Majestät plumpste ins Badewasser

Eugen Ketterl. Der Nachlass von Franz Josephs Leibkammerdiener jetzt in der ÖNB. Zuvor gingen viele persönliche Gegenstände des Hofes durch Aktionen in private Hände.

Eugen Ketterl
Eugen Ketterl
(c) APA/DOROTHEUM

Leg mich zu Füßen Eurer Majestät.“ Mit diesen Worten weckte der Leibkammerdiener jeden Morgen um halb vier Uhr seinen Herrn, den Kaiser Franz Joseph. Über Jahrzehnte hinweg. Wieder hatte ein neuer Arbeitstag begonnen.

Da war der Eugen Ketterl freilich schon längst auf den Beinen. Denn eine schlampige Adjustierung hätte sein pedantischer Herrscher auch frühmorgens nie geduldet. Ketterls kräfteraubender Dienst währte immerhin 22 Jahre – bis zu Franz Josephs Tod.

Nur bei einem einzigen Bediensteten war der Kaiser nachsichtiger. Vielleicht, weil ihn dieser derart intim erlebte, wie kaum einer: Kurz nach halb vier Uhr trat der Badewaschel ein, zog eine Gummibadewanne ins Schlafzimmer und seifte die nackte Majestät von Kopf bis Fuß ein. Einmal soll er, erzählt Martina Winkelhofer, betrunken derart geschwankt haben, dass er sich am glitschigen Kaiser festhalten musste, worauf beide in die Wanne gepurzelt sind. Um ja nicht zu verschlafen, verbrachte der Mann nämlich die Nächte in einer Branntweinbude.

Eugen Ketterl (1859–1928) hat die Nachwelt viel zu verdanken. Der treue Diener hat alle persönlichen Habseligkeiten des Kaisers nach dessen Tod verwahrt, und so gelangen selbst heute noch Gegenstände im Dorotheum zur Versteigerung. Sehr zur Freude des Auktionshauses und aller Habsburg-Nostalgiker. Rasierpinsel und Taschenuhr, Schnupftabakdosen und Frisierspiegel, Zigarrenetuis, selbst die lange Unterhose der Apostolischen Majestät kamen in den Handel. Vieles ist heute im Besitz des Sammlers und Gastronomie-Erben Plachutta. Ihm war ein „Bonjourl“, also ein alter, gekürzter Uniformrock, der am Schreibtisch als Hausrock verwendet wurde, 160.000 Euro wert.

Der schriftliche und fotografische Nachlass hingegen ist nun seit Dezember in der Nationalbibliothek gut verwahrt und bereits im Onlinekatalog zu finden.

Zu allen Zeiten haben sich Menschen für das interessiert, was hinter den Mauern der Paläste vor sich geht, wie die Society lebt.

Dieses dringende Bedürfnis befriedigte 1908 zum 60. Thronjubiläum ein schwergewichtiger Prachtband: „Das große Buch vom Kaiser“. „Wie wohnt der Kaiser?“ heißt es da. „Die eigentlichen Wohngemächer Kaiser Franz Josephs I. in der Hofburg bestehen aus Schlaf- und Arbeitszimmer und kleineren Salons. Diese letzteren, welche die Verbindung zu den Appartements der Kaiserin bilden, sind durchwegs in hellen Farben gehalten, Gold und Weiss zwischen licht abgeblasstem Grün und Fahlrot. Die Stuckdecken, Tapeten und das Meublement zeigen übereinstimmenden Stil der Frühzeit Maria Theresias... Nur verschiedene moderne Bilder, vorzügliche Aquarelle, die sich discret und harmonisch den Tönen des vorigen Jahrhunderts anschliessen, sind auf Wunsch des Kaisers an den Wänden und auf Staffeleien hier placiert worden.“ Das Schlafzimmer des Herrschers über 53 Millionen Österreicher war derart übertrieben spartanisch, dass sich Ketterl genierte. „Die Decken, und Kissen des Bettes sind dünn, fest und rauh.“

Zahlreiche Zeichnungen Theo Zasches illustrieren dieses Buch, das selbst in Antiquariaten kaum mehr erhältlich ist. Da wird erzählt, mit welcher List dem bedürfnislosen Kaiser simpelste Erleichterungen und Modernisierungen verschafft wurden. So veranlasste Ketterl während der Abwesenheit seines Herrn die Installierung eines Kühlapparats für heiße Sommertage. „Ein lächelndes Fingerdrohen“ war die höchste Auszeichnung für den Kammerdiener, der Franz Joseph um zwölf Jahre überlebt hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2015)

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