Problembewältigung im Roten Wien

Die Wiener Stadtwerke bekommen schön langsam ein ernsthaftes wirtschaftliches Problem mit ihrer Tochter Wien Energie. Doch die Prioritäten liegen anderswo.

Kandidat für einen Vorstandsposten bei Wien Energie: Robert Grüneis
Kandidat für einen Vorstandsposten bei Wien Energie: Robert Grüneis
Kandidat für einen Vorstandsposten bei Wien Energie: Robert Grüneis – (c) GEPA pictures

Ein kleines Übungsbeispiel: Ihnen gehört ein Unternehmen, das schwierige Zeiten durchmacht. Die Umsätze werden von Jahr zu Jahr weniger, die Erträge erst recht. Gleichzeitig galoppieren Ihnen die Kosten davon. Was tun? Lautet Ihre Antwort: umstrukturieren, neue Geschäftsfelder erschließen, Kosten eindämmen? Sehr gut, setzen.

Doch leider: In der Praxis ist all das nicht gar so einfach. Erst recht nicht, wenn der Eigentümer des besagten Unternehmens die öffentliche Hand ist. Noch weniger, wenn es sich um die Stadt Wien handelt.

Die Stadt Wien ist bekanntlich Eigentümerin der Wiener Stadtwerke. Das eingangs geschilderte Problem trifft auf das Unternehmen eindeutig zu. Mit einem zusätzlichen Detail: Zu den Wiener Stadtwerken gehören die Wiener Linien, mit denen natürlich kein Geschäft zu machen ist. Und dann gibt es noch die Wien Energie, die viele Jahre lang quasi die Cashcow des Konzerns war. Mit der Betonung auf „war“: Bei dem Energieunternehmen, das im Gegensatz zu den Wiener Linien auf dem freien Markt agiert, läuft alles längst nicht mehr so, wie es sollte. Viele Kunden haben zu anderen, günstigeren Energieversorgern gewechselt. Und das Geschäft mit der Energieproduktion leidet unter den stark gefallenen Strompreisen.

Dazu kommt, dass die Netzgesellschaft (Wiener Netze) unter der Bürde von tausenden Pensionisten ächzt: Vor Jahren schon wurden dem Unternehmen Beamte der Stadt Wien „umgehängt“, das Ergebnis kann sich sehen lassen: 2012 mussten Rückstellungen für Pensionen in Höhe von fast 800 Millionen Euro gebildet werden. Angesichts der höheren Lebenserwartung und der niedrigen Zinsen muss da wahrscheinlich schon bald nachdotiert werden.

Was also tun? Kommenden Freitag treffen die zwölf Mitglieder des Stadtwerke-Aufsichtsrates zu einer Sitzung zusammen. Um das wirtschaftliche Problem in Angriff zu nehmen? Fehlanzeige. Auf der Tagesordnung stehen die üblichen Berichte über den Geschäftsverlauf. Was wohl weniger spaßig sein wird. Dafür soll aber auch über ein in die Zukunft gerichtetes Thema diskutiert werden: Personalentscheidungen.

Keine Bange, da geht es nicht darum, dass der Rotstift angesetzt wird. Eher im Gegenteil. Es wird ein neuer Vorstand bestellt werden. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es wird nicht ein Vorstandsmitglied ersetzt – es kommt ein weiteres Vorstandsmitglied dazu. Die Wiener Stadtwerke werden also in Hinkunft von vier statt von bisher drei Vorständen geleitet. Was angesichts der wirtschaftlich schwierigen Lage einigermaßen originell ist.

Andererseits: Es passt ganz gut ins Bild. In der letzten Aufsichtsratssitzung Ende Juli wurde, wie berichtet, Vorstand Marc Hall entmachtet. Er war für das Energiegeschäft zuständig gewesen und hatte dort nach dem Geschmack der Magistratsbeamten zu engagiert gearbeitet. Hall bleibt dennoch Vorstand: Er ist jetzt für Europäische Energiepolitik, IT-Strategie und -Security zuständig. Kein wirklich abendfüllendes Programm.
Nebenbei bemerkt: Anfang des Jahres wurde Gabriele Payr als Stadtwerke-Chefin abgesägt. Damals wurde noch ausschweifend argumentiert, dass „angesichts der wirtschaftlich schwierigen Rahmenbedingungen“ eine Verkleinerung des Vorstands notwendig sei. Man werde jetzt strukturelle Reformen in Angriff genommen.
So schnell ändern sich die Dinge. Der Vorstand der Wiener Stadtwerke wird ab kommender Woche wieder aus vier Mitgliedern bestehen. Streng genommen sind es eigentlich fünf. Denn Gabriele Payr hat klammheimlich einen Konsulentenvertrag erhalten.

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