Hofburg: Mit der Messe auf Zeitreisen

Die Art & Antique präsentiert vermehrt Malerei. Interessanter sind die Möbel- und Dekorationsstücke, die von Schatzsuchern und indischen Maharadschas erzählen.

(c) M.A.C. Hoffmann & Co. GmbH/APA (Peter Hautzinger)

Wien hat eine erstaunliche Anzahl an Kunst- und Antiquitätenmessen. Noch erstaunlicher ist, dass die Schnittmenge der Veranstaltungen immer größer wird. So steht eine Fleischhauertheke, die vor gut einem Monat auf der Viennafair aufgefallen ist, jetzt auf der gerade eröffneten Art & Antique in der Hofburg. Die Galerie Reinthaler bietet darin Würste an – alles täuschend echt aus Marmor gehauen. Eine einzelne Wurst kostet ab 550 Euro, ein netter Gag. Auch begegnet man auf den Messen immer wieder denselben Namen – von Hans Staudacher bis Gunther Damisch. Eine Folge des Kundenwunsches nach Konstanten im Messetrubel? Erstaunlich auch die zunehmende Menge an Malerei, kaum einer der 50 Teilnehmer verzichtet darauf. Daneben gibt es jedoch noch immer viele Objekte zu entdecken, die uns auf historische Reisen mitnehmen: Jahrhundertelang war strahlend blaues Glas so kostbar wie Gold. Grundbestandteil war Kobalt, das damals nur Schatzsucher fanden, die meist kleinwüchsig waren. Sie erkannten an den Pflanzen der Umgebung, welche Mineralien in dem Gestein der Berge zu finden waren, legten Stollen an und schliefen sogar in den Minen. Den Einheimischen waren diese Bergleute unheimlich, damals entstanden die Mythen von Zwergen und Kobolden.

 

Schwerpunkt Jugendstil

Bis heute fasziniert das strahlende Blau im Glas, das längst mit Kobaltoxid gefärbt wird. Auf der Hofburgmesse finden wir es in vielen Gläsern der Jahrhundertwende. Da die Art & Antique heuer mit dem Schwerpunkt Jugendstil stattfindet, haben gleich mehrere Händler hervorragende Glasobjekte dieser Zeit vor allem von der Firma Johann Loetz-Witwe Klostermühle mitgebracht. Ihre perfekte Verarbeitung und komplizierte Herstellungstechnik ließ die Loetz-Objekte in den vergangenen Jahren zu immer begehrteren Sammlungsstücken werden. Der Kunsthandel Kohlhammer produzierte heuer eigens einen Katalog, in dem die Erfolgsgeschichte der Loetz-Gläser nachzulesen ist. Demnach gelang der Durchbruch auf der Pariser Weltausstellung 1900, die Menschen waren fasziniert von den farbigen, fast flüssig erscheinenden, silbrig irisierenden Dekorationen. Das Prunkstück des Katalogs, eine orangenfarbige, mundgeblasene Vase, konnten die Brüder Kohlhammer schon zu Beginn verkaufen.

Manche Vasen greifen deutlich Formen der Antike aus dem römischen Kulturraum auf, es ist ein schöner Zufall, dass diese Stücke auf der Messe auf ihre Vorbilder treffen. Gleich gegenüber von der Vitrine mit Loetz-Gläsern am Stand des Kunsthändlers City Antik bietet Christoph Bacher antike Kunst an. Auch hier stehen irisierende Gläser, die allerdings 2000 Jahre alt sind. Die schillernden Farben dieser römischen Gefäße für Öle oder Parfum entstanden allerdings erst durch die lange Lagerung im Erdboden. Bacher nimmt heuer das erste Mal an der Art & Antique teil und ist begeistert vom Interesse an den antiken Kulturschätzen. Das Prunkstück an seinem Stand ist eine griechische Grabstele aus dem vierten Jahrhundert v. Chr., auf der noch Farbreste zu erkennen sind. Mit 48.000 Euro ist es sein teuerstes Objekt, die Gläser beginnen bei 250 Euro, der antike Schmuck bei 700 Euro. Ein ganz besonderes Stück hat auch Galerist Horst Maras mitgebracht: einen Fauteuil des deutschen Architekten Eckart Muthesius. In eine Armlehne ist ein Aschenbecher, in die Rückenlehne sind zwei Lampen eingebaut. Muthesius lernte auf einer Gartenparty 1929 in London den jungen Maharadscha von Indore kennen, der ihn spontan mit dem Bau und der Ausstattung seines Palastes Manik Bagh beauftragte, von den Türklinken bis zur Badezimmerlampe – moderne westliche Formensprache traf auf das traditionelle Indien. Muthesius ließ sechs dieser Fauteuils für den Palast bauen, die heute nicht unter 300.000 Euro zu bekommen sind. Aber 1989 wurden manche seiner Möbelentwürfe neu aufgelegt, aus dieser Serie stammt das Stück bei Maras für 20.000 Euro. Der Kunsthandel Patrick Kovacs bietet für eine etwas höhere Summe ein fünfteiliges Herrenzimmer (29.500 Euro) an, das von der berühmten Firma Portois & Fix 1906 verkauft wurde. Wo kann man heute ein solches Zimmer aufstellen? „Dafür muss man einen Raum opfern“, erklärt Kovacs, die Eleganz der Formensprache der Moderne aber belohne einen dafür. (Bis 15. November.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2015)

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