Historiker Teuscher: "Morgarten ist nach rechts abgerutscht"

Vieles sei in der Geschichte der Schweiz unwahrscheinlicher als, dass 1315 am Morgarten gekämpft wurde, sagt Universitätsprofessor Teuscher.

Zum 700-Jahr-Jubiläum der Schlacht am Morgarten finden viele Feiern statt. Welche Bedeutung hat die Schlacht für die Schweizer von heute?

Simon Teuscher:
Morgarten ist nach rechts abgerutscht. Die Bedeutung der Schlacht hat in den vergangenen Jahrzehnten in der Bevölkerung an Bedeutung stark eingebüßt. Heute identifizieren sich vor allem nationalkonservative Kräfte mit Morgarten und belegen es zunehmend mit EU-kritischen und zum Teil ausländerfeindlichen Ideen.

Wie kam das?

Es wird heute als Ereignis mit lokaler Bedeutung betrachtet. Aus Sicht der heutigen, kritischen Geschichtsforschung, der sich auch die meisten neuen Schulbücher anschließen, ist die Verbindung zur Entstehung der Schweiz oder der Eidgenossenschaft ziemlich dünn.

Die Schlacht vom 15. November 1315 gilt als erste Bewährungsprobe für die Eidgenossen gegen die Habsburger, allerdings fehlt es an zuverlässigen Quellen. Wie passt das zusammen?

Es handelte sich um einen Konflikt von eher lokaler Bedeutung, auch wenn er vielleicht reichspolitische Dimensionen hatte und Nebenschauplatz einer Auseinandersetzung um die Reichskrone war. Vergleichbare Scharmützel gab es um 1300 allein im Alpenraum zu Dutzenden und wir wissen über die wenigsten mehr als über Morgarten.

Es fehlen aber auch archäologische Fundstücke.

Man hat diesen Sommer etwas gefunden: Das Schweizer Fernsehen hat auf Teufel komm raus die ganze Gegend mit Metalldetektoren abgesucht. Da kam viel Kram, vor allem Patronen von den jährlichen Morgartenschießen, zum Vorschein. (lacht) Es war kein typischer Schlachtfeldbefund, aber es gab auch ein paar Dolche und einen Münzschatz, die man mit etwas gutem Willen mit der Schlacht verbinden kann.

Manche sagen, es wurde gar nicht gekämpft.

Es ist oft so in der Geschichte des Mittelalters, dass wir sehr dünne Quellenlagen haben. Ich würde sagen, es ist vieles in den herkömmlichen Geschichten über die Entstehung der Schweiz unwahrscheinlicher als, dass in Morgarten ein bewaffneter Konflikt stattgefunden hat.

Was würden Sie eher anzweifeln?

Natürlich den Wilhelm Tell. (lacht) Auch die Vorstellung, dass es sich um einen Befreiungskampf gehandelt hat, ist zweifelhaft. Die Vorstellung, dass die Habsburger eine aktive Expansionspolitik in die Innerschweiz betrieben haben, halte ich für fragwürdig. Also: Vieles zweifelhafter als, dass da irgendwie gekämpft wurde.

Von Johannes von Winterthur bis Meyer wurde die Geschichte stets farbiger. Wird aktuell noch geforscht?

Die Forschung beschäftigt sich vor allem mit der Bedeutung von Morgarten als Geschichtsmythos, als Element der Geschichtskultur im Zeitraum zwischen dem 15. Jahrhundert und heute.

Es gibt vier Theorien zu den Gründen des Konfliktes. Wovon gehen Sie aus?

Am wenigsten halte ich von der Idee des Freiheitsdrang der Talschaft Schwyz und der Vorstellung, damit sei der Keim zu einer komunalistischen Schweiz gelegt. Das entspricht einer Deutung, die im 15. und 16. Jahrhundert entstanden ist, für die es aber um 1300 noch keine Grundlagen gab. Denkbar ist für mich, dass es einen Streit um Weiderechte gab, der durch die Allianzen letztlich die Habsburger zum Agieren brachte. Und, dass Morgarten so zum Nebenschauplatz im Thronstreit zwischen dem Habsburger Friedrich den Schönen und Ludwig dem Bayern wurde.

Wie erläutern Sie Ihren Studierenden die Geschehnisse von vor 700 Jahren?

Diese „Befreiungsgeschichte“ hat in der Schweiz große geschichtspolitische Bedeutung und eignet sich, kritisch über politische Funktionen von Geschichte nachzudenken. Der Schweizer Verteidigungsminister Ueli Maurer hat im Sommer Historiker öffentlich zurechtgewiesen, weil sie die großen nationalen Erzählungen zu kritisch untersuchen. Ich versuche den Studierenden eine Wissenschaft vorzuleben, die sich ihre Ergebnisse nicht von Politikern vorschreiben lässt. Und ich versuche zu zeigen, dass sich diese Ereignisse nicht nur als Vorspann zur Entstehung der eigenen Nation untersuchen lassen, sondern auch allgemeinere Fragen zur Konfliktaustragung und der politischen Organisation im Mittelalter beantworten.

Als gesichert gilt, dass Herzog Leopold 1315 besiegt wurde. Laut einer Legende, weil er verraten wurde, laut einer anderen, weil die Schwyzer gute Kundschafter hatten. Gibt es Belege?

Nein. Das ist in Anbetracht der Quellenlage pure Spekulation. Man kann sich aber ausrechnen, woher die Krieger auf Habsburger Seite kamen, die von den Schwyzern niedergemetzelt wurden: aus dem Aargau, aus Zürich, aus dem Thurgau – also mehrheitlich dem Raum der heutigen Schweiz. Wir Schweizer haben uns am Morgarten selber besiegt.

Das Schweizerische Jugendschriftenwerk geht von einem geschickten Hinterhalt durch die Schwyzer aus.

Dieses SJW steht noch in direkter Abhängigkeit vom Gedankengut der „geistigen Landesverteidigung“, einer kulturellen Aufrüstung gegen Nazi-Deutschland in der man die Habsburger Ritter, die die Schweiz bedrohten, auf gleiche Ebene zu Nazi-Deutschland, das die Schweiz bedroht, zu stellen versuchte.

Wie kam es nun zur der vernichtenden Niederlage?

Da muss die Wissenschaft ehrlich sagen: Wir haben keine Ahnung. Die Quellenlage ist zu dünn. Auch bei der Zahl der Toten ist das so. Die Zahlenangaben in mittelalterlichen Chroniken gehorchen stärker Grundsätzen der literarischen Wirkung als der statistischen Wahrheit. Aber ich gehe schon davon aus, dass wir es hier nicht mit einem habsburgischen Herzog auf einsamer Bergwanderung zu tun haben. Er war in der damals gegebenen spannunsgreichen Situation wohl von einem beachtlichen Gefolge aus Rittern begleitet.

Die Schlacht wird in mancher militärhistorischen Debatte als Meilenstein zum Aufstieg der Infanterie bezeichnet.

Eine Schlacht über deren Ablauf man praktisch nichts weiß eignet sich auch nicht besonders gut als militärhistorisches Anschauungsmaterial. Sicher hat die habsburgische Niederlage in Sempach fast drei Generationen später (die Schlacht fand am 9. Juli 1386 statt und gilt als Höhepunkt des Konfliktes zwischen Habsburgern und Eidgenossen, Anm.) mit der zunehmenden Relevanz der Infanterie zu tun. Bei Morgarten riecht das für mich ein bisschen nach Rückprojektion.

Es gibt noch eine Legende, wonach der Hofnarr Kuony von Stocken seinen Herzog Leopold gewarnt haben soll: „Ihr geratet wohl, wie ihr wollt in das Land Schwyz hinein kommen, jedoch geratet keiner, wie ihr wieder wollt heraus kommen.“

Auch dafür gibt es keine Belege aus der Zeit selbst. Allerdings: Vielleicht gilt Kuonys Rat auch für die vielen europäischen Millionäre heute, die im Steuerparadies Schwyz Zuflucht suchen. (lacht) Im Ernst: Der heutige Kanton Schwyz hat eine aggressive Steuerpolitik betrieben. Sie haben radikal die Steuern gesenkt und haben jetzt bedrohliche Defizite.

Die Folgen der Schlacht sind indes relativ gesichert: Am 9. Dezember 1315 wurde der Bund von Brunnen geschlossen. Ein erster Keim der Eidgenossenschaft?

Die Kooperation zwischen Uri, Schwyz und Unterwalden gewinnt in den folgenden Jahrzehnten an Bedeutung. Aber: Die Schweiz ist 1848 entstanden. Und die Alte Eidgenossenschaft im Lauf des 15. Jahrhunderts. Mit der Geschichte der Schweiz hat die Morgartenschlacht so gut wie gar nichts zu tun, wohl aber mit den Geschichtsmythen der modernen Schweiz.

Die Frage, wo genau die Schlacht stattgefunden hat, führte einst zu einer veritablen Verstimmung zwischen Schwyz und Zug. Wie ist das Verhältnis heute?

Das ist heute sehr einvernehmlich. Heute verlaufen die Konfliktlinien zwischen nationalkonservativem Pathos und einer etwas gelasseneren Sicht beim Rest der Bevölkerung – gerade auch in herkömmlich konservativen Milieus.

Die Schweiz verbindet man gemeinhin mit ihrer Neutralität. Seit wann gibt es diese Neutralitätspolitik?

Die Neutralität der Schweiz ist nicht in Morgarten entstanden, sondern in Wien am Kongress - nicht 1315, sondern 1815. Und weniger als Entscheidung der Schweiz aus freien Stücken, sondern als von den europäischen Mächten geforderte Voraussetzung dafür, dass sie die Souveränität der Schweiz anerkannten. Die Geschichte der Neutralität hat wenig mit trotziger Abschottung und viel mit kluger Kooperation der Schweiz mit den europäischen Nachbarn zu tun.

Zur Person

Simon Teuscher (* 26. April 1967) studierte Geschichte, Nordische Sprache und Literatur sowie Philosophie an den Universitäten Zürich und Bergen. Er promovierte bei Roger Sablonier mit einer Arbeit zu Soziabilität und Politik in der Stadt Bern um 1500. In der Folge arbeitete er an der Uni Zürich, wo er sich 2006 habilitierte, der University of California at Los Angeles (UCLA), der Uni Neuenburg, der École des Hautes Études en Sciences Sociales sowie der Uni Basel. Seit 2010 ist Teuscher ordentlicher Professor für Geschichte des Mittelalters an der Universität Zürich.

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