Leo Trotzki: Mit dem Eispickel gegen den Kopf der Revolution

Er hat die Oktoberrevolution organisiert, war der Vater der Roten Armee und ist tief gefallen: Vor 75 Jahren wird Leo Trotzki von einem Agenten seines Erzfeinds Stalin in Mexiko ermordet.

(c) EPA (-)

Als der letzte Akt in der Tragödie des Leo Trotzki anbricht, füttert der ergraute Revolutionär mit dem Spitzbart im Exil seine Kaninchen. Er verzichtet dabei auf nasses Gras, „denn das bläht ihnen den Bauch auf“, wie Trotzki den Mann belehrt, für den die Wachen das Eisentor geöffnet haben. Der unangekündigte Gast ist ihm als Frank Jacson bekannt. Ein paar Mal war der Verlobte einer Trotzkistin aus New York schon in dieser zur Festung ausgebauten alten Villa in einem Vorort von Mexiko-Stadt.

Und nun kommt dieser Jacson, einen Mantel an diesem heißen Nachmittag um den Arm gelegt, mit der Bitte, Trotzki möge einen seiner Artikel kommentieren. In seinem Arbeitszimmer beugt sich der 60-Jährige also über den Aufsatz, als Jacson den Eispickel aus dem Mantel zieht und ihn mit dem stumpfen Ende gegen den Kopf der Oktoberrevolution rammt. „Er ließ einen Schrei los, den ich mein ganzes Leben nicht vergessen werde“, wird der Attentäter schildern, dem man aber nicht alles glauben sollte, zumal er weder Frank Jacson heißt noch ein enttäuschter belgischer Trotzkist namens Jacques Mornard ist, als der er sich in den Verhören ausgibt. In all den 20 Jahren seiner Haft wird der spanische Kommunist niemals seinen echten Namen, Rámon Mercader, preisgeben, noch seinen Befehlsgeber, das sowjetische NKWD, das den Auftrag von Stalin selbst erhalten hat.

Es ist der letzte tödliche Hieb in diesem ungleichen Duell, das Trotzki aus dem Exil mit der scharfen Feder führt und Stalin mit der ganzen Wucht seines Terrorregims. Lang vorbei sind die Zeiten, in denen dieser Trotzki in den Weltenlauf eingegriffen, die Oktoberrevolution orchestriert, die Rote Armee aus dem Boden gestampft hat, in denen die Arbeiter in den Fabriken seinen Namen in einem Atemzug mit jenem Lenins geschrien haben. So kometenhaft der Aufstieg, so tief der Fall, so bedingungslos sein Scheitern: Als der lange Arm der sowjetischen Geheimdienstler Lew Dawidowitsch Bronstein (Trotzki) am 20. August 1940 erreicht, sind die meisten seiner Vertrauten längst hingerichtet, darunter auch Sohn Sergej. Und nun erliegt auch Trotzki, einen Tag nach dem Attentat, seinen Verletzungen.

Wiener Tage. Das erste Mal trifft Trotzki seinen Erzfeind 1913 – in Wien: „Er war klein, dünn, hatte eine graubraune Haut voller Pockennarben. Ich sah nicht den geringsten Anflug von Freundlichkeit in seinen Augen“, glaubt sich Trotzki später zu erinnern. Stalin nennt ihn einen „marktschreierischen Athleten mit falschen Muskeln“. Eine gegenseitige Abneigung scheint sofort vorhanden, die sich aber erst im Streit um das revolutionäre Erbe so schicksalshaft zum Kampf um Leben und Tod auswächst.

Acht Jahre lebt Trotzki, Sohn eines wohlhabenden jüdischen Bauern aus der Südukraine, in der Donaumonarchie, zunächst in Hütteldorf, wo die Miete zu teuer wird und am Ende in einem „richtigen Armeleuthaus“ in Döbling, wie es ein Genosse beschreibt. Publizist Trotzki hält sich mit bezahlten Zeilen über Wasser, wenn er nicht für seine Wiener „Prawda“ schreibt, die er in das zaristische Russland schmuggeln lässt und in der er Lenin wüst beschimpft, der Russlands Sozialdemokratische Arbeiterpartei 1903 in Bolschewiki und Menschewiki gespalten hat. Trotzkis Breitseiten werden später ein gefundenes Fressen für Stalin sein. Die beiden tragen ihren Kampf um das revolutionäre Erbe immer mit der Autorität des wehrlosen, toten Lenins aus.

In seinen Wiener Tagen streift Trotzki die Kaffeehauskultur, tritt der österreichischen Sozialdemokratie bei, deren Mitglieder er aber später mit Spott und Hohn übergießen wird: „Mir war mitunter sogar, als vernehme ich schon in der Vibration ihrer Stimmen das Philistertum.“ Doch Trotzki mit den runden Brillengläsern trauen sie in Wien auch nicht mehr zu als ein paar geschliffene Artikel. „Na, wer soll denn schon Revolution machen, vielleicht der Herr Bronstein aus dem Café Central?“, lautet ein Bonmot dieser Tage.

Dabei hatte Trotzki schon mit 26 Jahren, als die Revolution in Russland 1905 kurz aufgeflackert war, die Spitze des Petrograder Sowjet erklommen. Zweimal war er abenteuerlich aus der sibirischen Verbannung geflohen, 1902 ließ er dort seine erste Frau und seine beiden Töchter zurück. Für nichts brennt Trotzki Zeit seines Leben als die Revolution, die ja kommen muss, wie ihn sein glühender Marxismus lehrt.

Just an seinem 38. Geburtstag schreibt er Weltgeschichte. Trotzki ist nun in Petrograd (St. Petersburg) und mit Lenin versöhnt, ein Bolschewik. Das Zarenregime ist längst weggefegt, die Übergangsregierung wankt, als an diesem 7. November 1917 (25. Oktober nach julianischem Kalender) Truppen Schlüsselstellen der Stadt besetzen. Fast ohne Gegenwehr machen sie Revolution und stehen nun da mit diesem rückständigen, von Hunger geplagten Land, das jetzt eine „Diktatur des Proletariats“ sein soll.

Im Panzerzug. Nach dem Welt- zieht der Bürgerkrieg gegen die Weißen auf und Trotzki in einen Panzerzug um, in dem er zweieinhalb Jahre leben und von Front zu Front rollen wird. Im roten Kriegsherrn Trotzki verdichten sich der wortgewaltige Agitator und der meisterhafte Organisator. Der Kriegskommissar peitscht die Soldaten mit seinen Reden auf, formt aus den Roten Garden eine Armee, in der er (zum Missfallen Stalins) auch einst zaristische Offiziere einsetzt. Keine Skrupel behindern ihn. Er führt die Todesstrafe ein. „Feige, Selbstsüchtige und Verräter werden der Kugel nicht entgehen“, warnt er.

Als in Kronstadt Matrosen 1921 den Aufstand wagen, droht Trotzki, sie „wie Hasen“ abschießen zu lassen. Und hält Wort. Dabei hatten die Matrosen einen wunden Punkt ausgemacht: die Diktatur der Partei. In den Jahren des brutalen Kriegskommunismus züchten Lenin und Trotzki trotz aller späterer Einsicht ein bürokratisches Ungeheuer heran, dass sich Stalin mit Intrigen und Postenschacher unterwirft.

Als Lenin erkrankt, hat der Georgier daher leichtes Spiel gegen den gleichaltrigen Trotzki, der von den Niederungen der Parteipolitik wenig versteht. Und Trotzki konnte zwar die Massen aus der sicheren Distanz des Podiums in Aufruhr versetzen, aber war nie in der Lage, „zwei Männer als seine Freunde auf seine Seite zu holen und zu halten“, wie Weggefährte Max Eastman formuliert. Immer sieht er in seinen Mitmenschen nur ein Mittel zum revolutionären Zweck. Trotzkis Arroganz umschreibt Lenin in seinem Testament als „Übermaß an Selbstvertrauen“, wobei er ihn zugleich als den „wohl fähigsten Mann im Zentralkomitee“ adelt.

1923 treibt die gescheiterte Revolution in Deutschland den von Fieberschüben gequälten Trotzki auch ideologisch in die Enge: Seine „Theorie der permanenten Revolution“ stützt sich auf die These, dass die Revolution über Grenzen fegen muss, um zu überleben. Stalin kontert mit seinem „Sozialismus in einem Land“. Als Lenin 1924 stirbt, telegrafiert Stalin dem auf Kur weilenden Trotzki den falschen Beisetzungstermin. Zuerst verbannt er ihn also von Lenins Sarg, dann aus der Partei (1927), aus Moskau, der Sowjetunion – und vor allem aus der Revolutionsgeschichte.

Unperson. Kein Wort findet sich über Trotzki in der „Großen sowjetischen Enzyklopädie“. Von den Fotos wird er wegretuschiert. In den Zeitungen taucht er nur noch als Karikatur auf, als Schwein mit Hakenkreuz etwa. Angebliche Trotzkisten überzieht Stalin mit Terror, der in Schauprozessen gipfelt.

Die Unperson selbst schreibt auf der Flucht immer gegen die „totalitäre Bürokratie“ an, die Trotzki schon 1923 als Todfeind des Sozialismus ausgemacht hat und deren Anführer Stalin er als „hervorragendste Mittelmäßigkeit unserer Partei“ verhöhnt.

Trotzki ist nun der Anti-Stalinist. Westliche Linke versuchen, ihre von Stalin entstellte Utopie zu ihm hinüberzuretten, projizieren marxistische Sehnsüchte auf den Kosmopoliten. Bis in die Gegenwart reicht das Gezerre, nach jeder neuen Biografie zerfleischen sich Anhänger und Gegner über die Frage, ob Trotzki ein verhinderter Stalin war oder doch so etwas wie der Messias der egalitären Gesellschaft.

Jedenfalls zieht sich Stalins Schlinge immer enger um Trotzkis Hals. Am 24. Mai 1940 überlebt er einen Anschlag auf seine Villa knapp. Vier Tage später taucht dort erstmals Rámon Mercader auf, den Stalin noch im selben Jahr zum Helden der Sowjetunion ernennt. »

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.08.2015)

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