Loos' Schandtaten, enthüllt vor der Welt

Der unter erstaunlichen Umständen aufgetauchte Gerichtsakt zum Pädophilie-Prozess gegen den Architekten Adolf Loos geht online – dank dem Wiener Stadt- und Landesarchiv.

Kein Geld oder kein Wille? Eine wissenschaftliche Edition von Adolf Loos' vor Kurzem wiedergefundenem Pädophilie-Strafakt wird es jedenfalls (vorläufig) nicht gegeben. Kein Verlag habe sich bisher bereiterklärt, das dafür erforderliche Geld aufzubringen, sagt der freiberuflich tätige Literaturwissenschaftler Andreas Weigel, der sich wie kein anderer mit diesem Fall beschäftigt hat. Auch die Institutionen, die das Erbe des österreichischen Architekten verwalten, wie etwa das Adolf-Loos-Haus, hätten abgewinkt. Angeblich fehlt das Geld. Nun wird die Erstveröffentlichung des bestürzenden Dokumentes auf anderem Weg verlaufen – und zwar so, dass in wenigen Wochen die ganze Welt es sehen kann. Denn das Wiener Stadt- und Landesarchiv hat, wie „Die Presse“ erfuhr, nun beschlossen, die Prozessprotokolle zu digitalisieren und binnen weniger Wochen online zu stellen.

Tatort Bösendorferstraße

Geld genug ist jedenfalls da, um im MAK Loos' blütenweiß strahlendes Ehebett auszustellen. Noch bis Sonntag ist es in der Ausstellung „Wege der Moderne. Josef Hoffmann, Adolf Loos und die Folgen“ zu sehen, das Schlafzimmer aus Loos' Wohnung in der Bösendorferstraße. Dorthin bestellte Loos im Spätsommer 1928 auch die acht- bis zehnjährigen Mädchen, ihnen zeigte er Pornofotos und zeichnete sie in diversen obszönen Stellungen. Auch soll er sie, wie die Mädchen aussagten, befingert und an den Geschlechtsteilen geleckt sowie sie aufgefordert haben, ihn zu masturbieren. Zur (touristischen) Loos-Vermarktung taugen diese Details freilich nicht.

Bald kann sie jeder selbst nachlesen und sich ein Bild machen, das sich sehr von dem unterscheiden dürfte, das zu Loos' Zeiten und noch lange danach in der Öffentlichkeit gezeichnet wurde. Nicht wegen „Schändung“, sondern nur wegen „Verführung zur Unzucht“ wurde Loos damals verurteilt, weil er „aus erregtem Geschlechtsgefühl“ die Mädchen dazu veranlasst habe, als Modelle unzüchtige Stellungen einzunehmen. Die Haft blieb ihm erspart, dank freundschaftlich befangener Gerichtspsychiater, wie Andreas Weigel gezeigt hat, dank prominenter Freunde und generell einer Justiz, die dem zur gesellschaftlichen Elite gehörenden Loos von vornherein mehr glaubte als den aussagenden Mädchen. Freunde wie Alban Berg stilisierten ihn gar zum Märtyrer – eine abstruse Verzerrung. Die lächerlichen, völlig unglaubwürdigen Ausflüchte des Angeklagten sprechen eine andere Sprache. So behauptete Loos etwa, er habe den Mädchen zwecks Tanzunterrichts möglicherweise „in den Schritt gegriffen“, weil er sie für einen mit Reformpädagogin Eugenie Schwarzwald geplanten Paris-Austausch habe testen wollen – Schwarzwald protestierte daraufhin, so einen Plan habe es nie gegeben.

 

Mann sammelte Vergewaltigungsakten

Doch all diese entlarvenden Details waren weder Loos' Freundeskreis noch der Nachwelt bekannt, da nur das so milde Gerichtsurteil, nicht aber die Prozessakten bekannt waren. Auch die Forschung glaubte sie verloren – bis sie auf abenteuerliche Weise wieder auftauchten. „Soweit ich weiß, hat die Loos-Forschung erstmals um 2006 gezielt im Wiener Stadt- und Landesarchiv gesucht, wo sich der Akt damals definitiv befinden hätte müssen, aber man hat keine Spur davon gefunden“, erzählt Andreas Weigel den Hergang. Auch in anderen Archiven und Nachlässen von Loos Freundes- und Bekanntenkreis fanden die Forscher nichts.

Dann aber wurde Weigel Anfang des Vorjahres von einem Antiquar kontaktiert: Er hatte den Akt in der Wiener Wohnung eines soeben verstorbenen ehemaligen Mitarbeiters des Wiener Stadt- und Landesarchivs entdeckt. Außerdem fanden sich dort noch weitere aus dem Archiv entwendete Prozessakten, darunter mehrere zu Lustmord- und Vergewaltigungsfällen.

„Der Akt wurde zwar vor rund fünf Jahrzehnten im Aktenlager des Landesgerichts von Mitarbeitern des Stadt- und Landesarchivs durchgesehen und für die Übernahme ins Archiv vorgemerkt“, weiß Weigel: „Aber kurz vor beziehungsweise im Rahmen der Übernahme muss er auf die Seite geschafft worden sein. Im Wiener Stadt- und Landesarchiv ist er jedenfalls nie eingelangt.“

Nun kommt er doch noch dorthin. „Wir werden online keine Erläuterungen dazustellen“, sagt Archivar und Historiker Jakob Wührer: „Wir stellen nur das Archivgut bereit, sodass die Forschung es nutzen kann.“ Zu finden ist das Dokument dann über das WAIS (Wiener Archivinformationssystem) unter der Aktenzahl des Strafakts: Vr 5707/1928.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2015)

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