70 Jahre Hiroshima: "Ihre Gesichter verbrannt, ihre Augen leer"

Der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima hat vor 70 Jahren eine neue Kategorie des Grauens geschaffen. Ob ihr Einsatz tatsächlich nötig war, um Japan zur Aufgabe zu bewegen, ist umstritten.

JAPAN HIROSHIMA A-BOMB DOME
JAPAN HIROSHIMA A-BOMB DOME
Ruine einer Ausstellungshalle, heute ein Denkmal. – EPA

In der Nacht auf den 6. August 1945, ungefähr um 2.15 Uhr, bestieg eine Handvoll amerikanischer Flieger auf der Pazifikinsel Tinian ihren B-29-Bomber „Enola Gay“ – benannt nach der Mutter des Piloten, eines 29-jährigen Luftwaffenoberst aus Illinois namens Paul Tibbets. An diesem Morgen war ihm ein Ziel befohlen, das bisher vom Bombenhagel der gefürchteten B-29 verschont geblieben worden war: Hiroshima. Die Stadt war ein strategisch wichtiger Verkehrsknotenpunkt im Südwesten der japanischen Hauptinsel Honshu, und sollte Tokio von den Alliierten vernichtet werden, war sie als neuer Sitz der Regierung und des Kaiserhauses bestimmt. Nur die alte Kaiserstadt Kyoto hatte bisher mit ihr das Glück geteilt, nicht bombardiert worden zu sein. Doch je öfter nach dem täglichen Aufheulen der Luftalarmsirenen keine US-Geschwader am Himmel auftauchten, desto nervöser wurden die Menschen in Hiroshima. Die Amerikaner bereiteten für ihre Stadt etwas ganz Besonderes vor, flüsterte man sich zu. Jeder dritte Bewohner hatte Hiroshima bereits verlassen. Etwa 245.000 Menschen lebten noch dort, als der Tag anbrach.

Der Flug der „Enola Gay“ verlief ereignislos, nicht einmal sechs Stunden dauerte es, bis Kapitän Tibbets sein Zielgebiet erreichte. Eine halbe Stunde zuvor hatte seine Crew die einzige Bombe entsichert, die sie an diesem Tag abwerfen sollten: einen drei Meter langen, schwarzen, vier Tonnen schweren Apparat, der an die Form eines Pottwals erinnerte. Sein Name war „Little Boy“. Es war die erste im Krieg eingesetzte Nuklearwaffe.

Um 8.15 Uhr Ortszeit hatte die „Enola Gay“ die Einsatzhöhe von rund 9500 Metern über dem Stadtkern von Hiroshima erreicht. „Little Boy“ stürzte plangemäß aus seiner Luke, sauste 44,4 Sekunden lang zur Erde, wie ein Bericht der US-Atomenergiebehörde später akribisch dokumentierte, und zündete knapp 600 Meter über dem Erdboden. Ein grauer Bolzen angereicherten Urans stieß, im Herzen von „Little Boy“, in einen Klumpen desselben Stoffes. Die kritische Masse von rund 64 Kilogramm war erreicht, das Erwartete geschah: unkontrollierbare Kernspaltungen, die Freisetzung der Zerstörungskraft von 15.000 Tonnen des herkömmlichen Sprengstoffs TNT, Hitze, die jene auf der Oberfläche der Sonne überstieg, tödliche radioaktive Strahlung. Dieser Effekt hielt nur eine Millisekunde lang an, und „Little Boy“ war, kernphysikalisch betrachtet, eine äußerst krude Höllenmaschine: bestenfalls ein Kilogramm der Uranatome reagierte wie erhofft. Doch das war egal: Die Millisekunde reichte, um Hiroshima fast komplett vom Erdboden zu wischen, samt rund 100.000 seiner Einwohner: jeder Vierte verbrannte sofort, die Hälfte starb danach an Verletzungen, den Rest brachte später die radioaktive Verstrahlung um.

Unmittelbar nach dem Abwurf setzte die „Enola Gay“ einen harten Steilflug an und wendete. „Ich sah den Himmel vor mir in allen Farben erstrahlen“, sagte ihr Kommandant Tibbets Jahrzehnte später im Interview mit dem National Public Radio. „Und dort, wo wir auf dem Hinflug die Stadt gesehen hatten, sah ich nun nichts als brennenden Schutt, Feuer und Rauch.“ Die beiden Schockwellen der Detonation erschütterten die „Enola Gay“ noch in mehreren Kilometern Entfernung; Tibbets hatte dabei den Geschmack von Blei im Mund.

Ein überforderter Präsident. Als Vizepräsident Harry Truman nach dem Tod von Präsident Franklin D. Roosevelt am 12. April 1945 die Amtsgeschäfte im Weißen Haus übernahm, war ihm das „Manhattan Project“ der US-Streitkräfte zum Bau einer Nuklearbombe ebenso unbekannt wie der breiten Bevölkerung. Roosevelt hatte Truman rein aus parteitaktischen Gründen als Vizepräsidenten erwählt; in den knapp drei Monaten seit Amtsantritt hatten sie genau ein Treffen, und das war im Grunde genommen nur ein längerer Fototermin.

Zu seinem Glück war der Krieg gegen Hitler schon drei Wochen nach Beginn seiner Präsidentschaft beendet. Doch die Japaner fochten erbittert weiter. Rund 3500 Selbstmordanschläge hatte japanische Kamikazeflieger bereits verübt. Das Regime in Tokio schien willens, bis zum letzten Mann weiterzukämpfen. Zu gewinnen gab es für sie nichts mehr. Ihr Land lag wirtschaftlich darnieder, die Feuerbombardements der Amerikaner legten Stadt um Stadt in Schutt und Asche. Doch für den Fall einer alliierten Invasion, wie sie im Jahr zuvor in der Normandie geglückt war, plante das japanische Oberkommando, Millionen von Soldaten in Suizidmissionen auf den Feind zu werfen.

Truman, der am 6. August in Potsdam mit Stalin und Churchill über die Zukunft der Welt verhandelte, gab Tokio ein Ultimatum: bedingungslose Kapitulation samt Abdankung des Kaisers Hirohito oder totaler Krieg bis zum Äußersten. Die Atombombe erwähnte er nicht; sie war Staatsgeheimnis, wenn auch nicht für Stalin, der dank zweier kommunistischer Spione im Herzen des „Manhattan Project“ bestens Bescheid wusste.

Ein Kaiser als Gott. Tokio ignorierte das Ultimatum. Später sollten Historiker die Frage aufwerfen, ob Trumans Beharren auf der Abdankung des Kaisers klug war. Der Tenno wurde vom Volk als Gottheit angesehen. Als er am 15. August in einer Radioansprache die Kapitulation bekannt gab, war es das erste Mal, dass gewöhnliche Japaner seine Stimme hörten.

Und so läutete „Little Boy“ in Hiroshima den grauenvollen Beginn des Atomzeitalters ein, das der amerikanische Schriftsteller John Hersey im „New Yorker“ ein Jahr später in einem langen Bericht mit Anekdoten wie dieser veranschaulichte: „Ihre Gesichter waren komplett verbrannt, ihre Augenhöhlen leer, die Flüssigkeit aus ihren geschmolzenen Augen war über ihre Wangen geronnen.“ Das berichtete der deutsche Jesuitenpater Wilhelm Kleinsorge, der in Hiroshima lebte, über seine Begegnung mit einer Gruppe von Soldaten, auf die er in den Trümmern der Stadt traf.

Pater Siemes, ein anderer deutscher Jesuit von Hiroshima, brachte den ethischen Abgrund, vor dem die Menschheit seit jenem 6. August vor 70 Jahren steht, in einem Brief an den Vatikan auf den Punkt: „Die Crux ist, ob der totale Krieg in seiner gegenwärtigen Form zu rechtfertigen ist, selbst wenn einer gerechten Sache dient. Hat er nicht das materielle und spirituelle Böse zur Folge, die welches Gute auch immer bei weitem übersteigen? Wann werden unsere Moralisten uns eine klare Antwort auf diese Frage geben?“

Paul Tibbets, der Pilot der „Enola Gay“, hielt diese Grundsatzfrage zeitlebens für lächerlich. Im Jahr 2002, fünf Jahre vor seinem Tod, sprach er sich für Atomschläge gegen islamische Städte aus. „Ich würde nicht zögern, wenn ich die Wahl hätte. Ich würde sie auslöschen“, sagte er. „Man muss dabei gleichzeitig unschuldige Menschen töten, aber wir haben noch nie einen verdammten Krieg irgendwo auf der Welt geführt, wo wir nicht auch unschuldige Leute getötet hätten. Wenn die Zeitungen mich mit ihrem Mist nur in Ruhe ließen; , Sie haben so viele Zivilisten umgebracht.‘ Deren Pech, dass sie damals dort waren.“

John Hersey (1914–1993)

Der in Tianjin, China, geborene Sohn amerikanischer Missionare studierte in Yale und Cambridge.

1944 gewann er für den Roman „A Bell for Adano“ den Pulitzerpreis. Der Bericht „Survival“ über John F. Kennedys Handeln nach dem Sinken seines Patrouillenboots im Pazifik war seine erste Veröffentlichung im „New Yorker“. 1946 verbrachte er einen Monat in Hiroshima und schilderte die Explosion und ihre Nachwirkungen anhand der Schicksale von sechs Überlebenden. Der Text füllte die gesamte Ausgabe vom 31. August 1946, er ist bei Vintage als Taschenbuch erhältlich.
Carl Van Vechten

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2015)

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