Vor 70 Jahren: Die Zerstörung der Wiener Staatsoper

Am 12. März 1945 fliegen die Amerikaner ihre schwersten Angriffe auf Wien. Die Staatsoper brennt, unter dem Philipphof sterben bis zu 300 Menschen.

Die Staatsoper steht am 12. März 1945 in Flammen.
Die Staatsoper steht am 12. März 1945 in Flammen.
Die Staatsoper steht am 12. März 1945 in Flammen. – (c) Staatsoper

Als am 12. März 1945 im italienischen Foggia um neun Uhr vormittags 747 Bomber, die von 229 Jagdflugzeugen begleitet werden, aufsteigen, hoffen die Wiener noch auf einen ruhigen Tag ohne Luftangriffe. Der Himmel ist wolkenverhangen. Doch nur Stunden später werfen sie 90 Minuten lang 1667 Tonnen ihrer tödlichen Fracht über Wien ab. Das eigentliche Ziel: Die Ölraffinerie in Floridsdorf sowie Lokomotiv- und Rüstungsbetriebe an der Donau.

Wenn ein Bomber mit dem Abwurf noch nicht ganz fertig war und schon abdrehte, dann mussten die Bomben allerdings ganz woanders hinfallen, meint Militärhistoriker Manfried Rauchensteiner. In diesem Fall in das Gebiet der Inneren Stadt. Denn zwischen Floridsdorf und der Innenstadt lagen damals nur 15 Flugsekunden. Getroffen werden stattdessen also die Wiener Staatsoper (in der eine Veranstaltung anlässlich des Jahrestags des Anschlusses stattfinden soll), der Philipphof, die Albertina und große Teile der Ringstraße sowie das Burgtheater. Auch das Hauptquartier der Gestapo im ehemaligen Hotel Metropol wird zerstört.

300 finden Tod unter dem Philipphof

Am schlimmsten trifft es den Philipphof am Albertina-Platz. Dieser stürzt ein und begräbt bis zu 300 Menschen unter sich. Das Fatale: Während des Zweiten Weltkriegs wird im Keller unter dem Wohnhaus ein Luftschutzkeller eingerichtet, der auch den Bewohnern umliegender Häuser Zuflucht bieten soll.

Fritz M. Rebhann schreibt darüber in seinem Buch "Finale in Wien": "Jenen aber, die in den Keller gestiegen waren, wurde durch Explosionen, herabstürzende Mauern, die Glut des Brandes und schließlich durch kopflose oder unzureichende Rettungsaktionen ein gräßliches Schicksal bereitet. Erst gegen Abend gelang es den Einsatzkräften, in einen Teil des Kellers vorzudringen. 27 Menschen, die im siedenden Löschwasser gekocht worden waren, wurden zunächst nach oben gebracht (…) Der Bergungserfolg war gering, allgemein breitete sich Erschöpfung und Gleichgültigkeit aus. Immer wieder flammten Glutnester hoch, die kargen Berichte der Feuerwehrzentrale sprechen von Nachlöscharbeiten bis Ende März."

"Die Staatsoper war eine Ruine"

Die Staatsoper nach dem 12. März 1945.
Die Staatsoper nach dem 12. März 1945.
Die Staatsoper nach dem 12. März 1945. – (c) Staatsoper
Die benachbarte Staatsoper wird von fünf Spreng- und zahlreichen Brandbomben getroffen. Das Bühnenhaus wird zerstört, der Zuschauerraum sowie die seitlichen Stiegenhäuser stehen in Flammen. Eine rasche Löschung misslingt. Denn bei dem Luftangriff werden auch Hydranten und Wasserleitungen getroffen, sodass es bald kein Löschwasser mehr gibt. Das Feuer wütet zwei Tage und Nächte in der Oper, die Dächer stürzen in sich zusammen. Bis auf die Vorderfront verwandelt sich die Staatsoper in eine Ruine.

"Auch wenn die äußeren Schäden aufgrund der Massivbauweise und dank der Abmauerungen nicht so gravierend waren - die Staatsoper war damals eine Ruine", schildert Bruno Maldoner, Landeskonservator für Wien, in einem Interview die Zerstörung des traditionsreichen Opernhauses.

Die Staatsoper nach dem 12. März 1945.
Die Staatsoper nach dem 12. März 1945.
Die Staatsoper nach dem 12. März 1945. – (c) Staatsoper

"Tramschienen ragen gegen Himmel"

Ein anderer Zeitzeuge, der Diplomat Josef Schöner schreibt über den 12. März 1945 in sein Tagebuch: "...keine Tram, die Mariahilfer Straße schwarz von Menschen, die aus den Flaktürmen kamen. Ab Stiftskirche wurde das Bild immer ärger, überall zertrümmerte Scheiben, alles muß in der Fahrbahn gehen, da es links und rechts Glassplitter regnete, die von Leuten aus Häusern und Geschäften auf die Gehsteige geworfen wurden. In der Richtung der Inneren Stadt stehen schwere Rauchwolken. (...) Tramschienen ragen gegen Himmel, Oberleitungen und Straßenlampen hängen wüst auf die Straße herab, überall Glassplitter und Gesteinstrümmer."

Der 12. März 1945 stellt den Höhepunkt der Luftangriffe auf Wien dar. Insgesamt 115 Mal ertönen zwischen 12. April 1944 und 28. März 1945 in Wien die Sirenen: Flugalarm. 50 Mal folgen diesem Alarm Angriffe, die in Wien 8769 zivile Opfer sowie 1103 weitere "ortsfremde" Opfer fordern.

Wiener Neustadt: Nur 18 Gebäude bleiben unbeschädigt

Von Luftangriffen ist aber nicht nur Wien betroffen. Österreichweit werden 26.000 Menschen getötet und 40.000 verletzt. Andere österreichische Städte erwischt es weitaus schlimmer. Werden in Wien rund 30 Prozent der Gebäude vernichtet - ähnlich wie in Graz, Linz und Salzburg - sind es in Innsbruck 60 Prozent, in Klagenfurt 69 und in Villach 85 Prozent. Am stärksten in Mitleidenschaft gezogen wird während des Zweiten Weltkriegs aufgrund der dort angesiedelten Rüstungsbetriebe Wiener Neustadt. Von rund 4000 Gebäuden werden 88 Prozent zerstört, nur 18 Häuser bleiben komplett unbeschädigt.

Bis zur Wiedereröffnung der Staatsoper, die in der Zwischenzeit in das Theater an der Wien ausweicht, vergeht ein Jahrzehnt. Zur feierlichen Eröffnung der wieder aufgebauten Staatsoper wird am 5. November 1955 Ludwig van Beethovens Oper “Fidelio” unter dem Dirigenten Karl Böhm aufgeführt.

Luftangriffe: Treffergenauigkeit

Die Treffergenauigkeit der Bomber hängt sehr stark vom Wetter ab. Während bei guter Sicht 40 Prozent der Bomben innerhalb eines Radius von 300 Metern einschlagen, treffen bei kompletter Bewölkung nur 0,2 Prozent der Bomben das Ziel.

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