Die Kirche hat die "Gans" gebraten

Vor genau 600 Jahren wurde der radikale Kirchenkritiker und tschechische Nationalheilige Jan Hus in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Von einem wortgewaltigen Volksprediger und seinem Ende.

Verbrennung des Magisters Johannes Hus
Verbrennung des Magisters Johannes Hus
Jan Hus wird auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Auf dem Kopf trägt er einen hohen, weißen Papierhut mit der Aufschrift „Erzketzer“. – imago/Arkivi

Kein Staubkorn sollte von diesem Ketzer übrig bleiben. Die verkohlten Knochen des Jan Hus zerstampften sie und warfen sie mit den verbrannten Kleidern in den Rhein. Jedes Andenken an den böhmischen Magister sollte der Fluss forttreiben, jede Verehrung verunmöglicht werden. Welch ein historisches Scheitern. Denn „erst da Hus tot war, wurden seine Gedanken eigentlich lebendig“, wie Historiker Leopold von Ranke später schreiben wird.

Der Flammentod des aufsässigen Böhmen im Jahre 1415 lässt bald einen grausamen Krieg zwischen der sich nach ihm benennenden Hussitenbewegung und den Truppen des Kaisers entbrennen, der auch in Niederösterreich wütet. Kaum ein tschechischer Freiheitskämpfer, der sich im Laufe der Jahrhunderte nicht am Mythos Hus bedienen wird. Selbst die Kommunisten in Prag deuten das Wirken dieses frommen Christen für ihre Zwecke um. Auch Václav Havel wird 574 Jahre nach Hus' Tod ebendiesen instrumentalisieren, wenn er sich auf dem Wenzelsplatz an die samtenen Revolutionäre wendet: „Wahrheit und Freiheit müssen siegen.“ Und jedes Kind in diesem doch so säkularen Land versteht, auf wen er damit anspielt – den Nationalheiligen, der für seine Wahrheit in den Tod ging. Bis heute leuchtet in Tschechien der Widerschein der Flammen von Konstanz, wenn etwa auf der Prager Burg nun anlässlich des 600. Todesjahrs die Hussitenfahne aufgezogen wird.


Geschäft mit dem Glauben. Zuallererst ist dieser Jan Hus zu Lebzeiten ein religiöser Eiferer – streng zu sich und der Welt. Der Mann aus dem namensgebenden Ort Husinetz im Südwesten des heutigen Tschechien, wo er um 1370 geboren wurde, legt die Habgier und Scheinheiligkeit der Amtskirche offen, er prangert das weltliche Imperium an, das diese Kirche errichtet hat, und all die Machinationen, die damit verwoben sind – vom Ablasshandel bis zum Geschäft mit dem Verkauf von Kirchenämtern, der sogenannten Simonie.

Dieser mittelalterliche Rebell will eine Rückkehr zur Urkirche, die Fischer und Handwerker geprägt hatten und die im starken Kontrast zu der Gemeinschaft jener Bischöfe steht, die sich nun wie Fürsten gerieren. Zumindest hier lässt sich eine vorsichtige Parallele zu Papst Franziskus ziehen, der ja eine Kirche der Armen ersehnt. Wobei: Dieser Hus will die Hierarchie der Kirche niederreißen – mit der Autorität der Bibel, auf die er sich immer beruft, die ihm „ganz wahr und hinreichend zur Seligkeit des Menschengeschlechts“ ist. Hus formuliert im Laufe seines Lebens so radikale Sätze wie: „Einem irrenden Papst Widerstand leisten, ist soviel wie dem Herrn Christus gehorchen.“

Ein Mann aus einfachen Verhältnissen, der sich gegen die korrupte Obrigkeit auflehnt – und den gläubigen Laien in den Mittelpunkt rückt: Das alles klingt noch 2015 durchaus modern, die buchstäbliche Auslegung der Bibel aber auch gefährlich.

In seiner radikalen Kritik am kirchlichen Establishment greift Hus immer wieder die Lehren des englischen Theologen John Wyclif auf, die böhmische Studenten über den Ärmelkanal gebracht hatten. Noch ehe ein Urteil über Hus ergehen wird, wird Wyclif als Ketzer verurteilt. Übrigens in Abwesenheit: Der Kirchenkritiker ist da schon Jahre tot, was sie nicht daran hindert, das Urteil zu vollstrecken und Wyclifs Gebeine auszugraben und zu verbrennen.

Um die 30 Jahre ist Hus alt, als er 1400 zum Priester geweiht wird. Das Wort Gottes verbreitet er in der schlichten Bethlehemskapelle der Prager Altstadt – und zwar ganz absichtsvoll auf Tschechisch. Auch die Kirchenlieder hallen in der slawischen Sprache durch das Gotteshaus. Fast wie von selbst vermischen sich nun religiöse und nationale Forderungen, zumal die arme Mehrheit des Königreichs Tschechisch spricht, während ein Großteil der Oberschicht auf Deutsch parliert. 3000 Gläubige sollen sich in jeder der jährlich angeblich 200 Messen um den wortgewaltigen Volksprediger geschart haben.

Bald zählt Hus auch König Wenzel zu seinen Unterstützern. Der Streit zwischen den Böhmen und den Deutschen gipfelt im Kuttenberger Dekret, das den Nicht-Böhmen de facto ihr Stimmrecht an der altehrwürdigen Karls-Universität entzieht. Empört verlassen viele Deutsche Prag (eine Folge ist die Gründung der Universität Leipzig). Hus, Bakkalaureus der Theologie und Magister der freien Künste, steigt nun selbst zum Rektor auf. Es ist ein kurzes Intermezzo.

Verbannt. Schon bald zieht sich die Schlinge enger um den radikalen Kirchenkritiker. Hus weigert sich, die Schriften Wyclifs zu verbrennen oder auf Predigten in tschechischer Sprache zu verzichten. Er wird mit dem großen Kirchenbann belegt. Auch mit dem ihn schützenden König überwirft er sich danach, als dieser (mit den Einnahmen aus dem Ablasshandel kalkulierend) einen Kreuzzug gegen den König in Neapel unterstützt, den der Reformer ablehnt. Hus flieht aus der „Goldenen Stadt“. Nun fällt seine Ära in eine Zeit, da die sichtbare Kirche besonders verunsichert und gespalten ist: Drei Päpste, einer in Rom, einer in Avignon und ab 1409 ein dritter in Pisa, ringen um die Vorherrschaft – das große abendländische Schisma. Auf dem Konzil von Konstanz, Weltereignis, soll die Kirche reformiert und die Spaltung überwunden werden, auch jene in Glaubensfragen (causa fidei). Hus soll sich in der Bodenseestadt verteidigen. Ein Brief des römisch-deutschen Königs Sigismund gewährt ihm in schönen Worten freies Geleit. Er dürfe „sowohl sicher und völlig unbehindert reisen, wohnen oder verweilen als auch vollkommen freizügig zurückkehren“.

Ein historischer Wortbruch. Kurz nach seiner Ankunft am 3. November 1414 in Konstanz werfen sie Hus in einen Kerker über einer Kloake. Sigismund nimmt es hin, weil er auf die Kaiserkrone schielt – und auf die böhmische, die noch sein Bruder Wenzel trägt. Und da ist es nicht ratsam, sich an einem Nebenschauplatz gegen die Kirchenoberen an die Seite eines Ketzers zu stellen. Und sie wollen diesen Hus ja nicht töten, nur widerrufen soll er. Der Theologe weigert sich und formuliert einen Abschiedsbrief, mit dem Satz: „Das aber erfüllt mich mit Freude, dass sie meine Bücher doch haben lesen müssen, worin ihre Bosheit geoffenbart wird. Ich weiß auch, dass sie meine Schriften fleißiger gelesen haben als die Heilige Schrift, weil sie in ihnen Irrlehren zu finden wünschten.“

Am 6. Juli 1415 verurteilen sie Hus und übergeben ihn der weltlichen Gewalt, denn „die Kirche dürstet nicht nach Blut“, wie es in dieser Zeit zynisch heißt. Auf den Kopf setzen sie ihm einen hohen Papierhut, bemalt mit Teufeln und dem Schriftzug Erzketzer. Sie fesseln ihn an einen Pfahl, um den sie Holz und Stroh legen, das sie mit Teer beschütten. Der Augenzeuge und Hus-Anhänger Peter von Mladoniowitz schreibt, Hus habe mit lauter Stimme zu singen begonnen, als die Henker das Feuer entzündeten: „Christus, Sohn des lebendigen Gottes, erbarme dich meiner.“ Nüchterner klingt das alles bei Chronist Ulrich von Richental: „Da fing er ziemlich schlimm zu schreien an und war bald verbrannt.“

Bis heute haben sich katholische Kirche und Prag nicht ganz ausgesöhnt. Als Tschechien 1923 den 6. Juli zum Nationalfeiertag erhoben hat, setzte der Heilige Stuhl die diplomatischen Beziehungen für drei Jahre aus. Papst Johannes Paul II. drückte zwar in den 1990er-Jahren tiefes Bedauern über den „grausamen Tod“ des Jan Hus aus, Franziskus rief sogar zu einer Neubewertung des Falls auf. Noch ist Hus aber nicht gänzlich rehabilitiert, wie auch Martin Luther nicht, zu dessen Wegbereitern der Tscheche zählt. Vor seinem Feuertod soll er gesagt haben: „Heute bratet ihr eine Gans (Husa), aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen.“

DIE HUSSITEN

Die nach dem Tod von Jan Hus gegründete Reformbewegung, ein bunter Haufen, verlangte u.a. freie Predigt, die Säkularisation des Kirchenguts, die Rückkehr zur apostolischen Armut und auch die Darreichung des eucharistischen Weins an Laien, nicht nur an Kleriker. 1419 wurde jener Sigismund böhmischer König, den die Hussiten für den Tod ihres Märtyrers verantwortlich machten. Es kam zum Aufstand, zum 1.Prager Fenstersturz und zum Krieg, den die Hussiten mit ihren Wagenburgen brutal wie erfolgreich in Mitteleuropa führten.

1433 machte Sigismund Zugeständnisse wie den Laienkelch, dann Symbol der Hussiten, an die gemäßigten Hussiten (die aber 1462 verworfen werden). Die Hussiten waren daraufhin innerlich zerrissen, der Krieg endete 1434 bzw. 1439.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2015)

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