Die Angst des Bürgers im dunklen Stadtpark

Die Ringstraße feiert ihren 150. Geburtstag. Zum Jubiläum erscheint ein eigenes Geschichtemagazin, das Vergangenheit und Gegenwart des Nobelboulevards beleuchtet. Eine Leseprobe.

Magazin 150 Jahre Ringstraße
Magazin 150 Jahre Ringstraße
Magazin 150 Jahre Ringstraße – Die Presse

Wien hatte vor der Ringstraßenzeit ein wunderbares Grüngebiet, ein Paradies für Kinder und Spaziergänger aus allen gesellschaftlichen Schichten: das Glacis. Der breite, unbebaute Streifen zwischen der Stadtbefestigung und den Vorstädten war bereits unter Kaiser Joseph II. bepflanzt worden, hierher kamen die Frauen mit ihrem Strickzeug und den Jausenkörben, hier herrschte das ganze Jahr „reges Leben von tausenden spielenden Kindern. Da wurde Ball geschlagen, Soldaten und Nachlaufen gespielt, Ziegenmilch getrunken und Hohlhippen geschmaust“, berichten die Zeitgenossen. Dieser Grünstreifen war nun durch den Ringstraßenbau verplant und die Gemeinde verlangte als Ersatz neue Wiesenplätze für die Erholung suchende Bevölkerung. Überall wurde jetzt gegraben und gebaut, da drohte auch noch das letzte Grün verloren zu gehen. Das Klima in Wien war nicht gerade angenehm, die Stadt brauchte nach Ansicht der „Presse“ einen „Regulator für den Atmungsprozess“, also gut und schnell erreichbare Grünflächen, um dem Staubproblem zu entgehen. So setzte die Stadtverwaltung ihre Grünflächenideen mit Sturheit und Verhandlungsgeschick durch.

Besonders beliebt war das sogenannte Wasserglacis beim Karolinentor, einem Teil der Coburgbastei in der Nähe des heutigen Parkrings. Es trug seinen Namen wegen eines hölzernen Pavillons inmitten von Ziergärten, den die tüchtige Amalia Pyrker zu einer Art Kursalon ausgebaut hatte und in dem Mineralwässer aus den verschiedensten Kurorten der Monarchie ausgeschenkt wurden. Ein beliebter Treffpunkt. Als dann der Kaiser 1861 die Grundstücke des Wasserglacis am rechten Ufer des Wienflusses der Gemeinde schenkte, stellte er die Bedingung, dass „auf diesem Raume ein der Residenz zur Zierde gereichender öffentlicher Garten auf Kosten der Stadtgemeinde möglichst schnell angelegt“ werden sollte. Dummerweise hatte die Witwe Pyrker eine unkündbare Konzession, man musste sie großzügig abfinden.

Sofort entbrannte eine heftige Diskussion darum, wie die 145.000 Quadratmeter sinnvoll gestaltet werden könnten. Es gab eben noch keinen Präzedenzfall: Die Idee eines „bürgerlichen Parks“, eines Stadtparks, war neu für Wien, man hatte zunächst nur die vage Vorstellung einer grünen „erquickenden Oase“ mit viel Schatten gegen die sommerliche Hitze. Gekannt hat man eigentlich nur Kunstgärten mit Alleen, die auf optische Effekte ausgerichtet waren. Viele konnten mit der Idee eines Landschaftsgartens nach englischem Vorbild, wie sie nun der Gartenarchitekt Rudolf Siebeck vorlegte, wenig anfangen. Ein Kommentator der „Wiener Zeitung“ meinte, es reiche aus, Alleen zu pflanzen, einen gepflegten Rasen und einen Tummelplatz für die Kinder anzulegen. Alles Übrige sei „unpassende Spielerei“ im Rokokostil der adeligen Lustschlösser.

Schöne Kleider im Park. Da konnte „Die Presse“, die das Modell des englischen Gartens mit Teichen, Felsen und Sträuchern befürwortete und einen „Exerzierplatz mit Wiesen und Alleen“ ablehnte, nicht schweigen. Ihr Chef, August Zang, war Obmann der Stadterweiterungskommission geworden. Übrigens war er nicht nur Verleger, sondern auch Immobilienspekulant: eine klassische Unverträglichkeit. Ab jetzt gehörten die Journalisten der Zeitung zu den bestinformierten der Stadt, eine eigene Meinung mussten sie sich gar nicht erst bilden, es ging in der „Presse“ allemal scharf nach dem Willen des Eigentümers.

Im Gemeinderat ging es hoch her: Rasenplätze und Parks seien sinnlos, Kinder benützten den Rasen nur ungern, meinten die Mieselsüchtigen, und eine Anlage von der Schönheit der Pariser Champs-Élysées schaffe Wien ohnehin nie. Darauf der reiche Fabrikant Wertheim: Nicht jeder habe die Mittel, aufs Land zu ziehen, für die müsse man sorgen: „Machen wir etwas Ordentliches, so wird die Nachwelt sehen, was das heutige Wien gethan.“ Freilich müsse man dafür sorgen, dass die Kinder auch schöne Kleider zum Anziehen haben, denn sie hätten sonst Scheu, im schlechten zerrissenen Anzug einen solchen Park zu betreten.

Auf schöne Spielplätze im Schatten von Bäumen konnte man sich ja noch einigen, doch zu viele Bäume ließen in der Nacht das Mondlicht nicht durch, und das wieder diene nicht dem Interesse der Sittlichkeit, meinte Gemeinderat Kopp, der den Standpunkt des moralisch einwandfreien Bürgers vorbrachte und sich ausmalte, was in einem „dunklen Park“ nächtens passieren könnte. Er stand mit seiner Meinung wohl nicht ganz allein da. Es konnten sich Abgründe an Unsittlichkeit auftun, sollte man den Stadtpark also in der Nacht absperren? Oder riskieren, der Prostitution Tür und Tor zu öffnen? Die heftigen Debatten im Gemeinderat zeigen: So ein Park war weit mehr als eine bloße Grünfläche zur Erholung, er war ein Areal zur Selbstdarstellung des liberalen Wiener Bürgers, der stets bestrebt war, sich vor dunklen Elementen, die in der Nacht Blumen niedertrampelten, zu schützen. Man einigte sich darauf, an den Eingängen Wächter zu postieren, die auf die Einhaltung der guten Sitten zu achten hatten.

Vieles, was heute den Stadtpark ziert, hat in diesem Jahrzehnt nach 1860 seine Wurzeln. Der Kursalon wurde gebaut, das einzige rein Vergnügungszwecken dienende Etablissement der Ringstraße, ein mächtiges Gebäude für festliche Veranstaltungen. Sein Name verwies auf die alte Einrichtung der Mineralwasserausschank, er wurde zu einem Treffpunkt für bessere Kreise, man konnte „fast sicher sein, eine Familie von einiger Distinction nachmittags hier anzutreffen“. Allerdings kamen die Besucher nicht um eine Art von Spießrutenlauf herum, wenn sie die „Lästerallee“, die Reihe von Mietsesseln, entlanggingen. Man musste damit rechnen, Thema der tratschsüchtigen Parkbesucher zu werden.

Weniger gut erging es am Anfang den Bäumen entlang der Ringstraße selbst. Obwohl die Allee im kaiserlichen Handschreiben, mit dem alles begonnen hatte, gar nicht vorkam, wusste die „Presse“ bereits 1859: „Ihr erster und für geraume Zeit schönster Schmuck wird auf beiden Seiten eine Doppelreihe von Bäumen sein.“ Doch das wurde alles sehr mühsam, nach den ersten Pflanzungen stellte sich heraus: Nicht alle Baumarten vertrugen das lokale Klima, es kam zu Vergiftungserscheinungen, weil undichte Leuchtgasleitungen zu nahe an den Wurzeln lagen, böswillige Vandalismusakte waren schwer zu verhindern.


Gestresste Bäume. Die Zeitungen begannen zu spotten: „Wir haben zwar auf unserer Ringstraße eine große Anzahl von Alleebäumen; aber wie sehen sie aus? Es sind elende und verkrüppelte Bäume, die uns entgegenstarren; wahre Jammergestalten, die den Wienern als Zielscheibe des Spottes dienen.“ Man hatte nicht bedacht, dass durch die Niveauaufschüttungen den Bäumen der Sauerstoff geraubt wurde. Abends ab 19 Uhr wurde die Allee mit Hochquellwasser gegossen, aber zu reichlich. Das war zu viel an Stressfaktoren, Platanen und Götterbäume starben rasch ab, besser bewährten sich Ahorn, Linde und Ulme. War der Winter hart, musste nachgepflanzt werden, sodass die Bäume ungleich hoch waren. Immer wieder ein Bild des Jammers. Man errichtete eigens für die Ringstraßenallee eine Baumschule auf dem Areal des Zentralfriedhofs. Jahr für Jahr lernte man dazu.

DER INHALT

Das Magazin „Presse“-Geschichte: Texte, Grafiken, Bilder, Interviews zur Ringstraße und folgenden Themen:

Die Baugeschichte – die Gesellschaft – die Parks und Gärten – die Investoren und Bauherren – die jüdische Gesellschaft – die Stars der Zeit – das Wiener Kaffeehaus – die Grandhotels – Interview Architekt Wehdorn und Cafetier Querfeld – die Neubauten nach dem Krieg – der Ring heute.

geschichte des rings

150 Jahre Ringstraße
Die Kulturgeschichte der Ringstraße auf 120 Seiten, von der Vergangenheit in die Gegenwart. Das Magazin erscheint am 28. April 2015 und ist im Zeitschriftenhandel erhältlich.

Vorbestellungen sind bereits möglich unter: DiePresse.com/geschichte.

Preis 8,90 €, für „Presse“-Abonnenten 6,90 €. Der Versand ist inkludiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2015)

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