Zeugen des Grauens: Handgefertigte Glasaugen

Auf der Schallaburg ist Europas größte Ausstellung über den Ersten Weltkrieg ab sofort zu besichtigen. In einem „Konfliktlabor“ kann der Besucher seine eigenen Emotionen erproben.

ERSTER WELTKRIEG: AUSSTELLUNG 'JUBEL & ELEND. LEBEN MIT DEM GROSSEN KRIEG 1914-1918'
ERSTER WELTKRIEG: AUSSTELLUNG 'JUBEL & ELEND. LEBEN MIT DEM GROSSEN KRIEG 1914-1918'
ERSTER WELTKRIEG: AUSSTELLUNG 'JUBEL & ELEND. LEBEN MIT DEM GROSSEN KRIEG 1914-1918' – APA/HERBERT PFARRHOFER

Wie war es möglich, dass Gesellschaften, die sich im Frühjahr 1914 derart zivilisiert gaben, in einen Krieg schlitterten, der in unglaublicher Brutalität endete? Wie konnten sich Hass, Abscheu, Kriegsbegeisterung so aufschaukeln, dass selbst friedliebende Schriftsteller das hohe Lied vom Krieg als „reinigendes Gewitter“ priesen? Und: Wie konnten die Menschen dieses über vier Jahre andauernde Kriegsgeschehen durchhalten? Welche Teile der Gesellschaft, des Militärs und der Politik waren Träger des Systems? Wer und welche Ideen beziehungsweise Entwicklungen boten neue Perspektiven und gaben Hoffnung oder nährten die Friedenssehnsucht?

Diesem Rätsel für uns Heutige versucht die neue Großausstellung auf der niederösterreichischen Schallaburg auf den Grund zu gehen. Ab heute, Samstag, sind hier rund 1500 Exponate zu besichtigen, im wahrsten Sinn des Wortes zu begreifen. Es handelt sich um die größte Ausstellung in Europa zum Ersten Weltkrieg, wie das achtköpfige Wissenschaftlerteam um den Historiker Christian Rapp stolz betont.

In Zeiten von Wikipedia und Google hat das dreidimensionale Exponat wieder an Zugkraft gewonnen, wie der Besucher unschwer feststellen wird. Aber es geht um mehr als um eine bloße Darstellung des ersten maschinell geführten Krieges in der Menschheitsgeschichte – in einem „Konfliktlabor“ werden wir mit uns selbst konfrontiert: Wie entwickelt sich in unserem Innersten eine Auseinandersetzung zu Abwehr, dann zu Wut und letztlich zu blindem Hass?

 

Die Armee als „Erzieherin“

Doch zunächst der Rundgang durch das Renaissanceschloss, das heuer den 40. Jahrestag seiner umfassenden Revitalisierung feiert. Es beginnt ganz harmlos: Geht es dem Militär gut, geht es auch dem Staat gut – so die trügerische Annahme in allen Staaten der Welt 1914. Die eigene Armee werde das Erreichte schon sichern, die Nation schützen. Stefan Zweig nennt in genialer Verkennung der Situation die kaiserlich-königliche Armee die „große Erzieherin des Volkes“.

Der Streit um Kolonien, ständige Krisen auf dem Balkan und ein größenwahnsinniges Wettrüsten zu Wasser und zu Lande lässt bald die Hellsichtigeren ahnen: Ein Krieg wird kommen. Bald. Aber wie soll der aussehen? Die Strategen und Staatsmänner dachten damals noch in den Klischees von 1870. Einmal ein kurzer Feldzug, dann ein Sieg oder eine Niederlage – einerlei. Danach ein Friedensschluss. Und damit wären die latenten Spannungen wieder für eine Generation aufgelöst.

Es kommt ganz anders. Im „Sarajevo-Raum“ ist ein Browning-Revolver unübersehbar: die Waffe, die man einem der Attentäter nach dem Mord an Franz Ferdinand und Sophie abgenommen hat. Die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien löst eine Bündnisdynamik aus, die Europa binnen weniger Wochen in ein Flammeninferno verwandelt und sich letztlich zu einem globalen Konflikt ausweitet. Die Exponate von insgesamt 140 Leihgebern beweisen anschaulich, was mit dem Titel der Ausstellung ausgedrückt werden soll: „Jubel & Elend“.

Viel zu jubeln gibt es nicht. Schon im ersten Jahr des Feldzuges erweist sich die stolze k.u.k. Armee im Osten der Herausforderung nicht gewachsen. Ohne deutsche Hilfe wäre der Krieg bald zu Ende. Die Soldaten – und das entsetzte Hinterland – erleben Massentod, Erfrierungen, Verstümmelungen, Typhus-, Ruhr- und Choleraepidemien, Kälte, Nässe, Läuse – aber auch Routine. Warten und Langeweile. Die Heimatfront stickt inzwischen mit Kreuzstich: „Lieber Gott mit güt'ger Hand / behüt unsern Vater im Feindesland.“ Oder sie himmelt den deutschen Quasi-Militärdiktator Paul von Beneckendorff und Hindenburg an. Bis nach Papua-Neuguinea pflanzt sich sein Ruhm fort: Dort wird ein neu entdecktes Streifenbeuteltier nach ihm benannt.

Und die Kinder freuen sich an diversem Kriegsspielzeug, für sie ist es Unterhaltung und Ablenkung, wenn sie einen Eisernen Wehrmann benageln dürfen. Doch Spiel ist das alles längst nicht mehr. Die Kriegsmedizin ist längst überfordert, es mangelt an Verbandsmaterial, an Heizmaterial, an der Grundversorgung. Schaurig die primitiven Handprothesen, nicht minder die nach Maß handgefertigten Glasaugen. Dazu ein Kästchen für den Feldscher mit Messer, Nadeln und Blattsäge. Jeder zweite Tote in diesem Krieg ist noch keine dreißig Jahre alt. 1918, als das Schlachten ein Ende aus Erschöpfung nimmt, liegt das Durchschnittsalter der Gefallenen bei 19 Jahren.

Wie dies alles verarbeiten? Das ist kein fröhlicher rascher Sonntagsausflug auf die Schallaburg. Eher eine nachdenkliche Wanderung durch die Welt unserer Altvorderen und deren Nöte. Denn mit dem Ersten Weltkrieg beginnt ja auch das lange 20. Jahrhundert der Wanderungen, der Vertreibungen, der Unsäglichkeiten, die wenig später folgen sollten. Diese Geschichte hat in Wahrheit noch kein Ende gefunden.

„Jubel & Elend“ – Die Ausstellung auf der Schallaburg läuft ab heute, Samstag, bis zum 10. November 2014.

 

www.schallaburg.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2014)

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