Julius Streicher: Der NS-Gauleiter von Franken starb qualvoll am Galgen

Ein ausgezeichnetes wissenschaftliches Buch über den Judenhetzer und seine Zeitschrift „Der Stürmer“. In seinem Antisemitismus wollte sich der verhinderte Journalist von keinem Nazi-Führer überbieten lassen. Hitler nannte ihn einen „Narren“.

Julius Streicher
Julius Streicher
Julius Streicher – (c) Archiv

Er hat seinen Beitrag geliefert, dass die Mehrheit der Deutschen während des NS-Regimes Juden als minderwertiges Ungeziefer betrachtete, das zu vernichten sei. Er hat mit seinen bescheidenen schreiberischen Mitteln, aber mit einer ungeheuren Energie den Antisemitismus in Deutschland vorangetrieben. Mit einer perversen Lust konnte er in seiner Hetzschrift „Der Stürmer“ sexuelle Fantasien ausleben und die Auflage seiner Pamphlete befördern. Julius Streicher, NS-Gauleiter von Franken, war der Übelsten einer.

Er war nicht bei der SS, er hat keinen einzigen Juden persönlich umgebracht, nicht einmal im Krieg einen Feind erschossen. Er war ein biederer fränkischer Lehrer, aber ein Hetzer, der es mit Joseph Goebbels aufnehmen konnte. In Nürnberg, seiner Heimatstadt, ist er schließlich auch als ein Hauptkriegsverbrecher 1946 aufgehängt worden.

Dabei entstand „Der Stürmer“ aus einer höchst privaten Feindschaft. Sein Kamerad Wolfgang Preßl, ebenfalls schon NSDAP-Mitglied, hatte im April 1923 zu einer Parteiversammlung aufgerufen, auf der er mit schweren Geschützen gegen Ortsgruppenleiter Streicher auffuhr: häusliche Gewaltexzesse, Bereicherung aus der Parteikasse, Ehebruch, Unterschlagung, Betrug.

Streicher schlug zurück. Mit einem Flugblatt, das er „Der Stürmer“ nannte. 2000 Exemplare dürften es gewesen sein. Die Gegenangriffe strotzen nur so vor Verleumdungen, und bei dieser persönlichen Fehde hätte es eigentlich bleiben können. Streicher aber griff zu einem infamen Trick, um die Juden ins Spiel zu bringen: Das alles sei eine Intrige der Juden. Und weiter, pathetisch: „Über meine politische Leiche hinweg sollten die Adern geöffnet werden, aus welchen Tagediebe und Verbrecher ihren Judaslohn zu trinken hofften.“ In dieser überdrehten Tonart gestaltete der glühende Hitler-Anhänger sodann mehr als zehn Jahre lang sein Kampfblatt. Schon in der zweiten Nummer legt er seine Blattlinie offen: „Was will ,Der Stürmer‘? In bayrisch-deutscher Art Schuften die Wahrheit ins Gesicht schleudern, aufrütteln und rücksichtslos machen gegen Halbheit und Weichheit in unserer Stadt. Mithelfen zur Wehrhaftmachung unserer Herzen für den kommenden Erlösungskampf. Wer solche Art nicht vertragen kann, der bleibe hinterm Ofen und schlafe weiter!“

Hinter allem und jedem stand für Streicher „der Jude“. Er scheute nicht vor gewagtesten Hirngespinsten zurück, wenn es um diese fixe Idee ging. Als der deutsche Zeppelin „Hindenburg“ in Lakehurst explodierte, sah Streicher auf dem Funkbild mit der Gaswolke das Antlitz „Alljudas“ hervorgrinsen.

Mit besonderer Akribie widmete er sich der „Rassenschande“: Arisches blondes ahnungsloses Mädchen wird von altem geilem Juden verführt, sodass ihr Blut von da an verunreinigt sei. Für ihr Volk verloren.

1933 vertraute Joseph Goebbels, selbst kein Kostverächter, wenn es um Verleumdung und Hetze gegen Juden ging, dem Prinzen Schaumburg-Lippe an: „Viele unserer Leute gehen ja heute in der Judenfrage viel zu weit. Daran sind diese Streicher und Konsorten schuld und auch Hitler selbst bis zu einem gewissen Grade, weil er diesen grauenhaften Kerl nicht kaltstellte, wie ich es schon oft verlangt habe.“

Zwar bezeichnete auch Hitler den Frankenführer mehrmals als Narren, aber er ließ ihn bis zum Schluss gewähren. In Nürnberg sprach ihn das Internationale Militärtribunal des „Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ schuldig, am 16. Oktober 1946 betrat der stiernackige Mann, er war jetzt 61, die 13 Stufen, die zum hölzernen Gerüst mit dem Galgen führten. Zwei US-Soldaten mussten ihn hinaufzerren. „Die Bolschewisten werden euch einmal hängen“, brüllte er den Zeugen zu. Der Gefängniskaplan begann zu beten, Streicher wurde die schwarze Kapuze über den Kopf gestreift, der Strang angelegt. Der Todeskandidat sagte noch zum Priester: „Ich bin bei Gott, Herr Pater.“ Dann öffnete sich die Falltür, und Streicher fiel um sich tretend in die Tiefe. Als sich das Seil schwankend straff zog, hörte man minutenlang Ächzen, Gurgeln, Stöhnen. Schließlich stieg der Henker vom Schafott herab, hob den schwarzen Vorhang und ging hinein, hängte sich mit seinem ganzen Gewicht an die Beine des Zappelnden, dann war „die schauerlichste dieser nächtlichen Hinrichtungen“ vorbei.

Daniel Roos hat eine exzellente zeitungswissenschaftliche Arbeit abgeliefert. Er schildert den Aufstieg des „Stürmers“ in unzähligen Einzelheiten, er analysiert die Inhalte, bildet unzählige Titelseiten mit ihren reißerischen Überschriften ab. Bisweilen fragt man sich allerdings, ob man das wirklich alles so genau wissen will.

Daniel Roos
Julius Streicher und „Der Stürmer“
Verlag Schöningh, 534 Seiten, € 49,90

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2015)

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