Die sternklare Mordnacht von Oberwart 1995

Das schwerste politisch motivierte Attentat in der 2. Republik schockte Österreich und setzte alle unter Druck. Nach jahrelanger Fahndung schnappte man den Bombenbastler Franz Fuchs aus Gralla. War er wirklich ein Einzeltäter?

CHRONOLOGIE/BOMBENATTENTATE/OPFER/ROMA
CHRONOLOGIE/BOMBENATTENTATE/OPFER/ROMA
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Oberwart, Burgenland. Die Nacht vom 4. auf 5.Februar 1995 ist sternenklar und sehr kalt. Vier Bewohner einer Roma-Siedlung außerhalb des Ortes stoßen – mit Taschenlampen bewehrt – auf dem Zufahrtsweg auf eine seltsame schwarze Tafel, die mitten auf dem Weg aufgepflanzt ist: „Roma zurück nach Indien!“ Sie wollen das Schandmal samt dem Zementsockel entfernen (wird später rekonstruiert), ein Knall, Eisensplitter töten alle vier. Man findet die Leichen am frühen Morgen des 5.Februar im frischen Schnee.

Josef Simon (40), Peter Sarközi (27), Karl Horvath (22) und sein Bruder Erwin (18), alle zuletzt arbeitslos, sind Opfer eines heimtückischen Anschlags geworden, dessen ausländerfeindliche Motive wohl klar auf der Hand liegen. Vielleicht doch etwas zu offensichtlich?

Noch Jahre später werden sich Experten, darunter Michael Sika (damals Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit), ihre eigenen Gedanken dazu machen: Die Detonation muss gewaltig gewesen sein, denn alle vier Männer waren am nächsten Morgen tot, keiner schwer verletzt.

In der nahe gelegenen Roma-Siedlung aber will man nichts gehört haben. Auch eine verschobene Winterjacke gibt den Ermittlern Rätsel auf. War jemand doch in der Nacht bereits am Tatort?

Die Gendarmeriebeamten verdächtigen die Opfer zunächst selbst und gehen von einem Verbrechen aus, bei dem die Männer mit einer Pumpgun getötet worden seien. Erst Kriminalbeamte aus Eisenstadt stellen fest, dass die Männer durch ein Sprengstoffattentat umgekommen waren. Dennoch gibt es Hausdurchsuchungen in der ganzen Siedlung, was von den Roma als Schikane und als Demütigung empfunden wird.

Doch zunächst ist nicht nur das „offizielle Österreich“ geschockt. Noch mehr, als tags darauf im mehrheitlich von Kroaten bewohnten Stinatz eine weitere Bombe explodiert, die neben einem Papiercontainer liegt – unmittelbar neben dem örtlichen Kindergarten. Ein Müllarbeiter wird dabei schwer verletzt. Die Republik ist im Ausnahmezustand, die Behörden tappen im Dunkeln, der Innenminister steht unter Druck. Ein Ergebnis muss her, koste es, was es wolle.

Zum Begräbnis in Oberwart stellen sich sämtliche Funktionäre der Republik ein, vom Bundespräsidenten abwärts; man verspricht rasche Verbesserungen der Lebensverhältnisse in der Oberwarter Randsiedlung; bald aber ist alles wieder so wie früher.

Bis heute gilt das Oberwarter Attentat als der folgenschwerste innenpolitisch motivierte Anschlag der Zweiten Republik. Schon im August 1994 war es in Klagenfurt zu einer rätselhaften Explosion gekommen. Eine Rohrbombe bei der Renner-Volksschule sollte entschärft werden.

Der Sprengstoffexperte Theodor Kelz wollte das Rohr auf dem Klagenfurter Flughafen durchleuchten, doch dabei detonierte die Höllenmaschine. Kelz wurden beide Unterarme abgerissen.

Aber sein unbändiger Lebenswille sollte später zu einer der spektakulärsten Operationen führen, die in Österreich jemals durchgeführt wurden – zur Transplantation zweier Hände in Innsbruck – mit Erfolg. Die Jagd nach dem Täter (den Tätern) bleibt jahrelang erfolglos. Eine „Bajuwarische Befreiungsfront“ wird im rechtsextremen Milieu vermutet, dabei ist der neue Innenminister, Caspar Einem, nicht gerade zimperlich, indem er rechtsextrem, rechts, rechtskonservativ, deutschnational miteinander gleichsetzt und Datensätze harmloser Bürger beschlagnahmt. Er weiß, er muss liefern. Die Medien sind ihm auf den Fersen.

Und er liefert. Durch einen puren Zufall. Am 1.Oktober 1997 wollen zwei Gendarmen in Gralla (Oststeiermark) einen Autofahrer kontrollieren. Ein unauffälliger Lenker mittleren Alters mit einem gestutzten Schnauzbart und Goldbrille. Er steigt aus dem Kombi. Doch in seinen Händen hält er nicht die verlangten Autopapiere, sondern eine Rohrbombe: „Da habt's!“ Dann ein Knall, ein Blitz.

Die Sprengsatz explodiert unmittelbar vor den beiden Uniformierten, die von Splittern verletzt werden – Arno Schreiner so schwer, dass er zunächst blind ist. Sein Kollege verfolgt den zu Fuß flüchtenden Mann, der nach wenigen Metern zusammenbricht. Als ihm der Gendarm die Handschellen anlegen will, der nächste Schock: Der Autolenker hat keine Unterarme mehr. Von der Bombe weggerissen.

Aber der Mensch lebt. Es handelt sich um den Vermessungstechniker Franz Fuchs, geboren am 12.Dezember 1949, wohnhaft in Gralla bei Graz. Ist dieses „Waserl“ der seit Jahren gesuchte Briefbombenbastler?

Bei seinen Vernehmungen gibt Fuchs nur wirres Zeug von sich. Er faselt von seiner Befreiungsarmee. Alle Attentate (gegen den Pfarrer August Janisch, gegen die ORF-Moderatorin Silvana Meixner, gegen Zilk, gegen die Flüchtlingshelferin Maria Loley) richteten sich gegen Personen, die der Ausländerfeindlichkeit mehr oder minder deutlich entgegengetreten waren. Und immer wieder gab der Täter Hinweise auf die ominösen „Bajuwaren“. Und ihre „Befreiungsarmee“.

Der Mann ist eindeutig verrückt. So viel steht fest. Ob er aber wirklich hinter all den teuflischen Anschlägen steckte, ob sich seine Attentatsserie vom Mord an den vier Oberwartern bis zu den abgerissenen Händen von Zilk und Theo Kelz erstreckte – das bleibt ein ungeklärtes Rätsel. Denn Franz Fuchs erweist sich im Prozess durch unartikuliertes Schreien als verhandlungsunfähig. Er muss gleich nach Beginn jedes Verhandlungstages aus dem Saal gewiesen werden. Fuchs setzt genau das durch, was er will: seine Motive verschleiern.

Am 10.März 1999 wird der Mann aus Gralla aufgrund der Indizien zu lebenslanger Haft verurteilt. In Graz-Karlau adapiert man eine Zelle behindertengerecht, eine Videokamera verfolgt den eintönigen Tagesablauf des Häftlings Fuchs. Arbeiten kann er nichts. Lesen will er nichts.

Am 26.Februar 2000 blickt ein Aufseher um 12.20Uhr durch die Türluke – alles in Ordnung. Während das Essen für die Häftlinge vorbereitet wird, muss Fuchs ein Kästchen von der Wand abmontiert, an der Schraube das Kabel vom Elektrorasierer befestigt und sich erdrosselt haben.

Ein deprimierendes Kapitel österreichischer Zeitgeschichte ist endlich vorbei, ein Jahre dauernder Alptraum. Wer fragt da noch lange, wie ein Mann ohne Hände das alles bewerkstelligt haben soll, um sich in die ewige Dunkelheit zu befördern?

Der Alptraum der „Bajuwarischen Befreiungsfront“ ist Geschichte. Und schnell vergessen. Zwanzig Jahre ist das erst her.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2015)

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