Sprache: Lauter tote alte Sprachen – und wilde neue

Englisch als Muttersprache geht stark zurück, Arabisch nimmt zu; nur ein paar Sprachen werden die Welt dominieren, der Großteil stirbt aus.

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Die Sprache ist ein „Wörterbuch verblasster Metaphern“, sagte Jean Paul. Wenn wir etwas getan haben, drücken wir die Vergangenheit mit einem Nachfahren des protoindoeuropäischen kap aus, das fassen hieß. Wenn „We are going to write an article“, werden wir einen Artikel schreiben, ohne dass wir dafür irgendwohin gehen müssten. Abstrakte Begriffe und grammatikalische Elemente entstanden aus Wörtern für konkrete Dinge, aus jenen für Kopf oder Bauch etwa wurden Ortsangaben wie vor oder Mitte. Aber nicht nur der Inhalt schliff sich ab, auch die Form, Wörter wurden kürzer, hängten sich aneinander. Grammatik ist Zerfall, oder, wie der israelische Sprachwissenschaftler Guy Deutscher sagt, „eine erbarmungslose Bleich- und Komprimiermaschine“. Und so geht es bis zum heutigen Tag, den die Franzosen „aujourd'hui“ nennen: „am Tag von diesem Tag“. Das zum hui verkürzte lateinische hodie war ihnen irgendwann zu ausdrucksschwach. Das ist die Gegenbewegung: Sprachgestein erodiert, Neues häuft sich auf, erodiert wieder . . .

 

Globaler Trend: Einfachere Wortformen

Vieles also, was für die nächsten Jahrzehnte vorhergesagt und gern als Verfall gedeutet wird, ist Teil eines uralten Kreislaufs. Aber einen langfristigen Trend sehen die Sprachwissenschaftler doch. Wortstrukturen werden einfacher, Endungen verschwinden etwa, der Kasus wird durch mehrere Wörter ausgedrückt. Diese Entwicklung beobachtet man seit Jahrhunderten, und als Hauptursache vermutet man den Kontakt mit Fremden, er lässt Sprachen einfacher werden. Das Englische hatte einmal drei Geschlechter und fünf Fälle, dass sie verloren gingen, wird nicht zuletzt auf die Wikinger-Invasion zurückgeführt. Deswegen sind auch nicht die großen Kultursprachen, sondern die exotischen die kompliziertesten.

Es ist das „kreolische Prinzip“ – wo viel Austausch mit Fremden, viel Mehrsprachigkeit ist, werden Elemente, die die Verständigung erschweren, eher eliminiert. Dass, wie der deutsche Sprachwissenschaftler Uwe Hinrichs glaubt, durch Migrantendeutsch Konstruktionen wie „Problem ist“, „Mehr aufregend“ oder „Ich helfe Sie“ im Deutschen bald ganz normal sein werden, halten die meisten Kollegen zwar für übertrieben. Aber in der Umgangssprache entstehen durch Migranten neue, grammatikalisch vereinfachte Sprachen, die mehr Einfluss auf die Standardsprache haben als früher: das Kiezdeutsch türkischer Migranten etwa.

Auch das Globish hat mit diesem Phänomen zu tun. Vorbei ist der alte Traum von einer eigens konstruierten Universalsprache wie Volapük (ein von einem bayerischen Priester 1880 erfundener Mix aus Französisch, Deutsch und Englisch) oder Esperanto. Schlechtes Englisch werde die neue Weltsprache sein, wurde dann prophezeit. Heute haben die meisten Experten allerdings nicht mehr die (Schreckens-)Vision vom Englischen als Sprachenkiller. Es wird zur Zusatzsprache, und Mehrsprachigkeit immer selbstverständlicher. Wozu auch eine Universalsprache, wenn die Maschinen immer besser übersetzen, auch das Gesprochene?

Nur in bestimmten Bereichen werden die Sprachen vom Englischen verdrängt – wohlgemerkt, die starken Sprachen. Im Jahr 2050 werden ein paar wenige dominieren, prophezeit der britische Linguist David Graddol. Nach einigen Jahrzehnten rascher Veränderung werde eine völlig neue „sprachliche Weltordnung“ da sein. Nur noch halb so viele Menschen werden demnach Englisch als Muttersprache haben wie 1950, ungefähr so viele wie das Spanische und das Arabische (das demografisch bedingt sehr viele Spracher dazubekommt). Noch mehr Menschen aber werden Hindi und Urdu sprechen.

 

Chinesisch: Chancenlos gegen Englisch

Und Chinesisch, das jetzt schon die häufigste Muttersprache der Welt ist und es bleiben wird? Trotz Chinas wachsender Bedeutung wird es das Englische nicht verdrängen; es hat zu viel Vorsprung, als dass eine so komplizierte Sprache ihm den Rang ablaufen könnte. „Mongolen und Mandschuren beherrschten China und ließen das Chinesische intakt, wenn die Chinesen die Welt beherrschen, werden sie es wohl auf Englisch tun“, meint der amerikanische Linguist John H. McWhorter. Auch an ein totales Amalgam etwa aus Chinesisch und Englisch glauben Sprachwissenschaftler nicht – gewachsene Sprachstrukturen sind sehr stark, sie mixen sich nicht so einfach zu einer neuen Sprache.

Das zeigt sich auch bei den Anglizismen. Ihre Zahl erhöht sich im Deutschen, aber weniger als erwartet, und das meiste wird grammatikalisch eingedeutscht. Deutsch bleibt auch weltweit wichtig. Viele hundert kleine Sprachen dagegen werden in einem aberwitzigen Tempo verschwinden, wie schon vor Langem die meisten Sprachen der Indigenen und Aborigines. Der Unesco zufolge stirbt alle zwei Wochen eine Sprache aus, schneller als Tierarten aussterben. Um die 6000 Sprachen gibt es derzeit, bis zu 90 Prozent könnten in den nächsten hundert Jahren verloren gehen, und mit ihnen unwiederbringlich kulturelles und historisches Wissen. Längst haben die Forscher den Wettlauf mit der Zeit aufgenommen, um so viel wie möglich zu dokumentieren, bevor die letzten Sprecher sterben.

Sind die Sprachen, die bleiben, wirklich simpler gestrickt als früher, ja ärmer, wie manche meinen? In ihrem „Bericht zur Lage der deutschen Sprache“ scheint die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung eher das Gegenteil festzustellen: Der Wortschatz umfasse heute 1,6 Millionen Wörter mehr als vor 100 Jahren, und die Deutschen gingen sehr kreativ mit alten und neuen Regeln um. Der Vergleich hinkt allerdings: Die Akademie hat nur die Schriftsprache untersucht – in die heute nicht zuletzt durch Internet, SMS, soziale Medien etc. mehr mündliche Sprache und damit Vielfalt einfließt als früher.

Sicher ist jedenfalls, dass im Schriftlichen das Individuelle mehr Raum hat, die Norm weniger – oder zumindest eine Norm. Immer mehr Peergroup-Sprachen entstehen, auch Mundarten werden wieder aufgewertet. Die Standardsprache, die Universalsprache wird auch deshalb weniger wichtig, weil Computerprogramme bis zu einem gewissen Grad deren vereinheitlichende Funktion übernehmen; sie übersetzen in andere Sprachregister, in andere Sprachen. Das wird eines der lukrativsten Geschäfte der Zukunft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2015)

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