Ablenkungsmanöver Fußball

Zwischen 1914 und 1918 wurden in Österreich Fußballmeisterschaften ausgetragen. Die Einnahmen kamen meistens dem Roten Kreuz zugute.

(c) EPA (Javier Lizon)

Der Fußball in Österreich war gerade im Aufschwung begriffen. Und dann erfolgte die große Zäsur. In Erwartung eines schnellen Sieges gegen Serbien sagte man im August 1914 alle Fußballspiele und damit auch die bereits ausgeloste Herbstmeisterschaft ab. Die Spieler wurden großteils eingezogen, von den Mannschaften der Vienna und vom Wiener Sportclub blieb etwa kein einziger Fußballer der ersten Auswahl übrig.

Die Entscheidung, den Fußball ruhen zu lassen, stellte sich alsbald als Fehler heraus. Der Krieg artete nicht nur aus, er breitete sich richtiggehend aus. Am 6. September 1914 erfolgte die Kehrtwende, der Fußball sollte wieder rollen. Das hatte einen ganz einfachen Hintergedanken, Fußballspiele wurden auf einmal herbeigesehnt – sie sollten die Bevölkerung von den nicht immer günstig verlaufenden Kriegshandlungen ablenken. Im Herbst des ersten Kriegsjahres fanden jedoch nur Freundschafts- und Turnierspiele der Wiener Vereine statt. Die Einnahmen kamen meist dem Roten Kreuz zugute. Sportberichte wurden kontinuierlich reduziert und Zeitungen berichteten in erster Linie über gefallene Sportler. Manche Blätter stellten die Sportberichterstattung komplett ein.

Spannungen mit dem tschechischen Verband. Bereits in den ersten Kriegsmonaten gab es prominente Opfer aus dem Fußballlager zu beklagen, ungeachtet dessen nahm man die Auslosung des Pokalbewerbs vor – für zweitklassige Mannschaften. Im März 1915 wurde dann die Anmeldefrist für Spieler bei einem Vereinswechsel wegen der großen Zahl an Einberufungen zum Militär auf 14 Tage reduziert. Ende März 1915 ließ man den Vertrag mit dem Engländer Jimmy Hogan, der Trainerausbildner für den Fußballbund war, auslaufen. Obendrein gelang es trotz intensiver Bemühungen nicht, das Verhältnis zum tschechischen Verband (Cesky Svac) zu verbessern. Gegen tschechische Vereine bestand ein Spielverbot.

Gegen Ende 1914 stellte die Vienna ihren Spielbetrieb ganz ein, erst im Frühjahr 1916 meldeten sich die Döblinger zurück. Mit dem Kriegseintritt Englands kam es zu einer Namensänderung von Red Star, noch im Sommer 1914 wechselte man zu Rot Stern. Assoziationen zum Kriegsgegner sollten damit vermieden werden.

Die Saison 1915/16 war schwer beeinträchtigt vom Krieg. Viele Fußballspieler starben an der Front, andere in der Gefangenschaft. Der Spielverkehr mit Teams aus den Nachbarländern wurde drastisch eingeschränkt, gegen ungarische oder böhmische Mannschaften kamen nur wenige Partien zur Austragung. In der zweiten Spielklasse war an einen ordentlichen Betrieb nicht mehr zu denken. Sehr zu leiden hatte vor allem der Wr. Sportclub, der Verein aus Hernals musste bis 1916 auf insgesamt 37 Spieler aus der ersten und zweiten Mannschaft verzichten. Auch der Wr. Amateur SV verlor Dutzende Spieler (32).

Einige Klubs mussten ihre Jugendmannschaften auflösen, um eine Kampfmannschaft stellen zu können. Andere Teams hingegen schafften es durch gute Verbindungen zum Militär, Spieler immer wieder rechtzeitig vor angesetzten Partien von der Front zurückzubekommen. Rapid und dem Floridsdorfer AC stand meist die stärkste Auswahl zur Verfügung.

Im Sommer 1916 führten die Kriegsereignisse dazu, dass der österreichische und der tschechische Verband doch noch zusammenrückten. Im Juli wurde die Auflösung des Cesky Svaz beschlossen, und zahlreiche tschechische Vereine traten im Oktober 1916 dem rot-weiß-roten Verband bei. Darunter befanden sich Vereine wie Vitoria Zizkov, Slavia Prag, SK Pilsen oder Sparta Prag.

Im Jänner 1917 wurde ein gemeinsamer deutsch-tschechischer Verband für Böhmen (mit DFC Prag, Sparta Prag, Slavia Prag, Viktoria Zizkov) innerhalb des österreichischen Verbandes gegründet. Als Ersatz für den Städte-Vergleichskampf Wien gegen Berlin wurde das „Siebener-Turnier“ (Tekuschpokal) ausgetragen.

Gegen Ende der Saison 1917/18 begann ein monatelanger Streit um die Einteilung der ersten und zweiten Klasse für 1918/19. Einer der Hauptstreitpunkte betraf die Vienna, die ohne sportliche Qualifikation wieder die Erstklassigkeit erreichen wollte. Gefordert wurde weiters, wieder Auf- und Absteiger zuzulassen.

Böhmischer Sonderfall. Auf Verbandsebene eskalierte der Streit, ob der deutsch-böhmische oder der (nicht anerkannte) tschechische Verband für den Fußball in Böhmen zuständig sein soll. Im Sommer 1917 stimmte der österreichische Verband erstmals Verhandlungen über einen eigenen tschechischen Landesverband zu. Die Meinungsverschiedenheiten führten letztlich aber zum kompletten Zerwürfnis. Im Herbst 1917 traten die tschechischen Vereine Böhmens endgültig aus dem österreichischen Verband aus. Sie wurden mit einem Spielverbot belegt, das bis zum Kriegsende anhielt. Die deutschen Klubs Böhmens wiederum traten dem rot-weiß-roten Verband bei. Vor Kriegsbeginn hatten sie sich von Wien getrennt. Auch der bis dahin eigenständige deutsch-böhmische Verband kehrte in die Obhut des österreichischen Dachverbandes zurück (Jänner 2018). Meister 1918 wurde übrigens der Floridsdorfer AC vor Rapid.

Quelle: Ambrosius Kutschera (austriasoccer.at)

Fussball

Meisterschaft

Erfolgreiche Rapid-Zeiten
Die Meisterschaft 1914/15 gewann nach neun Spieltagen der Wiener AC vor Wr. Association FC und Rapid Wien. Im Jahr darauf waren die Hütteldorfer erfolgreich (18 Spieltage), der Floridsdorfer AC wurde Zweiter. Rapid konnte in der Saison 1916/17 den Titel erfolgreich verteidigen (18 Runden). Im Sommer 1918 kürte sich der Floridsdorfer AC zum Meister (18 Runden), Rapid wurde punktegleich Zweiter.

Länderspiele
Zwischen 1914 und 1918 wurden auch Länderspiele ausgetragen, üblich waren pro Jahr vier Duelle mit Ungarn. 1917 kamen erstmals auch Länderspiele gegen die Schweiz dazu. Quelle: Ambrosius Kutschera (austriasoccer.at).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2014)

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