Die ersten Toten des Ersten Weltkriegs

Etwa 17 Millionen Menschen starben in dem Weltenbrand, der sich ab 28. Juli 1914 aus dem Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Serbien heraus entwickelte. Wer aber waren seine ersten Opfer? Eine Spurensuche.

Serbische Opfer bulgarischer Besatzung
Serbische Opfer bulgarischer Besatzung
Serbische Opfer bulgarischer Besatzung – Archiv

Es war an einem wunderschönen Sonntagvormittag, die Sommersonne hing schon hoch am Himmel, es war warm und die Wiesen waren fett und grün und nur ein paar Kilometer entfernt im Süden wölbten sich die dunkelschaumig bewaldeten Hügel an der Grenze zur Schweiz, da hauchte der Reiter mit dem zerborstenen Kopf und durchschossenen Bauch auf der Landstraße neben dem Bauernhof sein Leben aus.

Es war ein deutscher Kavallerieleutnant, der mit einem kleinen Trupp aus dem damals deutschen Elsass heraus nach Frankreich hinein geritten war, auf Patrouille, das war am 2. August 1914, der Krieg war schon sehr, sehr nah. Ein paar hundert Meter östlich eines Dorfs namens Joncherey, beim Bauernhof der Familie Docourt, stießen die Reiter auf einen französischen Vorposten.

Der Leutnant im graugrünen Waffenrock und mit dem schwarzen preußischen Dragonerhelm mit Adler auf dem Kopf zückte Säbel und Revolver, ritt im Galopp auf einen französischen Soldaten zu, der sich ihm in den Weg stellte. Dreimal schoss der Reiter, traf mit einer Kugel den Franzosen, der sein Gewehr fallen ließ, doch dieser hatte zurückgeschossen, auch seine Kameraden hatten das Feuer auf die Angreifer eröffnet, und da sackte der Leutnant plötzlich auf dem Pferd zusammen, kippte herab auf die Straße und verschied. Blut floss aus Bauch und Kopf, darüber ein blauer Himmel.

22 und schon tot

22 Jahre alt war er geworden. Und jetzt, um 9 Uhr 59 an diesem herrlichen Sommersonntag, die Franzosen notierten das genau, war er tot - als einer der allerersten Soldaten im Ersten Weltkrieg.

Ungefähr zehn Millionen Soldaten und sieben Millionen Zivilisten kamen im Zuge dieser weltweiten Auseinandersetzung ums Leben, durch unmittelbare Kriegseinwirkung, Krankheiten, Hunger und so fort, und irgendwie sind, rein gefühlsmäßig, die ersten und die letzten Opfer jedes Krieges die bedauernswertesten.

Doch wer waren 1914, vom am 28. Juni in Sarajewo ermordeten österreichischen Thronfolgerpaar Franz Ferdinand und Sophie abgesehen, die ersten Toten des beginnenden Weltenbrands, der formal, als anfangs bilateraler Krieg, mit der Übermittlung der Kriegserklärung der k.u.k.-Monarchie an Serbien (das geschah telegrafisch im Umweg über Rumänien) am Nachmittag des 28. Juli begann und binnen Tagen eskalierte?

Militärkarte Österreich-Ungarn, Einteilung in Korpskommandos
Militärkarte Österreich-Ungarn, Einteilung in Korpskommandos
Militärkarte Österreich-Ungarn, Einteilung in Korpskommandos – Wikipedia

Klar, naheliegenderweise waren es Serben und/oder Bürger Österreich-Ungarns, aber wer und wo genau? Die Antwort ist schwer zu finden, es wurde nicht überall präzis Buch geführt, Dokumente gingen verloren, jedes Volk strickte seine eigenen Heldengeschichten. Ohne sich auf wochenlange Studien einlassen zu können, legen vorliegende Quellen indes nahe: Die ersten Toten waren zwei österreichische Zivilisten, dicht gefolgt von einem bewaffneten Mitarbeiter der serbischen Eisenbahn.

Am Anfang standen dabei angeblich noch eher harmlose Schüsse: In einem in der Zwischenkriegszeit in Deutschland in mehrfacher Auflage erschienenen Buch namens „Tatsachen und Zahlen aus dem deutschen Ringen 1914/1918" heißt es, ein Korporal der k.u.k.-Armee, dessen Name nur mit „Petranaye" angegeben wird, habe am 28. Juli, einem Dienstag, gegen 19 Uhr auf ein serbisches Wachboot auf der Save oder Donau bei Belgrad gefeuert.

Das magyarische Regiment vor Belgrad

Der Korporal war demnach im Infanterieregiment Nr. 68 „Freiherr von Reicher", das war eine fast gänzlich magyarische Truppe, die in Semlin stationiert war - das ist heute der Belgrader Bezirk Zemun nördlich der Save an deren Mündung in die Donau. Damals war Semlin in der ungarischen Reichshälfte der Monarchie.

Einheiten des erwähnten Regiments hatten am Abend des 28. Juli auf einer unbebauten Insel in der Savemündung (heute: Große Kriegsinsel bzw. Veliko Ratno Ostrvo) direkt gegenüber der Belgrader Festung Kalemegdan Position bezogen, darunter war angeblich der erwähnte Korporal.

Allerdings: Der Name „Petranaye" ist im Ungarischen unbekannt, er lässt sich nicht einmal bei einer Recherche im Internet in einem anderen Zusammenhang, etwa als Name einer lebenden Person, finden. Möglicherweise war „Peter Nagy" gemeint und der Autor des erwähnten Buches hat ihn falsch abgeschrieben, wie auch immer: Jedenfalls scheint der Name dieses Korporals, wenn nicht die ganze behauptete Geschichte, doch etwas zweifelhaft.

Serben beschießen Schiffe

Später in der Nacht wurde es jedenfalls Ernst - und diesfalls schritten wohl zuerst Serben zur Tat: Gegen 23 Uhr fuhren mehrere zivile Frachtschiffe der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft an Belgrad vorbei, möglicherweise begleitet von einem Flusskanonenboot der Donauflotille namens SMS „Inn". Serbische Soldaten beschossen die Schiffe aus Gewehren und MGs - das wird auch von Mitarbeitern des Historischen Archivs Serbiens bestätigt. Es erwischte besonders den ungarischen Dampfschlepper „Alkotmány": Kapitän Karl Ebeling und Steuermann Michael Gemsperger (oder Gremsberger) kamen ums Leben. Der Zweite Steuermann brachte das beschädigte Schiff nach Semlin.

Von den Opfern weiß man indes nur, dass sie deutschsprachige Bürger Südungarns waren, wahrscheinlich Donauschwaben, und am nächsten Tag in Semlin beerdigt wurden - als erste Tote des Kriegs. Es ging dann aber rasch weiter: Kurz nach dem serbischen Angriff erwiderten Geschütze des ungarischen Feldkanonenregiments 38 aus Esseg (heute Osijek in Kroatien) von Semlin aus das Feuer, bald kreuzten auch mehrere Kanonenboote („Monitore") der Donauflotille auf: darunter die „Bodrog", „Temes" und „Szamos". Der zeitliche Beginn der nun einsetzenden Beschießung Belgrads wird unterschiedlich angesetzt, teils ist von kurz vor Mitternacht die Rede (das könnte für die Kanonen an Land gelten), die meisten Quellen geben indes den Zeitraum von etwa 01.00 bis 1.30 Uhr am 29. Juli an. Die Wiener „Österreichische Volks-Zeitung" schrieb am 1. August 1914: „Wenige Minuten vor ein Uhr morgens vernahm man in Semlin den ersten Kanonenschlag."

Beschuss Belgrads durch ein österreichisches Flusskanonenboot
Beschuss Belgrads durch ein österreichisches Flusskanonenboot
Beschuss Belgrads durch ein österreichisches Flusskanonenboot – Archiv

Aktuelle serbische Quellen nennen die „Bodrog" als Abschussort der ersten Granaten auf Belgrad. Das widerspricht freilich einer zeitlich früheren Beschießung durch Artillerie an Land. Zudem wird behauptet, dass die erste Granate der Bodrog in der Knez Mihailova (Fürst Michael)-Straße - Belgrads zentraler Prachtstraße und Flaniermeile - vis-à-vis des Hotels „Grčka Kraljica" (Griechische Königin) einschlug, ohne viel Schaden zu hinterlassen. Dass man diese Flugbahn aber im plötzlichen nächtlichen Chaos so genau eruieren konnte, ist fraglich. Zudem heißt es in österreichischen und interessanterweise britischen Quellen aus der damaligen Zeit, dass die ersten Artilleriegeschosse die Belgrader Festung, dortige Geschützbatterien und eine Kaserne getroffen hätten, worauf Brände ausbrachen.

Über Opfer an diesen Einschlagsorten ist, zumindest was die ersten Stunden der Beschießung betrifft, nichts bekannt; das lag wohl teilweise auch daran, dass viele Belgrader die Stadt im Vorfeld verlassen hatten und Geschosse daher keine Opfer fanden.

Handelsschüler und Held aus Montenegro

Der erste Tote auf serbischer Seite, das ist auch die vom offiziellen Serbien bis heute propagierte Version, soll jedenfalls ein junger Bursch gewesen sein, der an der industriell schönen, in Stahlkastenbauweise gefertigten Savebrücke zwischen Belgrad und Semlin fiel, zwischen Mitternacht und etwa 2.00 Uhr früh.

Irgendwann zwischen 1.30 Uhr und 2.00 Uhr sprengten nämlich serbische Pioniere diese Brücke, den im Grunde ersten richtigen Gefechtsort des Krieges. Es gab eine gewaltige Explosion, die halb Belgrad erzittern ließ. Die Sprengung war aber unvollkommen und die Brücke zu Fuß danach noch halbwegs benutzbar. Im Vorfeld und während der Aktion hatte es Schießereien zwischen Serben und ungarischen Brückenwachen gegeben, dabei fiel auf serbischer Seite ein gewisser Dušan Djonović. Der wird einerseits als Eisenbahnbediensteter von 16 Jahren beschrieben, andererseits auch als Schüler der Belgrader Handelsakademie; möglicherweise machte er beides.

Die gesprengte Brücke über die Save, ganz oben serbische Soldaten
Die gesprengte Brücke über die Save, ganz oben serbische Soldaten
Die gesprengte Brücke über die Save, ganz oben serbische Soldaten – Archiv

Sicher war er in dieser Nacht kein unbewaffneter Zivilist, denn serbische Zeitungen schrieben schon wenige Tage nach seinem Tod, dass Djonović, von dem es keine Fotos gab, dem aber heute in Serbien mehrere Denkmäler bzw. Gedenktafeln gewidmet sind, sich „mit einem Gewehr den Freiwilligen angeschlossen" habe. Im Übrigen sei er eigentlich ein Montenegriner gewesen.

Bei den erwähnten „Freiwilligen" handelte es sich übrigens um eine irreguläre Truppe, eine Tschetnik-Miliz des berühmten serbischen Warlords Jovan Babunski (1878-1920); der hatte zuvor in den Kriegen gegen Türken und Bulgaren gekämpft und sollte im kommenden Weltkrieg noch viel zu tun haben, bis er schließlich nach Kriegsende zu Gräueltaten etwa an Albanern und Bulgaren neigte und ihn am Ende die Grippe dahinraffte.

Jovan Babunski, Dritter vorne rechts, und Genossen
Jovan Babunski, Dritter vorne rechts, und Genossen
Jovan Babunski, Dritter vorne rechts, und Genossen – Archiv
Auf Seiten der Truppen des alten Kaisers Franz Josef sollte es bis zum ersten Gefallenen aber auch nicht lange dauern. Hier werden von offizieller Seite allerdings gleich zwei Namen von Männern des erwähnten ungarischen Regiments Nr. 68 ins Spiel gebracht: Einerseits der Infanterist István Balogh II., der bei dem nächtlichen Gefecht an der Savebrücke erschossen wurde. Sein Name steht auf einem Mausoleum auf dem Neuen Belgrader Friedhof im Bereich der Gräber für die Gefallenen der k.u.k.-Monarchie, dort legen Diplomaten und Militärs vieler Nachfolgestaaten der Monarchie jedes Jahr Kränze nieder, wie auch Ungarns Außenministerium auf seiner Homepage berichtet.

Ungarische Unstimmigkeiten

Allerdings sehen das die ungarischen Streitkräfte anders: Auf deren Website (www.honvedelem.hu bzw. www.hungariandefence.com) ist von einem Soldaten namens Pál Kovács (und zwei anderen, doch ungenannten) die Rede. Kovács wurde demnach 1892 in der Kleinstadt Abádszalók im heutigen Ostungarn geboren und hatte 1913 seinen Militärdienst begonnen. Bei seinem Sterbebucheintrag finden sich die Worte „Der erste Gefalle des Ersten Weltkriegs", lokale Historiker von Abádszalók berichten, dass unmittelbar nach der Brückensprengung (die wird allerdings mit 0.30 Uhr angesetzt) der Wachkommandant an der Nordseite der Savebrücke die Soldaten Pál Kovács und Gábor Bíró losgeschickt habe, um Munition zu holen. Die Serben hätten heftig über den Fluss geschossen und Kovács, der einen Patronenkasten trug, schließlich in den Kopf getroffen.

Freilich behauptet dieser ungarische Bericht, von der abweichenden Zeitangabe der Brückensprengung abgesehen, auch, die Serben hätten auf ihrer Seite der Brücke in diesen frühen Morgenstunden gar keine Verluste gehabt. Man sieht also, wie divergent Berichte über diese schon (oder erst?) 100 Jahre zurückliegenden Vorfälle sein können.

Aber es gibt ja im übrigen sogar Berichte und Hinweise von beiden Seiten, wonach schon vor der Zustellung der österreichischen Kriegserklärung an die Regierung in Belgrad am Nachmittag des 28. Juli vereinzelt Schüsse an der gemeinsamen Grenze gefallen seien. Zwar hatte das sagenumwobene „Gefecht bei Temes Kubin" (heute Kovin) unweit im Osten von Belgrad an der Donau am 26. Juli in Wahrheit nie stattgefunden: Dieser angebliche Angriff serbischer Truppen aufs nördliche Donauufer war, wie auch der österreichische Militärhistoriker Manfried Rauchensteiner in seinem Werk „Der Tod des Doppeladlers - Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg" schreibt, eine Falschmeldung an den Kaiser.

Das gefälschte Gefecht

Sie dürfte von k.u.k.-Außenminister Leopold Graf Berchtold (1863-1942, ein gebürtiger Wiener, in Mähren aufgewachsen und mit Tiroler Wurzeln) womöglich in Verein mit hohen Offizieren fabriziert worden sein, um Franz Josef zur raschen Unterzeichnung der Kriegserklärung zu bewegen. Die genauen Umstände sind unbekannt, womöglich war auch Berchtold bloß falsch informiert worden oder hatte die ursprüngliche Meldung eines Korpskommandos nach Wien über das angebliche Gefecht sozusagen „in Auftrag gegeben"; doch egal, die Geschichte weiß es, wir hingegen nicht.

Allerdings schreibt auch Rauchensteiner, dass an besagtem 26. Juli durchaus ein wenig geschossen worden sein könnte. Er zitiert nämlich aus Akten der 7. Infanteriedivision: „Bei Temes Kubin serbische Dampfer durch eigenes Feuer angehalten (. . .) Eigene Dampfer von Semendria (heute Smedorovo, Anm.) aus angeschossen, doch ohne Schaden."

Serbische Soldaten bei Belgrad
Serbische Soldaten bei Belgrad
Serbische Soldaten bei Belgrad – Archiv

Interessanterweise schreiben indes einige Quellen damals noch neutraler Staaten von einer größeren amphibischen Militäraktion österreichisch-ungarischer Truppen vor der Kriegserklärung, und zwar beim Städtchen Mitrovica rund 67 Kilometer nordwestlich von Belgrad. Von diesem Ort am Nordufer der Save in der Region Vojvodina aus - damals war er bei Ungarn, heute ist er in Serbien - sollen k.u.k.-Einheiten schon kurz vor oder am 28. Juli über die Save in Serbien einmarschiert sein. Das schrieb etwa die ferne „Los Angeles Times" in ihrer Frühausgabe vom 29. Juli 1914 in einem Bericht, welcher auf den 28. Juli datiert ist, sich also inhaltlich eher auf den Vortag beziehen könnte. Und tatsächlich heißt es in einem bereits 1916 in New York erschienenen Buch namens „The Story of the Great War, Vol. II" sogar, dass diese angebliche Invasion bei Mitrovica schon am 27. Juli erfolgt sein soll.

Eine Invasion, die keiner kennt

Allerdings stehen diese Angaben ziemlich allein auf weiter Flur, und eine größere österreichische Militäroperation müsste, auch in einem relativ abgelegen, medienfernen Gebiet wie dem damaligen Balkan, doch einen umfassenderen Bekanntheits- und Beweisgrad haben. Sicher ist freilich, dass seit 29. Juli mit Unterbrechungen der Beschuss Belgrads, und in den Folgetagen weiterer Ziele in Serbien, durch Schiffe und Artillerie anhielt. Sicher ist, dass die Serben zurückfeuerten und beide Seiten, vor allem die Österreicher, an Donau und Save Kommandoaktionen durchführten und Pontonbrücken bauten, was indes meist am Abwehrfeuer scheiterte. Sicher ist, dass kräftig gestorben wurde.

k.u.k.-Schiffe vor Belgrad
k.u.k.-Schiffe vor Belgrad
k.u.k.-Schiffe vor Belgrad – Archiv

Der Großangriff auf Serbien begann indes erst am 12. August, als die k.u.k. 5. Armee und Teile der 2. Armee aus Bosnien und Ungarn heraus über Drina und Save in den (damaligen) Nordwestzipfel Serbiens vorstießen, um Belgrad von Westen her zu nehmen. Das sollte binnen weniger Tage peinlichst scheitern, aber das ist eine andere Geschichte.

k.u.k.-Soldaten 1914
k.u.k.-Soldaten 1914
k.u.k.-Soldaten 1914 – Archiv

Der Krieg indes wurde erst durch den Eintritt weiterer Staaten zu einem multilateralen Krieg. Und dessen dritter Teilnehmer wurde, formal gesehen, das Deutsche Reich unter Kaiser Wilhelm II. (1859-1941, Regierungszeit 1888-1918). Es erklärte mit Wirkung zum Abend des 1. August 1914 Russland den Krieg, weil das Zarenreich bereits mobilisierte, um Serbien zu unterstützen, also den Feind des deutschen Freundes Österreich; das war eben die komplexe Dynamik der europäischen Bündnisse, die bald den Kontinent anzünden würde, hier aber zu weit führte.

Die Stoppuhr als Sensenmann

Wer aber das erste deutsche Opfer wurde, darüber entschied sozusagen die Stoppuhr. Es waren zwei Kavalleristen, die am Vormittag des 2. August fielen: Der eine an der Ostfront gegen Russland, der andere an der (noch nicht bestehenden) Westfront gegen Frankreich - die Kriegserklärung an Paris erging erst am Abend des 3. August. Die zwei Toten trennte maximal etwa eine Stunde, und die Indizien deuten daraufhin, dass jener im Osten der frühere war: ein 21jähriger Bursch namens Paul Grun.

Von Grun (oder Grün?) existiert nur ein angebliches Jünglingsbild, das seiner Mutter, einer Gutsmagd in Schlesien, als Andenken geblieben sein soll, nachdem Paul 1913 zu den Soldaten gegangen war. Der junge Mann mit dem breiten Gesicht und den engstehenden Augen gehörte demnach dem Jägerregiment zu Pferde Nr. 11 aus an und war Anfang August 1914 in oder nahe Rosenberg in Schlesien stationiert, heute ist das die Kleinstadt Olesno in Südpolen etwa 50 km westlich Tschenstochau.

Paul Grun, der erste deutsche Tote des Krieges
Paul Grun, der erste deutsche Tote des Krieges
Paul Grun, der erste deutsche Tote des Krieges – Archiv

Am Morgen des 2. August 1914 ritten ein Unteroffizier und drei Mann des Jägerregiments los, um über die nahe Grenze nach Russisch-Polen zu reiten und sich in dem Dorf Staro-Krzepice, rund 18 km nordöstlich von Rosenberg, umzusehen. Was nun passierte, dazu gibt es zwei Versionen. Im einen Fall geriet die Patrouille kurz vor dem Dorf in einen Hinterhalt von Kosaken, Grun wurde erschossen und sein Leichnam von den Russen ordentlich auf dem Friedhof von Staro-Krzepice bestattet. Im anderen Fall heißt es, ein Scharfschütze habe den Reiter vom Kirchturm des Dorfes aus getötet, darauf sei der Leichnam ausgeraubt und „wie ein Hund" vor dem Zaun des Dorffriedhofs eingegraben worden.

Wie dem auch sei, der Körper wurde Tage später, nachdem deutsche Truppen mit Masse vorgestoßen waren, exhumiert und in Botzanowitz (Bodzanowice) bestattet, einem nahen Dorf auf der deutschen Seite. Grun ruht dort noch heute, sein gußeisernes Grabkreuz hat alle Schändungen, gerade auch der Zeit ab 1945, auf unerklärliche Weise überstanden.

Das Dorf, das es nie gab

Interessanterweise ist der auf dem Metall vermerkte Geburtsort Gruns - „Mittelfritzwalde" - nicht auffindbar. Ein polnischer Historiker hatte den Geburtsort mit Kamenz in Niederschlesien verortet, das wäre das heute polnische Städtchen Kamieniec Ząbkowicki südlich von Wroclaw (Breslau) hart an der tschechischen Grenze.

Allerdings bekam "Die Presse" später eine interessante Information dazu: Wie Johannes Rasim, Vorstandsmitglied des "Wangener Kreises" erklärt - das ist eine in Wangen im Allgäu nahe Vorarlberg ansässige, von vertriebenen Schlesiern und deren Nachkommen gegründete Literatur- und Kunst-Gesellschaft -, soll es sich bei dem Ortsnamen um einen Irrtum handeln; es gebe ihn tatsächlich nicht.

Rasim verweist auf den in Nordrhein-Westfalen lebenden Historiker und Schlesiervertreter Josef Bögner, der in der Zeitschrift "Schlesien heute" (Ausgabe 8/2014) schreibt, dass Grun aus "Maifritzdorf" gestammt und es im Zuge der Beerdigung einen "Übermittlungsfehler" gegeben habe.  Maifritzdorf war demnach ein Weiler im damaligen Landkreis Frankenstein, dessen Hauptstadt war das gleichnamige Frankenstein (heute Ząbkowice Śląskie, rund 16.000 Einwohner) südlich Breslau. Maifritzdorf wiederum heißt heute Mąkolno und ist ein abgelegenes Nest mit vielleicht 600 Bewohnern hart an der Grenze zu Tschechien, es gab hier über mehrere Jahrhunderte eine Schwarzpulverfabrik. An Gruns heute nicht mehr existentem Geburtshaus in Maifritzdorf war, das ist fotografisch dokumentiert, lange eine Gedenktafel an ihn angebracht, und sein Name steht im lokalen Taufregister.

Lage von Bodzanowice
Lage von Bodzanowice
Lage von Bodzanowice – Google Maps

Paul Grun soll jedenfalls zwischen 8.45 Uhr und 10.00 Uhr gestorben sein. Dieser Zeitraum überlappt sich dermaßen minimal mit jenem des deutschen Reiters, der am selben Vormittag um exakt 9.59 Uhr in Frankreich fiel, dass eben letzterer - der eingangs erwähnte Kavallerieleutnant - den grimmigen Platz zwei der deutschen Todesliste einnehmen dürfte. Doch seine Geschichte ist weit besser überliefert als die seines Kameraden in Schlesien - und in ihr tritt auch der erste gefallene Franzose auf.

Soldat ohne Überzeugung

Der deutsche Kavallerieleutnant im graugrünen Waffenrock und mit dem schwarzen preußischen Dragonerhelm mit Adler auf dem Kopf hieß Albert Otto Mayer. Er war 22 Jahre alt, geboren im April 1892 in Magdeburg (Sachsen-Anhalt) als Sohn eines Bankdirektors und einer Mutter mit hugenottischen, also protestantisch-französischen Wurzeln. Die Familie zog bald nach Alberts Geburt in die Nähe von Mülhausen (Mulhouse) im Süden des damaligen deutschen Reichslandes Elsass-Lothringen, etwa 25 Kilometer nördlich der Schweizer Grenze nahe Basel.

Das landschaftlich herrliche, kulturell wie kulinarisch für Europa eminent bedeutsame Gebiet westlich des Rheins in etwa zwischen Luxemburg und dem frankofonen Schweizer Kanton Jura war seit Mitte des 9. Jahrhunderts, also seit mehr als 1000 Jahren, eine nicht unumstrittene Randzone des Deutschen Reichs gegenüber Burgund bzw. vor allem später Frankreich. Lange war die Region mit der Hauptstadt Straßburg und weiteren bedeutenden Städten wie Metz, Hagenau, Colmar und Mülhausen deutsch geprägt, dann besetzte Frankreich sie nach und nach während des Dreißigjährigen Krieges (1618-48) und in der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts.

Lage von Elsaß-Lothringen (rot-weiß schraffiert) im Deutschen Reich
Lage von Elsaß-Lothringen (rot-weiß schraffiert) im Deutschen Reich
Lage von Elsaß-Lothringen (rot-weiß schraffiert) im Deutschen Reich – Brockhaus

Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 fiel Elsass-Lothringen mit seiner mittlerweile eigentümlichen frankodeutschen Kultur und Lebensart wieder ans siegreiche Deutschland, sozusagen als persönliches Gut des Kaisers. 1910 lebten in dem fruchtbaren Land (rund 14.500 km2 Fläche, das ist etwas kleiner als die Steiermark) etwa 1,9 Millionen Menschen.

Elsaß-Lothringen 1905
Elsaß-Lothringen 1905
Elsaß-Lothringen 1905 – Wikipedia

Unser Albert Mayer jedenfalls war der älteste von drei Söhnen und wurde aus Gründen der „deutschen Tradition" und Familienehre mehr oder weniger dazu überredet, 1912 eine Laufbahn als Berufssoldat zu beginnen - diese indes lag ihm, so wird überliefert, nie wirklich, er galt als „nett" und „sanft", was jedenfalls bei den meisten seiner Vorgesetzten nicht gut ankam. Aber er mochte Pferde und das sportliche Reiten, also fand er in der Kavallerie eine Waffengattung, mit der er gut leben konnte.

Im Juli 1914 war der schmucke junge Mann, der Monokel trug, Leutnant beim Jägerregiment zu Pferde Nr. 5, Garnison Mülhausen, unterstellt der 29. Infanteriedivision in Freiburg im Breisgau und weiter dem XIV. Armee-Korps in Karlsruhe. Am 1. August wurde bekannt, dass das mit Russland verbündete Frankreich mobil machte, worauf die 29. Division sofort an die Grenze des südlichen Elsass (Oberelsass) zu Frankreich zwischen Thann und der Schweiz beordert wurde, auf 34 Kilometer Luftlinie.

Mülhausen, um 1900
Mülhausen, um 1900
Mülhausen, um 1900 – The Western Front Association

Ihr berittenes Jägerregiment hatte indes bereits am Vortag den Auftrag erhalten, spätestens bis 2. August mehrere Patrouillen (es waren mindestens ein Dutzend) über die Grenze zu schicken. Die Franzosen indes hatten ihre Armee mindestens zehn Kilometer von der Grenze zurückgezogen, sodass die Aufklärer relativ tief vorstoßen konnten.

Der Tod warf das Los

Mayer soll noch in Mülhausen am späten Abend des 31. Juli durch Losentscheid bestimmt worden sein, früh am Morgen des 1. August einen Reitertrupp von insgesamt sieben oder acht Mann anzuführen. In ihm schürte das üble Vorahnungen: „Ich werde nicht lebend zurückkehren", sagte er verstört zu einem Kameraden, denn: „Man dringt nicht ungestraft in französisches Territorium ein."

Leutnant Albert Mayer
Leutnant Albert Mayer
Leutnant Albert Mayer – The Western Front Association

Und so ritten ritten Mayer und seine Männer mit drei weiteren Patrouillen Richtung Süden, wobei sich nach und nach die anderen Patrouillen zur Grenze hin absetzten und schließlich Mayers Einheit den südlichsten Abschnitt in unmittelbarer Nähe zur Schweiz erreichte. Man übernachtete in einem Ort namens Bisel, fünf bzw. sechs Kilometer von der Schweiz bzw. Frankreich entfernt, nachdem einzelne Reiter hart an der Grenze gespäht hatten und gegen Mitternacht nach Bisel zurückgekehrt waren.

Kurz nach acht Uhr früh am 2. August kam vom Regimentsstab die Order, über die Grenze zu reiten, in Richtung der französischen Stadt Belfort etwa 30 km nordwestlich. Kurz zuvor waren deutsche Truppen in Masse in Luxemburg eingerückt, und kurz vor neun Uhr - und wohlgemerkt noch vor der deutschen Kriegserklärung an Frankreich am 3. August - gab es den ersten deutsch-französischen Schusswechsel, als deutsche Späher nahe des Dorfs Petit-Croix östlich von Belfort bewaffnete französische Zöllner beschossen; diese schossen zurück, verletzt wurde niemand.

Jäger zu Pferde, 1914
Jäger zu Pferde, 1914
Jäger zu Pferde, 1914 – The Western Front Association

Dann ging an diesem schönen Morgen, an dem die Natur zu lachen schien, alles recht schnell. Mayers Reiter in ihren fast prunkhaften preußischen Uniformen, die schon im Lauf der nächsten Monate schnell gegen weniger auffälliges Feldgrau eingetauscht werden sollten, ritten von Bisel über die Hauptstraße problemlos nach Frankreich. Ob sie wirklich niemand gesehen hat, oder ob die Bauern auf den Feldern und andere an diesem Morgen aktive Menschen sie schlicht ignorierten, sei dahingestellt.

Die letzten Atemzüge voll Wiesenduft

Erst kurz vor dem ersten französischen Grenzort namens Courtelevant, vier Kilometer jenseits der Grenze, bemerkt der Spähtrupp französische Zöllner. Mayer umreitet das Bauerndorf und nähert sich dem nächsten Ort, Faverois, wobei unklar ist, ob er jenes Automobil des Händlers Monsieur Béroud bemerkt, der die Deutschen kurz nach 9.15 Uhr sieht und gen Westen fährt, um Soldaten zu alarmieren.

Die Patrouille reitet im Galopp durch Faverois und über die Felder entlang eines Waldes nahe der Straße auf das zwei Kilometer entfernte nächste Dorf an der Hauptstraße zu: Joncherey, heute ein Ort mit rund 1300 Einwohnern. Etwa 700 Meter nach Faverois, es ist 9.57 Uhr, liegt ein französischer Soldat im Feld nahe der Straße. Der Mann steht auf, ruft so etwas wie „Halt!", da legt etwas im Hirn des Leutnants Mayer den Schalter auf Krieg um.

Er zückt Revolver und Säbel, neigt seinen Oberkörper, galoppiert auf den Franzosen zu, haut ihn mit einem Säbelhieb nieder, rast weiter. Aber der Franzose hinter ihm lebt noch, der Säbel hat seine Uniform nicht durchdrungen, der Mann schreit „Alarme! Alarme!", das klingt in Mayers Ohr, als er wild weiter über die Straße auf Joncherey zu reitet, dort aber stehen plötzlich weitere Soldaten, einer kniet auf der Straße mit dem Gewehr nieder in Schussposition, schreit etwas, das Dorf ist nicht mehr weit, da schießt Mayer auf den Knieenden, einmal, zweimal, dreimal, doch auch aus dessen Gewehr ist ein Flämmchen aufgeblitzt, von links und rechts fallen weitere Schüsse, metallischer Galopp, Gewehrkrachen, Pulvergeruch, Sonnenschein, ein Bauernhof, satte Felder, Fischteiche, Schweiß unter dem Dragonerhelm, eine Erinnerung an schöne Abende in Mülhausen, ein Frauengesicht vielleicht, da reißt ein eiserner Schmerz durch den Bauch, den Magen, das Pferd galoppiert, die Kräfte schwinden, die Waffen fallen, dann kracht etwas wie eine Faust in den Hinterkopf und das Licht dämmert, die letzten Atemzüge saugen Düfte von Wiesenkräutern in die Lunge, ein Abgleiten vom warmen Pferderücken, ein dumpfer Aufschlag, Dunkelheit. Was auch immer, wer weiß. Blut fließt aus Bauch und Kopf, darüber ein blauer Himmel.

Wenige hundert Meter vor Joncherey, kaum zweieinhalb Kilometer von der Grenze zur friedlichen Schweiz im Süden entfernt, haucht Leutnant Albert Mayer an diesem 2. August 1914 mit bloß 22 Jahren also sein Leben aus.

Der letzte Brief

„Wir sind heute Morgen um drei Uhr nach Joncherey zurückgekommen. Dann habe ich meine Männer losgeschickt, um weiter vorne einen Wachposten zu bilden", schreibt irgendwann um neun Uhr früh herum am 2. August der 21jährige französische Korporal Jules André Peugeot in einem Brief an seine Eltern. Peugeot befehligt einen Trupp von vier weiteren Soldaten und hat in dem Bauernhof der Familie Docourt, wenige hundert Meter östlich von Joncherey an der Straße nach Faverois, Position bezogen, hier schreibt er auch diesen Brief.

„Hier findet man nicht mehr alles, was man will", setzt er fort. „Gestern sollte einer Kaffee und Zucker besorgen, da er das nicht auftreiben konnte, fuhr er nach Boncourt (Schweiz, Anm.). Die französischen Zöllner haben ihn anfangs für einen Deserteur gehalten, die Schweizer Zöllner aber haben ihn zu einem Kaufladen geführt, und so hat er 18 Kilogramm Zucker und vier Kilogramm gerösteten Kaffee mitgebracht. Der Hauptmann hat sich so über die günstigen Preise gefreut, dass er ihn heute Morgen noch einmal losgeschickt hat. (...) Bis demnächst auf weitere Nachricht. Papa soll kommen, sobald er kann. Ich umarme euch alle ganz fest. Noch ist nichts Schlimmes passiert. Macht euch keine Sorgen. Bis bald, davon bin ich überzeugt. Euer Sohn, A. Peugeot."

Jules Peugeot war im Juni 1893 im Städtchen Étupes südlich von Belfort und gerade einmal zehn Kilometer westlich von Joncherey geboren worden, als Sohn eines Fabrikarbeiters und einer Lehrerin. Er machte eine Lehramtsausbildung und trat 1912 einen Posten als Lehrer in einer Schule in Villers-le-Lac an, das ist ein schmucker Ort weiter weg im Südwesten hart an der Grenze zum Schweizer Kanton Neuchâtel (Neuenburg).

Korporal Jules Peugeot
Korporal Jules Peugeot
Korporal Jules Peugeot – The Western Front Association

Ende 1913 musste er in Belfort zum Militär einrücken und kam zu einem Bataillon des 44. Infanterieregiments bei der 14. Infanteriedivision. Dieses Regiment, sei bemerkt, hat eine lange Tradition: Es war 1642 unter dem Namen des Kardinals Mazarin aus dem Hausregiment der Stadt Orléans heraus aufgestellt und 1791 umbenannt worden und focht in zahlreichen Schlachten vor allem der Revolutions- bzw. Napoleonischen Kriege, etwa bei Valmy, Zürich, Marengo, Danzig, Saragossa und Barcelona. Es kämpfte 1859 gegen die Österreicher bei Solferino und war zeitweise in Algerien und danach an verschiedenen Orten in Ostfrankreich gegenüber Deutschland stationiert.

Männer des 44. Infanterieregiments, 1914
Männer des 44. Infanterieregiments, 1914
Männer des 44. Infanterieregiments, 1914 – The Western Font Association

Im Sommer 1914 lag es vorgeschoben im südlichsten Abschnitt der deutsch-französischen Grenze, im Raum um Delle, Grandvillars und eben Joncherey; Jules Peugeot war mittlerweile Korporal, als solcher Kommandant über eine Gruppe Soldaten, und nun, am Morgen des 2. August, eben Kommandeur über jenen Wachposten im allein stehenden Bauernhof der Familie Docourt, der die Straße nach Faverois in Richtung der deutschen Grenze kontrollierte. Die anderen Teile des Regiments lagen nicht weit entfernt verstreut im Hinterland.

"Die Preußen kommen!"

Peugeot, der als freundlich, gütig und fröhlich beschrieben wird, hatte im Bauernhaus noch zwei Briefe geschrieben und war gegen 9.45 Uhr in die Stube gekommen, um mit seinen Leuten zu Frühstücken. Zwei Soldaten waren von Joncherey her mit einem Kessel mit Suppe und Brot für die Mahlzeit unterwegs. Die Briefe gab Peugeot dem Briefträger namens Joseph Maître, einem älteren Herrn, der zufällig da war und sich gerade niedersetzte, um mit dem Herrn des Hofes, Louis Docourt, ein Glas Wein zu trinken. Es war vielleicht 9.50 Uhr und Peugeot wusch sich gerade die Hände, da kam die neunjährige Tochter der Bauersleute, Adrienne, vom Wasserholen herbeigelaufen und schrie: „Die Preußen kommen!".

Peugeot und drei seiner Männer rennen sofort bewaffnet auf die Straße, sie hören, wie jener vierte Mann, der etwas weiter entfernt an der Straße als Wächter postiert ist, „Alarm" schreit, sie hören Hufgeklapper und schnaubende Pferde. Ein Reiter in voller Montur und mit schwarzem, in der Sonne blitzendem Helm jagt über die Straße heran, dahinter weitere Kavalleristen.

Jules Peugeot schreit ihm zu, er müsse anhalten, „Halte-là!", mehrfach tut er das, doch der Preuße reitet in wildem Galopp weiter heran. Bis heute ist nicht sicher, wer zuerst schoss, angeblich Mayer, jedenfalls knallt es von dem Pferd her, einmal, zweimal, dreimal. Peugeot steht in der wärmenden Sonne, hat sich, die Hände noch nicht ganz trocken, mit seinem schweren Gewehr niedergekniet, der Preuße auf seinem Pferd ist über Kimme und Korn hinweg ein jagender Schatten, Peugeot drückt um 9.58 Uhr ab, der Rückstoß rammt den Kolben in seine rechte Schulter, da bohrt sich ein metallischer Schmerz durch den Oberkörper, zwischen linker und rechter Schulter, Blut strömt warm aus dem Einschussloch links und dem Austrittsloch rechts, viel Blut, das Gewehr wird sehr schwer, Peugeot lässt es fallen, es knallt von links und rechts und der Schatten donnert vorbei weiter auf Joncherey zu, doch da wird er auf einmal langsamer und fällt vom Pferd. Es ist 9.59 Uhr.

Der Schauplatz des Gefechts bei Joncherey
Der Schauplatz des Gefechts bei Joncherey
Der Schauplatz des Gefechts bei Joncherey – The Western Front Association

Peugeot schleppt sich zum Hof zurück, man hilft ihm dabei, er setzt sich vor dem Eingang nieder auf die Veranda, atmet tief und rasselnd, verliert viel Blut und sagt nichts mehr. Monsieur Maître, der Briefträger, sagt später aus: „Ich beugte mich über ihn, er schaute mich an und seufzte, dann nichts mehr. Ich sagte zu Herrn und Frau Docourt: ,Hier liegt ein Mann, der erschossen wurde.´"

Jules Peugeot stirbt um 10.37 Uhr (nach einer anderen Quelle um 10.07 Uhr) am 2. August 1914 als erster Soldat der Franzosen im „Großen Krieg". Eine Kugel Mayers hatte seine Aorta im Schulterbereich zerrissen, ob Peugeot mit seinem Schuss oder doch einer seiner Männer den Deutschen in den Bauch trafen, ist unklar. Der tödliche Schuss in Mayers Kopf wird am ehesten einem der beiden Soldaten zugerechnet, die gerade das Essen herbeitrugen, wiewohl sich später auch die anderen deswegen rühmten.

Der Rest der deutschen Patrouille, die ihrem Leutnant, wie es heißt, nicht ganz so entschlossen gefolgt war, wurde rasch zerstreut und geriet auf der Flucht unter Beschuss anderer französischer Posten. Zwei Pferde wurden getötet, ihre Reiter bald gefangen. Ein Deutscher wurde angeschossen, versteckte sich aber im Wald und ergab sich erst am 4. August. Zwei Reiter gelangten ungeschoren über die Grenze ins Reich zurück. Ein Reiter mit dem Nachnamen Martin verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Zwei Feinde tot im Stroh

Die Körper von Mayer und Peugeot wurden in einer Scheune nebeneinander ins Stroh gebettet und blieben dort einige Stunden „versöhnt und in der Stille des Todes", wie der Arzt vor Ort schrieb. Dorfbewohner und Soldaten nahmen Mayer einige Dinge ab, Uniformknöpfe etwa. Seine Sporen und sein Helm sind heute im Armeemuseum in Paris, sein Revolver und eine Landkarte gerieten in Besitz zweier französischer Soldaten, die beide später fielen, ihre „Trophäen" verschwanden.

Mayer wurde am 3. August, vielleicht drei Stunden vor der deutschen Kriegserklärung an Frankreich, mit allen militärischen Ehren auf dem Friedhof von Joncherey bestattet. Sein Ross wurde in die französische Armee übernommen. Bald nach dem Krieg hat man seinen Leichnam in den deutschen Soldatenfriedhof von Illfurth nahe Mülhausen überführt, er liegt in Block 4, Grab 181.

Peugeots Eltern kamen am 3. August herbei, um ihren, wie man ihnen gesagt hatte, schwer verletzten Sohn abzuholen. Nun übergab man ihnen seine Leiche - und die Briefe, in denen er kurz vor seinem Tod geschrieben hatte, dass schon nichts Schlimmes passieren werde. Er wurde am 4. August in seiner Heimat Étupes beerdigt und in Folge vom offiziellen Frankreich zum Kriegshelden hochstilisiert, dem heute in mehreren Orten, darunter Joncherey, Villers-le-Lac und Paris, Denkmäler gewidmet sind. Zudem tragen in Frankreich viele Straßen seinen Namen und beziehen sich somit nicht, wie oft vermutet wird, auf den gleichnamigen Fahrzeughersteller. Seine Soldatenkappe liegt in einer Vitrine im Rathaus von Joncherey.

Keiner von ihnen sah die Folgen

Nachdem der letzte französische Veteran des Ersten Weltkriegs, Lazare Ponticelli, im März 2008 im biblischen Alter von 110 Jahren gestorben war, nahm der damalige Staatspräsident Nicolas Sarkozy in einer Würdigung auch auf Mayer und Peugeot Bezug: „Sie waren beide in ihren Zwanzigern und sie fühlten, dass die Welt ihnen gehörte. Sie waren gerade erst der Kindheit entwachsen und starben an einem schönen Sommertag. Keiner von ihnen sah die fürchterlichen Folgen dessen, womit sie begonnen hatten: Die Millionen Toten mit den Gesichtern am Boden, von Maschinengewehren niedergemäht, Schrapnellen durchlöchert oder in schlammigen Gräben ertrunken. (...) Sie sahen die Millionen Verwundeten, Verkrüppelten, Enstellten und Vergasten nicht. Sie machten nicht den Schmerz jener Soldaten durch, die Zigaretten rauchten, um den Geruch der Toten zu übertünchen. Sie erlebten nicht die regennassen Nächte und den Winter in den Schützengräben, das stille Warten und Zittern, die Minuten, die wie Stunden waren. Sie kämpften nie gegen den Schlamm, die Ratten, die Läuse, die Kälte, die Angst. Sie mussten auch nie über Leichen steigen, um zum Angriff überzugehen. Wir werden nie vergessen!"

Mayer und Peugeot waren an einem wunderschönen Sonntagvormittag gefallen, der erste Weltenbrand hatte gerade erst begonnen. Doch seine ersten Opfer waren sie an diesem 2. August 1914 bereits auch nicht mehr.

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Die ersten Toten des Ersten Weltkriegs

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