Heute vor ... im September: Der Grinzinger Heurige schmeckt bitterer als Tinte

Kein Wunder, dass im Weinort ein Brauhaus eröffnet hat.

Neue Freie Presse am 30.9.1865

Bei freundlicher Witterung ist für die Ergötzung des Sommerfrischlers die ganze schöne Umgebung von Grinzing aufgetan. Einem aufgeschlagenen Fächer gleich laufen nach allen Richtungen die Wege und nach lauter reizenden Zielen. Wenn man ein paar Schritte in die Höhe steigt, rollt sich vor dem Auge die von grünen Auen durchzogene zaubervolle Donaulandschaft auf, bis der Blick von den Kleinen Karpathen, den Preßburger Bergen und dem gleich einer trennenden Mauer aufgeführten Leithagebirge beschränkt wird. An schönen Abenden pilgern die Sommergäste von allen Seiten zu der „Restauration“, einem recht hübschen Vergnügungsort, sie kommen von Heiligenstadt herunter, von Döbling her, von Sievering herüber, und an gewissen Tagen sorgt ein gutes Orchester für außergewöhnliche Unterhaltung. In der Restauration ein Tanzkränzchen zu versammeln, ist an der choreographischen Unlust der jungen Männer – ein bekannter Krebsschaden unserer Zeit – gescheitert. Gerade der Kirche gegenüber, mit dem Zwiebelturm derselben wetteifernd, ragen die Schlote des Grinzinger Brauhauses in die Lüfte. Hier fließt ein köstlicher Saft, der in einem kleinen Garten, welchen Akazien und Lindenbäume beschatten, verzapft wird. Gegen die Straße hin ist eine kleine Capelle errichtet, in welche der fromme Sudherr, Herr Richter aus Leitmeritz, seinen National-Heiligen, den Johannes von Nepomuk, hineingestellt hat. Auch das Bier verleugnet nicht ganz die Nationalität des Schöpfers. Es ist ein Getränke, welches, obwohl  leise, an die holde Bitternis böhmischer Brau-Erzeugnisse anschmeckt. Mit dem Grinzinger Heurigen war in diesem Jahr nicht zu scherzen, denn er schmeckte – um gleich das Ärgste zu nennen – bitterer als Tinte. Wir vermuten, dass der philosophische Cäsar, Marc Aurel, der sich bekanntlich in der Grinzinger Gegend aufgehalten, sein weltverachtendes Büchlein: „Auf sich selbst“, bei solchem Weine concipiert hat. Ohne Gerstensaft wäre man also in dieser Sommerfrische fast verloren gewesen.

(Anmerkung: Der erwähnte Bier-Gasthof mit seinem kleinen Garten existiert an derselben Stelle vis-a-vis der Grinzinger Kirche heute noch als Restaurant Grinzinger Bräu, Himmelstraße 4, es führt seine Erbauungszeit auf das Jahr 1437 zurück. Auch die barocke Wegkapelle des Hl. Nepomuk existiert noch, Cobenzlgasse 30. Möglicherweise existiert auch heute noch die „choreographische Unlust der jungen Männer“.)

 

Kupfer- und Messinggeschirr wird beschlagnahmt

Frauen werden gerne dieses Opfer für das Vaterland bringen.

Neue Freie Presse 29.9.1915

Unsere Erkundigungen haben ergeben, dass die Verfügung über die Beschlagnahme der Messing- und Kupfer-, Nickel- und Tombakgegenstände (Anm: Tombak ist eine Messingsorte) nicht gerade von einschneidender Wirkung auf die Führung der Wirtschaften sein wird. Denn vor allem wird Kupfer- und Messinggeschirr in größeren Massen in den aristokratischen wie in den gut bürgerlichen Haushaltungen meist als Aufputz für die Wände und die Kredenzen, da aber allerdings oft in beträchtlichen Massen, verwendet, und die Requisition dieser sehr nennenswerten Kupfermengen wird keinen Wirtschaftsmangel, sondern vielleicht nur einen Schönheitsfehler zur Folge haben. Der moderne Haushalt kann des Kupfers und Messings ganz entbehren, da er nicht mehr wie die „gute alte Zeit“ auf Gusseisengefäße angewiesen ist, sondern an emailliertem Blech einen glänzenden Ersatz hat, das außerdem noch den Vorteil bietet, niemals gesundheitsschädlich zu wirken, wenn man abgesprungene Stücke gleich beiseite stellt, und das eine sehr leichte Reinigung ermöglicht. Schwerer werden durch die Verfügung wohl die größeren Anstalten getroffen, die behufs Massenausspeisung mit Kupfer- und Nickelkesseln und –geschirren arbeiten müssen.  Die Sammlung der Haushaltsgegenstände aus Metall wird jedenfalls zunächst dazu führen, dass in dieser Zeit der außerordentlichen Geldknappheit viele Familien die ausgefolgten Gegenstände nicht ersetzen werden, da man das für die Gegenstände angebotene Geld für andere Notwendigkeiten reservieren wird. Infolgedessen werden in den kleinen Wirtschaften leider Lücken entstehen, die niemals wieder aufgefüllt werden können, weil anzunehmen ist, dass die Familien mit kleinen Einkommen in den nächsten Jahren nicht über Geld genug verfügen werden, um das Verlorene wieder zu ersetzen. Andererseits aber kann man sicher darauf rechnen, dass die Frauen freudig auch dieses Opfer bringen werden, wie sie ja auch bisher dem Vaterland gerne hingaben, was sie konnten.

 

Eine neue Krankheit: das Reisefieber

In schweren Fällen wird zur Heilung Tirol, die Schweiz und Italien verordnet.

Neue Freie Presse am 28.9.1865

In den Sommermonaten pflegt in Berlin regelmäßig eine Epidemie, das Reisefieber (febris itineraria), zu herrschen, wovon Jung und Alt, Männer und Frauen, Exzellenzen und arme Schullehrer in geringerem oder höherem Grade befallen werden. Die Krankheit selbst kündigt sich durch eine gewisse Unruhe und Sucht nach Veränderung, die Patienten verfolgen jeden an ihnen vorüberrollenden Wagen mit sehnsüchtigen Blicken und das Pfeifen der Locomotive versetzt sie in die größte Aufregung. Besonders leidet das weibliche Geschlecht an diesem Fieber, und die armen Ehemänner mit ihnen, indem die Symptome zuweilen einen wahrhaft gefährlichen Charakter annehmen und förmliche Wutausbrüche nicht eben zu den Seltenheiten gehören. Die Ärzte, welche die Krankheit durch Erfahrung genau kennen, verordnen vor allem Luftveränderung. In leichteren Fällen genügt schon der nahe Harz, Thüringen oder die sächsische Schweiz, in schwereren Tirol, Salzkammergut, die wirkliche Schweiz, und in den allerschwersten Italien und andere südliche Länder. Dieser Epidemie, welche zur förmlichen Modekrankheit geworden ist, muss man es zuschreiben, dass man außer den Engländern, die an einem ähnlichen Spleen leiden, den Berliner in allen Weltgegenden antrifft und kein Winkel der Erde mehr vor ihm sicher ist.

 

Das Naturheilverfahren des Pfarrers Kneipp

Ist das Kurpfuscherei oder gesunde Abhärtung?

Die Presse am 27.9.1890

Anlässlich der in Wien erfolgten Gründung eines Vereins zur Pflege des von Pfarrer Kneipp in Wörrishofen „entdeckten“ Naturheilverfahrens bemerkt die „Wiener Medizinische Wochenschrift“: Das Prinzip der Abhärtung Gesunder ist nicht neu, und es ist gewiss auch ganz zweckmäßig, wenn es nur mit der gebotenen Vorsicht, den nötigen Kenntnissen und unter sorgfältiger Individualisierung gehandhabt wird. Die Anwendung des Prinzips der Abhärtung auf Kranke aber ist eine bedenkliche Sache, umso bedenklicher in der Hand von nicht physiologisch, geschweige denn medizinisch gebildeten Laien. Welchen Zweck soll nun der neugegründete Kneipp’sche Naturverein verfolgen? Will er bloß für die Abhärtung der gesunden Bevölkerung Propaganda machen? Oder soll es bloß ein „Krankenverein“ sein für jene, die ausschließlich auf Kneipp’schem Wege gesund werden wollen? Wir hoffen, bald näheres zu erfahren. Heute wissen wir nur, dass sich für den Naturheilverein bereits ordinierende Ärzte gefunden haben, deren Bestreben es nun sein muss, für die Kneipp’sche Barfüßlerei einen trockenen wissenschaftlichen Boden zu finden.

 

Möglichst viele Frauen sollten einen Beruf ausüben

Es ist unwürdig, um der Existenz willen heiraten zu müssen.

Neue Freie Presse am 26.9.1865

Die Bedingungen, unter welchen ledige Frauenzimmer heutzutage arbeiten, müssen gründlich und dauernd verbessert werden. Es ist nicht im Interesse des Gemeinwohls, dass die natürlichen Beweggründe zum Heiraten noch durch künstliche verstärkt werden. Gerade in den Schichten der Bevölkerung, wo erwachsene Töchter und Schwestern nicht in der scheinbar glücklichen Lage sind, von den Überschüssen des väterlichen oder brüderlichen Erwerbs zehren zu können, aus denen also die unbemittelten, auf Arbeitsertrag angewiesenen Ledigen der Masse nach hervorgehen, sollte eine leidliche durchschnittliche Aussicht auf Selbstversorgung des Mädchens dagegen sichern, nicht jede sich ihr darbietende Ehe um der Existenz willen eingehen zu müssen. Die Gesellschaft kann vernünftigerweise nichts dazu tun und der Menschenfreund nicht wünschen, dass die Segnungen der Ehe recht vielen Angehörigen beider Geschlechter vorenthalten bleiben; aber wo der freie Entschluss von der Knüpfung des Lebensbandes zurückhält, ist für die Gesellschaft kein Grund zum Bedauern vorhanden. Denn die Vermehrung unserer Gattung ist nur so weit als gesund, heilsam und wünschenswert zu erachten, wie des Vaters Mittel hinreichen, die Kinder zu sicherer Selbstversorgung aufzuerziehen.

 

Die Anziehungskraft des Fußballsports

Die Begeisterung in Wien ist nur mit der in England vergleichbar.

Neue Freie Presse am 25.9.1925

Wien, die Stadt mit kaum zwei Millionen Einwohnern, kommt an Anteilnahme für den Fußballsport in der ganzen Welt der Heimat dieses Spieles, England, am nächsten. Allsonntäglich wohnen Zehntausende den Wettkämpfen bei, aber auch der Wochentag zieht gewaltige Massen zu interessanten Matches. Dies ist eine Erscheinung, die, singulär auf dem Kontinent, um so mehr zu denken gibt, als auf anderen sportlichen Gebieten das Interesse an der passiven Beteiligung des bloßen Zuschauens, des Verfolgens körperlich-sportlicher Ereignisse, weit hinter jener Intensität zurückbleibt, die anderwärts festzustellen ist. Wie ist es zu erklären, dass bei einem Länderspiel 50.000 und mehr Menschen den Vorgängen auf dem Rasen mit atemloser Spannung folgen, während beispielsweise das Debüt hochklassiger Leichtathleten kaum fünfzehnhundert Menschen auf die Beine bringt? Das überwiegend passive Interesse für den Fußballsport hat allerdings seinen Nachteil: den, dass die Tausende junger Leute, die als Zuschauer zu den Sportplätzen eilen, der eigenen körperlichen Ausbildung entzogen werden. Dieser theoretische Nachteil kann aber die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, dass der verspielte, schaulustige Wiener den Fußball zu seinem Lieblingssport erhoben hat.

 

Das Land der Zwerge

Afrikaforscher Henry Morton Stanley schildert das Volk der Pygmäen. 

Neue Freie Presse 24.9.1890

Dem ersten Zwergenpaare, dessen die Expedition habhaft geworden war, fiel die Aufgabe zu, Stanley in das Herz seines Landes zu führen. In dem von keinem hellen Sonnenstrahl durchdrungenen ewigen Schatten riesenhafter Bäume liegen tief im Urwald die Dörfer der Pygmäen in romantischem Frieden. Der Wanderer hat die Aufgabe, sich Bahn zu schaffen, zu hauen, durchzukriechen, durchzugleiten und durchzubohren, hinein und hinaus, über Stämme zu klimmen, vorsichtig über offene Spalten und den stinkenden Morast zu treten, hier sich unter den Bäumen durchzuwinden, dort über andere hinwegzuklettern. Das ungeheure Waldgebiet, wo die Wambutti- und Batua-Zwerke hausen, ist 1000 Kilometer lang und durchschnittlich 830 Kilometer breit. Man denke sich ganz Frankreich und die iberische Halbinsel, sagt Stanley, dicht besetzt mit Bäumen von sechs bis sechzig Metern Höhe. Das ist die Heimat der Zwerge. Hier leben sie in der regenreichsten Zone der Erde, inmitten der zu Boden gestürzten Bäume, die kleinen, behaarten, kaffeebraunen Wichte, deren Höhen-Proportionen zwischen 90 Centimetern  und 1,4 Metern schwanken. Sie sind Nomaden und leben in dem geschilderten Urwald vom Honigsammeln und vom Wild, das sie sehr geschickt in Fallen und Gruben zu fangen verstehen. Als Feinde sind sie keineswegs zu verachten. Ihre kleine Gestalt, bessere Waidmannskunst und größere Böswilligkeit würden sie nach Stanley zu sehr starken Gegnern machen. Über die psychischen Qualitäten der Pygmäen spricht sich Stanley nicht ohne Anerkennung aus, wenngleich er nicht leugnen kann, dass die Zwerge auch in dieser Beziehung auf einer niedrigen Stufe stehen. Die Expedition hatte Zwerge beider Geschlechter gefangen und später in den Dienst genommen. Anhänglichkeit, Treue, Geduld und eine Art Tätigkeitstrieb zeichnete sie aus, ferner Unabhängigkeitssinn und berechnende Klugheit, wenngleich sie sich auch hinterlistig und böswillig zeigten. Man musste sie krankheitshalber unterwegs zurücklassen.

 

Kokoschka verwundet - Russland annektiert Arktisregion

Annexion von Franz Josefsland ist verschmerzbar.

Neue Freie Presse 23.9.1915

Maler Kokoschka verwundet. In den letzten Augusttagen wurde bei einem Reitergefechte auf dem nördlichen Kriegsschauplatz der Maler Oskar Kokoschka, der als Kadett bei einem Dragonerregiment im Felde stand, verwundet. Er wurde in ein Feldspital gebracht.

Die Inselgruppe im Norden Europas, die den Namen Franz Josefsland führt und jetzt von den Russen annektiert  wurde, ist im Jahre 1873 von den österreichischen Nordpolarforschern Payer und Weyprecht entdeckt worden, die am 30. August des genannten Jahres dortselbst die Kaiserstandarte hissten und das Land nach dem Kaiser Franz Josef benannten. Seither ist das unter dieser Sammelbezeichnung verstandene Inselgebiet wiederholt, zumeist von Amerikanern, durchforscht worden. Das Franz Josefsland ist eine arktische Inselgruppe zwischen 80 und 82 Grad nördlicher Breite nördlich von Nowaja-Semlja gelegen und besteht aus 60 Inseln. Der Besitz und die Entdeckungen auf dem Franz Josefsland haben nur einen wissenschaftlichen Wert und den kann Russland Österreich nicht streitig machen.

 

Barackenlager mit 30.000 Flüchtlingen in Gmünd

Musterhafte Ordnung in der Flüchtlings-Stadt auf der grünen Wiese.

Neue Freie Presse 22.9.1915

Außerhalb der niederösterreichischen Grenzstadt Gmünd von der Stadt selbst etwa eine halbe Stunde entfernt, hat die niederösterreichische Statthalterei auf einer großen Wiesenfläche ein Barackenlager errichtet, in dem die aus ihrer Heimat geflüchteten österreichischen Staatsangehörigen während des Krieges Unterkunft und Verpflegung finden. Die ungeheure Arbeit, welche die Verwaltung und Versorgung der durch den Krieg heimatlos gewordenen Männer, Frauen und Kinder verursacht, wird unter der Oberleitung von Beamten des Staates durch Personen besorgt, die zumeist aus den Kreisen der Flüchtlinge entnommen sind, deren Sprache und Gewohnheiten genau kennen und in der Lage sind, das Bindeglied zwischen der Bevölkerung und der Verwaltung des Lagers herzustellen. So hat sich denn aus dem Barackenlager, das fast nur landwirtschaftliche Bevölkerung birgt, eine Stadt mit gegen 30.000 Bewohnern herausgebildet, in der eine musterhafte Ordnung herrscht. Auf einer Wiesen- und Ackerbodenfläche sind feste Wege, ein ausgedehntes Kanalisationsnetz, Holzhäuser und Steinbauten entstanden, die berufen sind, den Flüchtlingen, wenn auch nur vorübergehend, ein Heim zu bieten.

Fortwährend wird an der Ausgestaltung des Lagers und seiner technischen Einrichtungen gearbeitet. Schon das bietet der Lagerbevölkerung Gelegenheit zu Verdienst; solche Möglichkeiten werden ihr aber auch durch den Grundsatz geboten, dass alle im Lager durchzuführenden Arbeiten und Hilfsdienste nur durch Lagerinsassen besorgt werden. Der ganze Lagerkomplex, der eine Ausdehnung von 900 x 600 Meter hat, ist mit Stacheldraht eingezäunt und hat für die Lagerbevölkerung nur einen Eingang. Neben diesem Tor ist die Hauptwache untergebracht, in deren Baracke sich auch der Arrest befindet. In den Wohnbaracken sind die Geschlechter nach Sektionen getrennt, für die Familien sind eigene Sektionen errichtet. Die Speisen müssen dem Geschmack der Bevölkerung entsprechend sein, so dass für die slowenischen Sektionen anders gekocht werden muss als für die ukrainischen. Die Mahlzeiten sind einfach, aber reichlich: früh Kaffee oder dicke Suppe, mittags Gemüse, Suppe und Brot sowie Kartoffeln, abends Suppe oder Kaffee. Sonntags gibt es Fleisch, und zwar 20 Dekagramm pro Kopf, einmal in der Woche Reisfleisch. Für Kinder und stillende Mütter wird Milch verabreicht.

 

Wien hat bereits 2000 Straßenbahnschaffnerinnen

Dienstboten, Sängerinnen, Verkäuferinnen – viele bewerben sich.

Neue Freie Presse 21.9.1915

Von den neuen Frauenberufen, die der Krieg durch die Felddienstleistung der Männer gezeitigt hat, hat sich am raschesten die Straßenbahnschaffnerin eingebürgert, die in Wien, Budapest, Linz und anderen Städten sich geschickt in ihren neuesten Beruf eingearbeitet hat. Bei der Wiener städtischen Straßenbahn war der Andrang zu dem neuen Frauenberuf sehr groß. Etwa sechstausend bis siebentausend Bewerbungen liefen ein. Vielen Frauen und Mädchen,  die schon bisher in Stellung waren, schien der neugewonnene Zweig weiblicher Berufstätigkeit aussichtsreicher und lockender. Aus allen weiblichen Berufsklassen kamen Aufnahmsgesuche. Die meisten stammten von Frauen und Töchtern im Felddienst befindlicher Kondukteure, denen der Beruf schon vertraut war. Diese Bewerbungen wurden auch in erster Linie berücksichtigt. Verkäuferinnen, Manipulantinnen, weibliche Geschäftsreisende, Kontoristinnen, ja sogar Sängerinnen und Schauspielerinnen, in großer Schar Dienstboten wollten sich mit einem Male „verändern“ und strebten Anstellungen bei der Straßenbahn an. Die Hälfte der Petentinnen hatte Erfolg. Insgesamt wurden dreitausend Frauen und Mädchen der Schulung unterzogen, von denen gegenwärtig etwa zweitausend in ihrem neuen Berufe bereits tätig sind. Der theoretischen Schulung folgt die praktische Unterweisung. Acht Tage fährt die Kandidatin  unter Begleitung eines alten, erfahrenen Schaffners auf den verschiedenen Strecken, um den ganzen Betrieb kennen zu lernen, auch jene äußeren Strecken, die früher von der Dampftramway befahren wurden. Abwechselnd ist sie 7 bis 9 ½ Stunden auf der Fahrt. Für jede Fahrstunde erhält sie eine Entlohnung von 36 Heller. Sie macht auf längeren Strecken (Mauer usw.) fünf bis sechs Touren, auf kürzeren (Hietzing, Grinzing) sechs bis sieben Touren. Nach jeder Tour wird die Kondukteurin abgelöst und hat etwa zwanzig Minuten Pause. Auf manchen Strecken muss die Schaffnerin schon um halb 5 Uhr früh antreten und ist um 4 Uhr nachmittags wieder frei. Gegenwärtig ist die weitere Aufnahme von Frauen gesperrt. Mit den bereits im Dienst und noch in Schulung befindlichen Frauen glaubt die Direktion zur vollen Aufrechterhaltung des Betriebs vorläufig das Auslangen zu finden.

Zeppeline greifen die City von London an

Fußgänger weichen vor den Gefahren der Straße in einen Tunnel aus.

Neue Freie Presse 20.9.1915

Bei der letzten Beschießung Londons durch deutsche Zeppeline wurde auch die Bank von England von deutschen Bomben getroffen. Dieses Ereignis hat in London besonders schmerzlich berührt, denn es beweist, dass die Zeppeline bei ihren kühnen Kreuzfahrten nicht davor zurückscheuen, auch den Mittelpunkt der City aufzusuchen. Der Platz, welcher zwischen dem Mansion House, der Bank von England und der Börse gelegen ist, ist Zentrum, von dem die wichtigsten Straßen der City auslaufen. In den Geschäftsstunden ist der Verkehr der Fußgänger, der Wagen, Automobile und Omnibusse staunenerregend, denn gerade an dieser Stelle laufen die Hauptlinien der Londoner Omnibusse zusammen. Dieser Riesenverkehr hat dazu geführt, dass für die Fußgänger ein Tunnel erbaut wurde, der es ihnen ermöglicht, die Gefahren der Straße zu meiden und unter ihrem Niveau die Hauptkreuzung zu durchqueren. Beim Bau der Bank von England wurde auf den Wert der ungeheuren Schätze, die sich in ihr befinden, größte Rücksicht genommen und alle erdenklichen Sicherheitsmaßregeln wurden angewendet. Infolgedessen sieht man auch an der Außenseite des Gebäudes keine Fenster, da die Räume der Bank von den inneren Höfen her ihr Licht erhalten.

(Anmerkung: Das Ereignis, das hier geschildert wird, eröffnet ein neues Kapitel der Militärgeschichte: Erstmals tobt über einer Hauptstadt der Luftkrieg. Es war zu einer schrittweisen Eskalation der Bombardierung von Städten gekommen, etwa in Belgien und Frankreich, aber London, wo König Georg V., der Vetter des deutschen Kaisers Wilhelm II., residierte? Da legte der deutsche Kaiser zunächst sein Veto ein, wollte nur die Bombardierung von militärischen Einrichtungen und Docks an der britischen Küste. Doch, schrittweise begonnen, führte die Bombardierung wie schon beim U-Boot-Krieg zur Eskalation. Nur die historisch wertvollen Gebäude und den Sitz des Königs, den Buckingham Palace, wollte man ausnehmen, was natürlich, wie schon die „Fehler“ bei der Bombardierung Venedigs durch k.u.k. Flieger im Herbst 1915 zeigten, infolge der unzureichenden Zieleinrichtungen nicht realisierbar war. 208 Tote und 432 Verletzte hatte Großbritannien durch Bombardements deutscher Luftschiffe zu beklagen, betroffen waren neben London Edinburgh, Leeds, Nottingham auch kleine britische Küstenstädte. Mit der Trefferquote wuchs die Euphorie über die Luftschiff-Flotte in der deutschen Bevölkerung. Anfangs hatten die Militärs die Erfindung des 1838 geborenen Grafen Zeppelin noch belächelt, die Luftschiffe waren wegen ihrer Größe langsam und gingen leicht zu Bruch. Doch zunehmend bewährten sie sich ab 1914 als ideal für die Beobachtung aus der Luft, bis sie zuletzt den Weltkrieg tief ins britische Binnenland hineintrugen. Die deutschen Schulkinder sangen: „Zeppelin flieg / Hilf uns im Krieg / Fliege nach Engeland / Engeland wird abgebrannt / Zeppelin, flieg.“ Die Männer an Bord (meist 16 bis 20 an der Zahl) trugen wegen der Kälte in 2800 Meter Höhe dick wattierte Pelzmäntel, sie konnten beim im Artikel beschriebenen Abwurf der Bomben über London um 23 Uhr die Wirkung beobachten. So ging das ein Jahr lang, Großbritannien war nicht zu erschüttern, die von den Briten als „Baby-Killer“ verspotteten „Zepps“ motivierten den Erfindungsgeist der Inselbewohner: Fast genau ein Jahr später, am 2. September 1916, setzten sie zum ersten Mal zur Abwehr eines deutschen Luftangriffs Phosphorgeschosse ein, die die 38 800 Kubikmeter Wasserstoff der Zeppeline in Brand setzten und sie wie Feuerbälle in die Tiefe stürzen ließen. Deutschland zog die Konsequenzen und gab in der Folge die Luftschifffahrt auf.)

 

Die verwirrende Geschichte des neuen Damenschuhs

Herausforderung für die Fußbekleidungskünstler

 

 

Neue Freie Presse 19.9.1915

Im Lauf der letzten Jahre diktiert die Damenmode immer mehr die Schuhmode und der Schuhfabrikant muss ängstlich bedacht sein, seine Erzeugnisse den neuen Kleidermodellen anzupassen. Tut er das nicht, so kann es ihm geschehen, dass er mit der ganzen neuen Fabrikation auswandern muss, dorthin wo man es nicht so genau nimmt. Als im Spätfrühjahr für unsere Damenwelt die Parole „kurzer Glockenrock“ ausgegeben wurde, erschien die Sache vom  Standpunkt des Fußbekleidungskünstlers sehr einfach: zum kurzen Glockenrock passt nichts besser als ein koketter Halbschuh auf hohen Stöckeln, und so sah man denn im Sommer in allen Auslagen entzückende „Schucherln“ mit allem Raffinement in Ausführung und Material. Aber es blieb nicht dabei. Jene geheimnisvollen, schwer zu entdeckenden Modegeister, die einer neuen Mode noch im letzten Augenblick irgendein mehr oder weniger geniales Witzchen anhängen, so gewissermaßen die Epilogisten der Mode, befahlen, dass der kurze Glockenrock der wirklich eleganten Dame dem Rocksaum entlang mit Pelz verbrämt sein muss.  Und damit war der Halbschuh so gut wie erledigt, denn Pelz darf nicht an Halbschuhe grenzen – das sieht doch jeder Neger ein! Also mussten die Schuhmacher rasch umlernen und sie taten das so gründlich wie nur möglich: der neue Schuh ist ein hoher, ein sehr schöner Schuh, höher als man ihn seit vielen Jahren gesehen hat. Die Idee ist die, dass der Pelzbesatz dort aufhören soll, wo der Stiefel beginnt. Wer es sich also leisten kann, der wird jetzt seiner Gattin zu drei Kostümen mindestens drei Paar hohe Schuhe spendieren. Eine Leistung, die gar nicht so einfach ist, wenn man die Materialpreise der Kriegssaison 1915 berücksichtigt. Immerhin, Leute, die gar keine, aber schon gar keine anderen Sorgen haben, werden sicher auch diesen neuesten Modenscherz willig mitmachen.

 

Neigt der Österreicher zum "Tachanieren“?

Über die Bedeutung eines Wortes der österreichischen Militärsprache.

Neue Freie Presse 18.9.1915

Kaum war ich eingerückt, hat  der Zugsführer einen von uns beim Exerzieren mit den Worten apostrophiert: „Strammer, strammer! Auf Ihna hab ich’s überhaupt scharf, Sö Tachanierer!“ Die Bedeutung, die in der Soldatensprache dem Ausdruck „tachanieren“ offenbar beigemessen wird, ließ mich nach der Etymologie dieses Wortes forschen: Es stammt aus der Gaunersprache, von „Tarchener“, was soviel wie „Tagedieb“ bedeutet. Diese Version hat entschieden viel für sich, denn bei den in Ausbildung befindlichen, also noch nicht im Felde stehenden Truppen bedeutet „tachanieren“ wirklich soviel wie dem Herrgott den Tag stehlen, müßig herumstehen und nichts tun. Kurz, ein „Tachanierer“ ist einer, der sich unter allen möglichen Vorwänden und Ausreden vom Dienste zu drücken sucht, wobei er natürlich zur wirksamen Unterstützung dieser Absicht in erster Linie sich krank zu stellen bemüht ist. Jedenfalls ist der „Tachanierer“ durchaus kein Feigling, der sich etwa vor der Schlacht fürchtet, sondern ein gutmütiger Marodeur, der am strengen und schweren militärischen Dienst ebensowenig Gefallen findet, wie er wahrscheinlich auch im Zivilleben gegen jede geregelte Arbeit einen gewissen Widerwillen empfindet.

Anmerkung: Heute ist die Schreibweise „tachinieren“ üblich geworden.

Ein honettes Organ mit einem gebildeten Publikum

Diesmal in eigener Sache: 1. Geburtstag der „Neuen Freien Presse“.

Neue Freie Presse 17.9.1865

Vor ein paar Wochen war’s ein Jahr, seit zum erstenmale die „Neue Freie Presse“ erschienen. Heute müssen wir bekennen, dass alle unsere Erwartungen von dem erzielten Erfolge übertroffen sind. In kaum einem Jahre hat sich, wie wir ohne Unbescheidenheit uns wohl rühmen dürfen, die „Neue Freie Presse“ nicht bloß eine angesehene Stellung erworben, und ist nicht allein ein vielgelesenes Blatt geworden, sondern, wir dürfen es aussprechen, erfreut sich auch einer so großen Abonnentenzahl wie wenige Zeitungen in Deutschland. Auf 13.000 angelangt, wächst die Auflage noch ununterbrochen, die „Neue Freie Presse“ ist heute ein Organ auf sicherem Grund. Sie soll es aber, so viel nur an uns liegt, auch ferner bleiben, und wenn unser redliches Streben sich bisher der Anerkennung freute, so sollen auch ferner unsere Bemühungen darauf gerichtet sein, die „Neue Freie Presse“ als ein überzeugungstreues, honnetes, auf ein gebildetes Publikum berechnetes öffentliches Organ zu erhalten.

 

Schulbeginn um 8 Uhr morgens ist zu früh

Unausgeschlafene Kinder verlassen in der Dämmerung das Haus.

Die Presse 16.9. 1890

Eine der ersten Anregungen des neuen österreichischen Unterrichtsministers Dr. Freiherr von Gautsch bei seinem Amtsantritt war die Aufforderung an die Schulbehörden, der Gesundheit der Schulkinder die größte Fürsorge angedeihen zu lassen. Die Absicht, den Beginn der Schulzeit in Wien im Winter auf eine spätere Stunde als 8 Uhr zu verlegen, ließ sich nicht durchsetzen, weil das Schulgesetz den Bezirks-, respektive Ortsschulräten es zugewiesen hat, dass sie den Schulbeginn bestimmen. Man hält in Wien trotz aller gegenteiligen Erfahrungen der Hygieniker an der Schablone fest, dass in allen Schulen um 8 Uhr morgens der Unterricht beginnen müsse – weil eine Anzahl von Eltern um 7 Uhr zur Arbeit geht und die Schule als Kinder-Bewahranstalt behandeln muss. Dass Tausende von Eltern andere Bedürfnisse haben, in anderen Verhältnissen leben, wird nicht berücksichtigt, ebensowenig wie die Rücksicht auf die Gesundheit;…  so werden wir denn auch im nächsten Winter-Schulsemester sehen, dass die Kinder in der Dämmerung das Haus verlassen und vor der Schule in bitterer Kälte stehen müssen, bis ihnen um halb 8 Uhr die Tore geöffnet werde. So bleibt alles beim alten – auch wenn es als schlecht anerkannt ist.

 

Schneebrillen für die Leser der „Presse“!

Wie soll man sonst die vielen weißen Flecken ertragen?

Neue Freie Presse 15.9.1915

Jüngst sah man auf den vier schmächtigen Seiten des Abendblatts der „Neuen Freien Presse“ nicht weniger denn vier Stellen als staatsgefährlich unterdrückt; es muss sich offenbar um sehr ernste und bedenkliche Dinge gehandelt haben, die es dem Zensor zur Pflicht gemacht haben, in die wohlüberlegte Tätigkeit einer gewissenhaft, fachmännisch gebildeten und absolut patriotisch gesinnten Redaktion schonungslos einzugreifen. Der harmlose Leser starrt verwundert auf ein derartiges Streichquartett und findet auf die Frage, was denn da eigentlich gestanden haben mag, das sich offenbar so völlig von dem übrigen Inhalt des Blattes unterscheide, keine Antwort. Unsere Phantasie füllt die Lücken mit höchst verstimmenden Unbehaglichkeiten und kommt immer nur zu einer Erklärung: Aus den jetzt leer gewordenen Stellen muss doch Schlimmes, recht Schlimmes entfernt worden sein, mit dessen Kenntnisnahme eine vorsorgliche Behörde das leicht verschüchterte Publikum verschonen zu müssen für ihre Pflicht hielt. Aber es ist doch fraglich, ob das angewandte prophylaktische Mittel nicht viel bedenklicher ist, als das angebliche Übel, das man bekämpfen will. Man sollte mit solchen Maßregelungen, die gewöhnlich nichts nützen und oft viel schaden, gerade jetzt recht sparsam sein.  … Übrigens hat sich auch der Berliner Volkswitz der Zensurscherze schon bemächtigt. Auf einer Bank im Tiergarten las man unter der gedruckten Warnung: „Frisch gestrichen“ den Bleistiftzusatz: „Für die Herren Zensoren“; und im Schaufenster eines Optikers prangte das Plakat: „Für die Leser der ‚Neuen Freien Presse‘ Schneebrillen zu ermäßigten Preisen.“

 

Humor und Grandezza: Marie von Ebner-Eschenbach

Sie ist 60 Jahre alt, zweifellos ein chronologischer Irrtum.

Neue Freie Presse 14.9. 1890

Heute feiert Marie v. Ebner-Eschenbach ihren sechzigsten Geburtstag. Damen werden im Allgemeinen nicht gerne an ihr Alter erinnert, aber eine geistvolle Schriftstellerin ist über diese Schwäche ihres Geschlechts erhaben. Auch würde es der Baronin Ebner, geborene Comtesse Dubsky, nichts nützen, wenn sie ihr Geburtsjahr verschweigen würde, denn der Gotha’sche Kalender ist in dieser Beziehung unerbittlich. Sie wird sich über den chronologischen Irrtum, der sie für alt erklärt, mit dem Bewusstsein trösten, dass sie jung geblieben ist. Auf dem Gebiet der Prosa-Erzählung hat sie eine unbestrittene Erzählung in der deutschen Literatur errungen, und wenn man sie die erste lebende deutsche Schriftstellerin nennt, wird man kaum auf Widerspruch stoßen. Wahr ist sie immer, nur nie auf Kosten des guten Geschmacks. Sie gehört zu den aufrichtigen Schriftstellern, sie kennt keine Heuchelei nach irgendeiner Richtung. Obwohl eine Vollblut-Aristokratin, hat sie ein offenes Auge für die Fehler und Schwächen ihrer Standesgenossen, und kaum eine zweite Feder hat die hochadeligen Kreise mit so scharfer und treffender Ironie behandelt. Baronin Ebner ist aber auch des Humors in hohem Grade mächtig. Sie hat diese bei Frauen überaus seltene Gabe glänzend zur Geltung gebracht.

 

Heute vor 150 Jahren: Nachwuchs in der Schönbrunner Menagerie

Wien freut sich über ein Giraffenbaby

Die Presse 13.9.1865

Die „schöne senegalische Löwin“ in der Menagerie in Schönbrunn ist nicht tot, wie wir nach einer hiesigen Correspondenz meldeten, sie war auch nie tuberculos, sondern befindet sich im Gegenteile besser denn je, und brachte dieser Tage zwei schöne junge Wiener-Löwen zur Welt, und lebt gegenwärtig nur deshalb getrennt von ihrem sie schmerzlich vermissenden Gatten, weil man nicht ohne Grund befürchtet, dass letzterer in einer schwachen Stunde seine eigenen Sprösslinge verzehren könnte. Auch eine Giraffe der Menagerie hat in der Nacht von Freitag auf den Samstag ein Junges geworfen. Die Mutter lässt es nicht säugen und man hat bereits mit Kuh- und Schafmilch Versuche gemacht, die kleine Giraffe, ein überaus zierliches Tierchen, zu ernähren.

(Anmerkung: Giraffen waren die besonderen Lieblinge der Tiergartenbesucher im 19. Jahrhundert. 1828 erregte die erste Giraffe großes Aufsehen bei den Wienern. Es waren Adaptierungsarbeiten nötig für den hohen Gast, in der Folge wurden diverse Accessoires mit Giraffen-Motiven in der Damenwelt modisch, es entstanden zwei Kompositionen „à la Giraffe“ und ein Theaterstück. Nach Informationen des Tiergartens soll sich das Rezept für eine „Giraffentorte“ seit damals erhalten haben. Unsere Rechercheergebnisse ergeben: Es handelt sich um eine eierreiche Mandelmasse, deren eine Hälfte mit Schokolade braun gefärbt wird, die beiden Massen werden löffelweise in die Tortenform gegeben, sodass eine dem Fell der Giraffen ähnliche Musterung entsteht. Nachdem Wiens Giraffe auch die Wirren der Revolution heil überstanden hatte, kam 1858 das erste Giraffenbaby zur Welt. Wien war glücklich, wie eben 1865, dem Zeitpunkt unseres Artikels.)

 

Die Fremdwörterei – ein altes Übel unserer Muttersprache

Sollen wir „Fahrmann“ statt „Chauffeur“ sagen?

Neue Freie Presse 12.9.1915

Neben dem großen Kriege spielt sich eine Art Kleinkrieg ab, der hinter den Fronten ausgekämpft wird: der Krieg gegen die Fremdwörter. Neben den vielen großen Sorgen, die uns beschieden sind, mag der Sorge um die Befreiung der deutschen Sprache von fremden Eindringlingen geringere Bedeutung zukommen, doch sie ist heute das ehrliche Streben der gebildeten Schichten Deutschlands und Deutschösterreichs. Gewiss, die Fremdwörterei, die ein altes Übel unserer Muttersprache ist, wird nicht auf einmal mit Stumpf und Stiel auszurotten sein; allzutief, zumal bei uns, hat sich die Gewohnheit eingenistet, ein Fremdwort selbst dort zu gebrauchen, wo statt seiner drei oder vier gleichwertige deutsche zur Verfügung stünden. Doch selbst der eingefleischteste Sprachreiniger wird sich scheuen, im Laden ein „Päckchen Knusperchen“ statt der gewohnten Kekse zu verlangen. „Fahrmann“ für „Chauffeur“ mutet einstweilen noch ein wenig fremd an, ist aber kein aussichtsloser Versuch. Während „Schofför“ teils zum Ärger, teils zu mitleidigem Lächeln herausfordert. Leute, die eine feine Witterung für kommende Moden haben, behaupten, dass es bald unmodern sein wird, sich fremder Ausdrücke zu bedienen, und dass man künftig für den Gebrauch überflüssiger Fremdwörter ebenso Spott ernten wird, wie bisher für die Anwendung unrichtiger. Das sind schwere Zeiten für uns alle, die in reifen Jahren umlernen müssen. 

 

Der Engel der Kriegsgefangenen

Elsa Brändström und ihre Schützlinge.

Neue Freie Presse 11.9.1925

Jeder Deutsche und Österreicher, der die Leiden und Schrecken der russischen und sibirischen Kriegsgefangenschaft bis zum letzten bitteren Ende durchgekostet hat, nennt mit einem Gefühl, das aus Ehrfurcht und Dankbarkeit gemischt ist, den Namen Elsa Brändström. Nach vielen, vielen Tausenden zählen die deutschen Männer, die sie während ihrer Tätigkeit als Delegierte des Schwedischen Roten Kreuzes in Russland und Sibirien durch energisches Eingreifen aus Not, Elend, Krankheit und sicherem Untergang gerettet hat. Und jetzt setzt sie in Deutschland ihr Liebeswerk zugunsten ehemaliger Kriegsgefangener sowie deren Kinder fort. Auf Schloss Neusorge in Sachsen wächst unter ihrer Leitung eine auserwählte Schar von Kindern ehemaliger Kriegsgefangener heran, die berufen scheint, dereinst einen ganz neuen Geist in die Welt hinauszutragen. Für 100 Kinder aus den verschiedensten sozialen Schichten vertritt Elsa Brändström Vater- und Mutterstelle, sie werden von ihr vollständig erzogen und auch in einem Beruf ausgebildet, Kinder, die entweder erholungsbedürftig sind oder deren Familien ihnen aus irgendeinem Grund, wie Arbeitslosigkeit des Vaters, Krankheit der Mutter, Obdachlosigkeit usw. nicht die richtige Pflege oder Obhut angedeihen lassen können.

Anmerkung: Elsa Brändström, geboren 1888,  erlebte den Beginn des Ersten Weltkriegs in St. Petersburg, ihr Vater war dort schwedischer Militärattaché.  Sie meldete sich freiwillig als Krankenschwester und reiste 1915 für das Schwedische Rote Kreuz nach Sibirien und kümmerte sich dort um deutsche Kriegsgefangene. Nach dem Krieg sorgte sie für ehemalige Kriegsgefangene, Heimkehrer, die nicht Fuß fassen konnten, vor allem für deren Kinder. Das Geld für das Kinderheim Neusorge, das hier beschrieben wird, sammelte sie auf einer Vortragsreise in die USA. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg leitete sie noch eine Hilfsaktion für Kinder. Der „Engel von Sibirien“ starb 1948.

 

Der aussichtslose Kampf gegen die Reblaus

Besuch im Wein-Etablissement Schlumberger in Vöslau.

Die Presse 10.9.1890

Trotz des ungünstigen Wetters am gestrigen Tag begab sich eine große Anzahl von Mitgliedern des land- und forstwirtschaftlichen Congresses nach Vöslau, um das berühmte Wein-Etablissement von R. Schlumberger kennen zu lernen, vornehmlich aber, um den Kampf gegen die Phylloxera (Reblaus) an Ort und Stelle zu studieren. Es ist heute kein weinproduzierendes Land von diesem gefährlichen Insekt verschont, und überall hat man sich bisher noch vergeblich bemüht, des Feindes Herr zu werden. Das Interesse an der gegen die Phylloxera gerichteten Kampfmethode ist daher ein allgemeines. Aus dem Versuchsweingarten ging die Fahrt direkt nach Soos, wo sich die infizierten Bauernweingärten befinden und wo auch in einem Garten der Firma Schlumberger die Phylloxera ihr vernichtendes Werk begonnen hat. Ist einmal das Vorhandensein der Phylloxera in einem Weingarten constatiert, so muss jeder einzelne Stock mit aller Aufmerksamkeit behandelt werden. Ist die Infizierung eine starke, so bleibt wohl kein anderes Mittel, als das Extinktionsverfahren.

(Anmerkung: 1869 war in Österreich erstmals eine Warnung eingetroffen: In Frankreich wütete seit 1865 ein neuartiges „Insekt, welches die Wurzeln des Weinstocks angreift und in einer Weise beschädigt, dass er absterben muss.“ Die Nachricht erregte zunächst mehr wissenschaftliches Interesse als Besorgnis. Man wusste nicht, ob das Insekt eingeschleppt oder schon länger am europäischen Weinstock existiert hatte, jedenfalls waren die Folgen in Frankreich binnen kurzer Zeit verheerend. Das österreichische Ackerbau-Ministerium warnte die Wein-Fachschule in Klosterneuburg vor dem Bezug von Reben aus Frankreich. Im Frühling 1872 wurde das Insekt dann erstmals in dem Versuchs-Weingarten der Landes-Obst- und Weinbauschule Klosterneuburg entdeckt. Man nahm an, dass es aus Amerika eingeschleppt worden war. Es begann eine Reihe von Vertilgungs-Experimenten, mit Ziehen von Schutzgräben, Abgrenzung mit Teerpappe, heiße Wasserdämpfe, die n den Boden eingeleitet wurden usw. Mit wenig Erfolg, so erschien 1874 eine „Belehrung über das Auftreten der Reblaus, Phylloxera vastatrix“. Der erste Verdacht war richtig: Man weiß heute, dass die Reblaus in den 1860er Jahren von der Ostküste Amerikas eingeschleppt worden war und sich in Europa in sämtlichen Weinbaugebieten (besonders stark war Frankreich betroffen) ausbreitete. Verschont blieben nur Weingärten mit Sandböden. Zum Zeitpunkt, da der Artikel erschien, waren die Methoden, um den Fortpflanzungszyklus der Reblaus zu unterbinden, noch nicht entwickelt.)

Die Cholera klopft an die Tore Europas

Menschenwürdiges Dasein würde die Seuche ausrotten.

Neue Freie Presse 9.9.1865

Nach mehrjähriger Pause drohen jetzt Seuchen verschiedenster Art ihren Umgang um die Erde zu halten. Der böse Gast, die Cholera, klopft an die Tore Europas, es ist anzunehmen, dass sie in den nächsten Jahren wieder aufleben und ihre Verheerungen fortsetzen wird. Die ärztliche Wissenschaft steht der Krankheit noch ebenso ratlos gegenüber, wie vor Jahrhunderten der Pest. Sollen wir aber darum diese Seuche, welche Tausende und Abertausende hinwegrafft, die Menschheit stärker dezimiert als die blutigsten Schlachten und langdauerndsten Kriege, als elementares, unabwendbares Ereignis auf uns hereinbrechen lassen? Wir wissen so viel, dass diese Heimsuchung zum großen Teil als eine Strafe für die Vernachlässigung der ersten Bedingungen eines menschenwürdigen Daseins erfolgt, und dass es in menschlicher Hand liegt, die furchtbaren Folgen zu mildern, wenn nicht ganz aufzuheben. Wir wissen, dass schlechte, unzureichende Nahrung, überfüllte Wohnstätten, vor allem Mangel an gutem Wasser und reiner, unverdorbener Luft die Quelle aller verheerenden Seuchen und so auch der Cholera sind. Mit welcher stumpfsinnigen Gleichgültigkeit verhalten sich dennoch die Individuen wie die Gesellschaft gegen diese Erkenntnis.

Sherlock Holmes beim Pariser Spiritisten-Kongress

Geister klopfen an zum Fünfuhr-Tee.

Neue Freie Presse 8.9.1925

Wer wird noch weiterhin sich weigern wollen, den Spiritismus für eine ernsthafte, ja geradezu wissenschaftliche Angelegenheit zu halten, der erfährt, dass am 6. September ein großer allgemeiner Spiritistenkongress in Paris seine Beratungen beginnt? Die Dauer der Vorträge und Veranstaltungen wird eine volle Woche beanspruchen, aus den verschiedensten Ländern werden Abordnungen erscheinen, auf tausend Teilnehmer wird gerechnet. Als Star des Kongresses erscheint Sherlock Holmes in höchsteigener Person, materialisiert durch Sir Conan Doyle. Er hat kürzlich in der Nähe der Westminsterabtei eine spiritistische Buchhandlung eröffnet, die auch für ihre Kunden und wohlhabende Interessenten kleine Fünfuhrtees gibt, die durch die Anwesenheit von gewünschten Geistern eine unleugbare Attraktion gewinnen. Warum sich erst Byrons Werke kaufen, wenn man zu einigen Kuchen gleich noch mit ihm selbst plaudern kann? Der Spiritistenkongress wird die Geister nunmehr nach Paris bitten, und man kann voraussagen, dass sie auf ihm wie gerufen erscheinen werden, der Pariser Fremdenverkehr wird vermehrt werden. Im großen Buch der Irrungen und Wirrungen unserer Zeit aber wird der Pariser internationale Spiritistenkongress ein besonderes Kapitel beanspruchen dürfen.

Anmerkung: Mit kühler Logik löste Sherlock Holmes, die literarische Figur von Sir Arthur Conan Doyle, 1859-1930, seine vertrackten Kriminalfälle. Sein Schöpfer hingegen war ein leidenschaftlicher Vertreter des Spiritismus, einer seit 1849 existierenden Bewegung, die Schlagzeilen machte mit dem Anlocken von Geistern, die sich über Klopfzeichen mitteilten. Es gab Anträge, den Spiritismus als eigene Wissenschaft anzuerkennen, zuerst begann es in den USA, überall zu klopfen, dann auch im viktorianischen England. Besonders nach dem Ersten Weltkrieg (unser Artikel stammt aus dieser Zeit) befand sich die Bewegung in einem starken Aufwind: Viele hatten Familienmitglieder oder Freunde im Krieg verloren und versuchten, Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Arthur Conan Doyle war bereits seit 1886 tief in die Welt der Seancen eingetaucht, seine Romanfigur Sherlock Holmes und damit uns als seine Leser hat er aber damit verschont. Freilich erschien es ihm merkwürdig, dass viele Menschen seine fiktive Figur Sherlock Holmes für einen echten Menschen hielten, die Wirklichkeit der Klopfzeichen aber anzweifelten.

Ungeheuerliche Verbrechen eines Lagerkommandanten

Südstaaten-Captain Henry Wirz wird vor Gericht gestellt.

Die Presse 7.9.1865

Furchtbare Anklage. Wenn von den gegen den früheren südstaatlichen Capitän Henry Wirz gerichteten Anklagen sich auch nur ein geringer Bruchteil beweisen lässt, so würde es hinreichen, ihn als eines der scheußlichsten Ungeheuer zu brandmarken, die je ein Krieg erzeugt hat. Die ersten Punkte der Anklage lauten darauf, dass in dem unter des Capitäns Commando stehenden Gefängnisse in Andersonville zehntausend nordstaatliche Kriegsgefangene wegen unzureichender Nahrung, verpesteten Trinkwassers, Mangels an ärztlicher Pflege, furchtbarer Bestrafungen für geringfügige oder erdichtete Vergehen, umgekommen seien; dass dreihundert derselben von den Schildwachen erschossen worden seien, weil sie eine ungenügend bezeichnete und an vielen Stellen imaginäre Grenzlinie überschritten hätten; dass Wirz wilde Bluthunde auf solche Gefangene gehetzt habe, die einen Fluchtversuch machen wollten, wodurch fünfzig zerrissen oder zu Tode verstümmelt worden seien; dass Wirz weiterhin unter dem Vorwande der Vaccinirung (gemeint ist: Impfung) viele Gefangene mit giftiger Materie habe impfen lassen, in Folge dessen ungefähr hundert den Arm und zweihundert das Leben verloren hätten. Trotz alledem finden sich in Newyork Stimmen, und leider sogar in deutschen Journalen, die diesen Mann zu entschuldigen suchen.

Anmerkung: Am 9. April 1865 endete mit der Kapitulation der Südstaatenarmee nach vier Jahren der amerikanische Sezessionskrieg. Um die Versöhnung der Nation voranzutreiben, verzichtete man auf groß angelegte Kriegsverbrecherprozesse. Abraham Lincoln wollte nicht zu sehr den Eindruck des militärischen Siegers hervorkehren, sondern stattdessen die Südstaaten wie „verlorene Kinder“ in die Union zurückführen. Einer jedoch, der für seine Grausamkeiten im Südstaatengefangenenlager Camp Sumter in Andersonville berüchtigt war, wurde vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt: Henry Wirz, ein Schweizer, der 1849 wie Zehntausende seiner Landsleute in die USA emigriert war und als Captain der konföderierten Armee im Bürgerkrieg kämpfte. Er dilettierte auch als Assistenzarzt, obwohl seine Medizinkenntnisse nur autodidaktisch erworben war. Als Plantagenverwalter in Louisiana wird er Teil des unmenschlichen Systems der Sklaverei. Er wurde in der Schlacht von Seven Pines mehrfach verwundet, ein Granatsplitter zerfetzte seinen rechten Arm.

Da er nicht mehr an der Front kämpfen kann, wird er zur Bewachung von Abertausenden von Kriegsgefangenen aus dem Norden eingeteilt. Im tiefsten Süden, in Georgia in dem kleinen Ort Andersonville, kommandiert er eines der größten Internierungslager für gefangene Unionssoldaten, der Ort wird berüchtigt als die „Hölle von Andersonville.“ Das Camp war ursprünglich für 10.000 Gefangene geplant, doch im August 1864 finden sich hier 33.000 Männer. Bald stapeln sich in den improvisierten Unterständen die Leichenberge. 30 Gefangene sterben pro Tag: „Ich bringe mehr Yankees um als 20 Regimenter in Lees Armee“. Die meisten Gefangenen erkranken in dem heißen Klima nach wenigen Wochen, sie werden von Ungeziefer geplagt, erhalten verdorbene Nahrung, das Trinkwasser stammt aus einem Bach, der auch als Latrine und Kanalisation dient. Flüchtige werden von Wirz mit Hunden gejagt und in Ketten gelegt. 13.000 Männer sterben hier, ihr Todfeind ist Wirz.

Nach dem Krieg versucht Wirz gar nicht, sich zu verstecken, er ist überzeugt, als einer, der nur seine Pflicht erfüllt habe, davonzukommen. Die Überlebenden stillen ihren Rachedurst nach Kriegsende, die „deutsche Laus“ gerät in Gefahr, auf offener Straße gelyncht zu werden, als die Zeitungen die Verbrechen von Andersonville enthüllen. Die Anklage lautet auf Mord und Verschwörung, am 10. November 1865 wird er öffentlich gehängt. „Ich zweifle, dass ich der Captain Wirz bin, von dem in dem Prozess gesprochen wird“, schreibt er in seinem Gnadengesuch an Präsident Johnson. Er war der einzige Offizier der Südstaaten, der für Verbrechen die Todesstrafe erhielt. Seine Schuld an der Unterernährung ist umstritten, sein Vorgesetzter, General John Henry Winder, der Oberkommandierende aller Gefangenenlager östlich des Mississippi, starb bereits im Februar 1865 und konnte nicht mehr belangt werden. Camp Sumter ist heute rekonstruiert und eine historische Gedenkstätte. Die Ereignisse in dem Lager führten in der Folge zur Gründung des Amerikanischen Roten Kreuzes durch Clara Barton, sie wurde als „Heldin von Andersonville“ bezeichnet.

Mit dem Vergnügungszug an den Wörther See

Der Tourismus sollte endlich Kärnten entdecken.

Neue Freie Presse 6.9.1865

Es ist kaum ein Kronland in Österreich, dessen Naturwunder so spät dem Touristen-Publikum erschlossen wurden als Kärnten. Und dennoch verdient dieses Land mehr als viele andere, dass das Auge des Naturfreundes sich an seinen zahlreichen Schönheiten weide. Zwei Stationen hinter Marburg beginnt eine Eisenbahnfahrt, die mit jeder andern in der romantischen Gegend wetteifert. Rechts ihre 4-6000 Fuß hohen Berge, links die rauschende und wildströmende Drau. Wo die Bahn das Drau-Ufer verlässt, wird dem Reisenden ein seltener Anblick zuteil. Jene Kette von Riesenbergen, die nur durch drei Monate des Jahres ihre Schneekappe ablegen und die Grenzmarken zwischen Kärnten und Krain andeuten, hat der Reisende immer vor sich, und verliert sie auch nicht, wenn er in Klagenfurt, der Hauptstadt des Landes, abgekommen ist. Sie sind der schönste Schmuck der Hauptstadt Kärntens. Reizend ist auch der Wörther See, den man in kaum fünf Minuten von Klagenfurt aus mit der Eisenbahn erreicht. Der See ist drei Stunden lang und spiegeln sich in dessen blauen Fluten liebliche Dörfer, wie Maria-Rein, und starkbeholzte Berge. Die Temperatur des Seebades ist wärmer als jene des Vöslauer Bades. Es war ein guter Gedanke der Südbahn, einen Vergnügungszug zu arrangieren, der es ermöglicht, diese Tage inmitten der prächtigen Panoramen zuzubringen.

 

 

Der Vegetarianer - vom Sektierer zum Vorbild

Neue Freie Presse 5.9.1915

Vor dem Krieg war der Vegetarianer eigentlich eine halb sagenhafte, halb komische Figur. Es soll angeblich immer sehr viele gegeben haben, aber in den gewöhnlichen Wiener Gesellschaftskreisen traf man sie selten. Hie und da erzählte wohl jemand, dass er „fast gar kein“ Fleisch esse, aber das hinderte nicht, dass man ihn dann irgendwo ein großes Beefsteak oder ein ordentliches Tellerfleisch verzehren sah. Und wenn jemand ernstlich die Enthaltsamkeit vom Fleischgenuss predigte, so zuckte man die Achseln, betrachtete ihn als eine Art Sektierer und war tiefinnerlich überzeugt, dass man ohne Fleisch bald ein saft- und kraftloser Schwächling werden würde. Der Krieg beginnt nun aber auf ungeahnte Weise für den Vegetarianismus Propaganda zu machen. Der Oberbürgermeister von Budapest hat gesagt, dass sich immer weitere Kreise in der ungarischen Hauptstadt des Fleischgenusses enthalten und dabei sehr wohl fühlen. Diese Worte gelten auch für Wien. Ich rede nicht von den großen Massen der Bevölkerung, denen Fleisch immer ein Luxus war, aber auch in den Kreisen der halbwegs begüterten Wiener beginnt man sich von Woche zu Woche mehr mit dem Vegetarianismus zu befreunden. Man hört immer öfter, dass die Leute, die aus Erbitterung über die Preistreibereien oder weil sie eben keine Lust haben, am Familientisch für zehn Kronen Fleisch zu verzehren, sich bei einer nur aus Gemüse, Früchten, Mehlspeisen usw. bestehenden Kost behaglicher, frischer, durchaus wohler als früher fühlen. Ein vielbeschäftigter Wiener Arzt sagte mir, dass die fleischlose Nahrung sich in hygienischer Beziehung glänzend bewähre. Es gäbe jetzt in Wien weniger Verdauungsstörungen, weniger Magenkatarrhe, ja sogar weniger Kopfschmerzen als sonst. Und jene Zehntausende von Menschen über vierzig, die in milder oder heftiger Form an Gicht leiden, empfinden das mehr oder weniger aufgezwungene Vegetarianertum geradezu als Wohltat.

 

Die spektakulären Flugmanöver von Ernst Udet

Der berühmte Pilot zeigt seine Kunststücke in Wien-Aspern.

Neue Freie Presse 4.9.1925

Am Wochenende findet jeweils um 4 Uhr nachmittags das vom Österreichischen Aeroklub und Flugtechnischen Verein veranstaltete Schaufliegen des berühmten Fliegers und Flugzeugbauers Ernst Udet statt. Wo immer Udet hin kam, um der Welt zu zeigen, was man alles mit einem Flugzeug machen kann, hat er allgemeine Bewunderung erregt. Erstaunlich, in welchem Maße er das Flugzeug beherrscht, mit welcher Sicherheit er seitliche Schleifen fliegt, mit schief gestellter Flugzeugkante Kreise beschreibend oder sich um eine horizontale Achse überschlagend. Alles Manöver, bei denen es darauf ankommt, den richtigen Augenblick für die Veränderung der Steuerstellung zu erfassen. In Wien wurden derartige Vorführungen noch nie gesehen und machen das hohe sportliche und allgemeine Interesse begreiflich, dass dieser Veranstaltung entgegengebracht wird. Für das im Mittelpunkt Europas gelegene Wien ist das Flugwesen berufen,in naher Zukunft eine große Rolle zu spielen, haben diese Flüge eine besondere Bedeutung, da sie geeignet sind, das Vertrauen in die Sicherheit des Fliegens in anschaulicher Weise zur Darstellung zu bringen. Denn was Udet leistet,hat allenthalben das Staunen auch sehr verwöhnter Zuschauer erregt.

Anmerkung: Ernst Udet (1896-1941) verstand es wie sonst keiner, Begeisterung für das noch junge Flugwesen hervorzurufen. Sein legendärer Ruf stammte aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, als Jagdflieger in der Fliegertruppe des Deutschen Heeres galt er nach Manfred von Richthofen als erfolgreichster deutscher Jagdpilot. Allein im August 1918 gelang ihm der Abschuss von 20 feindlichen Flugzeugen, 62 Abschüsse werden ihm allein zugeschrieben. Nach dem Ersten Weltkrieg verdiente er seinen Lebensunterhalt mit Kunst- und Schauflügen, er präsentierte die im Artikel beschriebenen spektakulären Flugmanöver, war auch als Werbe- und Schleppschrift-Flieger aktiv und als Filmstar („Die weiße Holle vom Piz Palü“), wo er Menschen mit dem Flugzeug aus brenzligen Situationen rettete. Im Zweiten Weltkrieg wurde er eine Propagandafigur des NS-Staates und zum Generalflugzeugmeister ernannt. Nach den Misserfolgen in der Luftschlacht um England erschoss er sich im November 1941. Er erhielt ein Staatsbegräbnis.

 

Russland - der Koloss auf tönernen Füßen

Steht das Zarenreich vor dem Zusammenbruch?

Neue Freie Presse 3.9.1915

Russland ist ratlos. Wir können uns denken, dass am Zarenhofe die Kriegspartei mit der Friedenspartei ringt. Ob die Männer, welche die Einsicht haben, dass Russland von seinen Verbündeten weder militärische noch finanzielle Hilfe erwarten könne und dass die Armee den Feind nirgends abzuhalten vermochte, schon zu flüstern wagen, was sie denken, und ob das Wort vom Frieden bereits auf ihre Lippen kommt, ist noch ungewiss. Aber die Redefreiheit in der Duma, die bevorstehende Änderung des Ministeriums und schon das Gerücht, dass der Zar eine parlamentarische Regierung berufen werde, sind Kennzeichen eines Sichfallenlassens und eines Versuches, aus dem Unglücke im Kriege hineinzufliehen in volkstümliche Einrichtungen und Männer zu finden, welche die Verantwortung für das übernehmen, was doch geschehen muss. Soweit die Umschau möglich ist, sehen wir in Russland keinen Gedanken aufblitzen, der den eisernen Zwang siegreich vorrückender Armeen brechen und den Umschwung herbeiführen könnte. Jede Stunde des Säumens hat den Eindruck, dass der Koloss tönerne Füße habe, vermehrt. Die Sümpfe und Wälder sind kein Hindernis für die Truppen der beiden Kaiserreiche, und weiter und weiter geht der Rückzug der Russen und der schale Trost von dem Untergange der großen Armee des Kaisers Napoleon versagt. Die Angst vor dem Kriege dürfte in Russland viel ärger werden als die vor dem Frieden.

Der große Polarforscher Payer ist tot

Erinnerung an die ruhmreiche Nordpolexpedition.

Neue Freie Presse 2.9.1915

Mit Payer ist einer der ältesten Veteranen der Polarforschung, zugleich einer ihrer populärsten Vertreter dahingegangen. Vor allem bei uns in Österreich war sein Name in weitesten Kreisen bekannt und geehrt als einer der Führer der ruhmvollen Expedition, mit welcher die Entdeckung des Kaiser Franz-Joseph-Landes für immer verknüpft ist. Weniger allgemein bekannt ist die Tatsache, dass Payer auch zu den Pionieren der Erforschung unserer österreichischen Alpen gehört. Als zwanzigjähriger Leutnant des 36. Infanterieregiments hatte Payer 1863 eine damals bemerkenswerte Ersteigung des Großglockners von Kals aus unternommen und war dann mit Mappierungsarbeiten beauftragt worden. Payers erfolgreiche Tätigkeit in der Eis- und Schneeregion der Alpen lenkte die Aufmerksamkeit der stärksten treibenden Kraft für Polarforschung, August Petermanns in Gotha, auf ihn und veranlasste seine Teilnahme an der zweiten deutschen Nordpolexpedition an die Nordostküste von Grönland 1869/70. Die Namen des Franz-Josef-Fjord und des Tiroler Fjord an jener eisumpanzerten, von mächtigen Gebirgen eingerahmten Küste zeugen von der Teilnahme eines österreichischen Forschers an jener Expedition. Sie war für Payer die Vorschule zur Fahrt des „Tegetthoff“ 1873/74, wo dem Marineoffizier Weyprecht das Oberkommando und die nautische Führung, Payer die Leitung der Expeditionen zu Lande oblag. Payer hat zeitlebens das Interesse an der Polarforschung nicht verloren. Jahre hindurch hat er sich ihr als Künstler gewidmet.

Das Land braucht dringend freiwillige Feuerwehren

Erst nach verheerenden Bränden wird die Notwendigkeit erkannt.

Die Presse 1.9.1865

Die Bildungen von Feuerwehren fangen in erfreulicher Weise an sich Bahn zu brechen, und die vielen verheerenden Brände dieses Sommers haben wenigstens das Gute, den Bevölkerungen das Bedürfnis dieser so notwendigen Einrichtungen klar zu machen. Nicht zu verkennen sind die Schwierigkeiten des Anfangs solcher Organisationen, indem nicht allein der Mangel an Geldmitteln hier hindernd auftritt, sondern, kaum glaubbar, die Gleichgültigkeit der betreffenden Gemeinde-Vertretungen oft den Hauptanstoß bildet.

Wenn diese letzten bedenken wollen, welch unendliche Wohltat es für eine Stadt- oder Ortsgemeinde ist, wenn sich eine Anzahl Männer aus ihrer Mitte zu diesem edlen Zwecke mit uneigennütziger Aufopferung vereinigt, wie oft weiters durch energische und rechtzeitige Hilfe Hab und Gut vieler Familien mit verhältnismäßig geringer Mühe gerettet werden kann, so sollten sie doch einsehen, dass die Sparsamkeit hier höchst übel angebracht ist.

Es ist auffallend in der jungen Geschichte der österreichischen Feuerwehren, welche eigentlich jetzt erst beginnt, in ihr erstes Stadium zu treten, dass meist nur in solchen Städten und Ortschaften Feuerwehren organisiert wurden, wo man durch größere Brände erst gelernt haben, deren Notwendigkeit nach ihrem wahren Wert zu schätzen; erst nachdem ganze Städte niedergebrannt waren, überzeugte man sich von der Unzulänglichkeit der Löschmittel und dachte daran, diesem Mangel abzuhelfen; man errichtet Turn- und andere Vereine, Bürger und Schützencorps (gegen welchen Feind?), und vergisst auf den furchtbaren Feind, der jeden Augenblick drohen kann, und mit seiner unbezähmten Gewalt binnen wenigen Stunden jahrelang erworbenen Wohlstand vernichtet.

Die ersten Kriegslesebücher für die Schuljugend

Vaterlandsliebe und Schilderungen von Heldentaten in den Schulbüchern

Neue Freie Presse 31. 8. 1915

Die bevorstehende Neuausgabe der staatlichen Mittel-, Volks- und Bürgerschulbücher wird eine interessante Neuerung bedeuten. Der Weltkrieg, der nun schon mehr als ein Jahr im Vordergrund der Ereignisse steht, wird zum erstenmal auf die Neuauflage der Lehrbücher, vor allem der Lese- und Geschichtslehrbücher, in der Hinsicht Einfluss nehmen, dass außer dem neu einzuführenden „Kriegslesestück“ auch die Darstellungen der vaterländischen Geschichte der neuesten Zeit ausgedehnt erscheinen. Die eingeschalteten Kriegslesestücke sind, soweit sie militärische Themen betreffen, vom k.u.k. Landesverteidigungsministerium approbiert worden. Die Lesestücke behandeln nicht bloß Vorgänge aus dem kriegerischen Leben selbst, sondern auch Schilderungen der einzelnen Gebiete der Kriegsfürsorge. Aus wahrhaften, ergreifenden Schilderungen der todesmutigen Heldentaten von Offizieren und Mannschaften sind die Stellen ausgewählt, die, dem jugendlichen Fassungsvermögen am besten angemessen, die Größe der opferwilligen Vaterlandsliebe unserer Tapferen im Felde am klarsten veranschaulichen. 

Gegen die Slowenisierung des Kärntner Schulwesens

Slowenenführer suchen Einfluss im Land zu verstärken.

Neue Freie Presse 30.8.1890 

Klagenfurt. Die Landtagswahlen sind zu Ungunsten der slawischen Partei ausgefallen. Die Führer der Slowenen suchen nun auf andere Weise Einfluss im Lande zu gewinnen. Man verlangt, dass die slowenischen Reichsratsabgeordneten Krains, des Küstenlandes und der Untersteiermark dafür Sorge tragen, dass wichtigere Beamtenposten und die Lehrstellen an unseren Mittelschulen nach Möglichkeit nur mit solchen Persönlichkeiten besetzt werden, die auch des slowenischen Idioms mächtig sind. Man will auf diese Weise aus den Gauen jenseits der Karawanken slowenische Hilfskräfte ins Land bringen, um die slowenischen Pläne der Verwirklichung zuzuführen. Indessen dürften sich die deutschen Vertreter des Landes gegen diese Pläne rechtzeitig zur Wehr setzen.

Die Mängel des häuslichen Unterrichts

Hauslehrer sind meist Pfuscher.

Neue Freie Presse 29.8.1865

Es ist nicht bloß pädagogisch, sondern auch politisch höchst beklagenswert, dass die Kinder der vornehmsten Familien, welche durch ihre Geburt schon auf einflussreiche Posten berufen sind, so selten durch gediegene Lehrer erzogen werden, vielmehr nur allzu häufig geputzten Pfuschern in die Hände fallen, welche eher an alles andere als an die heiligen Pflichten denken, die einem Erzieher obliegen. Wir wollen glauben, dass solche unberufenen Lehrer weniger dem Indifferentismus von Seiten der Familien, da doch hier ihre heiligsten Interessen berührt werden, als vielmehr der Unbekanntschaft mit besseren Lehrkräften ihre Wahl zu verdanken haben. Wer bloß nach augenblicklichem Ermessen unterrichtet, verschuldet oft nicht zu heilende Verbildungen in dem Kinde; denn jede irreguläre Bildung hinterlässt entstellende Spuren. Solche unberufenen Lehrer suchen gewöhnlich durch Scharlatanerie zu ersetzen, was ihnen an Beruf und Methode abgeht. Namentlich den häuslichen Unterricht von Mädchen finden wir auf solchem verwahrlosten Standpunkte, weil er jeder behördlichen Kontrolle entbehrt.

Ständiger Stellungskrieg rund um das Impfen

Die Statistik besagt: Die Blattern sind zurückgegangen.

Neue Freie Presse 28.8.1890

Einerseits anerkennt man allseitig die Notwendigkeit der Impfung; andererseits anerkennt man weiters die Möglichkeit von Impfschädigungen, und zwar sowohl durch die Impfoperation an und für sich, wie durch die Möglichkeit der Einimpfung von Krankheiten. Trotz alledem erscheint aber das, was von der ursprünglichen Hoffnung auf den Impfschutz als gerettet betrachtet wird, noch immer sehr wertvoll. Die Blattern sind seit Einführung der Impfung denn doch seltener und deren Verwüstungen weniger mörderisch geworden. Man hält sich für überzeugt, dass Geimpfte seltener erkranken, noch mehr aber davon, dass sie, wenn schon von der Krankheit ergriffen, derselben viel seltener unterliegen. Die Impftheorie hat sich hier mit Hilfe eines massenhaften und imponierenden statistischen Beweismaterials gegen die Angriff der Impfgegner verschanzt. Inzwischen ist aber auch das Heer der Zweifler stark angeschwollen, es wird sogar mit der Behauptung, dass die Impfung geradezu schädlich sei, die Offensive ergriffen.

Die Argumente der Impfverteidigung: 1. Seitdem die Impfung in Europa eingeführt wurde, haben die Blattern viel von ihrer Gefährlichkeit eingebüßt, ja dieselben sind in manchen Ländern beinahe ganz verschwunden (historisches Argument); 2. In den gut impfenden Staaten sind die Blattern viel seltener, als in den schlecht impfenden (geographischer Beweis); 3. Geimpfte werden seltener von den Blattern ergriffen als Ungeimpfte (geringere Morbidität). 4. Von Geimpften sterben auch weniger an Blattern, als von Ungeimpften (geringere Mortalität); 5. Wenn Geimpfte von Blattern befallen werden, modifizieren sich die Pocken und nehmen einen weit ungefährlicheren Verlauf (geringere Letalität).

Dagegen sagen die Impfgegner: Der Impfakt ist an und für sich gefährlich und deplaziert die Sterblichkeit, indem jetzt höhere Altersklassen befallen werden; 2. Durch die Vaccination werden Krankheiten, besonders Lues, direkt eingeimpft; 3. Die Impfung ist Ursache der physischen, ja sogar der damit zusammenhängenden moralischen Depravation unserer Generation.

Neueste Attraktion im Prater: ein Schützengraben

Hier lässt sich‘s durchaus leben, denkt der Sonntagsausflügler.

Neue Freie Presse 27.8.1915

Von heute an wird nun auch der Wiener im Hinterland einen ganz klaren Begriff von dem Leben im Schützengraben haben. Und manche Mutter, manche Frau wird von dieser neuesten Attraktion einen gewissen Trost und viel Zuversicht heimbringen, denn sie wird aus diesem in allen Details wahrheitsgetreuen Schützengraben sehen, dass auch ein längerer Aufenthalt dort erträglich, die Sicherheit vor einschlagenden Kugeln und Schrapnellstücken verhältnismäßig groß ist.

Betritt man den Ausstellungsrayon, so sieht man zunächst – gar nichts. Und das muss so sein, denn ein Schützengraben, den man auf hundert Schritt Entfernung sieht, ist eben kein Schützengraben. Tritt man aber dicht zu den Eingängen, so erfasst man rasch die geniale Anlage der ganzen Sache. Ein Gewirr von mannshohen Gräben, quer und parallel laufend, unsichtbar gemacht durch die Sandhügel, die von dem ausgegrabenen Material herrühren. Baumstämme und Laub bilden die Wände und die Sicherung gegen eine Verschüttung. Bleibt man lange genug in ihm, so nimmt der Unterstand einen immer wohnlicheren Charakter an, die Wände werden mit Zeitungsausschnitten, Photographien, lustigen Reimen geschmückt. … Die Eröffnung fand heute vormittag in Anwesenheit vieler Hunderte von geladenen Gästen statt. Die offizielle Welt war reich vertreten, man sah aber auch viele junge Offiziere, deren Medaillen und Orden an der Brust bewiesen, dass sie den Schützengraben nicht erst in Wien kennen lernen müssen. Und sie, die das alles miterlebt haben, bildeten den Damen willkommene Führer, um alles zu erläutern und mit eigenen Erlebnissen zu illustrieren.

Das neue Künstlerhaus in Wien - ein Fehlschlag?

Die Zahl begabter Künstler schwindet von Jahr zu Jahr.

Die Presse 26.8.1865

Der erste Spatenstich zum Künstlerhaus ist geschehen, im nächsten Jahr soll dasselbe unter Dach stehen, und im Spätherbst 1868 eröffnet werden. Was haben wir vom Künstlerhaus zu erwarten, was kann dasselbe im besten Falle leisten? Inwieweit kann die Kunst, kann der Künstler eine wahre Förderung durch das Künstlerhaus erhoffen? Die Lage des Gebäudes jenseits der Ringstraße, außerhalb des Mittelpunktes des geselligen Verkehrs in Wien, unmittelbar an den Ufern der wohlriechenden Wien, kann keine günstige genannt werden. Die Dimensionen, an und für sich sehr geringe, genügen nur für Ausstellungen im kleineren Maße. Die Beschränktheit des Platzes lässt den Anbau im großen Stil nicht zu. Die inneren Verhältnisse des österreichischen Künstlertumes sind der Idee des Künstlerhauses ebensowenig günstig. Mit Ausnahme der Architektur haben alle Zweige der Kunst in den letzten Jahrzehnten Rückschritte gemacht. Die Zahl der begabten Maler und Bildhauer schwindet von Jahr zu Jahr; Führich und Amerling sind in die Reihen der Veteranen getreten, Gauermann, Kupelwieser, Rahl, Waldmüller sind rasch hintereinander zu Grabe getragen worden. Unter den vielen Künstlern, die in Wien leben, sind, wie gesagt mit Ausnahme der Architekten, nur wenige, welche dem neuen Künstlerhause eine große geistige Kraft entgegenbringen werden. Nur wenige heimische Kräfte werden es sein, deren Teilnahme dem Künstlerhaus zu wirklichem Nutzen und zu dauernder Ehre wird gereichen können.

Anm.: Um die neue Ringstraße attraktiver zu machen, wurden von staatlicher Seite Kulturinstitutionen geplant, finanziert wurden sie aus den Mitteln des Stadterweiterungsfonds. Dazu gehörten auch Künstlerhaus und Musikverein, sie lagen gegenüber der Karlskirche am Ufer des damals noch nicht überdachten Wienflusses (die Zeitung spricht ironisch von der „wohlriechenden“ Wien). Die „Presse“ bemängelt bereits beim Spatenstich die ungünstige Lage, besser wäre ein Bau direkt an der Ringstraße gewesen. Außerdem sei das Gebäude zu klein dimensioniert. Das sollte sich als richtig herausstellen: Das am 1. September 1868 fertiggestellte Haus, das sich im Stil an eine italienische Renaissancevilla anlehnte, erhielt 1882 einen größeren Zubau in Form von zwei Seitenflügeln. Die beiden Flügel beherbergen heute auf der linken Seite das Künstlerhaus-Kino, auf der rechten das heutige Brut-Theater. Als zur Jahrhundertwende der Wienfluss eingewölbt wurde, lag das Künstlerhaus nicht mehr am Ufer eines Flusses, sondern am Rand des neuen, 1899 Karlsplatz genannten Areals.

 

Das Haus Rothschild – die österreichischen Staatsbankiers

Österreichs Finanzminister suchen das Geld dort, wo es wirklich zu finden ist.

Neue Freie Presse 25.8.1865

Seit dem Jahr 1815 ist die kaiserliche Regierung eine stehende Kundschaft dieses Welthauses. Durch eine lange Reihe von kleinen und großen Finanz-Operationen hat sich das Haus Rothschild das Vertrauen der österreichischen Finanzverwaltung in so hervorragender Weise erworben, dass die vormärzlichen Hofkammer-Präsidenten, sowie die seit dem Jahr 1848 in der Himmelpfortgasse amtierenden Finanzminister gewohnt waren, dieses Haus gleichsam als den „Staatsbankier“ zu betrachten. In den letzten Jahren ist allerdings eine Erkaltung in den Beziehungen des Hauses Rothschild zur Finanzverwaltung eingetreten, und es mag diese Tatsache wohl nicht wenig zu den finanziellen Misserfolgen des Herrn v. Plener (Finanzminister 1860-65) beigetragen haben; doch ein Finanzminister, der Geld braucht, muss es da suchen, wo es wirklich zu finden ist, nämlich bei einem Welthause, das über so kolossale Ressourcen disponiert, wie das Haus Rothschild. Es hat darum auch in der Finanzwelt einen günstigen Eindruck hervorgebracht, dass Her Graf Larisch gleich bei seinem Amtsantritt als Finanzminister die alten Beziehungen der kaiserlichen Regierung zu diesem Welthause wieder angeknüpft hat; Graf Larisch und Baron Rothschild sind bekanntlich Gutsnachbarn. Wir glauben daher, dass sich Herr Graf Larisch, wenn es sich wirklich um eine große Finanz-Operation handeln wird, um die Mitwirkung des Hauses Rothschild bemühen wird und dieselbe auch kaum entbehren dürfte.

 

Lächerliche Reklame für d'Annunzio

Italiens "Homer" und Kriegshetzer ist keine Gefahr.

Neue Freie Presse 24.8.1915

Die italienische Tagespresse verzeichnete jüngst die sensationelle Behauptung, dass das österreichisch-ungarische Armeeoberkommando eine Prämie von 20.000 Kronen für die Gefangennahme Gabriele d'Annunzios ausgesetzt habe. Auf den ersten Blick schon erweist sich diese Nachricht als eine lächerliche Ente. Es wäre doch zu absurd, für den Besitz der Person d'Annunzios Staatsgelder auszugeben. Auch würde sich die Stiftung einer solchen Prämie schon deshalb als unnütz erweisen, weil - wie man hierzulande ganz genau weiß - Italiens Homer sich niemals in irgendeine Situation begeben wird, die für ihn eine Gefahr bedeuten könnte. Beweis, die Feststellung des „Avanti“, dass sich d'Annunzio weder an der Front noch im Hauptquartier, sondern bis heute ausschließlich im Hotel Royal Danieli in Venedig befindet.

 

Liebenberg-Denkmal am Ring wird eröffnet

Erinnerung an die Zeit der Türkenbelagerung. Der Kaiser wurde eingeladen, der feierlichen Enthüllung beizuwohnen.

Neue Freie Presse 23.8.1890

Die Aufstellung des Liebenberg-Denkmals ist bereits nahezu vollendet. Dieses Denkmal, welches bekanntlich auf dem Platz vor der Mölkerbastei an der Ringstraße steht, wird am 12. September feierlichst enthüllt werden. Vor einigen Tagen schon wurde die krönende Victoria auf den Schaft gesetzt. Das ganze Monument, dessen Schöpfer Bildhauer Silbernagl ist, ist als Siegesdenkmal gedacht. Die hoch oben auf dem Schaft stehende Victoria mit ausgebreiteten Flügeln hält in der rechten erhobenen Hand einen Lorbeerkranz, in der linken einen Palmenzweig. Die ganze Figur ist in Feuer vergoldet. Am Mittelschaft befindet sich das ebenfalls feuervergoldete Porträt des Bürgermeisters Liebenberg, von Genien bekränzt. Die Inschrift lautet: „Johann Andreas von Liebenberg. Bürgermeister von Wien. 1683.“ Vorn am Sockel ruht ein Löwe, der mit einer seiner Vorderpranken türkische Trophäen hält. An der rückwärtigen Seite des Denkmals ist zu lesen: „Seinem in äußerster Bedrängnis durch Mut und Ausdauer voranleuchtenden Oberhaupte. Das dankbare Wien – 1890.“ Der Kaiser wurde eingeladen, der feierlichen Enthüllung beizuwohnen.

(Anm: Das Liebenberg-Denkmal befindet sich noch heute an dieser Stelle gegenüber der Universität im 1. Wiener Gemeindebezirk (Universitätsring 8-10). Es ist selten, dass ein Bürgermeister mit den Insignien eines großen Feldherrn geehrt wird (Victoria, Löwe, Lorbeer). Die große Leistung von Johann Andreas von Liebenberg (1627-1683) bestand darin, dass er während der Zweiten Wiener Türkenbelagerung 1683 die Verteidigungsarbeiten in der belagerten Stadt überwachte und eine Bürgerwehr organisierte. Er hatte wesentlichen Anteil am Durchhaltewillen der Bevölkerung und starb wenige Tage vor der entscheidenden Schlacht und dem Sieg über das türkische Belagerungsheer. Er ist auch in der Ankeruhr verewigt, im ersten Bezirk trägt eine Gasse seinen Namen.)

 

Paul Ehrlich, Begründer der Chemotherapie, tot

Nachruf auf den Bekämpfer der Syphilis.

Neue Freie Presse 22.8.1915

Der Ausbau einer wirksamen und erfolgreichen Chemotherapie zählt zu den unvergänglichen Verdiensten Paul Ehrlichs. Ausgehend von der Vorstellung, dass ein Medikament auf ein Gewebe oder auf Parasiten nur dann einwirken könne, wenn es sich mit ihnen verbindet, erkannte Ehrlich die Verwandtschaft der Heilmittel zu dem Gewebe, das beeinflusst werden soll. Ein Stoff kann auf das Hirn nur wirken, wenn er sich mit der Nervenfaser verbindet. Ehrlich als Chemotherapeut war also vor die schwierige Aufgabe gestellt, Stoffe aufzufinden, welche so beschaffen sind, dass die Parasiten maximal und die Körperorgane minimal geschädigt werden. Ihm war die Kunst gelungen, „durch chemische Variationen zielen zu lernen.“ So kam er zu immer vollkommeneren Mitteln, um schließlich im Salvarsan jenes Präparat zu finden, dass bei einem therapeutischen Maximum mit der geringsten Gewebs- und Organschädigung verbunden ist. Das Präparat soll „wie das Messer des Chirurgen das Kranke vom Gesunden schneide, alle Parasiten aus dem infizierten Organismus eliminieren.“  

 

Wiener Straßenbahn wird auf Oberleitung umgestellt

Ästhetische Bedenken auf der Ringstraße.

Neue Freie Presse 21.8.1915

Im Juli 1913 stellten mehrere Gemeinderäte im Stadtrat den Antrag, die Unterleitung der städtischen Straßenbahnen mit Rücksicht auf die vielen Störungen nach und nach gegen Oberleitung umzutauschen. Trotz aufmerksamster und kostspieligster Bedienung und tadelloser Instandhaltung ist die Unterleitung tatsächlich die Quelle vieler Störungen, die, da sie gerade auf der dichtbefahrenen Ringstraße auftreten, von der Bevölkerung unangenehm empfunden werden. Die Störungen treten zumeist an den Umschaltstellen auf. Durch den Krieg wurden nun Verhältnisse geschaffen, welche die Entfernung der Unterleitungen auch aus anderen Gründen geradezu notwendig erscheinen lassen. Das Fahren auf Unterleitung erfordert infolge der stromlosen Stellen größere Fertigkeit, welche bei dem zahlreichen frisch aufgenommenen Personal nicht erreicht werden kann. Die Unterleitung wurde seinerzeit auf dem Ring und in der Mariahilferstraße vorzugsweise aus Schönheitsrücksichten gebaut; die Straßenbahndirektion betrachtet es nunmehr als ihre Aufgabe, die Oberleitung so durchsichtig und leicht als möglich auszuführen und in dieser Hinsicht den höchsten Ansprüchen Rechnung zu tragen.

 

"Krankhafte Sucht, ein Frauenzimmer zu sein"

Eine Transgender-Affäre anno 1865.

Die Presse 20.8.1865

Eine falsche Gräfin. Der Kellner Johann B., welcher sich seit längerer Zeit in der Rolle einer polnischen Gräfin umhergetrieben hatte und steckbrieflich verfolgt wurde, ist aufgegriffen und in eleganter weiblicher Kleidung nach München eingeliefert worden. Derselbe ist ein kräftig gebauter, über sechs Fuß großer, junger Mann mit etwas derben, nicht sonderlich hübschen Gesichtszügen, welcher sich jedoch in allen Einzelheiten seiner Erscheinung, in Gang, Haltung, Sprache, Benehmen, den Schein dezentester Weiblichkeit in so gelungener Weise zu geben weiß, dass die von ihm in weiten Kreisen verübten Täuschungen wohl erklärlich sind. Sein Treiben ist namentlich in psychologischer Hinsicht bemerkenswert, insoferne nämlich die Motive seiner Handlungsweise weniger in betrügerischer Tendenz an und für sich, als in einer beinahe krankhaften Sucht, in der Rolle eines Frauenzimmers Interesse zu erregen, gelegen scheinen. Schon als Knabe gefiel er sich dem Vernehmen nach darin, in weiblicher Kleidung die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und sich die Anerkennung trefflicher Nachahmung weiblichen Gebarens zu verschaffen. Im vorigen Spätherbst trat er nun erstmals als Dame auf, und wusste diese Rolle in so täuschender Weise durchzuführen, dass ein vermöglicher junger Mann in ein Liebesverhältnis zu der Pseudodame trat und für ihren Unterhalt sorgte. Später entflammte er das Herz eines englischen Gentleman in solchem Grade, dass derselbe sie zu ehelichen verlangte, und dies in so dringlicher Weise, dass er nur durch die Flucht sich des ungestümen Brautwerbers erwehren konnte.

 

Die Wiener lieben den Volksprater

Biergarten-Seligkeit in einer lauen Sommernacht.

Neue Freie Presse 19.8.1890

Gegen Abend füllten sich die Biergärten immer mehr, und immer neue Zuzüge fanden sich im Volksprater ein. Bald waren überall die Tische besetzt, und Neu-Ankommende hatten nicht geringe Mühe, einen Platz zu finden. Bei den Caroussels, die sich wie überhaupt alle Vergnügungs-Etablissements festlich herausgeputzt hatten, vergnügten sich die jungen Reiter aus der Fibelclasse, und die kleinen Damen zwischen 3 und 5 Jahren saßen breit und stolz in der Carrosse und lächelten glückselig herab auf die armen Sterblichen, die infolge ihres vorgerückten Alters dieser Art Sport schon entrückt waren. Übrigens sahen auch in einzelnen dieser Caroussels ganz erwachsene Fräulein kühn und verwegen im Sattel und lächelten mit verführerischen Gesichtern dem Publicum zu. Hunderte von Kindern zogen in den vorgerückten Abendstunden, gegen 9 Uhr etwa, durch die Gassen der Wurstelpraterstadt, hinter ihnen die Eltern drein, und jedes der Kleinen trug einen erleuchteten Lampion an den langen dünnen Stäbchen. So wandelten sie vielfarbig dahin durch die Dunkelheit des herrlichen Sommerabends, in den von allen Gastgärten her die heiteren Weisen der Musikcapellen ertönten, in den das helle Lachen von Mädchenstimmen, das Summen und Brummen der plaudernden Menge schallte. Überall herrschte die wahre Wiener Fröhlichkeit und Seligkeit, die in ihrer vollsten Blüte doch nur unten im Prater und an einem solchen Festtage zu finden ist.

 

„Gott erhalte den Kaiser!“

Zum 85. Geburtstag von Kaiser Franz Joseph.

Neue Freie Presse 18.8.1915

Gott erhalte den Kaiser! Wir sprechen diesen Wunsch nicht als eine Formel, als die überkommene Art der Huldigung, die wir ihm schulden, sondern dieser Wunsch ist uns in diesem Jahr Ausdruck der stärksten und persönlichsten Empfindung. Gott erhalte den Kaiser! Wir fühlen in ihm eine Lebenskraft wie in den riesenhaften Bäumen, die Jahr für Jahr ihre Ringe ansetzen. Niemals haben wir den Kaiser so sehr mit seiner ganzen Fülle von Erfahrung, mit seiner ganzen Klarheit und Gegenständlichkeit des Wissens auch für die Zukunft als Bedürfnis empfunden, als in dem Jahre des Weltkrieges. Niemals ist uns so sehr der Herzenswunsch natürlich gewesen, dass Kaiser Franz Joseph den Hochpunkt seines Lebenswerkes mit eigenen Augen sehe und das schönste Glück seines Herrschertums genieße, einen siegreichen und dauerhaften Frieden. Viel Erstaunliches ist im Leben des Kaisers, aber das größte Rätsel ist doch, wie er die Zentnerlast der Arbeit erträgt, wie dieser Körper beschaffen sein muss, der Tag für Tag, Stunde für Stunde ohne Versagen sein Werk tut.

 

Kühner Fliegerangriff auf Venedig

Bomben und Kugelregen bedrohen die historische Stadt.

Neue Freie Presse 17.8. 1915

In welcher Weise sich unsere Marineflieger betätigen, zeigt der letzte Fliegerangriff gegen Venedig. Eines unserer Seeflugzeuge griff am 15. August vier venetianische Küstenforts an. Von den abgeworfenen Bomben explodierten mit einer einzigen Ausnahme alle innerhalb der Werke. Ein ganz hervorragend gutes Treffergebnis, das umso höher anzuschlagen ist, als die Aktion in dichtestem Kugelregen ausgeführt wurde. Zur Abwehr des Angriffes stiegen fünf feindliche Flieger auf. Der letzte italienische Flieger setzte die Verfolgung hartnäckig bis in die Nähe der istrianischen Küste fort, musste aber schließlich umkehren. Während des Fluges über Venedig und des Bombenangriffs war unser Seeflugzeug das Ziel eines überaus heftigen Feuers aus den Geschützen der in Venedig liegenden Kriegsschiffe und der dort befindlichen Forts und sonstigen Befestigungen. Immer aufs neue zeigt sich bei unseren Marinefliegern kühner Wagemut und große Geschicklichkeit. So jung unser Seeflugwesen ist, so glänzend hat es sich bisher schon bewährt.

(Anm: Mit dem Kriegseintritt Italiens am 23. Mai 1915 begann eine wenig bekannte Episode der Kunst- und Kriegsgeschichte: Nämlich die Bedrohung des historischen Kulturerbes der Stadt Venedig. Schließlich war die Dogenstadt nur 115 Kilometer vom österreichischen Stützpunkt Triest entfernt, der oben zitierte Artikel demonstriert, dass es für die Seeflugzeuge jener Zeit ein leichtes war, direkt Venedig anzugreifen. Die Stadt musste daher ihre unvergleichlichen Schätze vor den Bomben der österreichischen Flugzeuge schützen. So wurden exponierte Teile des Dogenpalastes vermauert, der Campanile auf dem Markusplatz mit Sandsäcken gesichert, der Markusdom erhielt eine Schutzwand vor der Hauptfassade, die berühmtesten Gemälde der Museen wurden  in Depots versteckt. Skulpturen wurden mit grauem Sackleinen dick umwickelt.  So gelang es, die Schäden an der Substanz hintanzuhalten, trotz 42 Luftangriffen mit 1029 Bombenabwürfen. Ziel war vor allem der Bahnhof, die Brücke auf das Festland, die historisch Werft, tatsächlich aber gingen die Bomben im ganzen Stadtgebiet nieder.  Am 24. Oktober 1915 wurde die Barfüßerkirche (Chiesa degli Scalzi) getroffen, ein Gewölbefresko von Tiepolo zerstört. Derzeit ist im Japanischen Palais in Dresden im Rahmen der Ausstellung „Krieg und Frieden“ auch eine Sammlung von mehreren hundert Bildern aus dem Venedig während der Weltkriegszeit 1915 bis 1918 zu sehen. Im Zweiten Weltkrieg blieb die Stadt verschont.)

 

Die Rückkehr der Fregatte „Novara“ aus Mexiko

 „Unheimlicher“ Eindruck des fremden Landes .

 Neue Freie Presse 16.8.1865 

Heute Morgen ankerte in Triest die Fregatte Novara. Sie kommt nach einer 82tägigen Reise aus Vera-Cruz, berührte Havannah, Gibraltar und Malta. Sie wurde keiner Quarantäne unterzogen, weil sie in allen Häfen des Mittelmeeres, die sie anlief, mit dem Lande nicht in Berührung kam und der Gesundheitszustand an Bord der vollkommenste war, was dem Commandanten zur besonderen Ehre gereicht, denn  nur eine unermüdliche Sorgfalt kann in jenen gefährlichen Klimaten ein so glänzendes Resultat erzielen. Eben heute sind es 16 Monate, dass die Fregatte die mexikanischen Majestäten in Miramar einschiffte und nach Vera Cruz brachte. Während dieser 16monatlichen Abwesenheit vom Vaterlande hat die Bemannung der Novara, 380 Mann, nur 4 Mann verloren. Das mit Recht so gefürchtete gelbe Fieber ging an der Novara spurlos vorüber. Es ist hier wohl nicht der Platz, um die subjectiven Ansichten der Heimkehrenden über Mexico wiederzugeben. Wenn man sie bunt zusammenfasst, so gibt das Wort „unheimlich“ den Totaleindruck am besten wieder. Die Zukunft des Kaiserreiches liegt noch in sehr unklaren, nebligen Contouren vor den Augen des stillen Beobachters.

(Anm.: Die SMS Novara war wohl eines der berühmtesten Schiffe in der österreichischen Geschichte. Es erhielt seinen Namen nach Radetzkys Sieg bei Novara und galt als das seetüchtigste Segelschiff der k.k. Marine. Internationale Berühmtheit erlangte es aufgrund der Weltumseglung 1857 bis 1859, ein besonderes Prestige-Objekt der österreichischen Monarchie. In 551 Tagen legte das Schiff fast 52.000 Seemeilen zurück und umrundete über die Stationen Südamerika, Afrika, Indien, China und Australien den Erdball. Das wissenschaftliche Werk „Reise der österreichischen Fregatte Novara um die Erde“ lieferte dann eine mit vielen Holzschnitten illustrierte Reisebeschreibung. Die mitgebrachten botanischen und zoologischen Sammlungen wurden in der Folge im Naturhistorischen Museum ausgestellt. Auf Betreiben von Erzherzog Maximilian, dem Bruder des Kaisers und Marinekommandanten, wurde das Schiff 1861/62 mit Dampfmaschinen versehen. Die im Artikel erwähnte 82tägige Seereise war unternommen worden, um Maximilian nach Vera Cruz zu transportieren, wo er zum Kaiser von Mexiko gekrönt wurde. Wie man weiß, ging dieses Abenteuer katastrophal aus: Ende 1867 überführte dieselbe Novara den Leichnam des hingerichteten Imperators zurück in die Heimat. Im Marinesaal des Heeresgeschichtlichen Museums sind mehrere Gemälde der Novara ausgestellt.)

 

Wozu braucht ein Auto eine Windschutzscheibe?

Die neue Einrichtung bietet wenig praktischen Wert.

Neue Freie Presse 15.8.1915

Seit einigen Jahren sieht man an Automobilen mit offener Karosserie immer häufiger die Windschutzscheibe, die ihren praktischen Wert sicherlich erwiesen hat. Sie schützt gegen Staub, befreit den Fahrer und den neben ihm auf dem zweiten Vorderplatze sitzenden Fahrgast von der Notwendigkeit, eine Brille zu tragen, und hält auch im Winter die rauhe Luft ab. Sie hat allerdings den Fehler, dass sie die Stirnfläche des Automobils sehr vergrößert und die Geschwindigkeit des Wagens herabsetzt. Nach genauen Messungen fuhrt ein Wagen ohne Scheibe 63, mit Scheibe 54 Kilometer; sieht man von diesem Fehler ab, so verbleibt als Nachteil noch, dass bei Steinwürfen durch böswillige Leute oder unwissende Kinder, oder bei einer Kollision, die auch dem sichersten Fahrer begegnen kann (man denke daran, dass irgend etwas am Automobil versagen kann und dass der Fahrer auch nicht nur auf seine eigene Geschicklichkeit und Geistesgegenwart angewiesen ist, sondern auch auf die anderer Wagenlenker, insbesondere auf die anderer Automobilisten), die Glassplitter schon sehr bedenkliche Verletzungen hervorgerufen haben. Aus diesem Grunde sehen manche von der Verwendung einer Windschutzscheibe ab oder montieren sie nur im Winter an kalten Tagen, um sie im Frühjahr, sobald das wärmere Wetter wieder einsetzt, zu entfernen. Unzerbrechliche Scheiben aus Zelluloid haben sich nicht bewährt, sie werden bald wellig, blind und sind überhaupt unansehnlich. Da bei Regenwetter die anprallenden Tropfen die Durchsicht erschweren, hat man den Scheibenwischer konstruiert. Es ist das ein Lineal oder eine ähnliche Vorrichtung, die mit einer Gummileiste oder dergleichen ausgerüstet ist, und vom Fahrer hin und her bewegt werden kann. Die Gummileiste befreit dann den von ihr bestrichenen Scheibenteil so vom Nass, dass man wieder gute Durchsicht hat.

 

Das Unglück bei der Matterhorn-Besteigung

Schilderung des Expeditionsleiters Edward Whymper, der überlebt hat.

Neue Freie Presse 14.8.1865

Der Engländer Whymper, Mitglied des englischen Alpenclubs und einer der kühnsten und erfahrensten Bergbesteiger, die es überhaupt gibt, hat eine ausführliche Schilderung des furchtbaren Unfalls veröffentlicht, der sich am 14. Juli auf dem Matterhorn ereignete und dreien seiner Landsleute, sowie dem wackeren Führer Michael Croz das Leben kostete. Wir halten es für unsere Pflicht, zur Ehrenrettung dieses Mannes, des einzigen noch lebenden der vier Engländer, welche an der grässlichen Bergfahrt teilnahmen, einige Auszüge aus seiner Schilderung mitzuteilen, da auf ihm eine zweifache Anklage lastete und vielleicht auch noch lastet, die Anklage nämlich, durch Vernachlässigung der bei Alpenfahrten gebräuchlichen und nötigen Vorsichtsmaßregeln das Leben anderer, sowie sein eigenes leichtsinnig aufs Spiel gesetzt, und die zweite, als das Unglück hereinbrach, das sämtliche Reisende verbindende Seil durchschnitten zu haben, um zu retten, was noch zu retten war. Jeder, welcher den Bericht Whympers liest, wird sich der Überzeugung schwerlich verschließen können, dass der Berichterstatter sowohl in der einen wie der anderen Beziehung völlig rein dasteht.

(Anm: Am 13.7. 2015 erschien auf DiePresse.com ein ausführlicher Artikel zu den Hintergründen der Matterhorn-Erstbesteigung mit dem Titel „Matterhorn 1865 und das Goldene Zeitalter des Alpinismus“.)

 

Konservative Aristokraten regieren Österreich

Ein untadelhafter Stammbaum reicht als Befähigungsnachweis?

Neue Freie Presse 13.8.1865

Das neue Grafenministerium. Unter dieser klangvollen Bezeichnung mag der künftige Geschichtsschreiber das gegenwärtig noch nicht einmal vollständig aus dem Ei gekrochene Cabinet dermaleinst in unseren Annalen eintragen. Kein anderes Land wurde seit undenklichen Zeiten so consequent von hocharistokratischen Machthabern regiert, wie gerade Österreich, und wenn im Lauf langer Jahrhunderte ausnahmsweise einmal zwei bürgerliche Premierminister zu großer Gewalt gelangten, so kehrte man, fast reumütig, bald wieder nach alter Gewohnheit zu jenen blaublütigen Männern zurück, über deren gebenedeiten Häuptern ein Fürstenhut oder ein neunfach gezacktes Grafenkrönlein, gleich einem politischen Heiligenschein schwebte, und die man schon deswegen allein auf hohen administrativen Posten für befähigt und berechtigt hielt, den plebejischen Massen zu imponieren. Doch heute sind die Leute in Österreich ja völlig aus der Art geschlagen und scheinen wie ausgewechselt zu sein. Nicht nur, dass sie sich den Teufel um den untadelhaften Stammbaum desjenigen scheren, der sie zu administrieren berufen ist, und wenn seine stolzen Äste auch bis in die Zeiten der Przemysliden und Jagellonen hinaufreichten, so sind sie sogar noch so keck zu fragen: „Was hat denn der Mann, der dort auf der Terrasse des Abgeordnetenhauses, mit seinem funkelnagelneuen Portefeuille unter dem Arm, so selbstzufrieden aus seinem prächtigen Phaeton steigt, bereits getan, um auch unser Vertrauen zu rechtfertigen, ja um nur im entferntesten unsere politische Aufmerksamkeit irgendwie auf sich zu lenken? Was hat er unter dem frischen Luftzuge der Öffentlichkeit in Schrift oder Wort bisher vollführt, dass sich allenfalls hören ließe oder in einem constitutionellen Staate ernstlich der Rede wert gewesen wäre? Dies wollen wir vorläufig untersuchen, ehe wir uns einem verfrühten Enthusiasmus überlassen, denn in so schwierigen Zeitläufen einen neugebackenen Minister so mir nichts dir nichts auf Treu- und Glauben hinzunehmen und ihn wie die Katze im Sack zu kaufen, dazu sind wir mit unseren sanguinischen Hoffnungen wahrlich schon zu oft abgebrannt!“

Anm.:  Im Sommer 1865 wurde die liberale Regierung unter Anton von Schmerling abgelöst. Kaiser Franz Joseph entzog ihr am 27. Juli das Vertrauen und wandte sich einem deklarierten Konservativen zu, Richard Graf Belcredi (1823-1902) und ernannte ihn zum Staatsminister und Ministerpräsidenten (die Adelsfamilie Belcredi stammte ursprünglich aus der Lombardei). Belcredis Freude über sein neues Amt war gedämpft, er schrieb an seine Frau: „Der Kaiser ist auf mich versessen und sagte, dass er in dieser traurigen, gefahrvollen Zeit in mir allein den ehrlichen Mann sehe, auf den er sich unbedingt verlassen könne.“ Die bürgerlich-liberale Neue Freie Presse tat schon zu Beginn der neuen Regierung ihre Bedenken in dem zitierten Artikel kund: Die neue Regierung wurde als „Dreigrafenministerium“ bezeichnet, genau genommen gehörten ihr sogar fünf Aristokraten an: Außer Belcredi selbst Alexander von Mensdorff-Pouilly als Außenminister, Johann Larisch von Moennich als Finanzminister sowie die Grafen Haller und Esterhazy. Das Kabinett wurde auch als „Sistierungsministerium“ bezeichnet, weil es am 20. September die Verfassung änderte, indem es das sogenannte „Februarpatent“ aufhob und den Reichsrat sistierte. Das Kabinett war bis zum 3.2. 1867 im Amt, es war die letzte absolutistische Regierung der österreichisch-ungarischen Monarchie.

 

"Wenn die Mutter ihren Sohn so sähe"

Erste Kriegsreportage von Alice Schalek für die Neue Freie Presse.

Neue Freie Presse 12.8.1915

Kriegsbilder aus Tirol. In der Höhe von dreitausend Meter. Von Alice Schalek. Die erste und bisher einzige vom Kriegspressequartier als Berichterstatterin zugelassene Dame.

… im August.

Bozen! Bis vor einem Jahr noch der Brennpunkt des Fremdenverkehrs, das Ziel der Hochzeitsreisenden, der Rastpunkt der Bergsteiger – jetzt ist es das große Vorzimmer des Krieges geworden, und so ist der Betrieb in den Ländern und auf den Märkten reger denn je. Auf den Straßen und Plätzen sieht man außer den Einwohnern fast nur Militär. Hier zum ersten Mal tritt es greifbar für mich in die Erscheinung, dass der Unterschied zwischen Militär und Zivil in diesem Kriege verschwunden ist. Militär – hier in Tirol ist es das Volk, das die Uniform angezogen hat. Außer dem Militär gibt es nur Greise, Kinder und Frauen. Man wendet erstaunt den Kopf, sieht man irgendwo einen Mann in Zivil. Wir kommen gerade recht. Eben marschiert ein Regiment ab, feldmäßig ausgerüstet. Mit klingendem Spiel wird auf dem Platz Walters von der Vogelweide, auf dem sonst die eleganten Koffer der reisenden Sommerfrischler verladen wurden, die Fahne eingeholt und dann geht’s davon, Offiziere, Soldaten, Gebirgskarren, Sanität und Bagage. Rund herum winken die Frauen mit den Taschentüchern. Aber sie lächeln alle und aufrecht stehen sie da, nur eine sehe ich weinen. Anders ist hier der Abschied als in Wien, wo ich oft verzweifeltes Schluchzen gehört. Von Müttern erzählt man, die zwei, drei Söhne verloren haben und dies standhaft ertrugen. Kaum eine Stunde bin ich da, aber das eine weiß ich schon jetzt: hier verteidigt ein Volk sein Land….

Zu Mittag stehen wir an der Front, die Glut des Erlebens macht alle Menschen zu Brüdern. Ich denke mir, wenn jede Mutter ihren Sohn, jede Frau ihren Freund so sähe, so gäbe es viel weniger Sorge daheim. Gewiss, er kann fallen und dann ist auch ihr Leben zu Ende. Aber vielleicht trifft ihn kein schwarzes Loch. Und dann hat er das Glück gehabt, in jungen Jahren ein Mann zu werden, und er hat ein ganzes Leben vor sich, um ein Mann zu sein.

Anm.: Nicht ohne Stolz meldet die „Neue Freie Presse“ an diesem Tag auf der Seite 1, die einzige weibliche Kriegsberichterstatterin in ihren Reihen zu haben. Alice Schalek berichtete für die Zeitung bis 1917 vom Kriegsgeschehen, von den Dolomiten, vom Isonzo, aus Serbien. Bereits seit 1903 hat sie für das Feuilleton der NFP Reiseberichte geliefert. „Heute vor“-Leser sind ihr in diesem Kontext bereits begegnet, wir werden in den nächsten zwei Jahren wiederholt auf ihre Texte stoßen. Berühmt ist sie geworden, weil sie ein bevorzugtes Angriffsziel von Karl Kraus war, der ihre „Tagebuchblätter“ als „Schauspiel einer Entartung“ sah und ihre Kriegsberichte als obszöne Kulturlosigkeit verdammte. Der oben zitierte Textausschnitt bestätigt das. Seither gilt sie als Flintenweib und „Mutter aller Schlachtreporter“. Typisch für ihre Kriegsstimmungsbilder ist, dass sie die Soldaten in einer heute grotesk anmutenden Sucht nach „Erlebnis“-Darstellung nach ihren Gefühlen fragt: „Sie sind Bombenwerfer, also was für Empfindungen haben Sie dabei?“ Das alles wird noch garniert mit dem Schlüsselwort „interessant“. Die Spottzeichnung, die sie an der Isonzo-Front karikiert (im Drahtverhau liegend und schreibend „Gott so ein Krieg is was Interessantes!“), hat sie sich redlich verdient.

 

Schlechte Nachricht für die Raucher

In Kriegszeiten wird mehr geraucht.

Neue Freie Presse 11.8.1915

Von der Generaldirektion der Tabakregie geht uns folgende Mitteilung zu: Der Krieg hat in manchen Dingen das Publikum zu Einschränkungen und Entbehrungen gezwungen, die Raucher aber bisher noch nicht berührt. Nun beginnen sich auch auf diesem Gebiet gewisse Schwierigkeiten einzustellen.. die jedoch, wie wir zur Beruhigung der Öffentlichkeit gleich vorweg feststellen wollen,  nur vorübergehender Natur sind. Augenblicklich besteht nämlich eine gewisse Beengtheit bei einigen Zigarettensorten (Sport, Drama, Ungarische) und bei einzelnen Zigarettentabaken (feiner Herzegowina, mittelfein Türkischer, feinster Ungarischer). Diese Knappheit beruht aber nicht auf einem Mangel an Rohstoffen, sondern nur in der momentanen Unmöglichkeit, dem sprunghaft gestiegenen Konsum mit der aufs äußerste in Anspruch genommenen Fabrikation zu folgen. So ist beispielsweise der Verschleiß der erwähnten drei Zigarettensorten im Mai 1915 gegenüber Mai 1914 um nahezu 16 Millionen Stück, der Verschleiß der genannten drei Zigarettentabake um fast 3 ½ Millionen Päckchen, entsprechend ungefähr 80 Millionen Zigaretten, gestiegen. Der größere Verbrauch der Armee im Felde, die Liebesgabentätigkeit, welche begreiflicherweise am meisten die billigeren Sorten erfasst, sind unter anderem die Hauptursachen der auffallenden Konsumzunahme.

 

Die Politik versagt bei der Bildungsreform

Österreich braucht ein eigenes Unterrichtsministerium, damit etwas weitergeht.

Die Presse am 10.8.1865

Wenige Kreise in Österreich gibt es, in denen gegenwärtig die Fragen des öffentlichen Unterrichts nicht lebhaft erörtert werden. Die Leitung des öffentlichen Unterrichts hat in den letzten Jahren einen großen Rückschritt gemacht; ihr ist seit Aufhebung des Unterrichtsministeriums die selbständige Stellung genommen; sie ist ein Zweig der öffentlichen Veraltung, ein untergeordnetes Glied der schwerfälligen Administration geworden. Das System, den öffentlichen Unterricht immer oder doch vorzugweise vom politisch-administrativen Standpunkt ins Auge zu fassen, trifft nicht das innerste Wesen des Unterrichts. In den Unterrichtsdebatten drängt sich immer der politische Gesichtspunkt vor. Der Unterricht ist eine viel zu wichtige Aufgabe, um bloßes Material für den Administrations-Dienst zu sein. Beamte, die heute über strafrechtliche Objecte, morgen über Landtags-Angelegenheiten oder bäuerliche Interessen zu referieren haben, administrative Capazitäten, die gewohnt sind, mit gewandter Hand und umsichtiger Gesetzesauslegung den sehr veränderlichen Principien der bureaukratischen Administration sich anzuschließen, sind die Männer nicht, die in erster Linie berufen wären, die Erziehung der Völker durch das Departement des öffentlichen Unterrichtes zu leiten. Unabhängigkeit der Gesinnung, Selbständigkeit im Denken, wie im Handeln, eine tiefere sittliche Überzeugung von der Bedeutung des öffentlichen Unterrichts sind die Vorbedingungen für jene Männer, von denen der öffentliche Unterricht Heil zu erwarten hat. Die Unabhängigkeit vom Verwaltungs-Departement ist  die conditio sine qua non einer gedeihlichen Leitung des öffentlichen Unterrichts. Freiherr von Feuchtersleben, der Philosoph Exner, Graf Leo Thun würden das nicht geleistet haben, was durch sie für den öffentlichen Unterricht geschehen ist, wenn sie einem Unterrichts-Departement im Staatsministerium und nicht einem selbständigen Unterrichtsministerium eingereiht worden wären.

Anm.:  Mit kaiserlicher Entscheidung vom 23. März 1848 wurde in Österreich ein Unterrichtsministerium geschaffen, die Revolution hatte endlich Grundlagen für eine Schulverwaltung geschaffen, die organisatorische und inhaltliche Reformen durchsetzen sollte. Vorher existierte eine „Studienhofkommission“. Nun rückte der Bildungsbereich aus seiner bisherigen untergeordneten Stellung auf und wurde gleichrangig mit anderen staatlichen Verwaltungszweigen. Bedeutende Unterrichtsminister der ersten Jahre waren Franz Freiherr von Sommaruga und vor allem Leo Graf Thun-Hohenstein, der das Amt vom Juli 1848 bis Oktober 1860 innehatte. Nun wurde für die Umsetzung der bildungspolitischen Entscheidungen der Regierung im Gesamtraum der Monarchie gesorgt. Behindert wurde sie durch die einzelnen Länder, die sich möglich viel Mitsprache und Kompetenzen sichern wollten, diese Situation ist  150 Jahre später immer noch Anlass für Debatten. Durch das kaiserliche Patent vom 2. Oktober 1860 wurde das Unterrichtsministerium aufgelöst, eine Sektion des Staatsministeriums übernahm nun sieben Jahre die Agenden, bis zum 2. März 1867, als wieder ein eigenes Unterrichtsministerium errichtet wurde. Die zentralistische Ausrichtung des Kaisertums Österreich musste den föderalistischen Bestrebungen der Länder weichen, betroffen war eben das Ministerium für Cultus und Unterricht. Verantwortlich war ab nun ein Sektionschef, der sich bislang nie mit Unterrichtsangelegenheiten befasst hatte, eine Situation, die von der „Presse“ im oben zitierten Leitartikel beklagt wird.

 

Heute vor 150 Jahren: Wieder einmal: Kampf gegen die Bürokratie!

Doch ach: Ein moderner Staat braucht Beamte.

Neue Freie Presse 9.8.1865

Wieder einmal ist mit der neuen Regierung ein staatsmännischer Georg gekommen, um jenem Ungeheuer, das wir die Bureaukratie nennen, den Kopf zu zertreten. Ja, das ist auch in den einheimischen Journalen jetzt das Schlagwort: Tod der Bureaukratie. Die Pensionierung jedes Ministerialrats gilt diesen Stimmführern wie ein glorreicher Sieg ihrer guten Sache. Das Regierungsrundschreiben über „administrative Decentralisation“ ist wie eine neue Offenbarung begrüßt worden, so scheint jetzt das Paradies für Österreich geöffnet, da sich die Pforte der administrativen Decentralisation auftat und der Rache-Engel mit seinem Schwerte die Bureaukratie, welche wie ein Cerberus dem ganzen Reiche den Eingang in sein Eden wehrte, erschlagen hat. Welcher Minister seit Metternich hätte nicht den Beamten befohlen, sich der Vielschreiberei zu entwöhnen und das Publicum human zu behandeln! Wenn solche Befehle die Bureaukratie töten würden, sie wäre längst vermodert. Nur die oberflächlichsten Raisoneurs können der Meinung sein, dass sich heute das Beamtentum ausrotten ließe. Der Mechanismus des heutigen Staates erfordert ein Beamtenheer, und wir möchten den Staatskünstler sehen wollen, der heute noch den Staat zu verwalten vermöchte, ohne Beamte für alle Zweige dabei in Anspruch zu nehmen. Es heißt, mit Principien Missbrauch treiben, wenn man sich etwa schmeichelt, dass im heutigen Staatsleben die Functionen der Staatsmaschine sich noch als Ehrenämter auf die Bürger übertragen lassen.

Zu viele drängen in die Mittelschule

Warnung vor Bildungsproletariat.

Neue Freie Presse 8.8.1915

Der von Jahr zu Jahr steigende Zudrang zu den Mittelschulen und die fortgesetzte Vermehrung der Anstalten und Klassen haben den Minister für Kultus und Unterricht veranlasst, in einem Erlasse in eindringlichen Worten auf die Nachteile, die der heranwachsenden Jugend durch die Überfüllung der Mittelschulen und in weiterer Folge der Hochschulen sowie der einschlägigen Berufskreise erwachsen müssen, aufmerksam zu machen. Die im Lauf der letzten 30 Jahre eingetretene Verdoppelung der Mittelschüler hat in den kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnissen keine zureichende Erklärung. Die übermäßige Mittelschulfrequenz bildet eine ernste Gefahr für die Zukunft der heranwachsenden Jugend, da nicht wenige zu Lebensstellungen abgedrängt werden, für die bei weitem nicht ein solcher Aufwand an Zeit und Mühe für die Vorbereitung erforderlich ist und eine mehr auf das praktische Können abzielende Ausbildung viel nutzbarer wäre. Es ist eine Täuschung zu glauben, dass sich der Personalbedarf bei staatlichen und nichtstaatlichen Ämtern und Anstalten dauernd in den Maße steigern könnte, in welchem der Nachwuchs zugenommen hat; es ist also zu empfehlen, Jünglinge nicht um des angehofften höheren Zieles willen jenen Berufs- und Erwerbskreisen zu entziehen, in denen sie voraussichtlich viel Tüchtigeres zu leisten vermöchten.

 

Die Gärtnerei als idealer Frauenberuf 

Frauen können so ideale Eigenschaften entwickeln.

Neue Freie Presse 7.8.1915

Seit einigen Jahren ist die Gärtnerei als vollwertiger Beruf in der Reihe der Frauenberufe aufgenommen. Die Ausbildung dauert nicht sehr lange, die Arbeit ist anziehend und der Gesundheit zuträglich, die Aussichten nach vollendeter Lehrzeit höchst erstrebenswert. Die Gärtnerin ist in Bezug auf ihre soziale Stellung jeder Gewerbeschullehrerin gleichzustellen. Will sie ihren Beruf nicht im Unterricht suchen, sondern einen eigenen Betrieb errichten, so wird sie als Besitzerin von Obstplantagen einen ebenso auskömmlichen Wirkungskreis finden wie als Pächterin von Hotelgärten. Sie kann im Blumenhandel ihren künstlerischen Geschmack verwerten und sie kann Villengärten anlegen und ihre Pflege dauernd übernehmen. Die Berufsgärtnerin vereinigt die Aufgaben einer Mutter, eines Arztes und einer Künstlerin in sich. Man kann sich eine Gärtnerin nicht boshaft, nicht kleinlich, nicht ungeduldig vorstellen. Sie muss alle Eigenschaften einer idealen Erzieherin in sich entwickeln. Wenn es möglich wäre, allen jungen Mädchen ein Dienstjahr in der Gärtnerei zu sichern, so würden sie später einmal wahrscheinlich die Erziehung ihrer Kinder mit mehr Freude, Verständnis und Erfolg betreiben.

 

Klage über rücksichtslosen Radfahrer

Anzeige wegen Unterlassung des Glockenzeichens.

Neue Freie Presse 6.8.1890

Radfahrer als Schnellfahrer. Unter der Anklage der Übertretung gegen die körperliche Sicherheit der Passanten hatte sich heute vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Alsergrund der Doctorand der Medicin, Wladimir Mandelböck, zu verantworten, weil er am 6. Juni vom Althanplatz gegen die Porcellangasse auf seinem Bicycle so schnell und unvorsichtig fuhr, dass das Vorderrad seines Vehikels den Fuß eines Passanten streifte. Der Angeklagte gab die gegen ihn vorliegende Anzeige des Sicherheitswachmannes als richtig zu, insbesondere auch, dass er kein Glockenzeichen gegeben habe, behauptete aber, dass er mit lauter Stimme „Achtung!“ gerufen. Das wurde aber vom Wachmann entschieden bestritten. Der Richter fand, dass sich der Angeklagte durch Unterlassung des Glockenzeichens der Übertretung gegen die körperliche Sicherheit schuldig gemacht habe, und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von fünf Gulden.

 

Geschützdonner als Orchestermusik

Der Krieg als ästhetisches Erlebnis.

Neue Freie Presse 5.8.1915

Siegreiche Tage sind gekommen. Auf der ganzen deutschen Front im Osten geht es vorwärts mit Löwensprüngen. Die Wälder wimmeln von trabenden Munitionskolonnen, von donnernden Batterien und galoppierenden Reiterschwärmen.In einem Föhrenhochwald erlebe ich ein Kriegsmärchen der Gegenwart, indem ich mich in eine auf dem Waldboden hockende Spähschnecke verwandle, die ihr stählernes Fühlhorn über die Wipfel hundertjähriger Bäume emporstreckt und oberhalb des grünen Gewoges der Baumkronen gemütliche Ausschau nach der feindlichen Festung hält. Das Adagio des deutschen Orgelkonzerts beginnt sich zu beleben und strebt dem energischen Prestosatze zu. Die Stellung der Russen sieht aus wie eine in die Erde hineingewühlte, unangreifbare Burg. Kurz nach der Mittagsstunde setzt das Allegro der Eisenstimmen ein, das Wirkungsschießen der deutschen Geschütze. Die Russen antworten, aber das klingt nur wie die hastige Zornstimme eines Knaben, die übertönt wird von einem brausenden Männerchor. Immer mächtiger wächst das Ineinanderdonnern der deutschen Geschütze. In den sechs Monaten meiner Frontfahrten habe ich schon manche dröhnende Stunde solcher Art erlebt, aber noch selten eine, in der die deutschen Orgelstimmen so gewaltig einsetzten und so präzis und sicher jede Note trafen. Mein Schauen und Lauschen wird zu einem frohen Staunen. Die Art, wie die Sache gemacht wird, hat einen entzückenden Zug von Pedanterie. Immer wird nur ein hundert Meter langes Stück der feindlichen Stellung unter Feuer genommen, und ehe da nicht alles gründlich zerrupft und zerrissen ist, rückt die Beschießung nicht weiter. Die festen Unterstände bei den Russen platzen zu ungeheuerlich gestalteten Springbrunnen auseinander, und alles verwandelt sich zu einem Chaos der Vernichtung. Dem Aufzucken der Explosionsflammen folgt ein phantastisches Durcheinanderwogen von Rauchmauern und Qualmsäulen in allen Farben: schwarz, braun, grau, weiß, rötlich, gelb und manchmal so smaragdgrün wie das Gras einer Märzwiese.

(Anm.: Der Text stammt von Ludwig Ganghofer, geboren 1855 in Kaufbeuren in Bayern. Er war ein enger Freund des deutschen Kaisers Wilhelm II. und besaß als Verfasser des Schauspiels „Der Herrgottsschnitzer von Ammergau“ und zahlreicher Heimatromane („Schloss Hubertus“) große Popularität, weniger bekannt ist, dass er auch Kriegsberichterstatter im Dienste der österreichisch-ungarischen Monarchie war. Zur Zeit des Kriegsausbruchs lebte Ganghofer in München, er war für „dauernd untauglich“ erklärt worden, so begleitete er ab 1915 die deutschen Truppen als Berichterstatter an die West- und dann an die Ostfront. Die Propaganda, der „waffenlose Kampf“ zur Beeinflussung der Bevölkerung, ist von Ludwig Ganghofers Kriegsberichten stark geprägt worden. Sie erschienen meist in den „Münchner Neuesten Nachrichten“, die „Neue Freie Presse“ erhielt für Österreich die Abdrucksgenehmigung. Seine Reportagen erschienen in Sammelbänden wie „Eiserne Zither“ und „Neue Kriegslieder“. Berühmt wurde seine „Reise zur deutschen Front“, die die Trostlosigkeit des Soldatenlebens in den Schützengräben an der Westfront schildert: „Der Schützengraben, in dem ich stehe, ist einer der niederträchtigsten – nur haltloser Lehm, immer in rutschender Bewegung, alles eine Spottgeburt aus Dreck und Wasser.“ Gerne zitiert er scherzhafte Bemerkungen von Soldaten, etwa wenn er eine Inschrift in einem Schützengraben anführt: „Zur Latrine und zur Kochstelle! Bitte nicht verwechseln!“

Seine Berichte von der Ostfront, wie der oben zitierte oder die Verherrlichung der Taten der „Kaiserjäger“, hatten allerdings nicht viel mit der Realität zu tun. Ein österreichischer Diplomat berichtete über einen Besuch Ganghofers an der Ostfront: „Was er über die österreichischen Soldaten – Kaiserjäger von Meran-Bozen, eines der vier mit dem Edelweiß geschmückten Tiroler Regimenter – berichtet, lässt nicht gerade viel von einer Depression bei den Mandern aus dem Land der Gebirg' erkennen.“ Einer Meldung des Kommandos zufolge mussten die Soldaten mit vorgehaltener Pistole aus den Stellungen getrieben und an der Desertion gehindert werden. Die schier aussichtslose Situation wollte keiner wahrnehmen, niemand konnte sich 1915 eine Niederlage auch nur vorstellen. Nach dem Krieg begann Ganghofer wieder Bücher zu schreiben, er starb1920 am Tegernsee, die Auflage seiner Werke wird auf mehr als 30 Millionen Exemplare geschätzt.)

 

Dürfen Frauen in einer Druckerei arbeiten?

Frankreich diskutiert das Problem der Frauenarbeit.

Die Presse 4.8.1865

Große Aufmerksamkeit widmen die Pariser Journale der Frage der Frauenarbeit in den Setzereien. Diese Frage hat bereits mehrmals zu einer lebhaften Agitation Veranlassung gegeben. Schon im Jahr 1862 erhob sich ein Sturm gegen die Benützung der weiblichen Arbeitskräfte in den Setzereien, und wenn man sich damals auch hinter die öffentliche Sittlichkeit steckte, so war es doch nur die Konkurrenz, welche man abwehren wollte. Man bekämpfte die Frauenarbeit eben wie jede Neuerung, von welcher man ein Sinken des Arbeitspreises befürchtet, ein Kampf, der sich jedesmal erneuert, wenn auf irgendeinem Gebiete die Handarbeit durch eine neue Maschine aus dem Felde geschlagen werden soll. Der jetzt den Anstoß gebende spezielle Fall, dass nämlich der Drucker Dupont Frauen beschäftigt, konnte als Neuerung nicht überraschen, denn die weibliche Arbeitskraft wird dort seit langer Zeit beschäftigt; die Tugendhelden konnten vom Standpunkt der Sittlichkeit nichts einwenden, denn die Druckerei trägt auch der Moral Rechnung, ist in dieser Beziehung ein Muster-Etablissement. Die weiblichen Arbeitskräfte sind von den männlichen vollständig separiert, und werden in voneinander getrennten Salons beschäftigt. Die Typographische Gesellschaft verlangt nun von dem Druckereibesitzer eine Prämie für die männliche Arbeitskraft, indem sie fordert, dass für die weibliche derselbe Preis gezahlt werde, während das schwächere Geschlecht die Konkurrenz doch nur dann aushalten kann, wenn es eben den Arbeitgeber für den Ausfall an der Arbeitsquantität und Qualität durch Verminderung des Preises entschädigt. Der Druckereibesitzer bricht eine Lanze für die Arbeiterinnen, wenn er zu beweisen sucht, dass bei der Schriftsetzerei die weibliche Arbeitskraft der männlichen gleichzustellen sei, da es einerlei sei, ob tausend Buchstaben von weiblicher oder männlicher Hand gesetzt werden.

 

Aufstieg der Sozialdemokraten ist nicht zu bremsen

Deutsche „Sozialistengesetze“ verpuffen wirkungslos.

Neue Freie Presse 3.8.1890

Mit einem Aufrufe, dessen Sprache eine sehr zuversichtliche ist, wendet sich die sozial-demokratische Fraktion des deutschen Reichstages an die Parteigenossen, um dieselben rechtzeitig zu mobilisieren. Am letzten Tage des künftigen Monates läuft nämlich die Gültigkeitsdauer des Sozialisten-Gesetzes ab, und da dasselbe nicht erneuert werden soll, so ist eine Änderung der Partei-Organisation erforderlich, die bisher dem Ausnahmezustand angepasst war und fortan des Zwanges, den ihr die Repression auferlegte, entledigt sein wird. Zwölf Jahre hat das Sozialisten-Gesetz bestanden, und mit jeder Verlängerungsfrist wurde es verschärft, es sind um seinetwillen die heftigen parlamentarischen Kämpfe durchgefochten worden. Schließlich erwiesen sich aber dennoch die drakonischen Bestimmungen, welche von der Einschränkung des Versammlungsrechtes und der Pressfreiheit bis zur Ausweisungsbefugnis verschärft worden waren, als unzulänglich, um das Wachstum der Sozial-Demokratie und deren unwiderstehliche Agitation zu hemmen, und trotz des Sozialisten-Gesetzes vermehrte sich die Zahl der sozialdemokratischen Stimmen in solchem Maß, dass die sozial-demokratische Fraktion um mehr als das Doppelte verstärkt aus den letzten Reichstagswahlen hervorging. Es kann nicht geleugnet werden, dass das Sozialisten-Gesetz seinen Zweck nicht bloß nicht erfüllt, sondern dass es im Gegenteile der sozial-demokratischen Agitation Vorschub geleistet hat, indem es die öffentliche Diskussion und Kritik der sozial-demokratischen Forderungen verhinderte, die sozial-demokratische Propaganda der öffentliche Kontrolle entzog und lediglich die Polizei zur Richterin über eine Bewegung bestellte, die in ihrem letzten Grunde dem Gebiete der Ideen, nicht denjenigen der polizeistaatlichen Exekutive angehört.

 

Der erste schlagobersfreie Tag in Wien

Milchhaut statt des gewohnten „Gupf“ auf dem Kaffee.

Neue Freie Presse 2.8.1915

Mit dem gestrigen Tage war in Wien die Statthaltereiverordnung, die die Verwendung von Schlagobers, und zwar sowohl die Erzeugung als den Verkauf und die gewerbsmäßige Verwendung verbietet, in Kraft getreten. Das Publikum der Kaffeehäuser fügte sich widerspruchslos in die neue Ordnung, die mit der notwendigen Einschränkung des Milchverbrauchs begründet ist. Wie die Abschaffung des Weißgebäcks, so wurde auch die Abschaffung des Schlagobers verständnisvoll als eine jener zweckmäßigen Maßregeln hingenommen, die uns das Durchhalten erleichtern sollen. Bemerkenswert waren die Veränderungen in der „Wiener Jause“. Überall wurde Kaffee ohne die so charakteristischen weißen „Borten“ von Obers serviert. Die zahlreichen Damenjausenbesucherinnen auf den Kaffeeterrassen nahmen die vom Markör (Kellner) kurz erläuterte Abschaffung des gewohnten „Doppelschlag“ mit Verständnis entgegen und bestellten einfach - „Melange mit Haut“. In den Kaffeehäusern sind im Kellnerjargon die Stammgäste längst in „Schlag“- und in „Hautesser“ eingeteilt. Letztere, zumeist Herren, mussten jedoch die gewohnte Zutat heute vielfach entbehren, da von einem Liter Milch beim besten Willen nicht mehr als höchstens fünf Portionen damit versehen werden können. Eine weitere Folge der Reform war, dass die Markörkunststücke, sieben bis acht Kaffeegläser auf einmal zu befördern, nicht mehr durchführbar waren. Ein Markör erklärte dies damit, dass der „Gupf“ von Schlagobers bisher eine feste Verbindung des Kaffees nach oben gebildet habe, so dass nichts verschüttet werden konnte. Nun aber gerate die leere Flüssigkeit allzu leicht ins „Schwabbern“, sodass nur mehr drei bis vier Tassen auf einmal getragen werden könnten.

 

Auch am Wiener Donaukanal kann man Urlaub machen

Sommerfrische der kleinen Leute.

Neue Freie Presse 1.8.1915 

Die überwiegende Mehrheit der sonstigen Sommerfrischler und Sommerreisenden bleibt in der Stadt, durch irgendeine Pflicht festgehalten und sehr häufig auch freiwillig. Und mancher, der es sich schon seit Jahren vorgenommen hat, einmal den Urlaub und den ganzen Sommer in Wien zu verbringen, kann sich heuer davon überzeugen, dass dies, wie so vieles andere, auch zu ertragen ist. Wenn man zum vollen Bewusstsein des Großstadtsommers kommen will, muss man sich schon an einem schwülen Spätnachmittag in die Gegend des Donaukanals bemühen. Auf den Böschungen, so weit sie noch nicht steinern reguliert, sondern mit fadenscheinigem Grün bedeckt sind, genießen Soldaten und Rekonvaleszente aus der nahen Kaserne eine bescheidene Erholung. Hier ist aber auch seit jeher die Sommerfrische der armen Leute etabliert. Hier haben sie ihre missraten aussehenden zottigen Hunde, nehmen unentgeltlich Sonnenbäder oder sitzen mit hinaufgekrämpelten Hosen am Ufer und lassen die Füße ins Wasser hängen. … Eine andere Sommerneuheit von 1915 ist noch die, dass die jungen Mädchen an heißen Tagen von dem bisher ausschließlichen männlichen Vorrecht, den Hut in der Hand zu tragen, eifrig Gebrauch machen. Das sieht zuerst etwas ungewohnt und befremdend aus, aber in einer Zeit, in der die Frauen Vormünder und Straßenbahnschaffnerinnen sind, kann man es ihnen wirklich nicht verwehren, mit dem Hut in der Hand durchs Land zu gehen.

Kommentar zu Artikel:

Heute vor ... im September: Der Grinzinger Heurige schmeckt bitterer als Tinte

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