Eine schwere Geburt

Ist Österreich eine Nation? Mittlerweile wird diese Frage eindeutig bejaht. Lange aber war das nicht so. Eine kurze Geschichte über das Österreich-Bewusstsein. Und die Abkehr von großdeutschen Ideen.

Frau im Dirndl bei der Nationalratswahl
Frau im Dirndl bei der Nationalratswahl
Frau im Dirndl bei der Nationalratswahl – APA/DIETMAR STIPLOVSEK

Also sprach Leopold Figl, der erste Bundeskanzler der Zweiten Republik, am 21. Dezember 1945 in seiner Regierungserklärung: „Wenn wir immer wieder mit allem Fanatismus heimatverwurzelter Treue betonen, dass wir kein zweiter deutscher Staat sind, dass wir kein Ableger einer anderen Nationalität jemals waren noch werden wollen, sondern dass wir nichts sind als Österreicher, dies aber aus ganzem Herzen und mit jener Leidenschaft, die jedem Bekenntnis zur Nation innewohnen muss, dann ist dies keine Erfindung von uns, die wir heute die Verantwortung für diesen Staat tragen, sondern tiefste Erkenntnis aller Menschen, wo immer sie stehen mögen in diesem Österreich.“

Starke Worte. Denen allerdings nicht alle Staatsbürger folgen wollten. Noch 1964, neun Jahre nach dem Staatsvertrag, sahen in einer Fessel-GfK-Umfrage nur 47 Prozent der Befragten Österreich als eine Nation an. Zur Jahrtausendwende waren es dann schon 77 Prozent. Und 2008, als dies von Fessel-GfK das letzte Mal erhoben wurde, waren es 82 Prozent.

Der Staat, den keiner wollte. 1918, bei der Ausrufung der Ersten Republik, war Österreich tatsächlich ein Staat, den keiner wollte. Über die Lager hinweg, von den Sozialdemokraten bis zu den Deutschnationalen, galt der Anschluss dessen, was vom Habsburgerreich übrig blieb, an das fortschrittlichere und als lebensfähiger erachtete Deutschland als einzige Hoffnung. Was allerdings die Siegermächte verboten.

An eine österreichische Nation glaubte kaum jemand. Erst im Ständestaat wurde dann mit einem Österreich-Bewusstsein hantiert, allerdings eher in der Version als der „bessere deutsche Staat“. Auch die Kommunisten propagierten stets eine Art eigenständiges Österreich-Denken.

Der Anschluss kam dann 1938 – allerdings nicht so, wie ihn sich etwa die Sozialdemokraten vorgestellt hatten. Das NS-Terrorregime trieb vielen Österreichern die Sehnsucht nach dem größeren Deutschland dann endgültig aus. Dennoch: Eine Nation wurde man deshalb so schnell noch nicht. Selbst von einem „großen Österreicher“ wie Bruno Kreisky ist das – eher uneindeutige – Bonmot überliefert: „Wo es eine Nationalbank und eine Nationalmannschaft gibt, muss es wohl auch eine Nation geben.“

Schon die Habsburgermonarchie hatte sich nicht als Nation verstanden. Es gab einen Staat. Und die Klammer war der Kaiser. Was es gab, waren verschiedene Nationalitäten: die Tschechen, die Ungarn, die Kroaten, die Italiener, die Ruthenen (ist gleich Ukrainer) und so weiter. Und die Deutschen.

1848 und in den Folgejahren erwachte das Nationsbewusstsein unter den einzelnen Völkern der Monarchie. Für die Deutschsprachigen bestand auf einmal die Aussicht auf eine deutsche Nation. Als sogenannte großdeutsche Lösung sollte sie die Länder des späteren Deutschen Reichs plus den deutschsprachigen Teil Österreich umfassen. Allerdings stand man gleich vor einem Dilemma: Was sollte etwa mit Böhmen und Mähren, in denen es eine große deutsche Sprachgruppe gab, geschehen? Die Großdeutschen wollten auch diese Länder mit dabeihaben.

Königgrätz.
Die großdeutsche Idee zerschlug sich aber ohnehin daran, dass sich Österreich und Preußen nicht über die Führungsrolle zu einigen vermochten. Und mit der Schlacht von Königgrätz 1866, dem Sieg Preußens über Österreich, war die Frage dann endgültig entschieden. Es kam, nach Preußens Sieg über Frankreich 1871, zur „kleindeutschen“ Lösung.

„1866 galt dasselbe wie 1848: Ein großdeutscher Nationalstaat hätte die Habsburgermonarchie gesprengt, war also mit Österreich nicht durchzusetzen. Die Einheit war nur unter preußischer Führung zu erreichen“, schreibt Heinrich August Winkler, einer der bedeutendsten deutschen Historiker der Gegenwart.

Erst hatte Österreich die deutschen Länder im Heiligen Römischen Reich dominiert. Der Aufstieg Preußens führte dann zu einem Gleichgewicht der beiden Staaten. Und nun war es Preußen, das diesen Dualismus zwischen den Häusern Habsburg und Hohenzollern beendete und die Deutschen fortan anführte.

Österreich blieb, wie und was es war, ein multiethnischer Staat. In dem viele seiner deutschsprachigen Bürger weiterhin von Großdeutschland träumten.

Ideologische Missgeburt.
Diese waren – nicht ausschließlich, aber mehrheitlich – in den deutschnationalen Parteien organisiert. Nicht von ungefähr sprach der Parteiführer der in dieser Tradition stehenden Freiheitlichen Partei, Jörg Haider, 1988 von Österreich als einer „ideologischen Missgeburt“. Wortwörtlich sagte er: „Das wissen Sie so gut wie ich, dass die österreichische Nation eine Missgeburt gewesen ist, eine ideologische Missgeburt, denn die Volkszugehörigkeit ist die eine Sache, und die Staatszugehörigkeit ist die andere Sache.“

Das war zu einer Zeit, als Jörg Haider noch auf die nationalen Seilschaften in seiner Partei setzte. Einige Jahre später – das Ausländerthema hatte das NS-Vergangenheitsthema als Aufreger abgelöst – inszenierte sich derselbe Jörg Haider als Parade-Österreicher. Das demonstrative Österreich-Bewusstsein hatte auch in der FPÖ das traditionelle deutschnationale Bewusstsein abgelöst. Oder besser gesagt: in den Hintergrund gedrängt.

Burschenschafter.
Als im Jahr 2002 einer der FPÖ-Rechtsaußen, der Offizier und damalige Wehrsprecher, Wolfgang Jung, aus Anlass des 8.-Mai-Umzugs der Burschenschafter meinte, er glaube nicht an eine österreichische Nation, der Volkszugehörigkeit nach sei er Deutscher, ging die Parteiführung deutlich auf Distanz zu ihm.

Susanne Riess-Passer, die damalige Parteichefin, erklärte, Österreich gehöre zwar zum deutschsprachigen Kulturraum, sei aber eine Staatsnation, „daran gibt es nichts zu rütteln“. Österreichische Nation bedeute für sie, dass Österreich eine Identität als Land, eine Verfassung und ein Staatsgebiet habe. Und Jörg Haider ließ lapidar ausrichten: „Ich fühle mich dem deutschen Kulturraum bei genauer Betrachtung der dortigen Entwicklung nicht so verbunden.“ Wobei man dazusagen muss: Damals regierte in Deutschland noch Rot-Grün.

Wie wurde Österreich also eine Nation? Für den Meinungsforscher Peter Ulram, der federführend an den eingangs erwähnten Fessel-GfK-Umfragen zur Akzeptanz des Nationenbegriffs beteiligt war, stellten die 60er- und 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts die entscheidende „Konsolidierungsphase“ dar: mit der Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik auf der einen Seite und dem Verschwinden der deutschnationalen Frage auf der anderen. Ab den 1980er-Jahren sei der Deutschnationalismus dann eigentlich kein Thema mehr gewesen, so Ulram.

Zwei Nationen, ein Volk? Wiewohl es damals noch zu einem kleinen Historikerstreit gekommen war, ausgelöst von Karl Dietrich Erdmann, der Mitte der Siebzigerjahre postuliert hatte: Es gebe „drei Staaten“ (die BRD, die DDR und Österreich), „zwei Nationen“ (die österreichische und die deutsche Kulturnation) und „ein Volk“. Viele seiner Kollegen widersprachen.

Man könnte allerdings auch sagen: Die Österreicher sind ein deutsches Volk – mit slawischem Einschlag. Das gilt insbesondere für seine südlichen, östlichen und nördlichen Landesteile. Weit weniger für den Westen.

Entscheidend für das Nationsbewusstsein waren aber weniger akademische Debatten, sondern vielmehr die Einstellung in der breiten Masse der Bevölkerung. Hier waren mehr oder weniger vier Faktoren maßgeblich: Der Stolz auf die Landschaft. Der Stolz auf die Vergangenheit als Kulturnation. Die wirtschaftliche Lebensfähigkeit, die sogar – wer hätte das in der Zwischenkriegszeit gedacht? – eine Erfolgsgeschichte wurde. Und – so banal das anmuten mag – der Sport.

Was wiederum auch eine gewisse Logik hat, wenn man in diesem eine Sublimierung früherer Kriegshandlungen zu erkennen vermag. Die Skierfolge der jungen österreichischen Nation – von Toni Sailer bis Karl Schranz – gaben der Nachkriegsgeneration neues Selbstbewusstsein. Und die in der Zweiten Republik erfolgte Abkehr von Deutschland lässt sich kaum besser zusammenfassen als mit dem Schlagwort Córdoba.

„Tatort“ und „Piefke“. Und mittlerweile – auch das ein Zeichen einer reiferen, selbstsichereren Nation – pflegen wir aus der politischen Distanz heraus, bei gleich bleibender kultureller Nähe (allein der gemeinsame Sonntagabend-„Tatort“ verbindet), mit unserem „großen Bruder“ auch einen entspannteren Umgang. Das Schimpfwort „Piefke“ – nach der Schlacht von Königgrätz entstanden – hört man heute zunehmend seltener.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.10.2013)

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