Wo die gestundete Zeit sichtbar wird

Der eine ist längst in Pension, der andere ist ausgebildeter Maschinenbauer. Gemeinsam ist Vater und Sohn Kalivoda die Liebe zu Turm- und Pendeluhren. In ihrer Werkstatt auf der Westbahnstraße läuft nicht nur die Zeit anders.

Arno (l.) und Robert Kalivoda teilen Arbeit und Hobby.
Schließen
Arno (l.) und Robert Kalivoda teilen Arbeit und Hobby.
Arno (l.) und Robert Kalivoda teilen Arbeit und Hobby. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Arno Kalivoda hat an zwei Tagen im Jahr eine beneidenswerte Planungssicherheit. Er weiß beispielsweise bereits, wo er in der Nacht auf den 29. Oktober sein wird. Da erwartet ihn dieselbe Prozedur wie jedes Jahr – ohne Tigerfell und Champagner.

Die Familie Kalivoda ist seit mehr als 30 Jahren für das Wohlergehen der Amalienuhr an der Fassade der Hofburg verantwortlich. Zeitumstellungen gehören zum Service dazu. Wobei ihm der Termin im März lieber ist, sagt Arno Kalivoda. Das Schlag- und Zeigerwerk zurückzustellen, sei das deutlich mühsamere Unterfangen, als die Zeiger eine Stunde auf die Sommerzeit aufholen zu lassen.

Die Liebe zur gestundeten Zeit wurde in der Familie weitervererbt. Vater Robert Kalivoda hatte immer einen Traum: „Von Ort zu Ort, von Kirche zu Kirche zu reisen und alle Turmuhren Österreichs zu erfassen.“ Hunderte liegen in den Dachkammern und rosten stumm vor sich hin, seit die funkgesteuerte jüngere Version übernommen hat, mutmaßt er. Die Pflege der Amalienuhr fiel dem Uhrmachermeister 1984 durch Zufall zu. Keiner sonst wollte sich die Arbeit an dem großen Getriebe antun. Freunde kontaktierten daraufhin ihn, der seit seiner Lehrzeit in der Vorstadt für diese Vorliebe bekannt war. Aufträge zur Pflege der Ankeruhr am Hohen Markt oder der Kirchturmuhr am Kahlenberg folgten.


Eigentlich ist alles anders.
Die Reise durch Österreich hat er nie angetreten. Auch weil in dem Geschäft, das heute auf der äußeren Westbahnstraße liegt, immer rund zehn Pendeluhren parallel repariert werden. Auch dafür sind Vater und Sohn Kalivoda über die Grenzen Wiens hinaus bekannt. „Um unsere Geschichte beneiden uns alle“, sagt der 71-Jährige. So eine generationsübergreifende Freude an derselben Sache sei selten.

Er selbst sei ja eigentlich seit elf Jahren in Pension. Eigentlich. „Pension ist nur ein Wort. Ich bin jeden Tag im Geschäft. Und wenn ich eines Tages hier drin umfallen sollte, wäre es mir nur recht“, sagt er und schaut über seiner Brille kurz von der Arbeit an einem filigranen Ziffernblatt auf. „Mir nicht“, antwortet sein Sohn lachend.

Das Innere einer alten Turmuhr dominiert den Verkaufsraum. (l.)
Schließen
Das Innere einer alten Turmuhr dominiert den Verkaufsraum. (l.)
Das Innere einer alten Turmuhr dominiert den Verkaufsraum. (l.) – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Der ist – eigentlich – seit 2006 der alleinige Geschäftsführer der Uhrmacherwerkstatt. Vor mehr als zwanzig Jahren war die Zeit zu knapp geworden, um sich nach einem Pflichtpraktikum für die HTL umzusehen. „Der Papa musste herhalten.“ Hier ging es eine Spur feiner zu als beim groben Maschinenbau in der Schule, und Arno Kalivoda gefiel es. Also sattelte er um, ging nahe dem Naschmarkt in die Lehre und legte die Meisterprüfung in der renommierten Uhrmacherschule Karlstein ab.

Das HTL-Wissen erweist sich für Arno Kalivoda, der ungern etwas aus der Hand gibt, als äußerst nützlich. „Ich kriege die Arbeit nicht so zurück, wie ich sie haben will“, sagt er und führt durch die Bereiche seiner Werkstatt. Die sind für einen Uhrmacherbetrieb doch außergewöhnlich: Da schließt die Kreissäge für Metallarbeiten an die Tischlerwerkbank an. „Ich schneide das Glas zu, ich schleife es ein, ich tischlere die Uhrkästen – ich pfusche wohl einigen ins Gewerbe hinein“, sagt Kalivoda. Nur die Vergolderarbeiten und die Beschriftung der Emailzifferblätter geben Vater und Sohn weiter. „Eigentlich sind wir eine feinmechanische Werkstätte mit dem Schwerpunkt Uhrmacher“, sagt der Jüngere lachend. Da ist es wieder, das Wort, das die Verhältnisse auf den Kopf stellt.

Es gibt kein Stück Regal oder Wand, an dem nicht eine Uhr tickt. (r.)
Schließen
Es gibt kein Stück Regal oder Wand, an dem nicht eine Uhr tickt. (r.)
Es gibt kein Stück Regal oder Wand, an dem nicht eine Uhr tickt. (r.) – (c) Die Presse (Clemens Fabry)


Hin und wieder ruft ein Kuckuck.
Wenn man wie Robert Kalivoda fast ein halbes Jahrhundert in der Branche gearbeitet hat, hört man das leicht zeitversetzte Ticken der vielen verschiedenen Werke nicht mehr. Für den Besucher ist es das bestimmende Geräusch in dem sonst stillen Raum. So eine große Pendeluhr ist nicht leise, hin und wieder ruft ein Kuckuck. Rund fünf Stück laufen gerade parallel im Test. „Im Normalfall stellt sich der Fehler in einer Woche ein“, sagt Arno Kalivoda. Dann erst werden sie an ihre Besitzer ausgeliefert. Bei der Uhrenreparatur kommt der Moment der Wahrheit ganz am Schluss, wenn nach dem Zerlegen, Reparieren und Polieren neu aufgezogen wird. Wie bei einem Puzzle tritt das Loch zum Vorschein, wenn die kleinsten Schrauben und Spulen in der Mechanik nicht ineinandergreifen.

Wenige Lehrlinge wollen sich heute mit diesem Puzzle beschäftigen. Schon Arno Kalivoda wich vor zwanzig Jahren nicht freiwillig nach Karlstein im Waldviertel aus, um seine Meisterprüfung abzulegen. In Wien wurde schlicht keine angeboten. Er war der einzige Meisterlehrling. Heute ist die Situation nicht besser. Die Zahl der kleinen selbstständigen Betriebe sinkt. Viele der verbliebenen seien zu klein, um noch auszubilden, sagen die Kalivodas. Sie selbst haben ebenfalls nur Platz für einen einzigen Lehrling, auch wenn mehr Arbeit da wäre.


Das Grobe passiert im Gartenhaus.Dass Platznot herrscht, merkt man schnell – spätestens am großen Getriebe einer Turmuhr, die den vorderen Teil des Geschäfts dominiert. „Große Arbeiten erledigen wir im Gartenhaus“, sagt Arno Kalivoda. Da das nicht immer so bleiben soll, hat er – der Tischler, Glaser, Schreiner und Uhrmacher in einer Person – Anfang des Jahres das Nachbarlokal dazugekauft. „Zurzeit ist es noch ein teures Lager.“ Bald will er dort die groben Tischlerarbeiten erledigen. Solche, bei denen keine Uhr in der Nähe stehen sollte, da der Staub sonst ins Innere dringt und sich auf die Spulen und Räder legt.

Kalivoda plant eine Inszenierung. In der Mitte des Raumes steht die Hobelbank, gut sichtbar für die Passanten auf der Westbahnstraße. Vielleicht erhellt von einem Scheinwerfer. So will er Bewusstsein schaffen bei denen, die sich wundern, warum die Reparatur einer Pendeluhr einen Monat in Anspruch nehmen kann: „Das Ding kommt nicht fertig aus der Lade.“

Uhrmacher Kalivoda

1969
von Robert Kalivoda gegründet, übernahm sein Sohn Arno 2006 den Familienbetrieb.

2009
übersiedelten die zwei aus der Kaiserstraße ums Eck in die Westbahnstraße 48 in 1070 Wien.

In ihrer Werkstatt reparieren und restaurieren sie alte, mechanische Uhrwerke – von Armband- bis hin zu Wand-, Pendel- und Turmuhren.

Geöffnet:
Mo. bis Do.: 9−12 und 14−18 Uhr Fr.: 9−12 Uhr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Meistgekauft
      Kommentar zu Artikel:

      Wo die gestundete Zeit sichtbar wird

      Schließen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.