Generelles Verbot von Plastiksackerln kommt

Die Regierung will das Plastiksackerl bis 2020 generell verbieten. Warum das notwendig ist - und warum Papier- und Bioplastiksackerln schwierige Alternativen sind. Ein Überblick.

Die türkis-blaue Regierung will keine Plastiksackerln mehr
Die türkis-blaue Regierung will keine Plastiksackerln mehr
Die türkis-blaue Regierung will keine Plastiksackerln mehr – egal, ob dicke oder dünne Sackerln. – (c) Getty Images (Vittorio Zunino Celotto)

Wien. Für Umweltschützer war es ein längst überfälliger Schritt: Die türkis-blaue Regierung will das Plastiksackerl bis Anfang 2020 verbieten. Und zwar generell: vom dünnen Obstsackerl bis zur dicken Tragetasche im Elektronik- und Bekleidungsgeschäft. Das gab Umweltministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) am Sonntag in einer Aussendung bekannt. Ein Plan, fünf Antworten.

1. Was will die Regierung nun genau verbieten?

Viel. Das Plastiksackerl muss weg, und zwar branchenübergreifend. Betroffen sind also nicht nur Supermärkte (die oft von sich aus schon umweltverträglichere Alternativen anbieten), sondern auch Kleiderketten wie H&M, Kebabbuden, Lieferservices, Apotheken etc. Als Plastiksackerl gilt alles, was einen Tragegriff hat. Müllsäcke sind also ausgenommen, ebenso biologisch vollständig abbaubare (Bioplastik-)Sackerln. Doch nicht nur das Sackerl soll weg. Auch ein Verbot von Mikroplastikpartikeln in Kosmetikprodukten und Reinigungsmitteln soll es bis 2020 geben. Insgesamt „müssen bis 2025 nachweislich rund 20 bis 25 Prozent der Plastikverpackungen reduziert werden“, heißt es in Köstingers Aussendung. Vergleichszeitpunkt ist die Müllmenge im Jahr 2016. Für den Handel und führende Branchenvertreter, die eine Lösung für die Umsetzung brauchen, kündigte Köstinger einen runden Tisch an.

2. Warum ist denn überhaupt ein Verbot notwendig?

Plastik ist ein Problem. Insgesamt 5000 bis 7000 Tonnen Plastiksackerln fallen jährlich in Österreich an. Sie enden oft auf der Straße, auf Feldern und auch in Flüssen. 100 Kilo Plastik landen allein pro Tag (!) in der Donau, heißt es aus Köstingers Büro. Das Problem ist freilich ein globales. Mehr als 80 Prozent des Mülls in den Meeren ist aus Plastik. Wale, Delfine, Vögel, die qualvoll an gefressenem Plastik sterben, sind keine Seltenheit mehr. Wenn sich nichts ändert, gibt es 2050 mehr Tonnen an Plastik als Lebewesen im Meer, so eine Studie des Weltwirtschaftsforums. Plastik schadet auch dem Menschen. Mikroplastikpartikel sind etwa so klein, dass sie nicht gefiltert werden – und über das Abwasser im Körper landen.

3. Welche Bestrebungen, Plastikmüll einzudämmen, gab es bisher?

Ende Oktober stimmten die EU-Staaten für ein Verbot von Einwegplastik. Plastikteller, Strohhalme, Wattestäbchen und andere Kunststoffwegwerfprodukte sollen damit EU-weit verbannt werden. Bis 2030 könnten Umweltschäden im Wert von 22 Milliarden Euro vermieden werden, heißt es. Österreichs Vorstoß ist deutlich strenger. Das Sackerlverbot kommt in der EU-Richtlinie derzeit nicht vor.

4. Was sagen die Gegner? Wie nimmt das der Handel auf?

Verhalten. Die Wirtschaftskammer hält das generelle Verbot „aus unserer Sicht für nicht notwendig“, so Peter Buchmüller, Obmann der Bundessparte Handel. Er findet, dass „die freiwillige Vereinbarung mit großen Handelsunternehmen zur Reduktion des Kunststofftaschenverbrauchs hervorragend funktioniert“. Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will wünscht sich wiederum, dass „hochwertige Mehrwegkunststofftragetaschen im Handel weiterhin kostenpflichtig eingesetzt werden dürfen. Diese werden schließlich „nicht nach einem Einkauf weggeworfen“. Der heimischen Plastikindustrie gefallen Verbote schon naturgemäß nicht. Dort fürchtet man schon länger eine Benachteiligung von Europas Industrie gegenüber Asien, das für viel mehr Plastikstrandgut verantwortlich sei.

5. Warum sind Plastikalternativen auch problematisch?

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace warnte, dass Plastiksackerln durch Sackerln aus Papier oder Bioplastik nicht ersetzt werden sollten. Das Papiersackerl würde etwa in der Produktion viel mehr Energie brauchen als das Plastiksackerl. Aber auch das Bioplastiksackerl hat Experten zufolge keinen Vorteil, was die Ökobilanz betrifft – und ob es auf dem Komposthaufen abgebaut wird, ist mehr als fraglich. Auch Glasflaschen sind (etwas weiter gedacht) problematisch. Denn auch Mehrwegglasflaschen steigen in der Ökobilanz nicht besser aus als Einwegplastikflaschen. 2011 hat das Deutsche Institut für Energie- und Umweltforschung ausgerechnet, dass die Ökobilanz bei beiden gleich ist. Was das Plastiksackerl betrifft, seien laut Greenpeace nur Mehrwegsackerln (wie Stoffsackerln) umweltschonend.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2018)

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