Eine bittere Pille für Merck

Ein neues Schilddrüsenmedikament sorgt in Frankreich für Tausende Beschwerden. Nun nimmt es der Pharmakonzern vom Markt.

Tausende Beschwerden von Kunden bringen Merck in Frankreich unter Druck.
Schließen
Tausende Beschwerden von Kunden bringen Merck in Frankreich unter Druck.
Tausende Beschwerden von Kunden bringen Merck in Frankreich unter Druck. – APA/AFP/JEFF PACHOUD

Paris. Neue Medikamente können für Pharmakonzerne zu wichtigen Gewinnbringern werden – wenn sie funktionieren. Gehen sie aber daneben, können sie auch den umgekehrten Effekt haben. So geht es dem deutschen Pharmakonzern Merck zurzeit mit einem neuen Schilddrüsenmedikament. Nach Tausenden Beschwerden nimmt der Konzern das Medikament wieder vom Markt und stellt stattdessen 190.000 Dosen des Vorgängermedikaments zur Verfügung. In Österreich ist das neue Medikament noch gar nicht auf dem Markt.

Für das Medikament Levothyrox, das seit März erhältlich ist und bei Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion eingesetzt wird, sind beim französischen Gesundheitsministerium 9000 Beschwerden von Patienten eingegangen. Frankreich war das erste Land, in dem es eingeführt wurde. Die Nebenwirkungen reichen laut den Gesundheitsbehörden von Krämpfen über Haarausfall bis hin zu Kopfschmerzen und Schwindel. Warum plötzlich so viele unerwartete Nebenwirkungen auftreten, konnte weder von Merck noch von den Behörden bisher erklärt werden.

Französische Ermittler hatten am Dienstag allerdings die Merck-Niederlassung im ostfranzösischen Lyon durchsucht. Die französische Justizpolizei geht Vorwürfen der Verbrauchertäuschung und Gesundheitsgefährdung nach. Das Unternehmen zeigte sich kooperationsbereit.

 

Neue Arzneirezeptur

„Wir nehmen die Besorgnis der Patienten in Frankreich bezüglich Nebenwirkungen aufgrund der neuen Rezeptur von Levothyrox sehr ernst und arbeiten zur Überwachung aller Berichte eng mit der französischen Aufsichtsbehörde zusammen. Für die überwältigende Mehrheit der über drei Millionen mit Levothyrox behandelten Patienten verlief der Übergang von der alten auf die neue Rezeptur problemlos. Merck rät Patienten in Frankreich davon ab, die Behandlung ohne ärztliche Beratung abzubrechen und mit ihrem Arzt zu sprechen“, hieß es am Donnerstag in einer Aussendung des Unternehmens.

Das Unternehmen hatte eine Forderung der französischen Arzneimittelbehörde aufgegriffen und eine neue Zusammensetzung seiner Levothyroxin-Produkte entwickelt. Der eigentliche Wirkstoff blieb gleich. Änderungen gab es bloß bei Hilfsstoffen. Die neuen Spezifikationen sollen eine gleichbleibende Wirkstoffkonzentration über die gesamte Haltbarkeitsdauer des Medikaments gewährleisten. „Die Rezepturänderungen haben keine Auswirkung auf die Wirksamkeit oder das Sicherheitsprofil von Levothyrox, da der Wirkstoff derselbe bleibt“, schrieb das Unternehmen in der Aussendung. (AFP)

AUF EINEN BLICK

Der deutsche Pharmakonzern Merck brachte im März ein neues Schilddrüsenmedikament auf den Markt. Erster Testmarkt war Frankreich. Rund ein halbes Jahr später muss das Unternehmen die Arznei bereits wieder vom Markt nehmen, weil es zu tausenden Beschwerden wegen Nebenwirkungen kam. Sie reichen von Krämpfen bis zu Haarausfall.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Meistgekauft
      Kommentar zu Artikel:

      Eine bittere Pille für Merck

      Schließen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.