Start-up züchtet Garnelen in Tiroler Alpen

Jungunternehmer aus Hall wollen Garnelenfans eine nachhaltige Alternative bieten.

APA/JESSICA ANNA SADELER

Mit ihrem Start-up "Alpengarnelen" wollen zwei Tiroler Jungunternehmer Salzwassergarnelen als regionales Produkt etablieren. Anstelle von Antibiotika und Pestiziden setzen sie auf Bio-Qualität und Nachhaltigkeit, betonen die beiden im Gespräch mit der APA. Ihre White-Tiger Garnelen made in Austria seien eine unkonventionelle aber willkommene Alternative zur Massenware aus Asien und Lateinamerika.

Ein unscheinbarer Keller in Hall in Tirol. Oben gehen die Gemüsebauern vor spektakulärem Bergpanorama ihrem Handwerk nach, erinnern trostlose Gebäude an die alte Straubkaserne. Von unten wabert ein stetes Surren und Blubbern durch eine schwere Tür nach draußen. Drinnen riecht es nach Meer. Drei bauchige Tanks füllen den winzigen Raum bis unter die Decke aus, zwischen ihnen staut sich die wohlig warme Luft, führen zahlreiche Schläuche kreuz und quer an den Becken entlang. Die cremige Schaumschicht an deren Oberfläche wirft kleine und größere Blasen, tänzelnd zirkulieren sie mit dem Strom. Hier, gut versteckt hinter den dicken Mauern des ehemaligen Kasernengebäudes und kaum auszumachen im trüben Wasser, verbirgt sich eine bemerkenswerte Produktion: Österreichs erste heimisch gezogenen Salzwassergarnelen.

Ziehväter der Krustentiere und Gründer der bisher einzigen Garnelenfarm des Landes sind die Großcousins Daniel Flock (24) und Markus Schreiner (29) aus Rum bei Innsbruck. Drei Jahre lang tüftelten die gelernten Konstrukteure an dem Pilotprojekt, bevor sie 2015 die erste "Ernte" einfuhren. Ausgewachsen rund 30 Gramm schwer, ist ihre White Tiger-Garnele die österreichische Antwort auf Massenware aus Asien und Lateinamerika, so die Jungunternehmer. Von dort stammten fast alle gängigen Speisegarnelen - Alternativen gebe es kaum, schon gar nicht frisch.

 

Nachhaltige Alternative

Neben mangelhafter Haltungsbedingungen, dem Einsatz von Antibiotika, Pestiziden und anderen Chemikalien hinterlasse die Garnelen-Industrie in vielen Produktionsländern zudem Spuren der ökologischen Verwüstung. Den beiden Hobby-Aquaristen verging der Appetit auf die Meerestiere nach einem Bericht über die Produktionsbedingungen asiatischer Garnelenfarmen, wie Flock und Schreiner erzählen. Aus persönlichem Ehrgeiz, die ersten Salzwassergarnelen auf österreichischem Boden aufzuziehen, habe sich schon bald eine (noch) leise Kampfansage an die etablierte Garnelen-Industrie entwickelt: "Wir wollten eine nachhaltige Alternative zu den unter fragwürdigen Zuchtbedingungen produzierten Shrimps schaffen", sagt Schreiner.

Kämpfernaturen sind die Garnelen wahrlich: bis zu einem halben Meter weit können sie dank ihrer kräftigen (und schmackhaften) Schwanzmuskeln springen - zum Beweis zieht Flock vorsichtig einen blauen Plastikkorb aus dem größten der Becken und bringt einige der schon fast ausgewachsenen Exemplare an die Oberfläche. Sogleich beginnt das wilde Schauspiel: die transparenten Tiere zappeln aufgeregt umher, bevor sie blitzschnell und unter lautem Plätschern zurück ins das vom Eiweiß des Futters schaumige Wasser hüpfen. Eine Garnele zu fassen zu bekommen, erweist sich als fast unmöglich, zu glitschig sind die kleinen Tierchen. Flock gelingt es dennoch und präsentiert ein besonders großes Exemplar: "Lange Fühler und ein glasiger Körper sind wichtige Qualitätsmerkmale", erklärt er gerade noch rechtzeitig, bevor sich das Krustentier seinem Griff entwindet und in die bräunlichen Tiefen des Beckens abtaucht.

Für höchste Qualität des Endprodukts seien zunächst hochwertige Larven wichtig. Diese bezieht "Alpengarnelen" per Express-Luftpost von einem zertifizierten Händler in den USA, denn noch gebe es keine in Europa gezüchteten. Schließlich seien Futter, ausreichend Platz und das Wasser entscheidend. In der selbst gebauten Salzwasseranlage, die insgesamt rund 20.000 Liter fasst, machen frisches Tiroler Bergwasser, Salz, Mineralien, Bakterien und eine Wassertemperatur von 27 Grad Celsius die Mischung, um Meerwasserbedingungen für die Tiere herzustellen. Alles biologisch und ohne Zusatz von Chemie oder Medikamenten, so wie auch das Futter, das die Garnelen von anfangs drei Millimeter auf etwa 25 Zentimeter heranwachsen lässt. Fünf Monate dauert es, bevor sie in den Handel kommen. Bisher beschränkt sich dieser auf österreichische Hotels, Gastronomie und Privatpersonen, denn mit einer Produktion von rund 300 Kilogramm im Jahr steckt "Alpengarnelen" noch in den Kinderschuhen. Eine neue Halle in der Größenordnung von 1.000 Quadratmetern und weitere Standorte soll die Produktionsmenge schon bald auf jährlich zehn bis 15 Tonnen ausweiten, um die große Nachfrage nach der Tiroler Bio-Garnele bedienen zu können.

Unter den Abnehmern befinde sich auch ein Wiener Sushi-Restaurant, das ausschließlich heimischen Fisch anbietet. "Mit unserer biologischen Herstellung eines für das Binnenland Österreich exotischen Produkts treffen wir den Nerv der Zeit. Regionalität und Nachhaltigkeit sind im Trend und nicht nur uns persönlich, sondern auch dem Konsumenten von Heute wichtig", ist Schreiner überzeugt.

 

Qualität hat ihren Preis

Für die Garnele vom Bauern um's Eck muss der Endverbraucher allerdings auch etwas tiefer in die Tasche greifen. Mit einem Kilopreis von knapp 65 Euro liegt die Haller Garnele in der oberen Preiskategorie: "Dafür bekommt man ein absolutes Qualitätsprodukt, nie tiefgefroren und aus rein biologischer Herstellung", so Flock. "Für uns selbst bleiben selten welche übrig", sagt Schreiner. In der 300 Gramm-Schale werden die Shrimps ohne weitere Verarbeitung frisch geliefert, oftmals von Flock oder Schreiner höchstpersönlich. In ihr Pionierprojekt "Alpengarnelen" stecken die Rumer Unternehmer ihre gesamte Freizeit - und auch ihr Erspartes. Den Wert eines Kleinwagens haben sie bisher investiert und trotz des stolzen Preises der Garnelen, hält sich die Anlage durch den Gewinn gerade so selbst. Das soll sich nach der Expansion und mithilfe von Investoren ändern. Vielleicht bleibt ja dann auch für die Garnelenbauern selbst etwas mehr auf dem Teller.

(APA)

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