Zwölfstundentag wird heißes Thema bei Metaller-KV-Runden

Gewerkschaften haben wegen des Zwölfstundentages einen "heißen Herbst" angekündigt. Das lässt schwierige KV-Runden bei den Metallern erwarten. Arbeitgeber-Chefverhandler Christian Knill sieht für politischen Protest keinen Platz.

Christian Knill: Spreche den Gewerkschaften eine gewisse Seriosität ab
Christian Knill: Spreche den Gewerkschaften eine gewisse Seriosität ab
Christian Knill: Spreche den Gewerkschaften eine gewisse Seriosität ab – Die Presse/Fabry

Nach der Arbeitszeitflexibilisierung durch die Bundesregierung und die NEOS wollen sich die Gewerkschaften in den Kollektivvertragsverhandlungen im Herbst "zurückholen" was ihnen genommen worden sei. Die Stimmung sei "künstlich aufgepusht", kritisierte nun die Arbeitgeberseite im Vorfeld der am 20. September beginnenden Metaller-KV-Verhandlungen.

Politische Auseinandersetzungen hätten keinen Platz in den KV-Gesprächen, lautete die Kritik am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Wien in Richtung der Gewerkschaft. "Es gibt durch das neue Arbeitszeitgesetz keine Verschlechterungen, es gibt keinen Grund, politisch zu agieren", sagte Christian Knill, Obmann des Fachverbands Metalltechnische Industrie in der Wirtschaftskammer (WKÖ). In der Metalltechnischen Industrie gebe es dank eines schon existierenden "Zeitkontenmodells" keine Auswirkungen durch die Gesetzesnovelle. Für politischen Protest sei der Fachverband in den KV-Verhandlungen "der falsche Adressat. Wir verhandeln für die Betriebe und Beschäftigten und bieten keine Plattform für politische Kampagnen."

Mehrfach forderten Knill und Fachverbandsgeschäftsführer Krafft am Dienstag, dass für die Verhandlungen eine solide Datenbasis herangezogen werden müsse. Auf Nachfrage, ob man den Gewerkschaften heuer etwa wegen der Ankündigung eines "heißen Herbstes" und Streikdrohungen einen nüchtern und sachlichen Zugang abspreche, sagte Knill: "Ja, ich spreche ihnen eine gewisse Seriosität ab, auf Basis von allem, was wir im Vorfeld gehört haben."

 

Vergangene Abschlüsse "zu hoch"

Lieber wollte man seitens der Arbeitgeber heute also "Fakten, eine seriöse Datenbasis im Vorfeld der Verhandlungen" präsentieren. Und diese Daten seien nicht die allerbesten - vor allem aufs Wachstum im kommenden Jahr bezogen, das nicht das allerstärkste sein werde. Aber auch die Produktivität sei nach wie vor relativ gering, die Inflation wie auch die Lohnstückkosten hierzulande überdurchschnittlich hoch und die Preisentwicklung in den Exportmärkten sei fraglich. Und: "Die Abschlüsse in den vergangenen Jahren waren für unserer Branche zu hoch", so Knill. Es sei ein "Schaden für die Wettbewerbsfähigkeit entstanden".

Im Vorjahr gab es ein Lohn- und Gehaltsplus von 3 Prozent. Wie hoch der Abschluss heuer ausfallen könnte, wurde freilich aus verhandlungstaktischen Gründen offengelassen. Die Lohnkosten sind nach Auskunft der Branche seit 2005 um die Hälfte auf gut 8 Milliarden Euro gestiegen. Jeder Prozentpunkt Lohnerhöhung kostet die Unternehmen also 80 Mio. Euro. Zudem verwies Krafft darauf, dass ein Fünftel der Betriebe derzeit operative Verluste schreibe. "Wir müssen aufpassen, dass auch diese Betriebe nicht unter die Räder kommen", sagte Krafft.

Wünschenswert wäre aus Sicht der Arbeitgeber ein neuer KV, der auf die Digitalisierung und Automatisierung eingehen und am besten gleich für einen längeren Zeitraum abgeschlossen werden solle. Denkbar seien beispielsweise zwei Jahre, so Knill.

 

Vier Runden vereinbart

Die Arbeitgeber rechnen auch damit, dass beispielsweise die leichtere Erreichbarkeit der sechsten Urlaubswoche von den Arbeitgebervertretern thematisiert wird. "Aber wir liegen mit 25 Tagen Urlaub und 13 Feiertagen schon an der Spitze in Europa", sagte Knill dazu.

Beim Verhandlungsteam der Wirtschaftskammer kommt es heuer zu einer Änderung. Statt Veit Schmid-Schmidsfelden steigt EVVA-Geschäftsführer Stefan Ehrlich-Adam in den Verhandlungsring. "Ein guter Name", befand Knill. Der Geschäftsführer der Collini GmbH, Johannes Collini, verhandelt auch heuer wieder.

Von der Gewerkschaft verhandeln wie zuletzt PRO-GE-Chef Rainer Wimmer, Vorsitzender der Fraktion Sozialdemokratischer GewerkschafterInnen (FSG) und der Bundesgeschäftsführer der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-djp), Karl Dürtscher.

Vereinbart wurden bisher vier Gesprächstermine. Neben dem 20. September sind der 2., 16. und 19. Oktober eingeplant.

 

"Zwölfstunden-Tag wird thematisiert"

Die Chefverhandler der Arbeitnehmer, Rainer Wimmer (PRO-GE) und Karl Dürtscher (GPA-djp), warfen der Arbeitgeberseite gleich nach ihrer Pressekonferenz am Dienstag vor, das "wirtschaftliche Top-Niveau und die enormen Erfolge der Unternehmen klein zu jammern". Dies entbehre jeder Grundlage.

Die Stimmung auf der Seite der Gewerkschaft ist aufgeheizt, seit die ÖVP/FPÖ-Regierung mit den NEOS eine Novelle des Arbeitszeitgesetzes beschlossen hat. Nach einer Protestwelle im Frühsommer wurde die Gültigkeit für den sogenannten 12-Stunden-Tag von 1. Jänner 2019 auf 1. September 2018 vorverlegt. Nun betonten die Gewerkschafter, "dass das neue unfaire Arbeitszeitgesetz und die künftigen Auswirkungen auf die Beschäftigten natürlich Thema bei den Kollektivvertragsverhandlungen sein werden".

"Neben kräftigen Lohn- und Gehaltserhöhungen wird es Gegenforderungen zum 12-Stunden-Tag bzw. zur 60-Stunden-Woche geben", kündigten Dürtscher und Wimmer an. "Leitlinien dazu werden am 18. September bei einer ÖGB-Konferenz aller gewerkschaftlichen KollektivvertragsverhandlerInnen für alle Branchen fixiert." Dabei gehe es den Gewerkschaften etwa um Rechtssicherheit, Überstundenentlohnung und um ein hohes Maß an Selbstbestimmtheit für die Beschäftigten bei der Arbeitszeit, etwa die 4-Tage-Woche oder längere Freizeitblöcke.

"Seit 1. September können Arbeitgeber ihre MitarbeiterInnen zwingen, 60 Stunden pro Woche zu arbeiten. Auch wenn der FMTI das verneint, das neue Arbeitszeitgesetz wird natürlich negative Auswirkungen haben, etwa bei der Gleitzeit. Und der 12-Stunden-Tag wird spätestens dann Thema für die Unternehmen sein, wenn es für die Betriebe einen Wettbewerbsvorteil bedeutet, länger arbeiten zu lassen", so die beiden Gewerkschafter, die den Vorwurf der Arbeitgeber der Unseriosität zurückwiesen.

 

Branche rechnet mit Konjunktur-Abkühlung

Die Metalltechnische Industrie ist mit einem Produktionswert von über 37 Mrd. Euro die größte Branche in Österreich. Sie macht ein Viertel der Industrie insgesamt aus und hat einen Anteil von 5,9 Prozent an der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes - der Metaller-KV-Abschluss hat daher eine wichtige Signalwirkung auch für andere Branchen.

Die Branche habe sich in den letzten eineinhalb Jahren gut entwickelt, es zeichne sich aber bereits eine Abkühlung ab, versuchen die Arbeitgeber allzu hohe Erwartungen vor den bevorstehenden KV-Verhandlungen zu dämpfen.

Der Produktionswert stieg im Jahr 2017 um 4,7 Prozent, in den ersten sechs Monaten 2018 betrug der Zuwachs rund 3 Prozent. "Das ist solide, aber kein Höhenflug", sagte der Geschäftsführer des Fachverbandes in der Wirtschaftskammer, Berndt-Thomas Krafft, am Dienstag bei einem Pressegespräch in Wien. Die zentrale Wachstumsstütze sei mehr denn je der Export, fast 80 Prozent der Produktion gingen ins Ausland, die Hauptmärkte seien Deutschland, die USA und Frankreich, die für zwei Drittel der Exporte stünden. Entsprechend hoch sei auch die Abhängigkeit von der Entwicklung in diesen Ländern.

"Die USA sind der wichtigste Handelspartner für unsere Branche, und wir haben im ersten Halbjahr 2018 einen Rückgang bei den Exporten in die USA von 13,9 Prozent", sagte Krafft. "Der Protektionismus hinterlässt in unserer Branche sehr wohl Spuren." Die Auftragseingänge seien insgesamt im ersten Halbjahr um 6,6 Prozent gestiegen. "Das ist ein erfreulicher Wert, vergleicht man es aber mit dem Jahr 2017, da hatten wir ein Plus von 14,1 Prozent."

Die Erwartungen der Unternehmen würden schrittweise zurückgehen, berichtete Krafft. Im August rechneten demnach drei von vier Unternehmen mit einer Stagnation oder einem Rückgang der Produktion. Dennoch sei die Beschäftigung in der Branche in der ersten Jahreshälfte um 4,2 Prozent gestiegen, sagte Fachverbandsobmann Christian Knill. Die Branche beschäftige derzeit mehr als 134.000 Menschen. "Von Jobverlusten kann also keine Rede sein."

Zu hoch sei allerdings die Lohnquote. "Wir haben in unserer Branche eine Lohnquote von fast 25 Prozent, in der Gesamtindustrie sind es ungefähr 20 Prozent." Die Metallindustrie zahle auch "hervorragend", sagte Knill. "Der durchschnittliche Lohn liegt bei 2.600 Euro, das Durchschnittsgehalt bei 4.100 Euro." Auch der Mindestlohn von 1.850 Euro liege "weit weg vom in den letzten Jahren diskutierten Mindestlohn".

Ein Reallohnverlust in der Branche sei nur ein "Mythos". Seit 2011 habe es eine Reallohnzunahme von 5,9 Prozent gegeben. "Unsere Beschäftigten sind in jedem Fall echte Reallohn-Gewinner."

(APA)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Zwölfstundentag wird heißes Thema bei Metaller-KV-Runden

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.