Der kranke Honecker resignierte

Wende 1989. Tausende „Republikflüchtlinge“ dürfen aus Prag und Warschau ausreisen. Die 40-Jahr-Feier der DDR gerät zum makabren Abschiedsfest des KP-Regimes.

GERMANY WALL ANNIVERSARY
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(c) APA/EPA/Maja Hitij

Warschau, Oktober 1989. Die westdeutsche Botschaft in der polnischen Hauptstadt ist seit Wochen regelrecht überfüllt mit DDR-Bürgern, die aus ihrer Heimat fliehen wollen (siehe „Die Welt bis gestern“ vom 27. September). Aber auch die Diplomaten in der viel schöneren Warschauer DDR-Botschaft müssen zusammenrücken. Daran erinnert sich Ewald König, der damals „Presse“-Korrespondent in Bonn und Berlin war und nun zum 25. Jahrestag ein neues Buch, „Kohls Einheit – unter drei“, herausgebracht hat.

In der DDR-Botschaft, die 1989 von Jürgen van Zwoll geleitet wird, drängen sich nämlich neuerdings mit Diplomatenpass getarnte Leute des DDR-„Ministeriums für Staatssicherheit“. Die Stasi-Männer sollen ausreisewillige DDR-Bürger von ihrem Vorhaben abhalten, bevor diese noch die westdeutsche Botschaft erreichen. Immerhin handelt es sich um „Republikflucht“, also ein strafwürdiges Delikt.

Bei einem Diplomatenempfang im August 1989 hatte van Zwoll erstmals von dem Flüchtlingsstrom in der BRD-Botschaft erfahren. Bis dahin war er ahnungslos. Beide Botschaften waren sehr bemüht, die Sache diskret zu behandeln: Die DDR-Regierung wollte Ruhe vor dem pompös geplanten 40-Jahr-Jubiläum am 7. Oktober. Und Bonn bereitete gerade für Anfang November den Besuch von Bundeskanzler Kohl in Warschau vor. Störende „Nebengeräusche“ konnten beide Deutschlands jetzt nicht brauchen.

Daher musste man sich nolens volens zusammensetzen. Bonn hatte einen neuen Botschafter geschickt, Günter Knackstedt. Seine Mission war delikat: Polen hatte keine Grenze mit dem Westen, die Flüchtlinge hätten unter Umgehung der DDR nur über die Ostsee per Schiff oder mit Flugzeugen in die Bundesrepublik gebracht werden können. Andere Wege gab es nicht.

Also sollten die „Republikflüchtlinge“ per Zug nach Westdeutschland gebracht werden. Aber wie könnte das DDR-Regime ihnen möglichst elegant die Staatsbürgerschaft aberkennen? In Warschau tauchten zu diesem Behufe Dunkelmänner aus Ostberlin auf, zwei wohlbekannte Advokaten: Wolfgang Vogel, der Menschenhändler, und Gregor Gysi, sein eilfertiger Adlatus. Alle Flüchtlinge – so ihr Vorschlag – sollten nochmals zurück in die DDR gebracht werden, wo man ihnen dann „anstandslos“ alle nötigen Papiere zur Ausreise ausstellen werde, versprachen sie hoch und heilig. Der BRD-Botschafter lehnte ab. Van Zwoll schlug vor, dass die Züge über das Gebiet der DDR fahren sollten und während der Fahrt könnte man den Flüchtlingen ihre Entlassung aus der DDR-Staatsbürgerschaft erteilen. „Sie sollten also ihre DDR-Ausweise abgeben. Das war alles sehr, sehr unschön“, erinnert sich van Zwoll.

 

Noch wehrt sich die DDR

Man einigte sich letztlich: Alle DDR-Fluchtwilligen in Polen mussten noch einmal in der DDR-Botschaft vorsprechen. Die bundesdeutsche Botschaft organisierte Busse. Während die westdeutschen Begleiter draußen in den Bussen warteten, wurde in der DDR-Botschaft „Fraktur“ geredet: Die Ausreisewilligen kamen in einen großen Saal, dort wurden Listen angelegt und endlos verglichen. Dann Einzelgespräche mit den Stasi-Männern in verschiedenen Räumen: Eine letzte, hilflose Machtdemonstration des KP-Apparats. Dann wurde die Entlassung aus der DDR-Staatsbürgerschaft verkündet.

 

Gespenstisches zum 40. Geburtstag

Botschafter van Zwoll musste indes nach Ostberlin. Der 40. Jahrestag der DDR sollte am 6. und 7. Oktober groß gefeiert werden. Und neben Stargast Michail Gorbatschow waren die Chefs der (Noch-)Ostblockstaaten geladen, auch Polens Staatspräsident General Jaruzelski. Van Zwoll musste sich um ihn kümmern. Er erinnert sich an den Empfang im Palast der Republik: Der Saal mit den Führungsspitzen hatte keine Fenster. Man war abgeschottet von dem, was sich unten vor dem „Palazzo Prozzo“ abspielte.

Die Stasi beobachtete von den Fenstern aus einen riesigen Menschenauflauf, Sperren, Abriegelungen, ein Gerangel und Festnahmen. Aber die Ehrengäste in ihrem „Bunker“ erfuhren nichts davon. Man wartete gespannt auf die Tischrede des krebskranken Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Und da fiel der böse Satz über die tausenden „Republikflüchtlinge“, der auch schon in der Zeitung „Neues Deutschland“ zu lesen war: „Wir weinen diesen Leuten keine Träne nach!“

Van Zwoll, so berichtet Ewald König, begleitete nach dem Empfang den polnischen Staatschef zurück zum Flughafen. Auf der Autofahrt hatte Jaruzelski zwei Fragen: „Gelingt es euch, aus dieser Krise herauszukommen, ohne dass Blut fließt?“ Und die zweite Frage war: „Wie lange wird die DDR noch existieren?“ Der brave DDR-Botschafter schätzte, dass es schon noch ein paar Jahre dauern werde. So kann man sich irren.

 

Leipzig, Nikolaikirche

Die Montag-Demonstrationen vor der Leipziger Nikolaikirche nahmen bedrohliche Ausmaße für das Regime an. Das Politbüro-Mitglied Egon Krenz legte für den überalterten Führungszirkel zwei Szenarien vor: Waffengewalt oder friedliche Variante. Krenz bevorzugte die zweite Lösung, aber wie würde der starrsinnige Honecker entscheiden? Gottlob hatte der alte Mann resigniert, verwarf den Einsatz von Gewalt – und wurde wenig später an der Spitze abgelöst.

Der Druck von der Straße auf das KP-Politbüro war zu stark geworden. In einem waghalsigen Verzweiflungsakt schloss das Führungsgremium seine obersten Kommunisten, Erich Honecker und Günter Mittag, aus dem Politbüro aus. Doch auch der Neue, Egon Krenz, stand dem Volkszorn hilflos gegenüber. In Leipzig machte er sich – friedlich – Luft. Schon seit 1982 hielt dort der Pastor Christian Führer in der Nikolaikirche Friedensgebete ab. Und immer mehr Menschen kamen von Woche zu Woche. Hier entstand die friedliche Revolution in der DDR und die deutsche Einheit, auch wenn der deutsche „Kanzler der Einheit“, Helmut Kohl, das vor zwanzig Jahren ganz anders gesehen haben will, wie jüngst publik wurde.

Buchtipp:

Kohls Einheit – unter drei

Mitteldeutscher Verlag, 248 S., 14,95 Euro

Nächsten Samstag (und Sonntag):

Der Kreml und die Wende 1989

Sensationelle Moskauer Protokolle

DER ZERFALL DER DDR

30. Sept. 1989. Tausende DDR-Bürger dürfen aus der westdeutschen Botschaft in Prag nach langen Verhandlungen unbehelligt in den Westen ausreisen. 2. Oktober. Zweite Montagsdemonstration in der DDR vor der Leipziger Nikolaikirche. Man zählt 20.000 Bürger. Polizei und die Staatssicherheit halten sich zurück.

7. Oktober. 40-Jahr-Feier der DDR mit einer Militärparade. Ehrengast: Michail Gorbatschow.

9. Oktober. Dritte Montagsdemo in Leipzig: 70.000 Demonstranten. Alles bleibt friedlich.

18. Oktober. Vierte Montagsdemo mit 120.000 Demonstranten. Erich Honecker wird als Parteichef der SED und als Staatsratsvorsitzender gestürzt. Das Politbüro-Mitglied Egon Krenz folgt ihm nach.

23. Oktober. Fünfte Leipziger Montagsdemo: 300.000 Demonstranten. Friedlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2014)

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