Heute vor ... im März: Der fehlende Bissen Brot

Hungersnot während des Ersten Weltkriegs.

Maurerstrike in Wien

Auch Agitatoren sind am Werk.

Neue Freie Presse am 31.3.1890

In Wien und den Vororten ist heute ein Strike ausgebrochen, der, wenn er an Ausdehnung gewinnen und längere Zeit andauern sollte, sich für die allgemeinen Geschäfts- und Erwerbsverhältnisse sehr empfindlich fühlbar machen würde. Es ist dies ein Maurerstrike, von dem schon seit einiger Zeit die Rede war. Gestern haben die Maurergehilfen und die mit ihnen genossenschaftlich verbundenen Steinmetzgehilfen, da ihre Forderungen von den Arbeitgebern zurückgewiesen worden sind, in einer zahlreich besuchten Versammlung beschlossen, von heute an die Arbeit einzustellen. Dieser Beschluss ist heute auch wirklich ausgeführt worden, und in Folge dessen sind heute fast alle Bauten in Wien und den Vororten, mit denen dank der günstigen Witterung heuer zeitiger als in anderen Jahren begonnen werden konnte, ins Stocken geraten. Die meisten Maurergehilfen stellten die Arbeit aus eigenem Antriebe ein; die übrigen, welche heute früh versucht hatten, an die Arbeit zu gehen, wurden durch den von herumziehenden Agitatoren ausgeübten Zwang genötigt, mit der Arbeit aufzuhören und die Bauplätze zu verlassen. Man befürchtete, dass der Strike sich auch auf den Bau des neuen Burgflügels erstrecken würde, doch wird daselbst fortgearbeitet.

 

Niederlage der amerikanischen Südstaaten

Bewaffnung der Schwarzen als letztes Hilfsmittel.

Neue Freie Presse am 30.3. 1865

Mit den Verhältnissen wohlvertraute Personen in Washington haben die Überzeugung ausgesprochen, dass die Vernichtung der südstaatlichen Widerstandskraft aller Wahrscheinlichkeit nach bis zum Mai dieses Jahres erzielt sein werde. Die neuesten Newyorker Berichte melden Ereignisse, welche die Beendigung des Krieges binnen kurzer Zeit erwarten lassen. Es scheint im Lager der Conföderierten allmählich die Einsicht Boden zu gewinnen, dass der fernere Widerstand wohl noch ein schreckliches Blutbad zur Folge haben könne, aber keinen Erfolg mehr verspricht. Die Verweigerung der Bewaffnung der Neger war ein Akt der Verblendung. Sollte der Süden die Chancen eines längeren bewaffneten Widerstandes noch ausnützen , so musste er das radikale Mittel der Freierklärung der Neger ergreifen und die freien Neger bewaffnen. Statt dessen verlor man wieder einen Monat Zeit, bis man sich zur Bewaffnung der Neger entschloss mit dem Zusatz, dass die Bewaffneten nach wie vor Sklaven bleiben. Das war nun allerdings ein großer Fehler, denn auf die bewaffneten Neger war nur Verlass, wenn sie als Freie kämpften.

Staat übernimmt Gefängnisse Garsten und Suben

Übergang von geistlicher in staatliche Verwaltung.


Neue Freie Presse am 29.3.1865

Über den Übergang der oberösterreichischen Strafanstalten in Suben und Garsten aus geistlicher in weltliche Verwaltung bringt die amtliche Linzer Zeitung nachstehende Mitteilungen: In jüngster Zeit ist in den meisten österreichischen Strafanstalten für Männer, wohl vorzüglich in Folge der in früheren Jahren erfolgten Auflösung mehrerer Strafhäuser, eine Überfüllung eingetreten, und das Staatsministerium sah sich daher veranlasst, zu verfügen, dass die unter der Leitung der Congregation unserer lieben Frau vom guten Hirten stehende Straf- und Besserungsanstalt für Weiber in Suben in eine Strafanstalt für Männer umgewandelt werde, zumal in der Strafanstalt für Weiber in Neudorf bei Mödling in Niederösterreich hinlänglicher Raum zur Aufnahme weiblicher Sträflinge vorhanden ist. Die Congregation wird die Anstalt in kurzer Zeit der Staatsverwaltung übergeben, auch die Strafanstalt in Garsten wird in die Regie des Staates übergehen.

 

Heute vor 100 Jahren: Mit der Zahnradbahn auf den Kahlenberg

Bericht über einen Frühlingsausflug.

Neue Freie Presse am 28.3.1915

Zu Frühlingsbegann macht man am besten einen Ausflug auf den Kahlenberg. Schon die Fahrt nach Nußdorf hinaus hat etwas Beruhigendes, ist wie eine Reise vom Heute ins Gestern. Es ist natürlich nur eine Täuschung, weil alles hier so unverändert altmodisch und idyllisch aussieht. Betritt man den Bahnhof der Zahnradbahn, ist alles genau so, wie es immer war: die grauhaarigen Bahnbediensteten, die einen gewiss nicht übermäßig aufregenden Dienst mit tiefernsten, sorgenvollen Mienen verrichten, die Plakate an den Wänden, die drei Waggons und sogar die Bänke. Bei der Station Krapfenwaldl hat sich ein kleiner Praterbetrieb etabliert mit allem, was dazu gehört: Kino, Ringelspiele, Dienstmädchen und Soldaten. Dann fährt die Bahn längs der Wildgrube und im nahen Walde bleibt jeder Spaziergänger beim Anblick des Zuges stehen, jeder mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck: andächtig bewundernde, die aber hauptsächlich dem Zahnradmechanismus gelten, unerbittlich finstere und strenge und meistens ironisch überlegene Mienen. Das ärgert mich jedesmal. Es ist ja gewiss keine verdienstliche Leistung, auf einen Berg zu fahren, aber eine verächtliche Handlung ist es schließlich auch nicht. Und dass ich ein Faulian bin, den Gott an der Taille strafen wird, das weiß ich ohnehin, und die Kahlenbergtouristen müssen es mir nicht jedesmal zu verstehen geben. 

 

Röntgenstrahlen haben sich durchgesetzt

Erinnerung an den großen Physiker.

Neue Freie Presse am 27.3.1915

Im Dezember 1905 brachten Wiener Tagesblätter eine kleine Notiz des Inhaltes, dass ein Physiker in Würzburg eine neue Art von Strahlen entdeckt habe, mittelst deren man das Innere undurchsichtiger Behälter und die inneren Organe des Menschen sehen könne. Die Ungläubigkeit, auf welche diese Notiz fast überall stieß und die in Wien erst verschwand, als Professor Exner in der k.k. Gesellschaft der Ärzte die ersten Bilder demonstrierte, ist ein Ausdruck der völligen Überraschung der Welt durch diese in keiner Weise vorbereitete Möglichkeit. In der Tat hat kaum je ein Gelehrter die gesamte Kulturwelt mit den Resultaten seiner Forschungen in ein derart unbegrenztes Erstaunen versetzt, als dies Röntgen mit der Entdeckung der nach ihm benannten Strahlen getan hat. In Würzburg fand am 23. Jänner 1896 jene denkwürdige Sitzung der Physikalisch-medizinischen Gesellschaft statt, in der Röntgen zum erstenmal seine Entdeckung demonstrierte. Der Weg von den Lämpchen Röntgens bis zu unseren heutigen Röntgen-Apparaten war sehr weit.  Röntgens Werk  hat sich über die ganze Kulturwelt ausgebreitet, allen Menschen zu Trost und Hilfe in bösen Tagen, er hat gute Saat gesäet.

 

Bismarck vom Kaiser entlassen

Wer lenkt jetzt das deutsche Staatsschiff?

Neue Freie Presse am 26.3.1890

"Der Cours bleibt der alte! Und nun voll Dampf voran!" Mit diesem Seemannsworte hat Kaiser Wilhelm II. soeben in einem Telegramm die künftige Richtung des deutschen Staatsschiffes angedeutet. Wieder dringt hiemit in diesen bewegten Tagen der Kanzlerkrise ein Wort des jungen Kaisers an die Öffentlichkeit, welches allenthalben als eine Bürgschaft dafür aufgefasst werden wird, dass Wilhelm II. auf der vom Fürsten Bismarck vorgezeichneten Bahn der Friedenspolitik auch fernerhin zu verharren gewillt ist. Der Cours, welchen der große Kanzler dem Staatschiff gegeben, bleibt derselbe, auch wenn Bismarck nicht mehr das Steuer lenkt. Kein Zweifel, dass dieses Wort einen beruhigenden Eindruck auf die Gemüter hervorrufen und die durch die Berliner Ereignisse einigermaßen erschütterte Friedenszuversicht wieder stärken wird. … Der Gleichmut, womit ohne ein Wort des Dankes an den Eisernen Kanzler der preußische Landtag über das weltbewegende Ereignis hinweggegangen ist, hat Aufsehen erregt. Man war einigermaßen betroffen über die Schweigsamkeit in den beiden Häusern, als dort in ziemlich trockenen Worten der Rücktritt Bismarcks angezeigt wurde. Der scheidende Kanzler dürfte sich voraussichtlich Ende dieses Monats in die ländliche Abgeschiedenheit des Sachsenwaldes zurückziehen.

 

Hungerqualen während der Belagerung

Schreckliche Erlebnisse der Przemysl-Verteidiger

Neue Freie Presse am 25.3.1915

Wir erfahren wahrhaft erschütternde Einzelheiten über die letzten Stunden der Festung. In den letzten Wochen füllten sich die Spitäler infolge der furchtbaren Entbehrungen immer mehr mit den vor Hunger erschöpften Leuten, fast jeder zweite Mann war im Spital. Vor dem letzten Ausfall beteilte man die Leute mit je zwei Konserven; sie stürzten sich heißhungrig darauf, mancher ausgedörrte Magen konnte das ungewohnte Maß an Nahrung nicht mehr vertragen; es gab Erkrankungen, sogar Todesfälle. Alle Pferde waren geschlachtet und verzehrt, zuletzt kamen auch die der Generäle daran. Der letzte Hafer wurde zu Schrot vermahlen und zugleich mit dem Pferdefleisch an die Hungernden für die Zeit der Übergabe verteilt, bis die Russen für sie weiterzusorgen hatten. Man erzählt, dass man dem Festungskommandanten Sonntag eine gebratene Brieftaube auftrug, das einzige, was es außer Pferdefleisch noch gab. General v. Kusmanek wies den Braten ab und schickte ihn einem Schwerkranken ins Spital. Die beiden letzten Tage waren dann eine einzige Artillerieschlacht. Die brennenden Depots und Magazine beleuchteten Przemysls letzte Nacht. Die Einwohner liefen auf dem Tatarenhügel zusammen und betrachteten das schaurige Schauspiel. Die 30-Zentimeter-Mörser zerstoben in Atome, ebenso die Kasematten und Panzer des Gürtels samt der Armierung. Die Leute zerschlugen sogar ihre Gewehre, bis sich die Läufe krumm bogen; der Feind sollte nur Trümmer in Przemysl finden. So hat denn die Besatzung das Äußerste geleistet und dem österreichisch-ungarischen Namen Ruhm in aller bewohnten Welt erfochten.

 

Gemüseanbau im Wiener Augarten

Verbesserung der Ernährungslage dringend nötig.

Neue Freie Presse am 24.3.1915

Die Notwendigkeit verstärkten Gemüseanbaus hat bereits den Erfolg gehabt, dass eine ganze Anzahl von Flächen innerhalb des Wiener Gemeindegebietes in den Dienst des Gemüse- und Kartoffelanbaues gestellt wurde. Nunmehr sind diese Aktionen mit Unterstützung der Hofgartenverwaltung auch auf den Augarten ausgedehnt worden. Die Besucher des Gartens konnten heute bereits den Beginn der nützlichen Aktion, die als "Ödflächen" zu bezeichnenden unbenützten Gebiete des Gartens in Gemüsebeete zu verwandeln, wahrnehmen. Mit Pferden bespannt, zogen die Pflüge auf und nieder, um das Wiesenterrain des ehemaligen Eislaufplatzes aufzuackern. Auch an einer zweiten Stelle, in der Nähe des Nordwestbahnhofes, wurde im Augarten mit dem Anbau von Gemüse und Erdäpfeln begonnen.

 

Deprimierender Armeebefehl: Przemysl aufgeben

Von der Festung bleiben nur noch Trümmer.

Neue Freie Presse am 23.3.1915

Feldmarschall Erzherzog Friedrich hat nachstehenden Armeebefehl erlassen: "Nach viereinhalbmonatigen heldenmütigen Kämpfen, in welchen der rücksichtslos und zähe, aber stets vergeblich anstürmende Feind ungeheure Verluste erlitt und nach blutiger Abweisung seiner Versuche, die Festung Przemysl mit Gewalt in die Hand zu bekommen, hat die heldenmütige Festungsbesatzung, die noch am 19. März mit letzter Kraft versuchte, den übermächtigen Ring der Einschließung zu sprengen, durch Hunger bezwungen, über Befehl und nach Zerstörung und Sprengung aller Werke, Brücken, Waffen, Munition und des Kriegsmaterials aller Art, die Trümmer von Przemysl dem Feinde überlassen. Den unbesiegten Helden von Przemysl unseren kameradschaftlichen Gruß und Dank; sie wurden durch Naturgewalten und nicht durch den Feind bezwungen. Die Verteidigung von Przemysl bleibt für ewige Zeiten ein leuchtendes Ruhmesblatt unserer Armee."

Diese Kunde geht uns an die Herzen. Die Festung hat in sechs, sieben Monaten ihre Schuldigkeit getan, weit mehr als das. Przemysl war gesetzt worden, Kräfte des Feindes zu binden, und hat sie nicht nur gebunden, nein aufgerieben. Kein Russe, der den Winter vor den unwirtlichen Wällen lag, wird in diesem Krieg noch seinen Arm gegen uns rühren. Doch jetzt Przemysl noch zu halten, die armen, entnervten Verteidiger weiter zu quälen - es wäre ein Verbrechen gewesen.

 

Seine Majestät im Zirkus Renz

Letzte Vorstellung in Wien.

Neue Freie Presse am 22.3.1865

Gestern fand bei vollständig ausverkauftem Hause die Abschiedsvorstellung im Circus Renz statt, welche die Saison in würdigster Weise abschloss. Menschen und Tiere arbeiteten mit solchem „Verständnis“, so großer künstlerischer Ruhe und Sicherheit, die Aufeinanderfolge der Produktionen war so präzise, dass man ebensowohl den Mitgliedern als dem Director die vollste Anerkennung zollen musste.  Director Renz bildet sich in dem jungen Ernst einen tüchtigen Nachfolger im Schulreiten heran; derselbe ritt sein Schulpferd mit der Gewandtheit und dem Applomb eines durchgebildeten Stallmeisters, dessen Muskeln nur noch einige Jahre älter werden müssen, damit der Schüler auf ihren Gehorsam rechnen könne, so wie der Meister auf die Bereitwilligkeit des Apportirpferdes, das Schnupftuch zu bringen. Seine Majestät der Kaiser und der Großherzog von Toscana wohnten der Vorstellung bis zum Schlusse bei. Director Renz ist heute mit seiner Gesellschaft mittelst Separatzug nach Dresden abgereist.

 

Der fehlende Bissen Brot

Jeder denkt nur an das eine: Brot.

Neue Freie Presse am 21.3.1915

Brot! Unmöglich, das Wort aus dem Kopf zu kriegen, an etwas anderes zu denken. Auf allen Seiten meldet es sich, in allen Gestalten wird man immer wieder daran erinnert. Man geht durch eine Vorstadtgasse und sieht plötzlich eine Menschenansammlung, die sich unter der Aufsicht eines Wachmannes allmählich zu einer Art Queue formiert, Frauen, Dienstmädchen, Kinder, auch Männer, Offiziersburschen stehen hintereinander zu zweit und warten geduldig auf den Einlass in den Verkaufsladen einer großen Brotfabrik. Es ist ein ganz kurioses Bild, wie eine Illustration aus einer alten Zeitschrift, und passt gar nicht hinein in den gut geölten und exakten Betrieb des heutigen Lebens. Wie einer nach dem andern eingelassen wird, wie die Frauen dann den Laden verlassen, den kleinen Laib Brot an sich drücken, ängstlich, froh, fast zärtlich, und wie die anderen, die noch nichts bekommen haben, neidisch hinblicken.  Der Bissen Brot und das tägliche Brot, das waren uns bisher Worte, die in Redensarten und Sprichworten eine ziemlich unwirkliche Existenz geführt haben. Jetzt hat es sich zum ersten Mal gezeigt, dass dieser Bissen ein ganz großer Herr ist, der nicht mit sich spaßen lässt, und da wir schon mitten drin im Abgewöhnen und Angewöhnen sind, sollten wir auch diesen neuen Respekt vor den Kleinigkeiten und Notwendigkeiten des täglichen Lebens ein bisschen beibehalten. Es könnte uns wirklich nicht schaden.

 

Frauen ohne Zukunft

Ein Kommentar über die eigentlichen Opfer des Krieges.

Neue Freie Presse am 20.3.1915

Der Ausblick ist tief beängstigend. Der Schlachtentod mäht blühende Jünglinge nieder. Hunderttausende, die als stattliche, kraftstrotzende Männer ins Feld gezogen sind, werden verstümmelt, siech, mit zerrütteten Nerven heimkommen. Wer wird die jungen Witwen, wer die um den Verlornen weinenden Bräute trösten? Sollen sie bis ans Lebensende in schwarzen Flor gehüllt bleiben? Sollen sie der Welt entsagen und ins Kloster gehen? Und die Mädchen, wer wird sie lieben, wer wird sie freien? Werden sie sich mit einem Krüppel begnügen müssen, da es nicht genug Männer mit heilen Gliedmaßen für alle geben wird? Welche anderen Lösungen wird das Leben für sie finden? Wird man Freier in großer Zahl aus den neutralen Ländern beziehen, deren heiratsfähige Männer nicht vom Kriege hinweggerafft worden sind?  Die ganze weibliche Generation der Kriegsjahre wird auch noch im Frieden ihr Leben lang unter der Kriegsnot zu leiden haben und niemand wird ihr helfen, sie zu tragen. Wer sich die Mühe nimmt, über die Sache nachzudenken, der wird zum Schlusse gelangen: das eigentliche Opfer des Krieges ist die Frau.

 

Gefärbte Ostereier verboten

Androhung von 14 Tagen Arrest.

Neue Freie Presse am 19.3.1915

Die „Rathauskorrespondenz“ meldet: Um den nicht notwendigen starken Verbrauch von gefärbten Eiern zur Osterzeit hintanzuhalten, hat der Magistrat das Färben von Hühnereiern sowie das Inverkehrsetzen gefärbter Hühnereier (Ostereier) im Wiener Gemeindegebiet bis auf weiteres verboten. Übertretungen dieser Verordnungen werden mit Geld bis zu 400 Kronen oder mit Arrest bis zu vierzehn Tagen geahndet. Weiter hat der Magistrat mit Rücksicht auf die Milchknappheit die Verwendung von Milch jeder Sorte zur Erzeugung von Kleingebäck verboten.

 

Die Seite eins der Zeitung: Ein weißes Blatt

Beschwerde über die Zensur.

Neue Freie Presse am 18.3. 1915 (Abendausgabe)

Die Zensur hat heute einen Artikel der „Neuen Freien Presse“ mit ihrem Verbote belegt, und die Leser haben an der Stelle, wo sonst die Tagesereignisse besprochen werden, den so unvolkstümlich gewordenen weißen Fleck gefunden. Wir können uns, ohne gegen die bestehenden Vorschriften des Ausnahmezustandes zu verstoßen, über den Inhalt des Artikels nicht äußern, aber mit voller Gewissenhaftigkeit erklären: Der von der Zensur unterdrückte Artikel enthält nichts, was unseren Kriegsoperationen schädlich oder den Feinden nützlich hätte werden können; nichts, was zur Verschärfung nationaler Gegensätze oder zur Verbreitung von Unruhe hätte beitragen können.

Die Seite eins, ein weißes Blatt.
Die Seite eins, ein weißes Blatt.
Die Seite eins, ein weißes Blatt. – (c) Faksimile


Der Artikel hat auf Grund des Restes der Pressfreiheit, von dem wir glaubten, dass er uns noch geblieben sei, ein politisches Urteil nach den besten Überzeugungen des Blattes über ein Ereignis zu begründen versucht. Die Zensur darf nicht dazu benützt werden, jeden Zeitgenossen, der im Besitze der Macht ist, vor unbequemen Wahrheiten zu schützen; sie darf nicht ein Mittel sein, um den Ausdruck von Meinungen, die auf die Vorfälle des Krieges gar keinen Bezug haben, zu unterdrücken oder das politische Leben von Staatsmännern zu verlängern.

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Debakel Englands bei den Dardanellen steht bevor

Trotz Dauerbombardement keine Fortschritte an der Meerenge.

Neue Freie Presse am 17.3. 1915

Wir beglückwünschen die türkischen Soldaten, die Tag und Nacht an den Geschützen standen, im Hagel der Geschosse ausharrten und zur Verteidigung des Vaterlands nicht einen Fuß breit zurückwichen, zu ihrer Leistung. Die Phantasie kann sich kaum ein Bild machen von der beispiellosen Wucht des Angriffes, den die Engländer und Franzosen gegen die Meerenge gerichtet haben. Nach fachmännischen Schätzungen sind sechstausend Schüsse abgefeuert worden. Breite Trichter öffnen sich, wo sie einfallen, und wer da nicht Nerven von Stahl besitzt, der müsste bei diesem Orkan von Pulver, bei diesem Donnern der Luft verzagen und zugrunde gehen. Dennoch haben die Türken nicht nur die Meerenge fest in der Hand, sondern das heutige Communiqué teilt auch mit, dass das größte Kriegsschiff der Welt, die „Queen Elizabeth“ gescheitert sei. Wo war die russische Flotte, als die Engländer und Franzosen ihr Pulver verschossen und ihr Leben aufs Spiel setzten? Sie blieben in ihrem sicheren Hafen. Sie ließ die Bundesgenossen sich plagen, damit Russland eines Tages der Herr des Mittelmeeres sein könne.  Es zeigt sich, dass die beiden Ententemächte, England und Russland, im vollen Gegensatz zueinander stehen, und dass nicht die geringste Klarheit darüber vorhanden ist, welche Folgen die Eroberung von Konstantinopel haben solle. England opfert seine Schiffe, aber bekommt Schelte dafür von Russland.

 

Die Geburt des österreichischen Kriegsfilms

Zu hohe Gebühren der Armee für Frontaufnahmen.

Neue Freie Presse am 16.3.1915

In Anerkennung der großen kriegsgeschichtlichen Bedeutung der Kinematographie haben das Armeeoberkommando und das Kriegsministerium bei Ausbruch des Kriegs gestattet, dass auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen Kinoexposituren aufgestellt werden, und gleichzeitig die Bewilligung erteilt, die hiezu geeigneten Aufnahmen in den Kinotheatern dem großen Publikum vorzuführen. Es wurden drei Firmen zu diesen Aufnahmen zugelassen, und die Bilder aus der Front haben begreiflicherweise beim Publikum großen Anklang gefunden. Es hat sich jedoch gezeigt, dass die verhältnismäßig großen Abgaben, die von den drei Firmen für die Aufnahmebewilligung für Interessen militärischer Wohltätigkeit zu leisten waren, der größeren Verbreitung des österreichisch-ungarischen Kriegsfilms hindernd im Wege standen, da ein beträchtlicher Teil der Kinotheater es vorzog, die wesentlich billigeren reichsdeutschen Kriegsfilms vorzuführen. Nunmehr hat das Armeeoberkommando im Interesse der größeren Verbreitung des österreichisch-ungarischen Kriegsfilms die Firmen von der Bezahlung der ursprünglich vereinbarten Abgaben enthoben und diese hiedurch in die Lage versetzt, die Preise zu ermäßigen, um auch den weniger zahlungskräftigen Kinotheatern die Möglichkeit zu geben, die heimischen Kriegsfilme ständig zu spielen, hiedurch den breitesten Schichten der Bevölkerung Gelegenheit bietend, die Aufnahmen von der Front zu sehen.

 

Wien freundet sich an mit Gustav Mahler

Kritikerlob nach dem „Philharmonischen“.

Neue Freie Presse am 15.3.1915

Mahlers in Wien oft gehörter Vierter Symphonie ist gestern auch in den Philharmonischen Konzerten jene Rehabilitierung zuteil geworden, deren sie gerade an dieser Stelle bedürftig und würdig war. Das Werk hat, um ein Wort des Kritikers Speidel zu variieren, nicht bloß Erfolg gehabt, es hat auch gefallen. Wer die Schicksale neuer Musik, nicht zuletzt der Mahlers, verfolgt, begreift im selben Maße solche Wandlung der Dinge, als er sich ihrer freut. …. Felix Weingartner, dem von allen Symphonien Mahlers diese am besten liegen mag, wahrte namentlich dem ersten Satz seine Grazie und seinen Esprit. Der Erfolg war durchschlagend, sodass diesmal die klassische Symphonie, die folgte – Haydns einigermaßen stimmungsverwandte Es-Dur-Symphonie – keineswegs „erlösend“ wirken musste, wie eine billige Referentenphrase so gern hervorhebt, wenn nach dem kämpfenden modernen Werk das totsichere klassische an die Reihe kommt.

 

Ein neuer Wiener Modeschuhsalon

In „Zeiten wie diesen“ ein Wagnis.

Neue Freie Presse am 14.3.1915

Seit Anfang des Monats wurde in Wien ein neues mit allem Komfort ausgestattetes Schuhwarengeschäft, das eine ganz besondere Type darstellen soll, eröffnet. Dadurch erfährt das den feineren Bedürfnissen eines vornehmeren Publikums speziell dienende Wiener Schuhgeschäft eine wertvolle Bereicherung. Das Geschäft befindet sich an der Hauptverkehrsader Wiens, und zwar in dem komfortablen neuen Gebäude des Hotel Bristol in der Kärntnerstraße, gegenüber der Oper. Es ist ein Eckladen, der sich ebenso vornehm als vorteilhaft repräsentiert. Die ganze Aufmachung des Geschäftes ist darauf berechnet, den „oberen Zehntausend“ als Quelle des Schuheinkaufes zu dienen. Ob dieser Zweck erreicht wird, muss natürlich erst die Zukunft lehren; jedenfalls ist die Ausstattung und Einrichtung des Geschäftes diesem Bestreben nicht ungeschickt angepasst. Allerdings ist es ein Wagnis, in den jetzigen Zeiten ein Schuhgeschäft solchen Stils zu eröffnen, doch hängt dies damit zusammen, dass bei Erwerbung des Ladens ein Krieg noch nicht vor der Tür stand und die Eröffnung mit der Fertigstellung des Hauses zusammenfiel.

 

Die Wiener Fiaker

Lockerer Umgang mit der Fuhrtaxe.

Neue Freie Presse am 13.3.1865

Schnelligkeit und außerordentliche Geschicklichkeit im Fahren, Eleganz in der Einrichtung des Fuhrwerks sind Qualifikationen, die unseren Fiakern die Anerkennung der ganzen Welt sichern; aber außerdem besitzen sie Eigenschaften, die sie ganz besonders den Wienern wert machen sollten, hat sich doch fast nur noch unter unseren Fiakern jene Ader des alten volkstümlichen Witzes erhalten. Die Anschauungen der guten alten Zeit hat kein Stand so in sich zu erhalten gewusst, wie unsere Fiaker; da heißt es gut wienerisch: viel verdienen – viel ausgeben, ohne an das Morgen zu denken. Studien würden dem Fachmann ganz neue Gesichtspunkte hinsichtlich der Wein-Consumationsfähigkeit der Menschen geben.  Und merkwürdig, nie fährt der Passagier besser, als wenn sein Kutscher schwer geladen hat. Aus dem tiefsten Grund seiner Seele hasst der Fiaker die Fahrtaxe, er verabscheut sie, er will sie nicht sehen, und dennoch schreibt ihm eine polizeiliche Verordnung vor, sie im Innern des Wagens an einem bequem ersichtlichen Orte anzubringen. Wirklich, die Gesetze muten ihm zu viel zu, einen verhassten Gegenstand stets bei sich zu führen. Aber auf eine wirklich geniale Weise weiß er sich zu helfen; hinter dem eleganten Spiegel seines Wagens bringt er das verhängnisvolle Papier an, so sieht er es wenigstens nicht vollständig, freilich der Fremde, der die Taxe nicht kennt, auch nicht, da er erst den Spiegel abreißen müsste, um die Preise lesen zu können. Aber dies ist nun einmal ein kleiner Fehler unseres Fiakers, dass er keine übertriebenen Rücksichten für Fremde kennt, doch ist er auch zu sehr kosmopolitisch gesinnt, um Geld zurückzuweisen, das Einheimische aus Unkenntnis zu viel zahlen.

 

Humor aus dem Schützengraben

Einladung zum Frontkonzert.

Neue Freie Presse am 12.3.1915

Von Angehörigen eines Koblenzer Regiments geht uns folgende mit der Schreibmaschine im Schützengraben geschriebene Vortragsordnung zu: „Großes Wohltätigkeitskonzert im großen Saale zwischen Reims und Verdun zum Besten unserer Lieben in der Heimat. Mitwirkende: Die kaiserliche Altistin Fräulein Dicke Berta aus Essen, sie besitzt ein umfangreiches Organ (42 Zentimeter) und wurde von Kaiser Wilhelm persönlich engagiert; der k.u.k. Baritonist Herr Mörser, Wien. Beste Referenzen: Namur, Lüttich, Maubeuge. Die Musik wird ausgeführt von der Maschinengewehrabteilung, Tenöre (Gewehre) und Bässe (21-Zentimeter-Kanonen). Festordnung:  1. Ouvertüre „Als wir 1914 sind in Frankreich einmarschiert“ (Deutschland) …… Hierauf: Großer Sturmangriff mit nachfolgendem Bajonettkampf. Bei Eintritt der Dunkelheit große bengalische Beleuchtung und ‚Abendsegen‘. Preise der Plätze nach Übereinkunft. Für die Franzosen eigens reservierter Sperrsitz im Drahtverhau. Damen und Kinder haben keinen Zutritt. Zu dieser Veranstaltung ladet ergebenst ein: Die Landwehr des Rheins.“

 

Mordanschlag auf den Schriftsteller Hugo Bettauer

Unsittlichkeit der Schriften als Motiv.

Neue Freie Presse am 11.3.1925

Gegen den Schriftsteller Hugo Bettauer ist gestern nachmittag ein Revolveranschlag verübt worden. Ein einundzwanzigjähriger junger Mann, ein Zahntechniker, namens Otto Rothstock, hat gegen ihn fünf Schüsse abgefeuert, Bettauer ringt mit dem Tod. Der Attentäter, der keinen Versuch machte, sich seiner Verhaftung durch die Flucht zu entziehen, wurde festgenommen und hat bei seiner polizeilichen Einvernahme als Motiv der Tat angegeben, er habe beabsichtigt, sich und andere vor weiterer sittlicher Verführung zu bewahren. Er hat Bettauer als einen Verderber der Jugend bezeichnet, den er unschädlich machen wollte. Bettauer, ein ungefähr fünfzigjähriger Mann, der bei verschiedenen Tageszeitungen tätig gewesen ist und eine Zeitlang auch in Amerika journalistisch wirkte, hatte sich seit längerer Zeit die Erotik zum Spezialgebiet seiner literarischen Betätigung erwählt und unter verschiedenen Titeln periodische Zeitschriften herausgegeben, in denen ausschließlich Probleme des Sexuallebens mit aller wünschenswerten, oder besser gesagt, nicht wünschenswerten Deutlichkeit und Unverblümtheit erörtert und breitgetreten wurden. Es konnte nicht ausbleiben, dass in erster Linie Jugendliche, Minderjährige und sogar Kinder zu ihren Lesern zählten.

 

Österreich braucht dringend ein Impfgesetz

Viele Todesfälle durch Blattern wären vermeidbar.

Neue Freie Presse am 10.3.1915

Aus Universitätskreisen wird uns geschrieben: Endlich! Das Wiener medizinische Professorenkollegium hat das Ministerium für Kultus und Unterricht gebeten, die Erlassung eines Impfgesetzes zu befürworten. Wir haben zurzeit kein Parlament, daher wäre das Impfgesetz durch den § 14 auf dem Verordnungsweg kurzer Hand für Zisleithanien gleichlautend dem deutschen Impfgesetz zu erlassen. Es wäre dies ein Segen für die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder. Leider wurde ein unter Kaiser Franz ausgearbeitetes Impfgesetz nie rechtskräftig. Ein altes Hofdekret vom Ende des 18. Jahrhunderts drohte denen, die sich dem Schutz gegen die Blattern widersetzten, mit der Prügelstrafe. Im Jahre 1870 blieben die hessischen und bayerischen Regimenter, da in beiden Ländern strenge Impfgesetze bestanden, von echten Blattern verschont, während Preußen schwer durch dieselben litt. Dies war die Veranlassung für das reichsdeutsche Impfgesetz. Bei uns in Österreich, wo kein Impfgesetz besteht, wurden während des jetzigen Krieges Hunderte von Blatternfällen und viele Todesfälle ausgewiesen. 

 

Das Konzentrationslager - eine englische Erfindung

Lord Kitchener – Politiker mit „gepanzerter Faust“.

Neue Freie Presse am 9.3.1915

Durchaus eines der abscheulichsten Mittel, das einer zivilisierten Nation je zur Züchtigung ihrer Feinde ersonnen hat, ist ohne Zweifel das Konzentrationslager. Es ist die Erfindung des Feldmarschalls Herbert Horatio Lord Kitchener und kann nur als eine diabolische Erfindung bezeichnet werden. Das Konzentrationslager wurde von Kitchener während des Burenkrieges eingeführt und war als Mittel gedacht, die Unterwerfung des nur allzu hartnäckigen Gegners herbeizuführen. Die Frauen und Kinder der im Feld stehenden Buren wurden erbarmungslos von ihren Heimen weggerissen und in Massen in den engen Raum der von Stacheldraht umgebenen Lager getrieben, wo die unglücklichen Opfer so dichtgedrängt zusammengepfercht wurden, dass die Sterblichkeitsziffer der hilflosen Gefangenen furchtbar stieg. Sowie die Einzelheiten über die elende Lage dieser gefangenen Frauen und Kinder bekannt wurden, da erhob sich in der ganzen zivilisierten Welt ein Gefühl des Abscheus und des Entsetzens, und der gute Name Englands als eines christlichen und humanen Landes war arg geschädigt. Die Buren behaupten, dass 20.000 ihrer Frauen und Kinder so zum Tode gebracht wurden, die Engländer selbst geben 14.000 an. Als der gegenwärtige Krieg ausbrach, ließ sich die englische Regierung Lord Kitchener, den Mann der gepanzerten Faust und der autokratischen Denkart, als Kriegsminister aufzwingen. Und von diesem Augenblicke an herrschte Kitchener über die Regierung sowohl wie über das Land.

 

Der erste Tauchversuch eines U-Bootes

Erinnerung an den Erfinder Wilhelm Bauer.

Neue Freie Presse am 8.3.1915

Am 1. Februar 1851 herrschte im Hafen von Kiel festliches Treiben. Viele Boote mit spannungsvoll harrenden Neugierigen schaukelten sich auf dem Meeresspiegel. Es galt, etwas Großes zu erleben, Zeuge eines Wunders zu sein. Um 9 Uhr morgens war ein kleines Schiff in das Wasser getaucht; drei tapfere Männer machten den kühnen Versuch, das Meer in seinen Tiefen zu beherrschen. Langsam entzog sich das geheimnisvolle Fahrzeug den Blicken der Zuschauer. Nun aber verrann eine Stunde nach der anderen, und das erste deutsche Unterseeboot kam nicht an die Oberfläche, grüßte die Sonne nicht wieder. Die atemlose Erwartung hatte sich  bereits in trauernde Teilnahme umgewandelt, denn es schien, als wollte die nimmersatte Flut ein neues Opfer verschlingen und einen triumphfrohen Erfinder begraben. Alle empfanden eine schmerzliche Rührung. Da mit einem Male geschah etwas Seltsames. Der totgeglaubte Pionier des Unterseebootes schnellte plötzlich empor, wie von einer unsichtbaren Macht dem Lichte zugetrieben. Wilhelm Bauer hatte sich mit seinen zwei Matrosen gerettet, als schiffbrüchiger Erfinder freilich. Das erste Unterseeboot, das das deutsche Meer trug, lag schwer beschädigt auf dem dunkeln Grunde. Es wurde erst Jahrzehnte später geborgen.

Anmerkung: Der Artikel erinnert anlässlich des U-Bootkrieges im Ersten Weltkrieg an den 1822 in Dillingen geborenen Erfinder Sebastian Wilhelm Valentin Bauer, der 1850, bereits für militärische Zwecke, ein erstes Unterseeboot konstruierte, er nannte es „Brandtaucher“, es wurde auch „Eiserner Seehund“ genannt. Der Artikel erzählt korrekt den Ablauf des ersten Tauchvorganges am 1. Februar 1851, als das Boot bei einer Testfahrt auf den Grund der Kieler Förde sank Der Rumpf gab dabei nach und Wasser drang ein, die Besatzung konnte sich retten. Heute ist der  “Brandtaucher“ in Dresden im Militärhistorischen Museum zu sehen.

 

Wie reist man 1915 nach Amerika?

Risikoreiche Fahrt ins Land der Freiheit.

Neue Freie Presse am 7.3.1915

Wenn jemand früher, in der Friedenszeit, seinen Bekannten erzählt hat „Ich war jetzt in Amerika“ oder: „Ich fahre nächste Woche hinüber“, so hat er mit dieser Mitteilung durchaus keinen besonderen Eindruck gemacht. Man hat sich höchstens pflichtschuldig höflich erkundigt, ob die Überfahrt angenehm, das Essen gut und die Table d’hote-Nachbarin hübsch gewesen sei, aber im ganzen war eine Fahrt nach Amerika längst eine durchaus alltägliche und unromantische Angelegenheit geworden. Höchstens, dass man sich noch für die Luxus- und Schnelligkeitsrekorde der neuen großen Dampfer interessierte, und auch ein Tanzsaal, das Schwimmbad und das Kino waren schon so selbstverständlich geworden wie die Abkürzung der Überfahrtsdauer auf fünf bis sechs Tage. Das alles ist, wie so vieles, was uns selbstverständlich war, ganz anders geworden. Man darf deshalb wieder die Frage stellen: Wie reist man nach Amerika? Die wichtigsten und frequentiertesten Linien haben den Verkehr gleich bei Kriegsbeginn eingestellt. Man muss jetzt den Weg über Genua nehmen. Italienische Gesellschaften unterhalten einen regelmäßigen Verkehr mit Nordamerika. Jede Woche geht ein Dampfer von Genua ab, der in zwölf bis vierzehn Tagen in Newyork eintrifft. Doch die italienischen Schifffahrtsgesellschaften nehmen österreichisch-ungarische und deutsche männliche Passagiere im Alter von sechzehn bis sechzig Jahren überhaupt nicht an, da sie Gefahr laufen, von den Engländern in Gibraltar gefangengenommen zu werden. Das ist entschieden eine Chance, die das Vergnügen einer Reise nach Amerika empfindlich beeinträchtigt, wenn man auf einer Fahrt ins Land der Freiheit die bösartige Gastfreundschaft der Engländer riskiert.

Neue Freie Presse am 6.3.1890

Mit dem Namen "Hilfsschule" bezeichnet man Schöpfungen für halb idiotische Kinder, die mit besonderer Rücksicht auf die Individualität der Kinder diese zum Erlernen des Lesens, Schreibens, Rechnens anhalten, ihren Körper durch das Turnen geschmeidig und gelenkig machen, sie durch Religion ethisch fördern und durch Singen und Zeichnen ästhetisch bilden, wie durch Handarbeits-Unterricht für ein Handwerk vorbereiten. Im letzten Jahrzehnt hat sich eine günstige Stimmung für solche Schulen entwickelt, in der Schweiz errichtet eine Stadt nach der andern diese "Specialclassen", und die Aufsichtspersonen sind ihres Lobes voll. Nur in Österreich können wir noch warten. Aber der Staat hat nicht nur ein Interesse, solche Kinder zur Arbeit fähig zu machen und sich dadurch gegen ihre sonstige Aufnahme in die Armen- und Versorgungsanstalten sicherzustellen, er hat auch die Pflicht, solche Schulen zu errichten. Die Zahl der schwachbefähigten Kinder ist bei uns sehr groß; die Leopoldstadt zählte heuer allein 70 solcher Schulpflichtiger. Jetzt verkommen sie und werden verhöhnt. Nicht allein dass uns die anderen Staaten in der Zahl der Idioten-Anstalten voraus sind, müssen uns auch Norwegen, das Königreich Sachsen und das kleine Anhalt in der gesetzlichen Einführung des Schulzwanges für schwachbefähigte Kinder übertreffen.

 

Linzer Bischof an Flecktyphus gestorben

Infektion beim Besuch von Kriegsgefangenen.

Neue Freie Presse am 5.3.1915

Der Bischof von Linz, Dr. Rudolf Hittmair, ist heute vormittag der Infektion an Flecktyphus, die er sich beim Besuch erkrankter Kriegsgefangener zugezogen hatte, erlegen. Bischof Dr. Hittmair hatte zu Beginn der vorigen Woche die in Spitälern untergebrachten, in Oberösterreich internierten und an Flecktyphus erkrankten serbischen und russischen Soldaten besucht. Freitag stellte sich heftiges Fieber ein. Man hielt die Erkrankung zunächst für Influenza und brachte den Patienten, der stark fieberte, zu Bett. Bald zeigten sich jedoch untrügliche Symptome der Flecktyphuserkrankung. Der Bischof wurde isoliert. Trotz der sorgsamsten Pflege und trotzdem es Dienstag schien, als sei die Krisis überwunden, traten schwere Herzaffektionen ein. Das Bewusstsein war stark getrübt und heute vormittag trat der Tod ein.

Das Kochrezept auf dem Straßenbahnfahrschein

Kleine Dokumente einer großen Zeit.

Neue Freie Presse am 4.3.1915

Aufmerksame Beobachter des Wiener Straßenlebens hätten heute eine seltsame Entdeckung machen können: An den Haltestellen der Elektrischen lagen nicht wie sonst die weißen, grünen und jugendlich rosaroten Fahrscheine haufenweise umher, sondern es sah an allen solchen Ecken und Plätzen so sauber aus, wie man es sonst nicht eben gewohnt ist. Die Ursache dieser wünschenswerten Erscheinung lässt sich unschwer ermitteln. Seit heute sind alle Fahrscheine auf der Rückseite mit Kochrezepten versehen und die wirft man eben nicht weg, sondern hebt sie auf. Man konnte heute sehen, wie die Straßenbahnpassagiere in die Gebrauchsanweisung zur Konstruktion eines Polentaschmarrens eifrig vertieft waren und schließlich die kleinen Dokumente einer großen Zeit in den Taschen der Damen, aber auch in den Brieftaschen und Geldbörsen der Herren verschwanden. Wie gesagt: Heute gab es als Straßenbahnmenü Polentaschmarren, und etwa eine halbe Million Menschen wird jetzt genau wissen, dass man dazu drei Eier und drei Viertelliter Milch braucht. Morgen dürften wohl andere gute Sachen auf dem Fahrschein gedruckt zu lesen sein und so werden denn die Wiener Hausfrauen in ganz kurzer Zeit ein komplettes, erprobtes und sehr praktisches Kriegskochbuch besitzen.

 

Wiener Spitalsärzte unzufrieden

Kinderkrankheiten im neueröffneten Rudolfsspital.

Neue Freie Presse 3.3.1865

Die Medizinische Wochenschrift schreibt: Im Rudolphs-Spitale will es noch nicht recht vorwärts gehen. Die Wärterinnen sind mit der neuen Einrichtung, dass sie geringeren Gehalt als im allgemeinen Krankenhaus, dafür aber die volle Kost bekommen, nicht recht zufrieden, und machen Miene, ihren Dienst zu verlassen. Die Wärterinnen können mit 6 Gulden monatlich nicht bestehen; die verabfolgte Kost schlagen sie nicht hoch an, da ihre Colleginnen in den anderen Krankenhäusern auch nicht hungern. Auch einige Secundarärzte wollen den Dienst verlassen, und die Ventilation scheint ganz den Dienst zu versagen, wenigstens hat sie bis jetzt denselben nur teilweise angetreten. Hoffen wir, dass es dem energischen Director gelingen wird, die Differenzen auszugleichen und Zufriedenheit in das Haus zu bringen.

(Anm: Das Rudolfsspital wurde von Kaiser Franz Joseph 1858 anlässlich der Geburt seines erstes Sohnes, Kronprinz Rudolf, gestiftet, es wurde nach achtjähriger Bauzeit fertig und vor 150 Jahren eröffnet. Offensichtlich gab es beträchtliche Anlaufschwierigkeiten. Heute ist es als Krankenhaus Rudolfstiftung -neu gebaut in den 1970er Jahren - Teil des Wiener Krankenanstaltenverbunds. Es befindet sich in Wien Landstraße.)

 

Österreich soll ausgehungert werden

Appell zur Sparsamkeit bei Lebensmitteln.

Neue Freie Presse am 2.3.1915

Wir haben in Österreich seit Menschenaltern den Vorzug, uns des besten Mehles, des besten Brotes und Gebäcks rühmen zu können. Wir werden uns dieser Gabe der Natur auch wieder erfreuen. Viereinhalb, höchstens fünf Monate trennen uns von dem Zeitpunkt, wo aus der nächsten Ernte Getreide und Mehl reichlich vorhanden sein wird. Fast zwei Drittel des Erntejahres haben wir uns trotz Weltkrieges nichts oder fast gar nichts abgehen lassen. Es war – gestehen wir es uns ein – Unrecht. Jetzt aber gilt es: Einer für alle, alle für die Gesamtheit: Wenn sich jeder ohne Ausnahme eine nur mäßige Entbehrung auferlegt, muss der Plan unserer Feinde, nachdem es ihnen im ehrlichen Kampfe mit dem Schwert nicht gelingt, es mit der niedrigen Waffe des Aushungerns zu versuchen, zuschanden werden. Unseren wackeren Hausfrauen, die in diesen ernsten Zeiten vorbildlich tätig sind, die Folgen des Krieges zu mildern, wird es zweifellos gelingen, dazu entscheidend beizutragen, was vor allem not tut: Sparen!

 

Die Not der Musiker

Klavierlehrer werden auf die Straße gesetzt.

Neue Freie Presse am 1.3.1915

Vor kurzem wurde eine Hilfsaktion gegründet, zu der sich von Tag zu Tag mehr Bedürftige drängen, eine wahre Galerie des Elends: Komponisten, oft in der Öffentlichkeit bekannte Namen, Virtuosen, Sänger, Instrumentalisten und vor allem Musiklehrer und –lehrerinnen, die Ärmsten der Armen. Die Welle der Notleidenden, die die Musik ans Land wirft, ist unendlich groß. Warum jetzt eigentlich die Leute keine Klavierstunden nehmen, keine Novitäten aufführen und keine Honorare zahlen, ist unerfindlich. So viele, denen es sicher um gar nichts schlechter geht als sonst, schaffen einfach in einer Aufwallung von Kriegspsychose den Klavierlehrer ab. So wird ganz gedankenlos die arme Musiklehrerin aufs Pflaster gesetzt, um den armseligen Gulden, von dem sie lebt, zu ersparen. Der Narr, der dumm genug war, ein Quartett oder eine Sonate zu komponieren, kriegt die hundert Kronen nicht, die sonst für derartige brotlose Kunst gezahlt werden; der bloße Gedanke an eine Aufführung wird mit Hohnlachen beantwortet. Obwohl die Konzerte voll besetzt sind, wird mit wenigen lobenswerten Ausnahmen vom Großteil der Konzertgeber keine Novität aufgeführt. Man muss im Namen der Kunst gegen das allerorts geübte Herunterwursteln der Klassiker auf das energischeste protestieren.

Kommentar zu Artikel:

Heute vor ... im März: Der fehlende Bissen Brot

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