Infineon „vergoldet“ Standort Villach

Der deutsche Halbleiterspezialist baut in der bestehenden Produktionsanlage in Kärnten um 1,6 Mrd. Euro eine voll digitalisierte Chipfabrik und schafft 400 neue Arbeitsplätze.

Das neue Werk in Villach ist die größte Einzelinvestition des Halbleiterspezialisten Infineon (hier das Werk Regensburg).
Das neue Werk in Villach ist die größte Einzelinvestition des Halbleiterspezialisten Infineon (hier das Werk Regensburg).
Das neue Werk in Villach ist die größte Einzelinvestition des Halbleiterspezialisten Infineon (hier das Werk Regensburg). – (c) REUTERS (© Michael Dalder / Reuters)

Wien. 350 Mio. Euro kostet das Edelstahlwerk, das die Voestalpine in Kapfenberg errichtet. Doppelt so viel steckt der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim in Wien in eine neue Zellkultur-Produktionsanlage. Aber es geht noch besser: Mit der 1,6 Mrd. Euro schweren Investition in eine neue Chipfabrik in Villach dürfte sich der Halbleiter-Spezialist Infineon die Spitzenposition auf Jahre gesichert haben.

„Wir sind noch mit anderen europäischen Unternehmen im Gespräch, aber dieses Projekt ist historisch“, machte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am Freitag kein Hehl aus seiner Begeisterung, dass sich der deutsche Konzern für Österreich entschieden habe. Angesichts politischer Wirren und eines drohenden Handelskriegs mit den USA sei es schließlich nicht selbstverständlich, „dass ein europäischer Konzern in Europa investiert“, meinte Kurz.

„Unsere Bemühungen um eine standortfreundliche Politik, gegen Überregulierung und Fachkräftemangel fruchten bereits“, konnte sich Kurz Eigenlob nicht ganz verkneifen. Keine Frage – der Regierung kommen die jüngsten Großprojekte im Hinblick auf die EU-Ratspräsidentschaft und die Bemühungen der EU um eine Reindustrialisierung des Kontinents besonders zupass. Zumal Mikroelektronik, so Infineon-Österreich-Chefin Sabine Herlitschka, die Schlüsseltechnologie schlechthin sei. Schon in zwei Jahren würden 30 bis 45 Prozent der europäischen Industrieleistung auf Mikroelektronik entfallen. Die wiederum sei Basis der Digitalisierung, die – vom selbstfahrenden Auto über das Internet der Dinge bis zur Industrie 4.0 – das ganze Leben durchziehe.

Der börsenotierte Konzern, der bei sogenannten Leistungshalbleitern weltweit mit Abstand führt, stellt mitten in die bestehende Werksanlage in Villach eine vollautomatisierte Fabrik, in der hauchdünne, kreisrunde Halbleiter von 300 Millimeter Durchmesser produziert werden. „Das wird eines der modernsten Halbleiterwerke weltweit“, sagte Konzernchef Reinhard Ploss. Baubeginn für die 60.000 Quadratmeter große Fabrik ist in der ersten Jahreshälfte 2019, in Betrieb geht sie 2021.

Aber nicht nur das Investment, das dem achtfachen Budget der Stadt Villach entspricht, lässt die Augen von Kurz und den Ministern Margarethe Schramböck (Wirtschaft) und Norbert Hofer (Infrastruktur), die ebenfalls zur Präsentation gekommen waren, sowie von Landes- und Gemeindepolitikern leuchten: Es entstehen direkt in dem Werk 400 neue, hoch qualifizierte Arbeitsplätze.

 

Mitarbeiter aus aller Welt

In den vergangenen zehn Jahren hat Infineon in Österreich schon rund eine Mrd. Euro springen lassen, erklärte Herlitschka. Rund ein Zehntel der 37.500 Konzern-Mitarbeiter arbeiten inzwischen in Österreich, 3100 in Villach. Nicht zu unterschätzen seien dabei die indirekten Effekte: „Ein Job bei uns – das sind drei Arbeitsplätze in der Region“, rechnete sie vor und betonte, dass Infineon im Unterschied zu anderen Unternehmen kaum Probleme habe, geeignete Mitarbeiter zu finden.

Obwohl: „Jeder zweite Neue kommt aus dem Ausland.“ Man arbeite eng mit Schulen und Universitäten zusammen und stecke viel Energie in berufsbegleitende Weiterbildung. Auch beim „Pakt für digitale Kompetenz“, dem Ausbildungsprogramm, das Schramböck im Juni vorstellen will, ist Infineon eingebunden.

Und was hat nun für Villach den Ausschlag gegeben – schließlich ist Österreich ja nicht gerade ein Billiglohnland? Ploss nannte die Aussicht auf niedrigere Steuern und Österreichs gute Position bei der Forschungsförderung sowie die politische Stabilität. „Förder-Extras“ habe es aber keine gegeben. Ausschlaggebend sei die Kompetenz und das Know-how der Mitarbeiter in Villach gewesen, denn hier wurden die 300-Millimeter-Dünnwafer entwickelt. Das Werk in Dresden, wo diese Halbleiter jetzt produziert werden, komme an die Kapazitätsgrenze. In Malaysia, wo Lohn- und Baukosten zweifelsohne viel niedriger seien, hätte ein neues Werk zu lange gedauert.

Zeit ist in dieser Branche Geld: „Die Kunden reißen uns die Wafer aus der Hand, da zählt jeder Tag“, so Ploss. Infineon hat im Vorjahr 7,1 Mrd. Euro umgesetzt. (eid)

AUF EINEN BLICK

Der Halbleiterproduzent Infineon baut die Produktionsanlage in Villach aus: Um 1,6 Mrd. Euro entsteht ein vollautomatisiertes Chipwerk für 300-Millimeter-Dünnwafer. Es entstehen 400 hoch qualifizierte Arbeitsplätze. Für Villach habe das Know-how und die Kompetenz der Mitarbeiter gesprochen, sagt Konzernchef Reinhard Ploss. Er lobt auch Österreichs Stabilität und gute Position bei der Forschungsförderung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2018)

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