Angebote der Gesundheitsvorsorge auch von Bewerbern nachgefragt? Katharina Stummer, Geschäftsführerin der gleichnamigen Personal- und Managementberatung: „Ich vergleiche es mit der Work-Life-Balance, die ein Thema für Leute ist, die sich verändern wollen, auch wenn niemand explizit sagt, dass er eigentlich weniger arbeiten will.“ Fitnessangebote würden als Zusatznutzen aber immer positiv aufgenommen. Ebenso bei der bestehenden Belegschaft, ergänzt Vanicek. „Seit wir hier investiert haben, sind in unseren Mitarbeiterbefragungen die Werte bei Betriebsklima oder Wertschätzung hochgeschnellt.“

Selden verweist auf die Mundpropaganda, die bei Prisma zu zahlreichen Initiativbewerbungen führt: „Leistung wird überall gefordert, in einer Atmosphäre mit Wohlfühlfaktor ist sie aber leichter zu erbringen.“ Für Stummer kommt hinzu, dass sich Bewerber im Vorfeld immer besser über Unternehmen informieren. „Wenn eine neutrale dritte Person einen Arbeitgeber lobt, ist es nun einmal glaubhafter.“

Die meisten psychischen Probleme hätten übrigens außerberufliche Wurzeln, weiß Bayer: „50 Prozent der Stressfaktoren rühren aus dem Privatleben. An erster Stelle der Produktivitätsbremsen stehen Scheidungen.“ Hier seien freilich eine gesunde Unternehmenskultur sowie verständnisvolle Führungskräfte gefragt. Die wiederum, so Arnold, an erster Stelle der beruflichen Stressfaktoren stehen: „Ein nicht wertschätzender Führungsstil kann auch krank machen, ein gesundheitsfördernder motiviert hingegen.“ Kantusch fügt hinzu, dass auch die Bereitschaft, sich mit dem Thema Gesundheit auseinanderzusetzen, mit der Stimmung im Betrieb zusammenhängt: „Unsichere Situationen, die nicht begleitet werden, sind der Tod für alle Gesundheitsthemen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2008)

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