Was als "Umsiedlung" begann

Der Völkermord an den Armeniern ist eingebettet in den Ersten Weltkrieg und in die letzten Lebensjahre des osmanischen Reichs. Die internationale Gemeinschaft war durch die Berichte der Diplomaten unterrichtet.

TURKEY DEMONSTRATION ANKARA
TURKEY DEMONSTRATION ANKARA
Eine Flagge zeigt Mustafa Kemal Atatürk – EPA

Ob die Meldungen von Massakern, Vertreibungen, Todesmärschen, Vergewaltigungen und Hinrichtungen nicht doch übertrieben sind? Diese Frage ging jenem Mann durch den Kopf, der am Vormittag des 31. Jänner 1916 die im heutigen Ostsyrien gelegene Stadt Deir ez-Zor verließ und den Weg Richtung Bagdad einschlug. Auf den Straßen konnte Wilhelm Litten, deutscher Diplomat, zunächst nicht viel sehen. Dann, um 13 Uhr: „Links am Wege liegt eine junge Frau. Nackt, nur braune Strümpfe an den Füßen.“ Um 13:30: „Rechts am Wege in einem Graben ein Greis mit weißem Bart. Nackt.“ Um 15:22: „22 frische Gräber.“ Um 15:45: „Blutiges Skelett eines etwa zehnjährigen Mädchens, langes blondes Haar noch dran, liegt mit weit geöffneten Armen und Beinen mitten auf dem Weg.“ Um 17:02: „Ein Hund frisst an einem Menschenskelett.“

Über ein halbes Jahr, nachdem sich Litten diese Notizen machte, soll sich der Führer der Jungtürken und Innenminister des osmanischen Reiches, Talât Paşa, zum deutschen Botschaftsvertreter begeben und ihm mitgeteilt haben: „La question arménienne n'existe plus.“ Die armenische Frage existiert nicht mehr.

Der Satz fasst zusammen, was sich ab April 1915 auf dem Gebiet des osmanischen Reiches systematisch abspielte – und was von Historikern gemeinhin als der erste Massenmord im 20. Jahrhundert eingestuft wird: die großflächige Vernichtung der Armenier im ehemaligen Vielvölkerreich.

Im Jahr 1915 war das osmanische Reich ein kränkelndes Gebilde, das sich nur noch mit Mühe zusammenhalten konnte. 40 Jahre zuvor musste Konstantinopel den Staatsbankrott erklären, Aufstände im ganzen Reichsgebiet ließen die Elite – der Sultan hat ab 1909 ohnehin nur symbolische Bedeutung – erzürnen. Ein Jahr vor Kriegsbeginn putschte sich das jungtürkische Triumvirat – Talât Paşa, Cemal Paşa, Enver Paşa – mit seinem Komitee für Einheit und Fortschritt als eine Einparteiendiktatur an die Macht. Ursprünglich sollte das Komitee eine parlamentarische, das Vielvölkerreich repräsentierende Antwort auf die postmonarchische Ära sein, stattdessen schlug das Triumvirat aber einen aggressiv-nationalistischen Kurs ein.

Beschützerrolle. Während des Ersten Weltkriegs war das osmanische Reich mit den Mittelmächten verbündet, wiewohl alle europäischen Großmächte auf die Überreste des zerfallenden Reiches schielten. Dabei sollte der Konflikt Konstantinopels mit dem Intimfeind Russland – der Mitglied der Entente war – eine gewichtige Rolle bei der Vertreibung der Armenier spielen: Bereits im Krimkrieg (1853–56) nahm das Zarenreich die universale Beschützerrolle der christlich-orthodoxen Bevölkerung ein; später, nach einem weiteren Russisch-Osmanischen Krieg (1877/78), musste sich Konstantinopel beim Berliner Kongress verpflichten, die Minderheiten im Reich besonders zu schützen.

Es war eine herbe Niederlage für den regierenden Sultan Abdülhamit II., zumal sich die armenische Führungselite in seinem Reich an den Zaren gewandt und ihn gebeten hatte, die von ihnen bewohnten Gebiete zu besetzen.

Statt mit Schutz reagierte der Sultan mit Repressionen auf diese Entwicklungen. Die erst ein paar Jahrzehnte zuvor gewährte Gleichstellung von Juden und Christen ließ er aufheben, erste Pogrome gegen die christliche Bevölkerung fanden statt. Das Triumvirat sollte nach seiner Machtergreifung nahtlos an diese Verfolgungen andocken, denn im ersten Weltkriegsjahr überstürzten sich die Ereignisse.

Enver Paşa scheiterte mit massiven Verlusten bei seinem Feldzug gegen die Russen in Ostanatolien. Es entging der osmanischen Führung nicht, dass sich zahlreiche armenische Untertanen den Truppen des Zaren anschlossen. Zudem kam es in der Provinz Van im April zu einem Aufstand der armenischen Bewohner, der von der offiziellen Historiografie zu einer Art Dolchstoßlegende instrumentalisiert wurde. Dem US-Botschafter Henry Morgenthau berichtete Talât Paşa im August: „Unsere Vorbehalte gegen die Armenier beruhen auf drei unterschiedlichen Gründen. Zum Ersten haben sie sich auf Kosten der Türken bereichert. Zweitens sind sie entschlossen, uns zu bevormunden und einen eigenen Staat zu gründen. Drittens haben sie offen unsere Feinde unterstützt [...] Wir werden keine Armenier mehr irgendwo in Anatolien dulden. Sie können in der Wüste leben.“

So begann die Vertreibung auch mit „Umsiedlungen“ der armenischen Bevölkerung in die Wüste, etwa nach Mesopotamien. Zuvor, ab 24. April, wurde die armenische intellektuelle Elite in Konstantinopel festgenommen – das Datum gilt als Auftakt des Gräuels. Der deutsche Theologe Johannes Lepsius, der eine ausführliche Quellensammlung zum Völkermord zusammengetragen hat, schrieb zu den Verhaftungen: „Man wollte den Kopf des armenischen Volkskörpers abschlagen, ehe man die Glieder zerschlug.“

Es ist allerdings fraglich, ob die Vernichtung der Armenier von Anfang an in diesen Dimensionen geplant war. Wahrscheinlicher ist eine fortschreitende Radikalisierung der Organe. Ein Vernichtungsbefehl oder Dokumente, die eine vollständige Auslöschung des armenischen Volkes verlangen, ist nicht überliefert – es existiert jedoch eine „Bewilligung“ für das Militär, „die Bevölkerung von Städten und Dörfern, die sie der Schuld des Verrats oder der Spionage für verdächtig halten, zu dislozieren und in anderen Orten anzusiedeln“.



Diplomatenberichte. Was wir über die Vertreibungen und den Völkermord wissen, wissen wir hauptsächlich aus Augenzeugenberichten, aus der Korrespondenz von Diplomaten und internationalen Gesandten. „Ein hiesiges Mitglied des Komitees für Einheit und Fortschritt hält in einem Haus [...] zehn der hübschesten Mädchen gefangen, damit er und seine Freunde sich an ihnen vergehen können“, schreibt etwa der US-Konsul Oscar Heizer. Und ein Überlebender berichtet: „Wer zurückfiel, wurde sofort erschossen. Sie trieben uns durch einsame Gegenden, durch Wüsten und auf Bergpfade, damit wir nicht in die Nähe von Städten kamen, wo wir Wasser und Nahrung hätten bekommen können.“ Den Berichten zufolge wurden die Menschen gesammelt und quer durch Anatolien verfrachtet, etwa mit der Bagdad-Bahn. Im Osten begannen die Todesmärsche Richtung Wüste. Überlebende berichten dabei von Gewalt, Mord, Vergewaltigungen und Epidemien.

Die internationale Gemeinschaft, insbesondere das Deutsche Kaiserreich, war gut über die Zustände unterrichtet. Eingegriffen wurde nicht: Es herrschte Weltkrieg, die Osmanen waren die Verbündeten. Nach dem Krieg konnte das Triumvirat in einem deutschen U-Boot flüchten. Deren halbherzige Verfolgung nach Kriegsende endete dennoch mit einer Amnestie. Später wurden Talât Paşa und Cemal Paşa im Rahmen der Operation Nemesis von Armeniern ermordet, Enver Paşa fiel bei einem Kampf gegen die Sowjets.

Der türkische Staatsgründer, Mustafa Kemal Atatürk, sprach rückblickend von einer „Schandtat“, die er verurteilte. Laut dem Historiker Taner Akçam stand nach Gründung der Republik deren Funktionieren im Vordergrund – und eben nicht die Vergangenheitsbewältigung. Nun, 100 Jahre später, hat sich nicht allzu viel verändert. Armenischen Quellen zufolge wurden 1,5 Millionen Menschen ermordet, Historiker gehen von 600.000 bis 800.000 Deportierten aus, die offizielle Türkei spricht von 300.000 bis 500.000 Toten.

Bücher

Johannes Lepsius:
„Bericht über die Lage des armenischen Volkes in der Türkei“ Tempelverlag Potsdam, 1916.

Taner Akçam:
„Armenien und der Völkermord. Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung“ Hamburger Edition, 2004.

Hans-Lukas Kieser/ Elmar Plozza:
„Der Völkermord an den Armeniern, die Türkei und Europa“ Chronos, 2006.

Sibylle Thelen:
„Die Armenierfrage in der Türkei“ Wagenbach, 2010.

Donald Bloxham:
„The Great Game of Genocide: Imperialism, Nationalism, and the Destruction of the Ottoman Armenians“ Oxford University Press, 2005.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2015)

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