Blockchain - Die neue Wunderwaffe für alle Branchen?

Die Blockchain-Technologie kann nach Ansicht von Experten in Zukunft im Geschäftsleben so selbstverständlich werden wie die E-Mail.

AFP (LARS HAGBERG)

Mit der Cyberwährung Bitcoin ist auch die dahinter stehende Technologie bekannt geworden: Blockchain. Längst hat sich ein Hype entwickelt, denn die Aussicht, Geschäftsprozesse günstig, dezentral, transparent und fälschungssicher abwickeln zu können, beflügelt auch bei Firmen außerhalb der Bankenbranche die Fantasie.

"Es wird viele Anwendungsmöglichkeiten geben", sagt Nils Urbach, Professor für Wirtschaftsinformatik in Bayreuth. Ob Währungen, Wissen oder Waren - mit Blockchain lässt sich vieles verwalten. Vor allem in der Logistik und der Energiebranche wird daran getüftelt. Projekte und Ideen gibt es auch für die Herkunft von Diamanten, die Echtheit von Medikamenten oder für autonome Autos, die ihr eigenes Geld verdienen. Doch der Einsatz in der Industrie ist bisher Zukunftsmusik.

"Es gibt noch wenige produktive Anwendungsfälle, bei denen das Potenzial von Blockchain voll ausgenutzt wird", sagt Urbach. Im Kern geht es dabei um die digitale Zuweisung von Eigentum oder Zugriffsrechten. Transaktionen werden verschlüsselt in einer Datenbank gespeichert - nicht zentral, sondern auf den Rechnern der Nutzer. Weil sämtliche Kopien der Datei auf demselben Stand sind, gibt es laut Dirk Siegel von Deloitte einen wichtigen Vorteil: "Informationen können nicht gefälscht und für immer aufbewahrt werden." Zudem lässt sich nahezu in Echtzeit Transparenz schaffen. Torsten Zube, Blockchain-Chef von SAP, sagt, der deutsche Softwareriese wolle noch 2018 zeigen, dass der Einsatz betriebswirtschaftlich sinnvoll ist. "Haben wir dies erreicht, gehen wir vielleicht bis Ende dieses Jahres mit Applikationen in die produktive Nutzung." Ab 2019 erwarten Experten immer mehr Testläufe. "Ideen und Projekte gibt es in allen Branchen", sagt Blockchain-Experte Siegel.

Von den Unternehmen beschäftigen sich laut einer Umfrage der Beratungsfirma PwC 84 Prozent mit dem Thema, 15 Prozent setzen sie bereits ein. Die meisten Fachleute sehen den höchsten Mehrwert der Blockchain für die Finanzbranche - etwa in der Handelsfinanzierung - und gehen davon aus, dass dies in den nächsten drei bis fünf Jahren so bleibt. Mittelfristig rechnen sie damit, dass sie auch die industrielle Produktion, den Energie- und Gesundheitssektor verändern wird. "Bei der lückenlosen Nachvollziehbarkeit von Lieferketten gibt es sehr viele Anwendungsfelder", erläutert Deloitte-Experte Siegel. Bei einem fertigen Produkt wie einem Auto könnte man dadurch sehen, woher seine Teile kommen. Auch der Nachweis, dass ein Medikament wirklich von einem Pharmakonzern stammt und keine Fälschung ist, ließe sich so führen. Strom oder Gas könnten einfacher gehandelt werden, sogar ganz ohne Energieversorger.

 

Konkurrenten müssen kooperieren

"Bei Automatisierung, Nachverfolgung, Vertragswesen oder Identitätsprüfung ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine Blockchain geeignet ist", sagt Kaj Burchardi von BCG Platinion, der Technologie-Tochter der Beratungsfirma Boston Consulting Group. "Aber man muss es für jeden Einzelfall konkret prüfen." Die eindeutige Identifizierung physischer Ware etwa sei "in manchen Bereichen einfach, zum Beispiel bei Diamanten, in anderen schwieriger, wie bei Kohle. Man kann nicht jedes Kohlestück von einem Güterwaggon nachverfolgen. Je kleinteiliger die Güter sind, desto schwieriger."

Eine weitere Hürde: Die Blockchain funktioniert umso besser, je größer das Netzwerk. Konkurrenten müssen kooperieren und sich mit Zulieferern und oft auch Branchenfremden verbünden. "Die Technologie steht bereit, aber das Ökosystem fehlt", sagt Siegel. "In der Logistik geht es zum Beispiel um den Übergang von Gütern: von der Lagerhalle auf den Lkw, vom Lkw auf den Zug, vom Zug aufs Schiff." Lückenlos nachvollziehbar wird die Lieferkette nur, wenn alle mitmachen. Ein Ökosystem zu schaffen und gemeinsame Standards festzulegen, ist aufwendig und braucht Zeit, wissen Fachleute wie Firmenvertreter. Gelingt es, sind die Vorteile laut Deloitte-Experte Siegel "auch in Euro und Dollar messbar". In einem intern durchgespielten Fall kam die Unternehmensberatung auf Ersparnisse von 20 bis 30 Prozent.

Je nach Projekt und Netzwerk müssen Firmen nach Ansicht der Experten nicht allzu viel Geld investieren, um erste Erfolge zu sehen. Die Technologieberatung Altran hat etwa ein Konzept entwickelt für das sogenannte Platooning, das automatisierte Kolonne-Fahren von Lastwagen. Abrechnen könnten die Teilnehmer via Blockchain, erläutert Experte Konstantin Graf. "Wer vorne weg fährt, verbraucht mehr Sprit. Weil er Windschatten spendet, muss er von den Lkw dahinter einen Ausgleich für seine höheren Kosten bekommen." Täten sich zehn oder zwanzig Lastwagenbauer und Logistikunternehmen zusammen, "wären die Entwicklungskosten überschaubar". Graf schätzt sie auf zehn bis 15 Millionen Euro.

Neben den zahllosen Einsatzfeldern der Blockchain bei Firmen gibt es auch Anwendungsfälle für Verbraucher, etwa die smarte Mobilität. Die Reise von A nach B, mit Auto, Bahn, Flugzeug, Fahrdienst oder Fahrrad, könne man sich zwar online schon konkret vorschlagen lassen, sagt Professor Urbach, "aber sie kann nicht gebucht werden", geschweige denn en bloc abgerechnet. Jeder Anbieter wolle das Geschäft mit dem Rundumservice allein machen und habe "deshalb keine Lust, bei anderen mitzumachen". Diese Art der Mobilität brauche aber ein großes Ökosystem, zu dem auch Energieversorger oder Kommunen gehören müssten. Via Blockchain könnten elektrische Robotaxis künftig zudem autonom den getankten Strom bezahlen oder ihre Transportdienste anbieten und abrechnen, um so quasi ihr eigenes Geld zu verdienen.

 

Die vielen Anwendungsfelder der Blockchain-Technologie

Die Blockchain-Technologie kann nach Ansicht von Experten in Zukunft im Geschäftsleben so selbstverständlich werden wie die E-Mail. Wie die elektronische Post den Informationsaustausch verändert habe, "ist heute schon absehbar, dass die Blockchain den Wertefluss revolutionieren wird", sagt Wirtschaftsprofessor Philipp Sandner von der Frankfurt School of Finance & Management. Eigentum oder Zugriffsrechte lassen sich in einer dezentralen, transparenten und fälschungssicheren Datenbank zuweisen. Im Finanzwesen ist die Blockchain längst angekommen - auf ihr basieren rund 1600 virtuelle Währungen. Viele andere Branchen loten derzeit Einsatzmöglichkeiten aus oder testen die Technologie in Pilotprojekten. Es folgen Beispiele aus verschiedenen Branchen:

 

FINANZEN:

Die meisten Banken experimentieren bereits mit der Blockchain, zum Beispiel im Anleihegeschäft, in der Handelsfinanzierung oder bei Devisentransaktionen. Die LBBW und Daimler platzierten im Sommer 2017 darüber erstmals einen Schuldschein. Anfang 2018 kam eine weitere Transaktion mit Telefonica Deutschland hinzu. Ziel der LBBW ist es, durch die Abwicklung von Anleihen über die Blockchain-Technologie Kosten und Bürokratieaufwand zu senken. Bislang dauert eine Anleihe-Emission rund zehn Wochen, Bank und Unternehmen schicken sich sogar noch Faxe hin und her. Durch die Blockchainkönnte der Papierkram wegfallen, alles ginge schneller. Darlehensverträge, Ausweisdokumente oder die Prüfung von Zahlungseingängen können digitalisiert werden und sind offen einsehbar für alle Beteiligten.

AUTO:

BMW testet, wie mittels Blockchain Lieferketten nachvollziehbar werden. Auch in der Software-Entwicklung fürs Fahrzeug werden Einsatzfelder untersucht. Weil immer mehr Leute mitarbeiten, soll transparent werden, wer was programmiert hat. Im Geschäft mit Kunden lassen sich über Blockchain Fahrzeugdaten oder Scheckheft-Informationen festhalten. Daimler will etwa durch Datenerfassung über eine Kennnummer für das Auto verhindern, dass der Kilometerstand manipuliert oder ein Unfall verheimlicht wird, was zu einem ungenauen Restwert führen würde. Auch Services wie Carsharing, Lieferungen in den Kofferraum, Freischalten von Sonderfunktionen oder das induktive Laden eines Elektroautos beim Stopp an der Ampel lassen sich per Blockchain abwickeln und abrechnen. Beim Leasing könnte das Auto so selbst überprüfen, ob die monatliche Rate bezahlt wurde - wenn nicht, wäre es nicht zu öffnen. Konzerne wie BMW, Ford und General Motors und Zulieferer wie Bosch und ZF haben sich in der Mobility Open Blockchain Initiative (MOBI) mit anderen Partnern zusammengetan, um weitere Einsatzmöglichkeiten auszuarbeiten.

PHARMA:

In der Pharma-Forschung findet die Blockchain Anwendung im Bereich von Genetik und Big Data. So wird die Technologie von Startup-Firmen wie Nebula Genomics genutzt, über die Kunden ihre DNA-Sequenz zu Forschungszwecken an Pharma-Unternehmen verkaufen können. Die Unternehmen sichern damit die sensiblen Gen-Daten selbst ab sowie die Transaktionen, mit denen Nutzer für die Bereitstellung ihrer Daten "entlohnt" werden.

 

SCHIFFFAHRT:

Reedereien testen die Blockchain, um gedruckte Schifffahrtsdokumente zu ersetzen. Die Technologie hat den Vorteil, dass alle am Teilnehmer den Status einer Warenlieferung aktuell und fälschungssicher einsehen können und Dokumente nicht mehr physisch oder digital ausgetauscht werden müssen. Dadurch können nach Meinung von Experten in der Fracht- und Logistikbranche Hunderte Millionen Dollar eingespart werden. Deutschlands größte Containerreederei Hapag-Lloyd hat dies in einem Konsortium zusammen mit anderen Unternehmen und der Beratungsgesellschaft Accenture erprobt. Die weltgrößte Reederei Maersk unterhält eine eigene Plattform gemeinsam mit dem IT-Dienstleister IBM. Einen größeren Nutzen hätte die "papierlose Schifffahrt" nach Meinung von Experten, wenn es einen gemeinsamen Standard gäbe. Der ist derzeit noch nicht in Sicht.

ENERGIE:

Viele Energieunternehmen experimentieren mit Blockchain etwa bei Smart Home Technologien und Lade- und Abrechnungstransaktionen für E-Autos. Konkrete Geschäftsmodelle finden sich vorrangig im Großhandel mit Energierohstoffen. E.ON und die italienische Enel handelten beispielsweise im vergangenen Herbst zum ersten Mal Strom über einen Blockchain-Marktplatz. Ein Zusammenschluss namens Enerchain unter Initiative des Hamburger IT-Entwicklers Ponton strebt im Jahresverlauf an, dutzende europäische Energiehändler auf einem dezentralen Marktplatz zusammenzubringen. Es gibt auch viele Pilotversuche bei den Stadtwerke, die ihren Kunden neue Dienstleistungen anbieten wollen. Zu diesen sollen etwa Carsharing oder die Vermarktung von überschüssigem, zuhause erzeugtem Solarstrom gehören, der in Batterien zwischengespeichert wird.

 

TELEKOM:

Seit Juni 2017 leitet und koordiniert die Telekom Blockchain Group in den T-Labs alleBlockchain-Initiativen der Deutschen Telekom. Die Gruppe arbeitet für verschiedene Konzernbereiche sowie für Geschäftskunden aus verschiedenen Branchen. Zum Beispiel verhandeln sie über die Smart Contracts, dem Computer-Protokoll der Blockchain, mit den Telekommunikationsanbietern aus dem Ausland über Tarife. So könnten die Roaming-Kosten, die zum Beispiel in Ländern wie den USA anfallen, nach den Bedürfnissen der Kunden angepasst werden. Zudem wird beispielsweise geprüft, ob über die BlockchainTelekom-Netze gegenüber Angriffen von Hackern sicherer gemacht werden können.

 

SOFTWARE:

Der weltgrößte deutsche Softwarekonzern SAP hat im Juni 2018 die Cloud PlatformBlockchain auf den Markt gebracht, ein Blockchain-as-a-Service zur Neuentwicklung als auch Erweiterung von bestehenden Softwarelösungen. Zudem laufen Pilotprojekte, etwa zur Digitalisierung des Palettenmanagements zusammen mit Unternehmen aus Handel, Industrie, Logistik, IT und Wissenschaft sowie zur Authentifizierung von Medikamenten in der internationalen Lieferkette. Letzteres könnte dem Unternehmen zufolge bis Jahresende zu einem SAP-Produkt werden.

Der zweitgrößte deutsche Anbieter, die Software AG, arbeitet mit einem sogenanntenBlockchain-Access-Layer. Dieser integriert Blockchain nahtlos mit vorhandener Technologie und stellt damit sicher, dass Blockchain-Anwendungen mit den vorhandenen Unternehmenssystemen zusammenarbeiten können. Dies wird insbesondere von der Logistikindustrie- und Fertigungsindustrie genutzt.

(Reuters)

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