„Alle diese Verbrecher meinetwegen auf Luxusschiffe“

Im Juni 1938 trafen sich zur Flüchtlingskonferenz von Évian-les-Bains Vertreter von 32 Staaten, um über Hilfe für die von Hitler verfolgten deutschen und österreichischen Juden zu beraten.

A rose is seen positioned on the Kindertransport memorial outside of Liverpool Street Station in London
A rose is seen positioned on the Kindertransport memorial outside of Liverpool Street Station in London
Kindertransport Memorial - London – (c) REUTERS (TOBY MELVILLE)

Dorothy Thompson war die erste ausländische Journalistin, die von den Nationalsozialisten aus Deutschland geschmissen wurde. Ihre trockene, pointierte Beschreibung des Lebens und Leidens im Hitlerismus hatte sie 1934 allzu lästig gemacht. „Er ist inkonsequent und redselig, von schlechter Körperhaltung und unsicher. Er ist der Prototyp des kleinen Mannes“, hatte sie Adolf Hitler im Dezember 1934 in ihrem letzten Bericht aus Berlin für das Magazin „Harper's“ beschrieben.

Thompson kannte Hitler persönlich, sie hatte ihn 1931 erstmals getroffen. Sie kannte seine Politik gegenüber den Juden. Und so verstand sie im Frühjahr 1938 klar, was der Anschluss Österreichs bedeutete. Rund 60.000 österreichische Juden sollten ihre zugrunde gegangene Heimat bis zum Jahresende verlassen, ebenso 40.000 deutsche Juden. Doch wohin?

Dorothy Thompson setzte sich an die Schreibmaschine und formulierte in einem Essay für die Aprilausgabe des Magazins „Foreign Affairs“ einen Appell an die Staatengemeinschaft, diesen Vertriebenen Asyl zu gewähren. Was mit den von Hitler verfolgten Juden geschehe, sei eine Frage von weltpolitischer Bedeutung, mahnte sie. Sie war sich der ungünstigen Bedingungen für eine große Flüchtlingshilfsaktion bewusst: „Diese Migration des 20. Jahrhunderts geschieht in einer Welt, in der es einen neuen, wenn auch zeitweiligen Abschwung der Konjunktur gibt; in der viele Länder schwere Probleme mit der Arbeitslosigkeit haben, welche die Privatwirtschaft allein zu beheben nicht fähig war; in der jeder Staat starke Barrieren gegen die Einwanderung errichtet hat, ob in der Form von Quoten oder der Erfordernis von Arbeitsgenehmigungen, die Ausländer in der Regel unmöglich erhalten können; eine Welt, in der die Regierungspolitik der Ausgrenzung von den Gewerkschaften unterstützt oder sogar noch verschärft wird.“

Dennoch war Dorothy Thompson zuversichtlich. Sie rief zur Gründung einer internationalen Organisation auf, welche von „Persönlichkeiten internationalen Ansehens“ geführt werden solle. Sie solle erheben, inwiefern in spärlich besiedelten Weltgegenden die Ansiedlung der vertriebenen Juden möglich sei; Thompson nannte als Beispiel Lateinamerika, Afrika und den fernen Osten der Sowjetunion. Die Juden sollten die Kosten ihrer Umsiedlung nach Möglichkeit selbst tragen; das klingt aus heutiger Sichtweise wie eine zynische Bestätigung der nazistischen Raubpolitik, doch Thompson argumentiert überzeugend, dass die Flüchtlinge auf diese Weise in ihrer neuen Heimat wesentlich höhere Vermögenswerte im Tausch gegen ihr von den Nazis beschlagnahmtes Eigentum erhalten würden als andernfalls.

 

Migrantische Dominoeffekte. Der Außenminister des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, Cordell Hull, hatte für diese Vorschläge grundsätzlich offene Ohren. Er schickte die Leiterin der Abteilung für Reisedokumente im State Department zu einem diskreten Treffen in Thompsons New Yorker Wohnung, um Wege verstärkter amerikanischer Hilfe für die jüdischen Flüchtlinge auszuloten. Doch das Problem war vertrackt, denn der Anschluss Österreichs hatte einen Dominoeffekt ausgelöst: Rund 20.000 Juden, die bis dahin in Österreich gelebt hatten, waren polnische Staatsbürger. Sie flohen im Frühjahr 1938 nach Polen. Dort allerdings war ihre Lage drei Jahre zuvor nach dem Tod von Staatsführer Józef Piłsudski prekär geworden. Die Zuständigkeit für jüdische Angelegenheiten war vom Innen- zum Außenministerium gewechselt. Polens Juden waren fortan nicht mehr gewöhnliche Bürger, sondern gleichsam Spielmasse außenpolitischer Überlegungen. 90 Prozent von ihnen sollten Polen verlassen; in Richtung des britischen Mandatsgebiets Palästina oder auch der damals Frankreich unterstellten Insel Madagaskar. Außenminister Józef Beck hatte das Frankreichs Premierminister Léon Blum bereits im Oktober 1936 unterbreitet; zwei Jahre später sollten Polen und Deutschland diese Idee erneut besprechen, wobei der Warschauer Regierung nicht bewusst war, dass die Nazis – allen voran SS-Reichsführer Heinrich Himmler – mit „Madagaskar“ nicht die Umsiedlung, sondern bloß eine Zwischenstufe der Vernichtung der Juden meinten.

Unmittelbar nach dem Anschluss ließ das polnische Außenministerium den Status aller Staatsbürger erheben, die länger als fünf Jahre im Ausland gelebt hatten. Die Juden wurden in dem diesbezüglichen Gesetz zwar nicht ausdrücklich erwähnt, doch sie waren gemeint – allen voran jene rund 60.000 Juden in Deutschland, die polnische Pässe besaßen, welche man in Warschau für ungültig zu erklären begann. Denn diese Juden strömten nun, von den Nazis verjagt, nach Polen, zusätzlich zu den 20.000 aus Österreich.

Das war der Hintergrund, vor dem Roosevelt am 6. Juni 1938 zur internationalen Flüchtlingskonferenz im Schweizer Kurort Évian-les-Bains lud. 32 Staaten nahmen teil – doch von Anfang an stand die Konferenz unter einem fatalen Stern. Zwei der neun Tage verbrachte man damit, einen Vorsitzenden der Konferenz zu finden, denn alle Beteiligten fürchteten, ihr Name würde künftig an den Misserfolg gekettet sein. Roosevelt hatte nämlich vorab schon erklärt, dass kein Staat zur Aufnahme von mehr jüdischen Flüchtlingen angehalten werden könne, als es seine geltenden Gesetze ohnehin schon erlaubten. Es ginge also bloß um freiwillige Zusagen.

Sie blieben fast durchwegs aus. Großbritannien, Frankreich und Belgien bedauerten, keine Aufnahmekapazitäten zu haben. Der Vertreter Australiens erklärte, sein Land „habe keine echten Rassenprobleme, und wir sehnen uns nicht danach, eines zu importieren, indem wir einen Plan für die groß angelegte Einwanderung unterstützen“. Argentinische Zeitungen hetzten gegen den „jüdischen Typhus“. Die USA erklärten bloß, ihre jährlichen Einwanderungsquoten für Deutsche und Österreicher zusammenzulegen, nachdem Österreich ja nicht mehr existiere, und im Jahr 1939 27.370 Flüchtlinge aus Großdeutschland aufzunehmen (allerdings nur solche, die selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen konnten).

Neun Tage lang zankte man sich in Évian über die Frage, ob die neue Flüchtlingshilfsorganisation dem Völkerbund unterstehen solle und ob sie bloß für die bisherigen oder auch künftige Flüchtlinge aus dem Nazireich zuständig sein sollte. Einzig die Dominikanische Republik erklärte sich bereit, bis zu 100.000 Juden aufzunehmen. Allerdings nicht aus Barmherzigkeit: Der dominikanische Diktator Rafael Trujillo, nach den Worten eines „Foreign Affairs“-Korrespondenten „der Archetyp eines altmodischen lateinamerikanischen Despoten“, wollte sich mit dieser Geste nach dem Massaker seiner Truppen an bis zu 15.000 haitischen Zivilisten im Vorjahr gegenüber Roosevelt gut stellen. Und er hoffte, von obskuren Rassenthesen getrieben, dass die weißen Zuwanderer die schwarze Bevölkerung nach mehreren Generationen „aufhellen“ würden. Die Kolonie Sosúa, welche Trujillo dafür gründete, sah allerdings bis Ende des Weltkrieges nur rund 600 Flüchtlinge. Ihre Spuren verliefen sich rasch. Schon 1983 berichtete die „New York Times“, dass ein am örtlichen Flughafen beschäftigter Israeli die vier Pessach-Fragen stellen musste, weil keines der Kinder der einstigen Wiener, Breslauer und Budapester Flüchtlinge Hebräisch sprach.

Die Konferenz von Évian-les-Bains war jedenfalls ein Flop. Golda Meir, die damals als Beobachterin des palästinensischen Mandatsgebietes teilnahm, schwante Übles: „Es wurde mit Eiseskälte klar, dass das jüdische Volk gänzlich auf sich allein gestellt war.“

Hitler konnte sich darin bestätigt fühlen, dass das Schicksal der Flüchtlinge die Welt nicht zum Handeln animieren würde – von einer humanitären Intervention, wie es heute im völkerrechtlichen Jargon heißt, ganz zu schweigen. „Ich kann nur hoffen, dass die andere Welt, die mit diesen Verbrechern so tiefes Mitleid empfindet, wenigstens großzügig genug ist, dieses Mitleid in praktische Hilfe zu verwandeln“, hatte er schon am 25. März in Königsberg gehöhnt. „Wir sind von uns aus bereit, alle diese Verbrecher meinetwegen auf Luxusschiffen diesen Ländern zur Verfügung zu stellen.“

Zahlen

15. März 1938. Hitler verkündet auf dem Heldenplatz den Anschluss Österreichs an Nazideutschland. Damit verlieren die österreichischen Juden ihre bürgerlichen Rechte. Rund 60.000 fliehen bis Jahresende.

April 1938. Die Journalistin Dorothy Thompson fordert im Magazin „Foreign Affairs“ die Schaffung einer Weltorganisation zur Hilfe für die Flüchtlinge.

6.–15. Juni 1938. 32 Staaten verhandeln in Évian-les-Bains ergebnislos über das Asyl für die damals rund 900.000 Juden in Nazideutschland.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2015)

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