"Achille Lauro": Terror auf offener See

Vor 30 Jahren brachten Palästinenser das Kreuzfahrtschiff "Achille Lauro" in ihre Gewalt. Ein US-Bürger wurde ermordet, der Drahtzieher der Entführung wurde erst 2003 gefasst.

Achille Lauro
Achille Lauro
Achille Lauro – (c) imago stock&people (imago stock&people)

Glücksdampfer war die "Achille Lauro" von Anfang an keiner: 1965 erschütterte eine Explosion das Schiff, 1972 brach ein Feuer aus, 1975 gab es eine Kollision mit einem Frachter, 1981 brannte es erneut. In die Geschichte ging das Schiff aber mit einem spektakulären Entführungsfall ein, der einen Toten, diplomatische Verwicklungen und einen umstrittenen Einsatz von Abfangjägern zur Folge hatte.

Als die "Achille Lauro" am 3. Oktober 1985 in Genua zu einer Mittelmeer-Kreuzfahrt ablegt, befindet sich auch eine kleine Gruppe an Bord, die schnell auffällt: Vier Männer, die stets unter sich bleiben, sich an keiner der üblichen Aktivitäten beteiligen. Sie seien Argentinier, erzählen sie, verstehen aber nichts, als sie eine Frau auf Spanisch anspricht.

In Wahrheit handelt es sich bei den Männern um Mitglieder der PLO-Splittergruppe "Palästinensische Befreiungsfront" (PLF). Ihre Mission: Ein Angriff auf den israelischen Hafen Aschdod, an dem die "Achille Lauro" anlegen soll. Doch der Plan geht schief. Am 7. Oktober, das Schiff befindet sich gerade vor der ägyptischen Küste, überrascht ein Kabinensteward die Männer, als sie ihre Waffen säubern. Die Palästinenser bringen daraufhin das Schiff in ihre Gewalt.

Ein Großteil der Passagiere hat die "Achille Lauro" zuvor verlassen, um in Alexandria an einer Besichtigungstour teilzunehmen. Die restlichen Urlauber und die Crew werden zusammengetrieben und mit der Erschießung bedroht. Kapitän Gerardo de Rosa muss Kurs auf den syrischen Hafen Tartus nehmen. Die Entführer verlangen die Freilassung von 50 Palästinensern, die in israelischen Gefängnissen sitzen. Andernfalls werde man mit der Tötung von Geiseln beginnen. In Absprache mit Italien und den USA antworten die syrischen Behörden nicht.

Der Mord an Leon Klinghoffer

Gezielt suchen die Entführer unter ihren Geiseln nach Amerikanern und Juden. Schließlich trennen sie den 69-jährigen US-Bürger Leon Klinghoffer von den anderen ab. Der Anführer der Terroristen, Youssef Majed Molqi, zwingt ein Crewmitglied, Klinghoffer in dessen Rollstuhl an Bord zu bringen. Er erschießt ihn und lässt ihn mitsamt Rollstuhl über Bord werfen. Klinghoffers Pass übergibt Molqi mit den Worten "boom, boom" an Kapitän De Rosa. Auch den syrischen Behörden berichtet er, eine der Geiseln sei nun tot. Da er immer noch nicht anlegen darf, lässt er das Schiff Kurs Richtung Zypern nehmen. Die Passagiere an Bord haben zwar Schüsse gehört, wissen aber nicht, was geschehen ist. Klinghoffers Frau wird erzählt, ihr Mann sei auf der Krankenstation.

Die dreitägige Irrfahrt der "Achille Lauro" endet schließlich vor dem ägyptischen Port Said, wo ein Team an Vermittlern Verhandlungen aufnimmt. Darunter befindet sich auch der Palästinenser Abu Abbas, entsendet von Palästinenserführer Jassir Arafat. Er wird sich später als Drahtzieher der Entführung entpuppen.

Die Terroristen verlangen freies Geleit. De Rosa wird gezwungen, per Funk durchzugeben, dass alle Passagiere wohlauf seien. Schließlich stellen sich die Entführer den ägyptischen Behörden. Als danach der Mord an Klinghoffer offenbar wird, drängt US-Botschafter Nicholas Veliotes darauf, "die Hurensöhne zu belangen". Auch Israel fordert von Ägypten Verhaftungen. Italien will die Auslieferung der Männer, da sich der Mord auf einem italienischen Schiff ereignete.

Die Entführung der Entführer

Am Tag nach der Aufgabe der Entführer teilt der ägyptische Präsident Hosni Mubarak mit, die Männer hätten das Land bereits verlassen, bevor man von dem Mord erfahren habe. Eine Lüge: Die vier Entführer sowie Abu Abbas befinden sich auf einem Flugplatz in der Nähe von Kairo. Die Geheimdienste der USA und Israels finden heraus, dass sie mit einer Egypt-Air-Maschine nach Tunesien geflogen werden sollen. US-Präsident Ronald Reagan befiehlt den Einsatz von Militärjets, die die Maschine zur Landung auf einem Nato-Flugplatz in Sizilien zwingen. Dort kommt es zu einer Konfrontation von Verbündeten: Navy Seals umstellen das Flugzeug, während sie wiederum von italienischen Soldaten umringt werden. Schließlich kommen die Entführer in italienisches Gewahrsam, während Abbas zur Verärgerung der Amerikaner ausreisen darf.

Die vier Entführer fassen in Italien lange Haftstrafen aus, Abbas wird in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch erst im April 2003 fassen ihn US-Spezialtruppen im Irak. Ein Jahr später stirbt er in amerikanischer Gefangenschaft.

Die "Achille Lauro" bleibt indes vom Unglück verfolgt: Im November 1994 bricht während einer Kreuzfahrt ein Brand im Maschinenraum aus, das Schiff versinkt nach der Evakuierung im Indischen Ozean.

(kron)

Kommentar zu Artikel:

"Achille Lauro": Terror auf offener See

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen