Trotz Neutralität: Österreicher bauten Kampfjets für Ägypten

In den 1960ern arbeiteten österreichische Techniker - darunter viele Ex-Nazis - für Ägypten. Dessen Erzfeind Israel reagierte mit massivem Druck auf Wien.

Die Neutralität war kein Hindernis: In den 1960er-Jahren unterstützten zahlreiche österreichische Techniker Ägypten beim Bau eines Kampffliegers. Er sollte gegen den Erzfeind Israel zum Einsatz kommen. Unter den Österreichern befanden sich dabei viele, die eine NS-Vergangenheit besaßen - was die österreichische Regierung massiv in Bedrängnis brachte. Das gab der Wiener Historiker Thomas Riegler unter Berufung auf neu zugängliche Archivdokumente am Montag bekannt.

Laut den Unterlagen soll sich die einstige israelische Außenministerin Golda Meir gegenüber dem österreichischen Geschäftsträger darüber empört haben, dass damals 350 Österreicher, "vor allem Steirer", in leitenden Stellungen in einer Militärfabrik südlich von Kairo gearbeitet haben. Das Außenministerium blockte zunächst ab. Man habe keine rechtliche Handhabe, Österreicher, die sich im Ausland befinden, heimzurufen, hieß es in einer Instruktion an den Diplomaten.

Auch darüber hinaus war die österreichische Diplomatie nicht um Argumente zur Rechtfertigung des heiklen Engagements ihrer Staatsbürger in Ägypten verlegen. Man könne österreichischen Technikern nicht verwehren, Beschäftigungen im Ausland anzunehmen, weil es hierzulande keine nennenswerte Flugzeugproduktion gebe, zitiert Riegler aus einer für ein Gespräch mit dem israelischen Botschafter in Wien vorbereiteten Unterlage.

Kreisky: Hilfe, "ein Land zu industrialisieren"

Gegenüber Ägypten äußerte man sich freilich anders. Der damalige Außenminister Bruno Kreisky (SPÖ) zeigte sich bei einem Kairo-Besuch im März 1964 erfreut darüber, dass so viele Österreicher dabei helfen würden, "ein Land zu industrialisieren". Fraglich bleibt, ob er damit auch den von deutschen und österreichischen Technikern geleiteten Bau eines ägyptischen Überschallflugzeugs in der Militärfabrik Heluan meinte?

Gegenüber dem Leiter der Triebwerksfabrik, dem Wiener Flugzeugtechniker Ferdinand Brandner, äußerte Kreisky offenbar keine Bedenken. "Er teilte uns mit, dass gegen uns nichts vorläge", erinnert sich Brandner in seinen Memoiren an ein Treffen mit dem Außenminister während dessen Ägypten-Besuchs. Brandner räumte ein, dass ihn die Vorgeschichte seiner Mitarbeiter nicht besonders interessiert habe. Er selbst war NSDAP-"Illegaler" und später SA-Obersturmbannführer gewesen.

Kritik an "Verstärkung des ägyptischen Kriegspotenzials" 

Israel allerdings bliebt eisern, warf den österreichischen Technikern und Firmen in einem Memorandum vor, "zur Verstärkung des ägyptischen Kriegspotenzials" beizutragen. Kreisky informierte daraufhin im Jänner 1965 den Ministerrat und äußerte die Hoffnung, dass sich die Wissenschafter "nach und nach zurückziehen werden". Wie unangenehm die Angelegenheit mittlerweile geworden war, lässt sich an dem für einen sozialistischen Politiker eher ungewöhnlichen Nachsatz erkennen: "Es wäre noch leichter, wenn die österreichische Steuergesetzgebung so wäre, dass sie das Geld nach Österreich bringen; da würden sie sich wieder in die heimatlichen Berge zurückziehen."

Kreisky räumte bei der Sitzung zudem ein, dass Brandner "maßgeblich beteiligt ist an der Entwicklung des Kriegsflugzeuges". Es handelte sich um ein in Lizenz hergestelltes spanisches Flugzeug. Informationen, dass Ägypten parallel dazu auch ein Raketen- und sogar Atomwaffenprogramm betrieb, stellten sich später jedoch als übertrieben heraus. Selbst das Flugzeugprogramm erwies sich als Fehlschlag. Im Jahr 1969 - zwei Jahre nach ihrem Desaster im Sieben-Tage-Krieg - stellten die Ägypter Brandner den Sessel vor die Tür, viele seiner Mitarbeiter hatten schon zuvor wegen ausgebliebener Lohnzahlungen ihre Zelte gepackt. 1967 war Kreiskys Nachfolger als Außenminister, Lujo Toncic-Sorinj, klar auf Distanz zu den österreichischen Techniker im Dienste des ägyptischen Präsidenten Gamal Abd el-Nasser gegangen. "Wir freuen uns darüber nicht", sagte Toncic-Sorinj.

In Israel sah man die Angelegenheit zu diesem Zeitpunkt schon entspannter. So schreibt Riegler unter Berufung auf einen Diplomatenbericht, dass der israelische Spitzendiplomat Abba Eban das ägyptische Rüstungsprogramm schon im Jahr 1965 gar nicht so schlecht fand. Es sei doch viel besser, dass Nasser bei der Produktion eigener schlechter Flugzeuge "verblute" als dass er im Ausland gute Flugzeuge für weniger Geld kaufe, argumentierte der spätere israelische Außenminister.

>> Artikel von Thomas Riegler

(APA)

Meistgelesen