Krise bei kika/Leiner-Mutter Steinhoff - Aktie kracht ein zweites Mal

Zur Aufpolsterung seiner Liquidität will der von einem Bilanzskandal erschütterte Einzelhandelsriese und kika/-Leiner-Mutterkonzern Steinhoff Randgeschäfte veräußern. Die angepeilten Verkäufe könnten mindestens eine Milliarde Euro einbringen.

Milliardär Christo Wiese will den Konzern Steinhoff übergangsweise führen
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Milliardär Christo Wiese will den Konzern Steinhoff übergangsweise führen
Milliardär Christo Wiese will den Konzern Steinhoff übergangsweise führen – REUTERS (Mike Hutchings)

Die Krise beim kika/Leiner-Mutterkonzern Steinhoff nimmt immer größere Ausmaße an. Nach einem deftigen Kurssturz bemüht sich die Konzernspitze um Schadensbegrenzung. Um die Investorennerven zu beruhigen, kündigte das Unternehmen Verkäufe von Randbereichen an, die rund eine Milliarde Euro in die Kasse spülen sollen. Die Refinanzierung von Schulden einer Tochter bei Steinhoff soll zusätzlich frisches Geld bringen.

Im schwelenden Bilanzskandal hatte der Ikea-Rivale am Vorabend die Notbremse gezogen und sich wegen Unregelmäßigkeiten in den Büchern von seinem Chef Markus Jooste getrennt. Zudem verschob das Unternehmen die Vorlage seiner Jahreszahlen auf unbestimmte Zeit. Der Chef der Afrika-Tochter Star, Ben La Grange, nahm in dieser Funktion ebenfalls seinen Hut - soll aber Finanzchef des Mutterkonzerns bleiben. Es gebe keine Anhaltspunkte für eine Verstrickung des Managers in die Unregelmäßigkeiten, hieß es am Abend.

Aktie kracht ein zweites Mal

An der Börse war das Votum der Anleger am Mittwoch klar: Die Aktie brach im elektronischen Xetra-Handel um zeitweise mehr als 70 Prozent ein, am Ende stand ein Minus von gut 63 Prozent auf 1,105 Euro. Zwischenzeitlich war der Kurs unter einen Euro je Aktie gefallen. Der rasante Kursverfall setzte sich am Donnerstag fort. Gleich zu Handelsauftakt sackte das Papier um mehr als 30 Prozent auf 72 Cent. Am  Vormittag betrug das Minus 32 Prozent .

Mit dem Kurssturz zur Wochenmitte sackte der Börsenwert von zuvor rund 12,7 Milliarden Euro auf unter 3,4 Milliarden Euro ab. Steinhoff selbst warnte am Abend erneut, Anleger sollten vorsichtig beim Handel mit Wertpapieren des Konzerns sein. Nachbörslich dämmte der Konzern am Mittwoch die Kursverluste leicht ein.

Aufsichtsratschef und Großaktionär Christo Wiese will den Konzern nun übergangsweise führen. Möglicherweise müssten auch die Zahlen von früheren Jahren geändert werden, hieß es. Die Prüfgesellschaft PwC soll nun eine unabhängige Untersuchung durchführen.

Die geprüften Zahlen für das Ende September abgelaufene Geschäftsjahr will das Unternehmen nun erst veröffentlichen, sobald es dazu in der Lage ist, wie es hieß. Eigentlich war die Zahlenvorlage für Mittwochmorgen vorgesehen. Die Börsenaufsicht in Südafrika prüft mögliche Fälle von Insiderhandel mit Steinhoff-Papieren.

Commerzbank-Analyst Andreas Riemann warnte vor Investitionen. Anleger sollten ihre Finger von den Aktien des Möbelkonzerns lassen, schrieb er am Morgen in einer Studie. Die Untersuchungen seien eine schlechte Nachricht und stellten ein großes Fragezeichen hinter die Ergebnisse der vergangenen Jahre.

Analysten kappen Kursziele

Stephen Carrott von der Investmentbank JPMorgan revidierte inzwischen seine Empfehlung für die Papiere. Das Kursziel kürzte er auf drei Euro. Seine Gewinnschätzungen ließ der Experte zwar zunächst unangetastet. Sie stünden allerdings inzwischen auf tönernen Füßen, betonte er. Das Analysehaus Kepler Cheuvreux hat die Bewertung der Aktien von Steinhoff zunächst eingestellt. Der Ausgang der eingeleiteten Untersuchung der Bilanzen der vergangenen Jahre sei völlig unklar, schrieb Analyst Jürgen Kolb in einer Studie. RBC stufte das Papier zurück und kappte das Kursziel von fünf auf zwei Euro.

Steinhoff ist in Deutschland vor allem durch seinen Möbeldiscounter Poco bekannt. Der Konzern hat seinen Rechtssitz in Amsterdam und hat sein operatives Hauptquartier in Südafrika.

Steinhoff ist vor allem auch durch Zukäufe wie der französischen Conforama zum Schwergewicht geworden. In den USA hatte der Konzern im vergangenen Jahr den Matratzenhändler Matress Firm zugekauft. Im September brachte Steinhoff seine Afrika-Tochter Star an die Börse. In dieser sind neben Möbel- und Textilketten auch Elektronikhändler, Baustoffmärkte und Finanzdienstleitungen gebündelt.

Im Sommer hatte das "Manager Magazin" im Fall von Steinhoff über Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Oldenburg wegen des Verdachts der Bilanzfälschung berichtet. Bereits daraufhin brach der Aktienkurs ein. Steinhoff hatte die Vorwürfe unredlicher Geschäftspraktiken zurückgewiesen. "Wesentliche Fakten und Vorwürfe sind falsch oder irreführend", teilte der Konzern Ende August mit. Zudem habe das Unternehmen schon im Jahr 2015 auf Untersuchungen wegen Bilanzfragen hingewiesen.

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hatte bestätigt, dass sie Ermittlungen gegen Manager eines Möbelkonzerns aufgenommen hat. Ermittelt werde gegen "vier aktuelle und ehemalige Verantwortliche eines Konzerns, zu dem unter anderem ein Möbelhandel-Unternehmen in Westerstede gehört, wegen des Verdachts der unrichtigen Darstellung in Bilanzen". "Hierdurch könnte gegebenenfalls auch der Bilanzwert des Konzerns zu hoch dargestellt worden sein." Steinhoff hat seine Europa-Zentrale in Westerstede.

Im Fokus der Ermittlungen standen laut Staatsanwaltschaft Verträge über Verkäufe von Firmenanteilen im jeweils dreistelligen Millionenbereich. Im Zuge des Ermittlungsverfahrens sei zudem eine Strafanzeige einer dritten Person wegen des Verdachts der Urkundenfälschung erstattet worden.

Zudem schwelt ein Rechtsstreit zwischen Steinhoff und einem ehemaligen Joint-Venture-Partner. Im September stellten die OM Handels GmbH und WM Handels GmbH bei der Handelskammer des Amsterdamer Gerichtshofs einen Antrag auf ein Verfahren im Zusammenhang mit dem Jahresabschluss 2016. Die Unternehmen gehörten dem früheren Geschäftspartner. Dabei soll es sich nach früheren Informationen der "Wirtschaftswoche" um den österreichischen Miteigentümer der XXXLutz-Möbelkette handeln. In dem Streit geht es auch um die Anteilsverhältnisse bei Poco.

Viele Steinhoff-Firmen in Österreich

Steinhoff - am Mittwoch an der Börse noch 4,7 Milliarden Euro wert - ist nach Ikea der weltweit zweitgrößte Möbelhändler. Im Vorjahr wurden 13,4 Millliarden Euro umgesetzt, der Gewinn stieg von 722 Millionen auf die Rekordhöhe von 1,22 Milliarden Euro. Die Zahl der Mitarbeiter wurde mit rund 106.000 beziffert.

Viele Fäden im Steinhoff-Konzern laufen am Rennweg 77 in Brunn am Gebirge zusammen. Dort ist unter andem die Steinhoff Europe AG angesiedelt mit dem deutschen Konzerngründer Bruno Steinhoff als Aufsichtsratsvorsitzenden und dem nun zurückgetretenen CEO Markus Jooste als Vorstandsmitglied. Die Steinhoff Europe  ist zu 100 Prozent Eigentümerin von Töchtern in der Schweiz, Deutschland, einer Beschaffungsfirma in China - und auch der Steinhoff Möbel Holding mit mehr als ein Dutzend Töchtern in Holland, Polen, Deutschland und der Schweiz.

Die Steinhoff-Holding Genesis Investment hat ihren Sitz ebenfalls in Brunn am Gebirge. Ihr gehören - nebst der Branding Holding - die Möbelketten Kika und Leiner. Auch die Steinhoff Finance Holding (Chef Markus Jooste) logiert in Brunn.

XXXLutz vs. Kika/Leiner-Mutter: Im Möbelhandel fliegen die Fetzen

(APA/dpa/Reuters)

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