Herbert Amry: Der mysteriöse Tod des Botschafters

Der Wiener Diplomat starb vor dreißig Jahren in Athen, als er einen Waffenskandal nach Wien meldete. Sehr profitabel wurde die Voest-Kanone Noricum illegal an den Irak und den Iran verkauft. Mitwisser starben reihenweise.

GHN-45 155-mm Howitzer
GHN-45 155-mm Howitzer
GHN-45 155-mm Howitzer – (C) Sturmvogel 66/ Wikipedia

Am 11. Juli 1985 gab es einen großen Empfang in der österreichischen Botschaft zu Athen. Herbert Amry (46), seinerzeit Kabinettschef des Außenministers Bruno Kreisky, jetzt Missionschef, verabschiedete sich vom Diplomatischen Corps, er sollte zurück in die Wiener Zentrale. Mehr als 350 Gäste gaben dem beliebten Botschafter die Ehre, erst gegen 23 Uhr leerte sich das Haus. Amry trank noch mit seinem Mitarbeiter Heinz Hakenberg ein Glas Orangenjuice, begab sich dann zu Bett. Seine Frau Marlene beschrieb später, dass sein Atem plötzlich nur noch stoßweise gegangen war und er die Hände zur Herzgegend geführt hatte. Rasch ein Arzt! Als Frau Amry vom Telefon zurückkam, lag ihr Gatte bewusstlos neben dem Bett. Der Vertrauensarzt der Botschaft, Miltiades Sfetsos, veranlasste den Transport ins Krankenhaus, doch Österreichs Botschafter war bereits tot.

Doktor Sfetsos schrieb auf den Totenschein „Myocard-Infarkt“. Eine Obduktion lehnte Frau Amry ab. Der Leichnam wurde eingeäschert. In den freundlichen Nachrufen der Zeitungen in der Heimat war nirgends von einem geheimen Waffendeal die Rede, dem Botschafter Amry seit längerer Zeit auf der Spur war. Es sollte sein Todesurteil sein.

 

Belauschte Waffenhändler

„Ferry“, hatte der Botschafter noch wenige Tage zuvor seinen Mitarbeiter Ferdinand Hennerbichler gewarnt, „pass auf, sie wollen uns umbringen! Schau in den nächsten Tagen unter dein Auto, bevor du einsteigst.“ Die beiden hatten bei der internationalen Waffenmesse Defendory in Athen österreichische Voest-Manager bei Verhandlungen mit japanischen Waffenhändlern belauscht.

Doch worum es genau ging, blieb der österreichischen Öffentlichkeit verborgen. Zwei Tage nach Beisetzung der Amry-Urne auf dem Wiener Zentralfriedhof erwachte das Interesse von Innenminister Karl Blecha für die näheren Umstände des Todes. Denn unter Journalisten kursierte bereits das Gerücht, Amry sei vergiftet worden. Doch der von Blecha beauftragte Staatspolizei-Chef sah „keinerlei Grund, am natürlichen Ableben des Doktor Amry zu zweifeln“.

Wie es sich gehört, musste die Versicherungsanstalt Öffentlich Bediensteter (BVA) den Todesfall abschließen. Sie bat das Außenamt „um Ermittlung der Temperaturen und Luftfeuchtigkeit im Raume Athen für die Monate Juni und Juli bis zum Tod des Genannten. Dies ist zur medizinischen Beurteilung, ob die Herzattacke als Dienstunfall zu werten ist, von großer Wichtigkeit . . .“

Einer, dem das höchst verdächtig vorkam, saß in Döbling, war bis 1983 Bundeskanzler und grollte nun als Pensionist seinen Epigonen, auch dem amtierenden Außenminister Leopold Gratz, den er einst liebte. Kreisky hatte immer noch seine diversen Zuträger und wusste, dass Amry in vier Telegrammen an Wien von einem gigantischen österreichischen Kanonen-Deal berichtet hatte. Bis heute aber ist ungeklärt, ob die Fernschreiben überhaupt je bis zu Außenminister Gratz gelangt waren. Das vierte – und entscheidende – Amry-Telegramm verschwand irgendwo im Innenministerium. Die Journalisten und Buchautoren Kurt Tozzer und Günther Kallinger fanden erst 1999 im Zuge von Recherchen für ihren Bestseller „Todesfalle Politik“ einen Amry-Verschlussakt im Außenamt.

Kreisky hatte immer wieder mit seinem früheren Mitarbeiter in Athen telefoniert und ahnte, dass hier etwas faul war. Er ließ den Jungjournalisten Wolfgang Fellner von „Basta“ kommen: „Kümmern Sie sich doch einmal darum, was da vom Gratz unter den Teppich gekehrt wird!“ Am 30. August 1985 glückte den Reportern Burkhart List und Otto Grüner tatsächlich der Treffer: Sie fotografierten im Adriahafen Kardeljevo-Ploče Stahlcontainer mit 20 Superkanonen aus der Voest-Fabrik in Liezen. Alle versehen mit „Beipackzetteln“ und Gebrauchsanweisungen in persischer Sprache. Einer der größten Skandale der Zweiten Republik war perfekt.

 

Geheimproduktion in Lienz

Die unglaubliche Vorgeschichte: Das Werk der verstaatlichten Voest im steirischen Liezen hatte in den Siebzigerjahren immer höhere Verluste geschrieben, 1976 waren es schon 160 Millionen Schilling. Fieberhaft suchten Manager und Politiker nach Aufträgen. Und da verfiel man auf eine absurde Idee: Der kanadische Erfinder Gerald Bull hatte das Patent auf eine Kanone, die weiter schießen konnte als jede bisher produzierte: 45 Kilometer! Man kam ins Geschäft und kaufte Bull die Lizenz ab. Der hatte ein Faible für das kleine Österreich: Sein Sohn Philippe studierte in Wien Medizin. . .

Eingefädelt hatte den Deal ein Auslandsösterreicher, der mit Bull befreundet war: Hermann Erben hatte den Bull-Sprössling nach Wien begleitet und diskret beaufsichtigt. Er war in die Voest-Pläne eingeweiht, starb aber im Jänner 1985 in seiner Wohnung am Dannebergplatz: Herzversagen. Doch der Witwe, die aus London angereist kam, fiel ein unbeschreibliches Chaos in der Wohnung des pedantischen 87-Jährigen auf. Und ein Kontostand von acht Millionen Schilling.

Inzwischen produzierte das Voest-Werk in Liezen diese weit tragende Superkanone mit dem Namen GHN-45 (Gun Howitzer Noricum) in großem Stil. Dummerweise benötigte das Bundesheer das Ding nicht. Es durfte laut Staatsvertrag von 1955 solche Waffen gar nicht besitzen. Und drittens untersagte das heimische Kriegsmaterialgesetz jeglichen Export an kriegführende Staaten.

Zum (vermeintlichen) Glück für die Voest-Manager führten gerade der Irak und der Iran einen mörderischen Krieg gegeneinander, der in Summe 800.000 Tote forderte. Beide waren höchst interessiert an der tödlichen Waffe made in Austria. Zunächst gingen hundert Stück an den Irak Saddam Husseins, natürlich auf Umwegen: Geliefert wurde offiziell ans Königreich Jordanien, von dort ging's weiter an den Kriegsschauplatz.

 

Beim Waffendeal ganz neutral . . .

Doch 1983 protestierte der Iran in Wien energisch gegen diese Einseitigkeit und forderte seinerseits ebenfalls Kanonen. Denn die waren eine Sensation. Neutral, wie die Österreicher sind, machten sich daraufhin 1985 der Noricum-Verkaufschef Johann Eisenburger, Voest-Finanzvorstand Alfred Koch und der Linzer Voest-Manager Gernot Preschern auf den Weg nach Teheran. Die Mühe hatte sich gelohnt: 200 GHN-45 im Wert von 16 Milliarden Schilling sah der Geheimvertrag vor, erhoffter Profit: sechs Milliarden. Die persischen Mullahs waren einverstanden, dass als Scheinadresse Libyen angegeben wurde. Am 7. März 1985 genehmigte das Innenministerium den beantragten Export nach „Libyen“.

 

Eine „Raubersg'schicht“?

1600 Arbeiter fanden in Liezen Arbeit und Brot, die Hirtenberger Munitionsfabrik freute sich ebenfalls über dicke Auftragsbücher: Munition für die GHN-45, Treibladungen, Zünder. . .

Als die Zeitschrift „Basta“ Ende September 1985 mit der Sensationsstory erschien, wurde die Sache in Wien zunächst als „Raubersg'schicht“ abgetan. Empört meldete sich die Voest-Chefetage zu Wort: Alle Exporte seien korrekt. Ausländische Geheimdienste wollten Noricum aus dem größten Waffengeschäft der letzten Jahre ausbooten. Jetzt seien geplante Lieferungen nach Indien in Gefahr, tönte Voest-Generaldirektor Heribert Apfalter aus Linz.

Diesen ereilte der Herztod im August 1987 bei Holzarbeiten in seinem Zweithaus bei Seitenstetten. Von einer Überdosis des Herzmedikaments war die Rede, das sich im Körper rasch abbaut und nicht mehr nachgewiesen werden kann. Apfalter, der als Voest-Generaldirektor schon zurückgetreten war, hätte bei den nun beginnenden Gerichtsverfahren über alle Kontakte zur Bundesregierung auspacken können. Und das, obwohl Apfalter bekennender Sozialist war. Dem „Krone“-Reporter Richard Schmitt offenbarte er, dass ihn anonyme Anrufer rüde aufforderten, er möge ins Ausland verschwinden. Es blieb bei der offiziellen Todesursache: Herzinfarkt. Spätere Bemühungen des Grün-Abgeordneten Herbert Fux, eine Exhumierung der Apfalter-Leiche zu erzwingen, blieben erfolglos.

 

Bull wurde „hingerichtet“

Und dann der dritte Todesfall. Gerald Bull (62), der kanadische Konstrukteur, wurde vor der Tür seiner Brüsseler Wohnung von einem Profikiller erschossen – zwei Wochen vor Prozessbeginn in Linz. Bull hatte Iraks Diktator Saddam Hussein vorgegaukelt, er könnte ihm eine Kanone bauen, die ein Kaliber von einem Meter und eine Rohrlänge von hundert Metern hätte. Verwendbar für Chemie- und Nuklearwaffen. Damit könnten sogar Satelliten ins All geschossen werden. Eine beunruhigende Vorstellung für die Israelis und den Geheimdienst Mossad, der offenbar prompt handelte.

Für den Direktor des Lienzer Noricum-Werks, Peter Unterweger, war die „Hinrichtung“ Bulls ein mehr als deutlicher Wink: Im Noricum-Prozess, der wenige Wochen später in Linz begann, erinnerte er sich leider an keinen einzigen Namen seiner iranischen Verhandlungspartner mehr. Er kam mit bedingter Haftstrafe davon.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2015)

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