„Alfons, du bist ja gar nicht mehr Kanzler!“

Beim Sägen am Sessel des Obmannes hat die Volkspartei seit fünfzig Jahren Erfahrung und Perfektion. Vom Ende seiner Amtszeit als Bundeskanzler erfuhr Alfons Gorbach aus der Zeitung. Er resignierte mit Würde und Anstand.

ARCHIVBILD: FRANZ OLAH
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(c) APA/Archiv Olah

Vor fünfzig Jahren, am 22. Februar 1964, brachte die Gemahlin des ÖVP-Bundeskanzlers Alfons Gorbach vom Besuch der Frühmesse wie immer die Grazer „Kleine Zeitung“ nach Hause. Beim Frühstück blickte sie auf die erste Seite und rief: „Ja Alfons, du bist ja gar nicht mehr Kanzler!“ Der österreichische Regierungschef (seit 1961) nahm das Blatt zur Hand und erfuhr, dass er schon so gut wie abgelöst sei. Der Wiener Korrespondent des Blattes, Kurt Vorhofer, hatte wieder einmal seinen Riecher bewiesen.

Gorbachs Nachfolger sollte pikanterweise jener „Reformer“ werden, den er selbst in sein Kabinett als Finanzminister geholt hatte: Josef Klaus, ein missionarischer Rechtsanwalt aus Hallein, zuvor schon Landeshauptmann, ein „Macher“, ein moderner Manager, der viel von dem zugrunde legte, was später Bruno Kreisky als lachender Erbe verwerten konnte.

 

Der Wiederaufbau war beendet

Mit dem Sturz von Alfons Gorbach und seiner Demission am 25. Februar 1964 war die Periode des Wiederaufbaues nach dem Zweiten Weltkrieg unwiderruflich zu Ende. Vor fünfzig Jahren ging ein Mann der Versöhnung von Bord, der es mit seinen sozialistischen Koalitionspartnern nicht leicht gehabt hatte. Der Steirer, der von seinen Grazer Freunden nach Wien geschickt worden war, erwies sich als zu kompromissbereit und wurde daher nach wenigen Jahren von denselben Freunden auf äußerst kuriose Weise wieder abberufen. Das Sägen am Sessel des jeweiligen Bundesparteiobmanns war damals schon ein beliebtes Spiel, das man inzwischen perfekt beherrschte. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

 

Krainer senior wie Pröll heute

Der starke Mann jener Zeit saß nicht am grünen Kabinettstisch in Wien, sondern zog seine Fäden von der prächtigen Grazer Burg aus: Josef Krainer senior. Ähnlich wie heute Erwin Pröll dachte er gar nicht daran, seine absolute ÖVP-Mehrheit im Land aufzugeben, um in Wien eine äußerst fragile Bundeskoalition zu führen, die noch dazu vom „Hardliner“ Bruno Pittermann als SPÖ-Chef bis zum Äußersten ausgereizt wurde. Nein, er machte Bundeskanzler, und er ließ sie wieder fallen, wenn ihm die Zeit gekommen schien. Außerdem, meinte er, seien seine Schuhe für das Wiener Parkett „zu grob genäht“. Krainer war vor seiner politischen Karriere Holzknecht.

 

Demontage auf Raten

Gorbach, zuvor Dritter Nationalratspräsident aus der Steiermark, im Ersten Weltkrieg schwer verwundet, war 1961 als Nachfolger des krebskranken Julius Raab Bundeskanzler und Parteichef geworden. Er wollte beileibe nicht nach Wien, aber der steirische Landesthron war für ihn unerreichbar, der blieb Krainer vorbehalten. Und dieser wusste seinen potenziellen Rivalen auf Distanz zu halten: Gleich nach Gorbachs Kür begann Krainer mit dessen Demontage.

Ziemlich brutal – unter Parteifreunden: Der neue Bundeskanzler könne jetzt zu wenig Zeit für sein Bundesland erübrigen, also müsse man ihn als Landesparteichef entlasten. Und so hob Krainer seinen Vertrauensmann Theodor Piffl-Perčević auf den Schild, als geschäftsführenden Landesparteiobmann. Gorbach erfuhr dies erst im letzten Moment, was ihn verbitterte.

Es dauerte nicht lange, da hatte der starke Krainer auch an der Bundesregierung einiges auszusetzen. Zwar blieb die Gorbach-ÖVP 1962 bei den Wahlen stimmenstärkste Kraft, aber die Koalitionsverhandlungen liefen eher unglücklich: Gorbach verlangte das Außenministerium für seine Partei, worauf der mächtige ÖGB-Chef Franz Olah ironisch anmerkte: „Das Ministerium hängt für die Schwarzen net am Christbaum!“ Bruno Kreisky blieb also Minister. Wer weiß, wie sich die Zeitläufte gestaltet hätten, wäre damals Kreiskys Karriere beendet worden. Die ÖVP wusste schon, warum sie den Mann gern losgeworden wäre.

 

Fein gesponnene Intrigen

Hätte Gorbach damals die Koalitionsverhandlungen gewonnen, er hätte noch lange in Wien regieren können. Was dann geschah, bis der ÖVP-Chef erledigt war, stellt bis dato alle späteren ÖVP-Intrigen in den Schatten. Über den Vertrauensmann Kurt Vorhofer lancierte Krainer in der „Kleinen Zeitung“ ständig kleine Nadelstiche, damals war die Grazer Zeitung Pflichtlektüre für alle innenpolitisch Interessierten. „Warum haben wir das nicht“, zürnte „Presse“-Chefredakteur Otto Schulmeister nicht nur einmal. Weil wir nicht dieses enge Verhältnis wollen, entgegnete ihm die verzweifelte Redaktion.

„Weg mit den Männern, mit denen Pittermann macht, was er will“, hieß es da zum Beispiel. Natürlich als Zitat eines Insiders, der namentlich nicht genannt sein wollte. Im August 1963 schließlich holte Krainer die große Holzknechtaxt heraus. Im Salzburger Fondachhof trug er hinter Gorbachs Rücken dem bisherigen Finanzminister Josef Klaus die Parteiführung an: In Wien müsse man Ordnung machen. Und zwar durch Klaus, obwohl dessen puritanisches Sendungsbewusstsein Krainer durchaus suspekt war.

 

Abgang in Noblesse

So fuhrwerkte also die staatstragende Volkspartei monatelang mit einer Doppelspitze: Parteichef Klaus, Bundeskanzler Gorbach. Erst am 24. Februar gab Gorbach auf. Vor den Parteigremien stellte er nun auch sein zweites Amt zur Verfügung – in unnachahmlich nobler Art: Er habe nicht die Absicht, „die Tür hinter mir zuzuschlagen, oder mich in die Dämmerung zu verkrümeln wie Tagewerker, die wegen ihrer Saumseligkeit die Heimkehr des Hausvaters nicht abwarten wollen . . .“

Und er hat – dank seines glücklichen Naturells, das ihn auch die Beinprothese seit 1917 ertragen ließ – stets sein berühmtes Witzbüchl bei sich. Im Jahr 1965, als er knapp das Rennen um das Amt des Bundespräsidenten gegen Franz Jonas verlor, hatte er es auch mitgeführt. Eine Kostprobe zum Schluss: Im Wahlkampf fragte man ihn, was Politik eigentlich sei. Der Kandidat: „Also, Politik ist die Kunst, die Stimmen der Armen und das Geld der Reichen durch das Versprechen zu erhalten, beide voreinander zu schützen.“ Und für den üblen Stil, in dem ihn seine eigenen Freunde abserviert hatten, hielt er auch eine Pointe parat: „Nero hatte seinem Lehrer Seneca mitgeteilt, er sei auf eine Verschwörung draufgekommen, er werde deshalb alle Senatoren umbringen lassen. Darauf Seneca: Das wirst du können. Aber einen kannst du nicht umbringen – deinen Nachfolger. . .“

PS.: Josef Klaus war der letzte und einzige Landeshauptmann, der sein Land zugunsten der Bundespolitik verlassen hat. Das tat sich nach ihm keiner mehr an.

PPS.: Alfons Gorbach (1898–1972) war in keiner Weise mit dem späteren FP-Vizekanzler Hubert G. verwandt. Der Erstgenannte hatte Format.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2014)

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