Porzescharte – Italiens Komplott?

Das Attentat an der Grenze Österreich/Italien 1967 war manipuliert. Ein Militärhistoriker weist die Verwicklung des italienischen Geheimdienstes nach.

Porzescharte ndash Italiens Komplott
Porzescharte ndash Italiens Komplott
Porzescharte ndash Italiens Komplott – (c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka - wodicka@aon.at)

Es war der 25.Juni 1967, als in der Nacht auf der Porzescharte der Strommast einer italienischen Überlandleitung gesprengt wurde und zwei Sprengminen detonierten. Vier Carabinieri kamen ums Leben, einer wurde schwer verwundet. Der Tatort, auch Tilliacher Joch oder Forcella Dignas genannt, ist ein Grenzübergang von Osttirol nach Venetien.

War es ein Terroranschlag des damals gefürchteten BAS (Befreiungsausschuss für Südtirol)? Für die Italiener lag das auf der Hand, denn seit Beginn der Sechzigerjahre kämpften Südtiroler, Bayern und Österreicher gegen die neofaschistische Unterwanderung Südtirols. Sie sahen sich als Widerstandskämpfer, wollten ähnlich wie die Basken einen Aufstand inszenieren, wurden verfolgt, gefoltert, einige kamen in den Kellern der Carabinieri grausam ums Leben. Sie konnten von Österreich aber nur insgeheim unterstützt werden, weil Italien als Nato-Mitglied auf dem längeren Ast saß. Fritz Molden, der mit Gerd Bacher den Widerständlern auch publizistisch half, erzählte der „Presse“, dass alle politischen Funktionäre in Nord- und Südtirol, ebenso in Wien, von den Aktionen des BAS wussten. „Auf ein paar Masten soll's mir nicht ankommen“, sagte Bruno Kreisky, bis 1966 Außenminister der Republik Österreich.

 

Freispruch – in Österreich

Österreich stand also unter großem Druck, auch der Weltöffentlichkeit. Drei Verdächtige – Erhard Hartung, Peter Kienesberger und Egon Kufner – wurden vor ein Wiener Schwurgericht gestellt. In zwei Instanzen sprach man sie frei – zur hellen Empörung Roms. Auf Antrag des Justizministers Christian Broda (S) stellte Bundespräsident Kirchschläger das Verfahren erst 1975 ein.

Nicht so Italien. Die drei wurden 1971 in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Bis heute stehen sie auf der Fahndungsliste und können daher nicht nach Südtirol einreisen. Mehrere Bundespräsidenten haben sich mit Begnadigungsgesuchen bereits die Zähne ausgebissen.

 

Eine italienische Falle?

Was aber war nun wirklich geschehen? War es eine inszenierte Falle des italienischen Geheimdienstes, der weitgehend unabhängig von der römischen Zentralregierung agierte und damals einen antikommunistischen Feldzug führte? Der österreichische Militärhistoriker Hubert Speckner bringt nun Licht ins Dunkel. Im Österreichischen Staatsarchiv entdeckte er bisher unbekannte, als streng geheim bzw. vertraulich eingestufte sicherheitsdienstliche Akten des Innenministeriums zur Causa Porzescharte. Und die sind völlig konträr zu den bisher bekannten zeitgeschichtlichen Veröffentlichungen.

Speckner wertete auch alle Aktenbestände des Landesgerichts für Strafsachen aus. Zweimal beging er mit fachkundigen Kollegen von österreichischer Seite aus das Terrain, er sprach mit dem damaligen Justizminister Klecatsky und mit dem damaligen Angeklagten Hartung (inzwischen Universitätsprofessor in Bayern), der bekundete, dass niemand anderer mehr an der Wahrheitsfindung interessiert sei „als wir selbst!“

Das Ergebnis: Die drei verdächtigen Österreicher waren es nicht. In den italienischen Zeugenaussagen wimmelt es von Unstimmigkeiten. Die angeblichen Attentäter wählten einen anderen Aufstieg in die Nähe der Porzescharte als bisher angenommen. Der für den Aufstieg und für die Tat bemessene Zeitrahmen machte es gänzlich unmöglich, die ihnen zur Last gelegten Taten überhaupt ausführen zu können.

Von der Explosion bis zur Inspektion des Areals durch eine gemischte österreichisch-italienische Untersuchungskommission verstrichen zwei Tage. Dazwischen wurde der Tatort manipuliert. Das berichteten schon damals der Osttiroler Bezirkshauptmann und der Nordtiroler Sicherheitsdirektor.

„Alle Genannten“, schreibt Speckner, „haben zwar den gesprengten Mast, jedoch keine Minenkrater gesehen oder andere Spuren, die auf die Tötung und Bergung mehrerer Soldaten hingewiesen hätten.“ Es sollen ja 25 Carabinieri an der Bergungsaktion beteiligt gewesen sein.

Dafür wurde etwas ganz anderes gefunden. Ein Zettel, der das Schlechtwetter unbeschadet überdauert hatte: Ein Kommissionsteilnehmer von der Verbundgesellschaft brachte dem Sicherheitsdirektor eine kurze Notiz mit der Telefonnummer eines Mannes, der beim italienischen Geheimdienst arbeitete.

 

Die Geheimorganisation „Gladio“

Obwohl sich Österreich äußerst kooperativ verhielt, blieb die Sache bis in unsere Tage rätselhaft. In Zürich trafen einander Vertreter der österreichischen und der italienischen Sicherheitsbehörden, wobei sich bald herausstellte, dass Letztere fast alle dem rechtsextremen „Gladio-Netz“ angehörten. Jener paramilitärischen Geheimorganisation, die im Kalten Krieg einer weiteren Machtausbreitung des Kommunismus Einhalt gebieten sollte. Dahinter steckten die Nato, die CIA und der britische MI6. „Gladio“ sollte nach einer sowjetischen Invasion Westeuropas Guerilla- und Sabotageaktionen durchführen. Die Organisation existierte von etwa 1950 bis mindestens 1990, ein kleiner Ableger hatte auch in Österreich geheime Waffenlager, wie der frühere ÖGB-Präsident und Innenminister Franz Olah zugab.

 

Verhaftungen, Folterungen

Für die Italiener waren die Züricher Expertengespräche jedenfalls viel ergiebiger als für Österreich. Auf dem Höhepunkt der Südtirol-Krise war es für Italien höchst interessant, von den österreichischen Kollegen Informationen über Südtiroler Widerstandskämpfer zu bekommen. Jedenfalls war das kein Ruhmesblatt der heimischen Sicherheitsbehörden. So mancher Südtirol-Aktivist wurde erst danach in seiner Heimat verhaftet und mit brutaler Folter zu unwahren Geständnissen gezwungen. Als die Italiener genug wussten, brachen sie die weiteren Gespräche ab.

Bis die ganze Wahrheit ans Licht kommt, wird es wahrscheinlich noch dauern. Das italienische Militär und der Geheimdienst sind vorläufig nicht daran interessiert. Ihre Akten bleiben vorderhand verschlossen und unzugänglich.

Auf einen Blick

1967 ging an der Grenze zwischen Osttirol und Venetien ein italienischer Strommast in die Luft. Zwei Sprengminen töteten vier Carabinieri.

Drei Österreicher wurden angeklagt, leugneten aber das Verbrechen und gingen frei. Italien verurteilte sie in Abwesenheit zu lebenslanger Haft.

Ein Militärhistoriker weist nun nach, dass der italienische Geheimdienst seine Hände im Spiel gehabt haben könnte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2013)

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