Der Wiener Kriegstreiber

Porträt des k.u.k. Feldmarschalls Conrad von Hötzendorf, der monomanisch auf den großen Krieg und seine große Liebe fixiert war.

Franz Conrad von Hötzendorf
Franz Conrad von Hötzendorf
Franz Conrad von Hötzendorf – (c) ONB Bildarchiv Austria

Einen Trauerkondukt wie diesen hatte Wien seit dem Tod von Kaiser Franz Joseph nicht mehr gesehen. Tausende Neugierige säumten trotz Regen die Straßen, als am 2. September 1925 der tote General Franz Conrad von Hötzendorf vom Ring über die Mariahilfer Straße zum Hietzinger Friedhof getragen wurde. Nicht beeindrucken ließ sich der Führer der Sozialdemokraten, Otto Bauer, der am Tag des Begräbnisses im Parlament sein Urteil sprach: „Wenn man die Namen der fünf oder sechs Männer in ganz Europa nennen wird, die die persönliche Hauptschuld an dem Ausbruch des Krieges haben, so wird einer von diesen fünf oder sechs Männern der Feldmarschall Conrad sein.“

Dabei hatte der alte Mann, der von 1906 bis 1917 fast durchgehend Generalstabschef der k.u.k. Armee gewesen war, in den letzten Jahren seines Lebens alles ihm Mögliche getan, um dieses Urteil in der Nachwelt nicht entstehen zu lassen. Täglich saß er an seinem Schreibtisch, um alles niederzuschreiben, um die zu widerlegen, die ihm Kriegstreiberei und militärisches Unvermögen vorwarfen und ihm die Schuld für den Tod von Millionen auf die Schultern luden. Die Welt, für die er stand, die alte österreichisch-ungarische Monarchie und die kaiserlich-königliche Armee, war untergegangen, er stand vor den Scherben seines Lebenswerks. So schrieb er unermüdlich Seite für Seite, um zu retten, was noch zu retten war.

Emotionaler Nonkonformist.
Ein typischer österreich-ungarischer Offizier des Fin de Siècle, wie ihn Karl Kraus in den „Letzten Tagen der Menschheit“ satirisch persifliert, war Conrad gar nicht. Die Literaten der Zeit hatten gar keine Ahnung, wie Conrad wirklich war. Der äußerlich schmächtige, aber drahtige Mann, spät geadelt und daher in Wien nur „zweite Gesellschaft“, war ein impulsiver, emotionaler Nonkonformist, dem Intrige fremd war und der bis zur Indiskretion offen war, auch auf das Risiko hin, seiner Karriere zu schaden.

Die obligatorischen gesellschaftlichen Verpflichtungen bei Hofe waren dem Traditionsverächter ein Gräuel, der Erzkatholizismus dort ebenfalls: „Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst. Als Soldat muss ich ihn aber umbringen. Eine Heuchelei!“ Der Konflikt mit den echt Konservativen wie dem alten Kaiser und dem Thronfolger Franz Ferdinand war da durchaus vorprogrammiert. Doch sie kamen um Conrad von Hötzendorf nicht herum.


Kriegspsychose.
Nach der militärischen Ausbildung erwarb er sich durch Publikationen den Ruf, ein brillantes taktisches Genie zu sein. Offiziere, die er als Lehrer an der Kriegsschule unterrichtete, die dann unter ihm dienten, vergötterten ihn bedingungslos, er galt als Retter einer morschen Armee, die der Modernisierung bedurfte. Die Stationen seiner militärischen Laufbahn muten heute an wie eine Nostalgiereise durch die alte Monarchie: Troppau, Lemberg, Olmütz, Triest. Sein gutes Verhältnis zu Franz Ferdinand sicherte einen stetigen Weg in der Armeehierarchie nach oben. 1906 wurde er, 54 Jahre alt, vom Kaiser offiziell zum Generalstabschef ernannt. Selbstzweifel, ob er für dieses Amt befähigt sei, ließen ihn nie los, schon gar nicht bei den vielen depressiven Anfällen, die ihn plagten und die durch seine frühe Witwerschaft verstärkt wurden. Seine Frau starb 44-jährig an Magenkrebs, er zog vier Söhne groß.

Und dann war er doch auch wieder ein typisches Kind seiner Zeit. Militärs in ganz Europa pflegten sich um die Jahrhundertwende in einer apokalyptischen darwinistischen Sprache zu äußern. Alle sprachen ständig von der großen „Konflagration“, für die man vorbereitet sein müsse, dem Bürger, vor allem dem Soldaten müsse der Siegeswille im erbarmungslosen Überlebenskampf der Staaten eingeimpft werden, dem Schwächeren drohe der unvermeidliche Niedergang. Conrad erkannte die innere Spaltung der Monarchie, daher müsse die Außenpolitik aggressiv geführt werden, um das Reich wiederzubeleben. Pazifismus sei ein Symptom gesellschaftlichen Niedergangs, philanthropische Träumer, die sich „unter die Unterröcke der verehrlichen Frau Suttner verkriechen“, verdienten Verachtung. In einem verletzlichen Staat wie dem krisenanfälligen Österreich-Ungarn war eine solche Haltung abenteuerlich.

„Im geeigneten Moment den Hieb führen“, ein Lieblingssatz von Conrad. Mit dieser Idee des Präventivkriegs nervte er ständig Kaiser und Regierung. Kriegspsychose 1908: Zeit, gegen Serbien loszuschlagen, 1911: die Idee eines Präventivkriegs gegen Italien, das bald den Irredentisten in die Hände fallen würde. Schön langsam glaubte man in Wien, Conrad von Hötzendorf habe vollständig den Verstand verloren.

Amour fou. Den hat er am 2. Jänner des Jahres 1907 in der Tat verloren. An diesem Schicksalstag saß der 54-jährige Witwer bei einem Diner als Tischnachbar neben der attraktiven Gina von Reininghaus, verheiratet, 27 Jahre alt, sechsfache Mutter. Wenige Tage später machte er der Ehefrau eines wohlhabenden Industriellen, eines Abkömmlings der steirischen Bierbrauerdynastie, seine Aufwartung in ihrer Wohnung in der Operngasse 8. Und von da an kam er immer wieder, mindestens zweimal die Woche, gestand ihr seine Verehrung.

Die Schmeicheleien kamen gut an, aber als er nach wenigen Wochen mit dem Geständnis herausrückte, er habe nur einen Gedanken, nämlich sie zu seiner Frau zu machen, war sie denn doch schockiert und wies ihn ab. Er gab nicht auf, missachtete jede gesellschaftliche Konvention und Geheimnistuerei und entlockte ihr im Mai das Geständnis, die Liebe zu Ehemann Hans sei erkaltet. Jetzt begann die Offensivtaktik, für die der Militärtheoretiker Conrad berühmt war, erst richtig: Er schrieb unzählige Liebesschwüre in sein Tagebuch und verfasste 3000 Briefe an Gina, manche davon hatten sechzig Seiten und waren so direkt, dass er gar nicht wagte, sie abzuschicken. Vermutlich hat ihn Gina Ende 1908 endgültig erhört, der Generalstabschef wirkte körperlich fit und strahlte ein Charisma aus, dem die Frau zu erliegen begann. Ehemann Hans von Reininghaus nahm die Gelegenheit wahr, um seinen außerehelichen Liebschaften nachzugehen, Conrad störte da nicht, im Gegenteil.

Die Amour fou des Generals ist jüngst durch Christopher Clarks Bestseller „Die Schlafwandler“ wieder unter die Leute gekommen. Der Historiker meint, dass man die Bedeutung dieser Beziehung gar nicht hoch genug veranschlagen könne. Sie stand ab nun im Zentrum seines Lebens, gewann zwanghaften Charakter und verdrängte alle militärischen und politischen Fragen. Conrad scheint sich in die Rolle eines siegreichen Kriegshelden hineinimaginiert zu haben, der wie ein mittelalterlicher Minne-Ritter seiner Geliebten den Lorbeerkranz des Siegers vor die Füße breite und auf diese Weise die hinderlichen gesellschaftlichen Schranken aus dem Weg räume. Monomanische Fixiertheit eines typischen Fin-de-Siècle-Mannes also, sowohl in seinem Liebesleben als auch in seiner geopolitischen Aggressivität.

Fatalismus.
Inzwischen war Conrad Haupt einer „Kriegspartei“ geworden, er intensivierte sein Drängen auf eine militärische Option gegen Serbien und beklagte die Untätigkeit von Kaiser und Thronfolger. Eigentlich sei das Schicksal der Monarchie schon entschieden, nichts habe man aus Solferino und Königgrätz gelernt, die Bestimmung von Land und Armee werde wohl sein, ruhmvoll unterzugehen.

Das Attentat vom Juni 1914 war für ihn folgerichtig nicht die Tat eines fanatisierten Einzelgängers, sondern eine Kriegserklärung Serbiens. Conrad sah jetzt in seinem typischen Fatalismus alles richtig voraus: Russland werde als Beschützer Serbiens eingreifen, „es wird ein aussichtsloser Kampf werden, dennoch muss er geführt werden, da eine so alte Monarchie und eine so glorreiche Armee nicht ruhmlos untergehen können“. So kam es dann auch. Ein auf ein beschränktes Ziel ausgerichteter Krieg, die Ausschaltung Serbiens, eskalierte zu einem Krieg in ganz Europa.

Conrads Aufmarschplan erwies sich als schlecht, weil Russland schneller als erwartet mobilisierte und Truppenteile vom Balkan nach Galizien umdirigiert werden mussten. Schon im September war die Situation auf den Schlachtfeldern verzweifelt, Conrads Lieblingssohn Herbert kam ums Leben, Mitte des Monats hatte er bereits eine halbe Million Männer verloren, und Russland setzte sich in Galizien fest. Trotzdem schrieb er jede Nacht lange Briefe an Gina („Ich sehne mich krank nach dir“), der entsetzliche Gedanke: Wenn ich im Krieg scheitere, verliere ich auch diese Frau. Conrad mied die schaurige Karpatenfront, zunehmend verlor er den Kontakt zu seinen Soldaten, Gina kam in das komfortable Hauptquartier nach Teschen, das gab dann den Ausschlag: Reininghaus ließ sich scheiden. Endlich konnten sie heiraten, Gina führte sich in Teschen auf wie eine Society-Königin.

Nach den Rückschlägen im Sommer 1916 glaubte Conrad nicht mehr daran, dass die Doppelmonarchie zu retten war. Im Sommer 1918 begann die alte Ordnung in Europa endgültig zusammenzubrechen und damit alles, was für Conrad von Bedeutung gewesen war.

Seine Kriegstreiberei hatte mit dazu beigetragen. Seine offizielle Pensionierung erfolgte am 1. Dezember 1918, da gab es keinen Kaiser, keine Armee und kein Österreich-Ungarn mehr. Conrad übernahm nie die Verantwortung für die Katastrophe. Gina lebte nach dem Tod ihres Mannes noch 36 Jahre, bis sie mit 82 starb. Sie hat nicht mehr geheiratet.

BUCHTIPPS

Wolfram Dornik: Des Kaisers Falke. Studien Verlag 2013.

Lawrence Sondhaus: Franz Conrad von Hötzendorf – Architect of the Apocalypse. Central European Studies 2000.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2014)

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