Das kurze Leben von Bretton Woods

Im Juli 1944 wurde im amerikanischen Bretton Woods erstmals in der Geschichte ein formelles internationales Geldsystem geschaffen. Es hielt nur 25 Jahre lang.

US-NIXON-RESIGNATION 3
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Richard Nixon – EPA

Das Jahr 1944 verbrachte der spätere US-Präsident Richard Nixon als Navy-Offizier auf der Insel Bougainville, nordöstlich von Australien. Über seine Kriegserfahrungen ist nicht viel bekannt. In später veröffentlichten Briefen an seine Frau Patricia berichtete Nixon bloß von seinen Erfolgen beim Kartenspielen: „Liebste, du fragst wie viel der 675 Dollar aus Pokergewinnen stammen. Alles! Ich habe inzwischen sogar mehr als tausend gewonnen.“

Im selben Jahr stritten die Ökonomen Harry Dexter White und John Maynard Keynes im Mount Washington Hotel in Bretton Woods im US-Bundesstaat New Hampshire über die Zukunft der Welt. Genauer: über die Frage, wie das Geldsystem der Zukunft aussehen soll. Sie waren freilich nicht allein. Genau 730 Delegierte aus allen 44 Ländern der Alliierten waren von 1. bis 22.Juli 1944 in dem Hotel einquartiert. Aber White, der im Auftrag des US-Finanzministeriums dort war, und Keynes, der die britische Regierung vertrat, waren die mit Abstand wichtigsten Personen.

„Barbarisches Relikt“. Beide hatten einen Plan mitgebracht und waren eng in die zwei Jahre andauernden Vorbereitungen für die Konferenz eingebunden. Keynes repräsentierte das Imperium der Vergangenheit: Großbritannien. White sprach für die Supermacht der Zukunft: die Vereinigten Staaten. Und obwohl bis heute gern behauptet wird, dass das Bretton-Woods-System von Keynes entworfen wurde, war es White, der sich durchsetze.

Man mag es kaum glauben, aber die Konferenz im Sommer 1944 war der allererste Versuch, ein formelles internationales Geldsystem zu etablieren. In den Jahrhunderten davor basierten die Währungen fast immer auf Gold, Silber oder einer Kombination der beiden Metalle. Die Etablierung des klassischen Goldstandards, der bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs galt, wird meist mit 1717 datiert.

Der damalige Münzmeister Englands Sir Isaac Newton erließ eine Neubewertung des Verhältnisses zwischen Gold und Silber, was das zweite Metall aus dem Umlauf verdrängte und de facto den Goldstandard etablierte. Die übrigen Länder folgten im Laufe der Jahrzehnte – ohne große Konferenz. John Maynard Keynes wird gern mit der Aussage zitiert, der Goldstandard wäre ein „barbarisches Relikt“.

Dabei wird aus heutiger Sicht aber vergessen, dass ein Geldsystem ohne eine gewisse Bindung an Gold den Ökonomen der damaligen Zeit komplett unvorstellbar war. Tatsächlich waren sich Keynes und Harry Dexter White in diesem Punkt einig: „Beide sahen Gold eine monetäre Rolle spielen“, schreibt Benn Steil in seinem Buch „The Battle of Bretton Woods“. Was herauskam, war ein System, in dem nur noch die US-Währung an Gold gebunden war – und die übrigen Währungen zu einem fixen Kurs an den Dollar. Es war eine Art Goldstandard light. Nur ausländische Zentralbanken konnten ihre Dollar in Gold tauschen. Den Amerikanern war der private Goldbesitz sogar verboten. Keynes dachte aber noch viel weiter. Er wollte eine Weltwährung schaffen, den Bancor. Damit sollte verhindert werden, dass eine einzelne Nation ihre Vormachtstellung auf dem Währungsmarkt missbrauchen kann. Die Logik der Briten war simpel: Wenn wir die Weltwährung nicht mehr ausgeben, dann soll es auch keine andere Nation dürfen. Der Amerikaner White war naturgemäß anderer Meinung. Keynes Idee wurde aber nicht vollkommen verworfen. Auf der Konferenz in Bretton Woods wurden auch der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Vorgängerin der Weltbank geschaffen.

Der IWF ist seither Herr über die sogenannten Sonderziehungsrechte, eine Esperanto-Währung, die sich aus einem Korb anderer Währungen zusammensetzt. Diese Sonderziehungsrechte hätten theoretisch das Potenzial, zu einer Weltwährung ausgebaut zu werden. Seit der Krise von 2008 wird diese Idee auch immer wieder vorgebracht. Da aber die USA ihre Sperrminorität im IWF nicht aufgeben wollen, die man sich in Bretton Woods gesichert hat, wird es wohl nicht dazu kommen. Die Etablierung des Euro und der Aufstieg Chinas haben Keynes Plan von der Weltwährung zusätzlich obsolet gemacht.


Neun Jahre. Aber auch Whites Erfolg war nicht so nachhaltig wie man glauben mag – auch wenn der Dollar bis heute die Weltwährung Nummer eins ist. Tatsächlich war das System von Bretton Woods nur „relativ kurz“ in Verwendung, schreibt der US-Ökonom Michael D. Bordo. Demnach sei das System nur von 1958 bis 1968 im Vollumfang aktiv gewesen: neun Jahre lang. 1968 brach das Londoner Goldpool zusammen, dessen Aufgabe es war, den Goldpreis so zu manipulieren, dass er dem fixen Wechselkurs des Dollar zum Gold entsprach: 35 Dollar pro Unze. Und selbst, wenn man von 1946 an rechnet, als das Bretton-Woods-System der festen Wechselkurse eingeführt wurde, hat es nur 25 Jahre lang gehalten. Denn dann kam Richard Nixon.

Nach dem Kollaps des Londoner Goldpools gab es zwei Goldpreise: den freien Marktpreis und den fixen Dollar-Preis. Die US-Regierung konnte ihre ausländischen Partner 1971 aber nicht mehr länger davon abhalten, große Mengen Dollar in Gold zu tauschen. Es kam zu einem Bank Run. Am 15.August 1971 hielt Präsident Richard Nixon eine Fernsehansprache und erklärte, er werde die Eintauschbarkeit des Dollar in Gold „vorrübergehend“ aufheben. De facto erklärte er damals die Zahlungsunfähigkeit der Vereinigten Staaten – aber der Rest der Welt akzeptierte die Entscheidung. Es stand zu viel auf dem Spiel.

Denn was auf den Nixon Shock folgte, wäre fast in eine globale Finanzkatastrophe ausgeartet. Der US-Dollar wertete gegenüber wichtigen ausländischen Währungen wie der Deutschen Mark rapide ab. Die Fernsehnachrichten berichteten von amerikanischen Touristen, deren Dollar in Tokio nicht mehr akzeptiert würden.

Aber die ultimative Katastrophe blieb aus. Nixon unternahm einen letzten Versuch, das Bretton-Woods-System zu retten. Im Rahmen der G10 wurde 1971 das Smithsonian Agreement vereinbart, der Dollar wurde um acht Prozent abgewertet. Nixon nannte die Vereinbarung damals „das wichtigste monetäre Abkommen in der Geschichte“. Er lag extrem daneben. Nach nur zwei Jahren kollabierte auch das Smithsonian Agreement. Die Wechselkurse der Währungen wurden zur freien Fluktuation freigegeben. Seitdem nutzt die ganze Welt Währungen, die nicht an ein Metall gebunden sind (Fiat Money – von lat. fiat: Es werde Geld).


Heute gibt es kein System. Was folgte, nannte der französische Ökonom Jacques Rueff, der auch das Ende von Bretton Woods vorhergesagt hatte, das „Zeitalter der Inflation“. Nach dem Ende von Bretton Woods schoss der freie Goldpreis auf mehr als 800 Dollar– bevor der damalige Chef der US-Zentralbank Paul Volker den Dollar durch eine dramatische Zinsanhebung wieder stabilisieren konnte. Ein formelles Geldsystem existiert seit 1973 gar nicht mehr, der Dollar konnte seine Rolle als Weltreservewährung aber weiter behalten – auch weil es in den 1970ern keine echte Alternative gab. Erst mit der Einführung des Euro 1999 wurde wieder ein neues Kapitel aufgeschlagen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2014)

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