"Zwei Familienarchive": Im Dialog mit den Erben der NS-Mörder

Shimon Lev, Sohn des einzigen Überlebenden einer jüdischen Familie, und Friedemann Derschmidt, der aus einer österreichischen Familie mit Nazi-Vergangenheit stammt, stellen gemeinsam in Tel Aviv aus."

(c) Shimon Lev

Zwei Künstler – eine Ausstellung. Beide sind um die 50, beide beschäftigen sich obsessiv mit der eigenen Familiengeschichte und für beide spielt der Holocaust eine zentrale Rolle in ihrer Kunst. Ein Israeli und ein Österreicher. Der eine ist Sohn des einzigen Überlebenden einer jüdischen Familie, der andere stammt aus einer angesehenen österreichischen Großfamilie, in der es, wie er selbst sagt, „eine ganze Reihe aktiver und begeisterter Nazis gab“. Diese Woche eröffnen Shimon Lev und Friedemann Derschmidt ihre Ausstellung „Zwei Familienarchive“ in Tel Aviv.

Es ist nicht die erste gemeinsame Ausstellung. Bereits im Frühjahr letzten Jahres gingen die beiden in der Ausstellung „Laboratorium Österreich“ (im Rahmen des FWF-Projekts „Memscreen“ an der Akademie der bildenden Künste) ihren Familiengeschichten nach. Diesmal begeben sich die beiden Künstler mit ihren „diametral entgegengesetzten Vergangenheiten“, wie es im Katalog zur Ausstellung heißt, auf eine Gratwanderung. Nicht nur bei der gemeinsamen Arbeit stoßen sie an Grenzen. Lev muss außerdem Kritik in Israel hören für das gemeinsame Projekt mit dem Österreicher, der auf eine so düstere Familiengeschichte zurückblickt...

Den offensichtlichen Schnittstellen der beiden zum Trotz überwiegen die Unterschiede. „Wie weit wage ich mich vor im Dialog mit den Erben der Mörder?“, fragt Lev. Auf den Spuren seines Vaters, der als Wilhelm Löw 1922 in Wien zur Welt kam, reist der Israeli nach Österreich. Er prangert die „falschen Narrative“ an, mit denen in dem Land, aus dem einst Hitler kam, die Nazizeit erinnert werde. „Österreich ist nicht leicht für mich.“ Ein Selbstporträt zeigt ihn nackt hinter einem Vorhang in seinem Wiener Gästezimmer. „Ich verstecke mich vor den Nazis“, lacht er bitter. Mit einem Videozusammenschnitt, in dem die beiden Künstler in der Ich-Form jeweils die Geschichte des anderen erzählen, sei er an seine Grenzen gestoßen.

Die Narrative und das Schweigen über das, was in den düsteren Jahren der Nazizeit und schon davor in seiner Familie geschah, sind es, was Friedemann Derschmidt antreiben. „Wie beeinflusst die individuelle und die kollektive Geschichtserzählung unsere Identitäten?“, fragt er. „Worin gleichen sie sich und wo sind die Unterschiede?“ Die Konfrontation mit der Geschichte der Familie, die in Österreich „als etwas Besonderes galt“, begann Anfang der Neunzigerjahre. Damals brannte in Rostock ein Asylantenheim. Für Derschmidts Großtante waren die neofaschistischen Angriffe zu viel. Sie begann zu erzählen. „Wir saßen 17 Stunden zusammen“, erinnert sich Derschmidt. Er war 25 Jahre alt und lauschte den Geschichten der einst begeisterten BDM-Führerin. „Das war das Schlüsselerlebnis“, mit dem seine Recherche begann.

 

Eugeniker mit neun Kindern

Derschmidt zeichnete Gespräche auf. „Ich ließ mir die frühen Kindheitserinnerungen schildern.“ Er ging in die Archive und richtete schließlich einen familieninternen Weblog ein, den „Reichel-Komplex“, wie er später das Projekt nennt, in den inzwischen 90 seiner Verwandten ihre Erinnerungen einspeisten. Er sammelt und füllt einen Aktenordner nach dem anderen. „Ich habe viel Material, viele Mitschnitte von Interviews auch mit der Tätergeneration“, sagt er. Ein weiterer Unterschied zu Lev. Das „Familienarchiv“ des Israelis umfasst nur ein paar Dutzend Briefe, die ihm von den Eltern und der Schwester seines Vaters geblieben sind, und genauso viele Fotos. „Ich kann nicht einfach hingegen und meine Großmutter interviewen“, sagt Lev, „denn die wurde ja ermordet.“

Derschmidts Recherche setzt lange vor der Machtergreifung Hitlers an. Sein Urgroßvater Dr. Heinrich Reichel, dem Namensgeber des Weblog-Projekts, war anerkannter Universitätsprofessor und Eugeniker. Beispielgebend für sein Forschungsanliegen zeugte er selbst neun Kinder und machte sie zum Objekt seiner Untersuchungen. Wer die Ausstellungsräume in Tel Aviv betritt, steht nach wenigen Schritten vor einer Wand mit zahllosen Fliegen und Dutzenden alten Kinderfotos – beide waren Forschungsobjekte von Dr. Reichel. „Wir“, die Großfamilie Reichel-Derschmidt, so sagt der Künstler, „sind das Ergebnis eines Experiments. Wir sollten es evaluieren.“

Dabei interessiere ihn die Genetik herzlich wenig. „Es geht um die Ideologie, die immer wieder weitergetragen wird.“ Da gebe es noch immer ideologisch Infizierte in seiner Familie, ein Onkel leugne den Holocaust. Es sei „eine Spiegelung“ dessen, was sein Urgroßvater machte. Derschmidt betreibt „Familienforschung“. Er lässt sich helfen, greift auf Historiker zurück. Sein persönliches Projekt könne „als Modell dienen“. Er nennt seine Methode selbst „art-based research“.

Beide Künstler empfinden die Ausstellung keineswegs als historische Arbeit. „Es geht um heute“, meint Derschmidt. Ebenso habe ihre Kunst nur indirekt etwas mit dem Holocaust zu tun, stattdessen gingen beide der Frage nach, „was wir und was unsere Familien mit ihrer Vergangenheit machen“. Lev, der noch bis zum 20.Juli in Graz im Rahmen einer Einzelausstellung verstärkt auch seiner neueren Familiengeschichte nachgeht, sucht nach anderen, neuen Ansätzen zum Umgang mit dem Holocaust. Ein zentrales Element seiner Ausstellung ist die filmisch dokumentierte Brieflesung, die er in dem Haus in Berlin inszeniert, in dem sein Vater die letzten Wochen mit seiner Familie verbrachte. Lev lässt die Leute, die heute in dem Haus wohnen, die Briefe von Wilhelms Eltern und der Schwester lesen.

„Two Family Archives“, Shimon Lev und Friedemann Derschmidt: P8 Gallery, Tel Aviv, bis 9.August.

 

„Objects Of Memory“, Shimon Lev: Kulturzentrum bei den Minoriten, Graz, bis 20.Juli

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2014)

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