Erste Organspende: "Uns wurde vorgeworfen, Gott zu spielen"

Am 23. Dezember 1954 transplantierte der US-Chirurg Joseph Murray erstmals erfolgreich eine Niere. 36 Jahre später erhielt er dafür den Nobelpreis.

Organtransplantation
Organtransplantation
Die Transplantation am 23. Dezember 1954 – Brigham and Women's Hospital

"Wir waren überzeugt. dass es klappen wird." Als Ronald Herrick im Dezember 1954 vor der Entscheidung stand, seinem todkranken Zwillingsbruder Richard eine Niere zu spenden, zögerte er nach eigenen Angaben keine Sekunde lang. Dabei bestand für Zuversicht wenig Anlass: Bislang waren alle Versuche, Organe zu transplantieren, fehlgeschlagen. Erstmals hatte sich der Wiener Chirurg Emerich Ullmann 1902 daran versucht. Er transplantierte einem Hund dessen eigene Niere am Nacken unter die Haut. Das Organ funktionierte fünf Tage. 1947 gelang dem US-Mediziner David M. Hume in Boston eine Nierentransplantation an einer jungen Frau, doch das Organ wurde bereits nach einem Tag abgestoßen.

Ebenfalls in Boston forschte auch der Arzt Joseph Murray. Seine Neugier war im Zweiten Weltkrieg während der Arbeit in einem Militärkrankenhaus in Pennsylvania geweckt worden, wo Verletzte mit schweren Brandwunden durch die Transplantation von Hautlappen von Leichen behandelt wurden. Allerdings wurde die fremde Haut stets nach wenigen Tagen abgestoßen. "Wie", fragte sich Murray, "konnte der Empfänger die Haut eines Fremden von seiner eigenen unterscheiden?"

Joseph Murray – (c) Die Presse (Michaela Seidler)

Nach dem Krieg begann Murray mit einem Team am Brigham and Women's Hospital in Boston an Hunden Transplantationstechniken zu üben. Er hörte von gelungenen Hauttransplantationen zwischen eineiigen Zwillingen. Als im Herbst 1954 die Nieren des damals 22-jährigen Zwillings Richard Herrick zu versagen begannen, bot sich dem Arzt die Gelegenheit seiner Karriere.

Zunächst musste er sich aber einmal gegen Anfeindungen wehren, die ihm nach Bekanntwerden seines Vorhabens entgegenschlugen. "Uns wurde vorgeworfen, Gott zu spielen", erzählte Murray 2001 in einem Interview mit der "New York Times". In Gesprächen mit Ärzten und Geistlichen versuchten er und sein Team zu überzeugen, dass man wohlbegründet und sorgfältig handle.

Richard Herrick lebte noch acht Jahre

Am 23. Dezember wurden die Zwillinge operiert. In dem Moment, bevor Blut durch und Urin aus der implantierten Niere zu fließen begann, hielt das gesamte OP-Team den Atem an. Die Niere funktionierte und wurde auch nicht abgestoßen. Richard Herrick starb acht Jahre später an einem Nierenschaden, der aber nichts mit der Transplantation zu tun gehabt haben soll. Sein Zwillingsbruder lebte nach der Operation noch 56 Jahre.

Den Durchbruch für die Transplantationsmedizin brachte schließlich die Entwicklung von Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken und damit die Abstoßung verhindern. 1963 wurde die erste Leber transplantiert, 1967 das erste Herz.

Murray erhielt 1990 gemeinsam mit dem Knochenmarkstransplantations-Spezialisten E. Donnall Thomas den Nobelpreis für Medizin. Am 26. November 2012 starb er an den Folgen eines Hirnschlags.

Heute werden weltweit etwa 100.000 Organe im Jahr transplantiert. Österreich liegt mit rund 22,1 Organspendern pro Million Einwohner international weit vorn, dennoch warteten mit Stand Ende des Vorjahres rund tausend Patienten auf ein Organ.

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