Nach 170 Jahren: Schlumberger verlagert Wiener Produktion ins Burgenland

Das Traditionssekthaus Schlumberger hat ein 122.000 Quadratmeter großes Grundstück im Burgenland erstanden. In Wien sei man an "Grenzen gestoßen".

SEKTKELLEREI SCHLUMBERGER UeBERNIMMT KONKURRENTEN HOCHRIEGL
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APA/GEORG HOCHMUTH

Ein weiterer Produktionsbetrieb verlässt den Wiener Standort. Das Sekthaus Schlumberger wird seine fast 170 Jahre alte Produktionsstätte in Wien Heiligenstadt ab Mitte 2019 schrittweise auflassen und nach Müllendorf ins Burgenland verlagern. Das zweite Werk in Bad Vöslau bleibt vorerst bestehen, doch auch dieses dürfte nach Müllendorf wandern. Die Kellerwelten sowie die Firmenzentrale bleiben hingegen in Wien.

Eine Produktionsabwanderung aus Wien ist bei Schlumberger schon länger ein Thema. Es sei nicht wirtschaftlich, an zwei Standorten zu produzieren, eine Zusammenlegung beider Werke in Bad Vöslau wäre sinnvoll, hatte Schlumberger argumentiert. In Niederösterreich hatten sich bereits zahlreiche Politiker in Stellung gebracht, um Schlumberger zu einem Ausbau am Standort Bad Vöslau zu ermuntern.

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Nun ist die Wahl auf das Burgenland gefallen. "Wegen der Größe und natürlich des Preises", räumte Schlumberger-Chef Eduard Kranebitter am Montag im Gespräch mit der APA ein. Mit ausschlaggebend für die Ansiedelung im Burgenland waren laut einem Unternehmenssprecher auch die Beschwerden der Anrainer in Bad Vöslau, die von der angedachten Expansion nicht begeistert waren.

"Wir wurden gefragt, wie wir im Burgenland dazu stehen. Wir haben hier keine Vorbehalte", sagt der burgenländische Wirtschaftslandesrat Alexander Petschnig (FPÖ). Gemeinsam mit dem Koalitionspartner SPÖ unter Landeshauptmann Hans Niessl habe man seit Jahresanfang "gemeinschaftlich" an dem Verkauf des Grundstücks im Gewerbepark von Müllendorf gearbeitet, nachdem man von Schlumbergers Suche nach einem neuen Standort erfahren hatte.

Schlumberger hat das 122.000 Quadratmeter große Grundstück dem Land abgekauft. Über den Kaufpreis sei Stillschweigen vereinbart worden. Das gesamte Investment liege bei über 50 Mio. Euro, so Kranebitter.

Die gesamte Fläche wird Schlumberger zu Beginn gar nicht brauchen. "Es ist genug Platz. Wir evaluieren daher mittelfristig eine Verlagerung von Bad Vöslau nach Müllendorf", kündigte der Schlumberger-Chef an.

Baubeginn des neuen Werkes ist Mitte 2018. Die Fertigstellung sei "vor dem Sommer 2020" geplant. Die Übersiedlung von Wien nach Müllendorf nahe der burgenländisch-niederösterreichischen Grenze beginnt Mitte 2019. Die 25 bis 30 Wiener Produktionsmitarbeiter müssen dann pendeln. Für die tägliche An- und Rückreise sei ein Shuttlebus geplant.

Wiener Politik laut Schlumberger nicht verantwortlich

Schlumberger macht nicht die Wiener Politik für die Abwanderung verantwortlich. "Die haben uns immer unterstützt", meinte Kranebitter. "Wir sind in Wien an unsere Grenzen gestoßen - sowohl bei der Produktionskapazität als auch bei der Verkehrssituation. Das ist nicht wirtschaftlich." Anrainerbeschwerden habe es hier anders als am Ursprungsstandort in Bad Vöslau auch nie gegeben. Die städtische Wiener Wirtschaftsagentur stand mit dem Sektproduzenten in Kontakt und half bei der Suche nach einem geeigneten Grundstück in der Bundeshauptstadt, wie eine Sprecherin der APA berichtete. Die Vorstellungen, was Größe und Preis betreffe, seien für einen hoch entwickelten Standort wie Wien jedoch nicht umsetzbar gewesen. Man sei jedoch erfreut, dass die Zentrale in Wien bleibe.

Kritik kam am Montag von der Wiener ÖVP. "Rot-Grün darf nicht länger dabei zuschauen, wie ein Produktionsbetrieb nach dem anderen an seine Grenzen stößt - sowohl bei den Kapazitäten als auch bei Verkehrssituation - und unserer Stadt den Rücken kehrt", schrieb ÖVP-Wien-Landesparteiobmann Gernot Blümel in einer Aussendung. Die Volkspartei nahm den Wegzug des Sektherstellers zum Anlass, von der Stadtregierung ein Ende der "enormen Belastung der Wiener Unternehmer mit Abgaben und Gebühren" sowie der "überbordenden Vorschriften und Bürokratie" zu fordern.

Das Sekthaus ist mit der Stadt Wien in Gesprächen, was mit der aufgelassenen Produktion passiert. Neben dem Ausbau der Kellerwelten als Touristenattraktion sei auch ein Umbau in Wohnungen ein Thema. Die Umwidmung für den Wohnbau hat sich auch für andere Produktionsbetriebe schon bezahlt gemacht. Der Durchschnittspreis für neue Eigentumswohnungen in Wien ist laut OeNB-Wohnimmobilienpreisindex in den vergangenen zehn Jahren um rund zwei Drittel gestiegen.

Schlumberger hat im vergangenen Jahr 177,5 Mio. Euro umgesetzt und ein Betriebsergebnis (EBIT) von 4,7 Mio. Euro gemacht. Das Jahresergebnis belief sich auf 2,5 Mio. Euro. Das Unternehmen produziert im Jahr zwischen 6 und 7 Millionen Flaschen Sekt.

 

(APA)

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