Als der Terror nach Wien-Schwechat kam

Vor 30 Jahren, am 27. Dezember 1985, verübten palästinensische Terroristen einen blutigen Terroranschlag am Flughafen Wien-Schwechat. Drei Menschen starben, mehr als 40 wurden verletzt.

(c) Robert JAEGER

Am Freitag den 27. Dezember 1985, um kurz nach neun Uhr früh warten am Flughafen Wien-Schwechat zahlreiche Passagiere an den Check-In-Schaltern drei und vier der israelischen El-Al-Fluglinie. Sie wollen mit dem El-Al-Flug LY364 nach Tel Aviv. Doch drei bewaffnete palästinensische Attentäter sind auf dem Weg in die Abflughalle, im Bereich des heutigen Terminal 2. Bereits von den Stiegen aus rollen sie Rauch- und Handgranaten in Richtung der wartenden Menschenmenge.

Während die Handgranaten detonieren, eröffnen die Terroristen das Feuer aus ihren Kalaschnikow-Sturmgewehren. Ihr Plan: Die überlebenden Passagiere als Geiseln zu nehmen, ein Flugzeug zu entführen und die Maschine über Israel zu sprengen.

 

Bei der Passkontrolle herrscht Chaos – Blaha

Der Plan ist nicht durchdacht

Bei ihrer Planung haben sie die heftige Gegenwehr der Sicherheitsbeamten nicht miteinbezogen. Der damals 41-jährige Polizei-Inspektor Peter Bruckner erwidert das Feuer. Polizeikollegen und israelische Sicherheitsbeamte der Fluglinie unterstützen ihn sofort. Gemeinsam drängen sie die Terroristen zurück auf die Stiege und nehmen sofort die Verfolgung auf. Insgesamt fallen fast 200 Schüsse.

Die Terroristen fliehen in die Garage. Sie halten einen Mann in seinem Wagen auf und stehlen seinen grauen Mercedes. Auch die österreichischen Polizisten und die israelischen Sicherheitsbeamten springen in die Dienstwagen. „Der Mercedes ist uns plötzlich wieder entgegen gekommen, weil er sich auf dem Flughafengelände verfahren hat“, erzählt Bruckner noch am selben Tag der „Presse“. Die Terroristen und die Polizei liefern sich eine Verfolgungsjagd auf der Bundesstraße B9 Richtung Fischamend. Während der Fahrt werden aus dem grauen Mercedes immer wieder Schüsse auf die Polizeiwagen abgegeben. Die Polizisten sind gezwungen in Schlangenlinien zu fahren, um auszuweichen. Auch einer der israelischen Sicherheitsbeamten im Wagen mit Bruckner feuert seine Waffe leer. Kurz nach der Kreuzung der Autobahnauffahrt mit der B9 kommt das Fahrzeug der Attentäter ins Schleudern.

Zwei der Täter springen heraus, halten Fahrzeuge auf und bedrohen deren Lenker. „Das Groteske an der Situation war, dass wir keinen einzigen Schuss Munition mehr hatten. So haben wir halt kurz gewartet. Und plötzlich ist einer der Terroristen ganz einfach auf der Straße umgefallen. Der zweite hat seine Waffe weggeworfen. Daraufhin sind wir sofort zu dem Mercedes gelaufen“ erzählt der Polizei-Inspektor Bruckner im Gespräch mit der "Presse" noch am Tag des Anschlags. Einer der Attentäter, Abdel Aziz Merzoughi, stirbt noch auf der Straße. Die beiden anderen, Tawfik Ben Ahmed Chaovali und Mongi Ben Saadaoui, ergeben sich und werden schwer verletzt festgenommen.

Das gestohlene Auto der Terroristen auf der B9
Das gestohlene Auto der Terroristen auf der B9
Blaha

Währenddessen treffen Rettungswagen am Flughafengelände ein. Sie finden ein Blutbad in der Abfertigungshalle vor. Für den 50-jährigen Ekhart Karner kommt jede Hilfe zu spät, er stirbt noch in der Halle. Der israelische Staatsbürger Eli Jana, 25, wird schwerverletzt abtransportiert. Er stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus.

Mehr als 40 weitere Personen werden verletzt, 20 davon schwer. Unter ihnen ist die junge Lehrerin Elisabeth Kriegler aus Wien. Die 26-Jährige stirbt mehrere Wochen später an ihren Verletzungen die sie durch eine Handgranate erlitten hatte.

Am gleichen Tag, dem 27. Dezember 1985, gibt es einen koordinierten Anschlag auf den römischen Flughafen Fiumicino. Dabei sterben 16 Menschen, mehr als 80 werden verletzt. Wie die beiden Anschläge zusammenhängen, wird erst in den nächsten Wochen klar.

Wer sind die Täter?

In den ersten Tagen nach dem Attentat weiß niemand, was die drei jungen Männer im Alter zwischen 23 und 26 Jahren zu der Tat bewegte. Unmittelbar nach der Festnahme verweigern die beiden überlebenden Terroristen jede Aussage. „Ausweise haben sie keine bei sich. Auf die Frage ob sie Palästinenser seien, antworten sie mit: 'i speak English'“ schreibt die „Presse“ am 28/29 Dezember 1985. Später wird bekannt, dass beide palästinensische Flüchtlinge aus den Lagern Sabra und Schatila sind. Sie wurden im Libanon für den Einsatz ausgebildet und hatten sich in der Schweiz mit den Attentätern des Flughafens Rom getroffen.

 

Die beiden überlebenden Attentäter –

Ein anonymer Anrufer ruft, noch am Abend des 27. Dezembers, bei einem spanischen, lokalen Rundfunksender an und behauptet erstmals die Terrororganisation ANO (Abu-Nidal-Organisation oder Fatah-Revolutionsrat) und deren Anführer Abu Nidal seien die Drahtzieher der Anschläge in Rom und Wien.

Am 28. Dezember kommt es dann in Wien zu einer absurden Szene rund um die Wien-Schwechat-Attentäter. Bevor es zu einer offiziellen Aussage kommt, gibt einer der Attentäter ein Interview. Und das obwohl beide bewacht werden und sich im Krankenhaus in Gewahrsam befinden. Dem US-Fernsehsender CBS wird von der Polizeistelle Zutritt zum Krankenzimmer gewährt. Doch am Krankenbett wird nicht nur gefilmt sondern auch ein Gespräch aufgezeichnet. Hierbei wird vom verwundeten Attentäter erklärt, alle drei Täter seien Teil der Fatah, einer Organisation von Abu Nidal. Von CBS wird später erklärt, der Interviewte hätte möglicherweise nicht alle Fragen richtig verstanden.

Abu Nidal - der Terroristenboss und seine Gruppe

Die Vermutung, dass die palästinensische Terrororganisation rund um Abu Nidal für den Anschlag verantwortlich ist, steht damit im Raum. Bei der Terrorgruppe Abu Nidal, oder auch Fatah-Revolutionsrat, handelt es sich um eine Organisation die sich von der PLO abspaltete. Sie wurde 1974 von Sabri al-Banna alias Abu Nidal („Vater des Kampfes“) gegründet. Gerüchten zufolge soll Abu Nidal sowohl dem libyschen Ex-Machthaber Muammar al Gaddafi als auch dem syrischen Machthaber Assad gedient haben. Insgesamt sterben 900 Menschen durch Anschläge von Nidals Anhängern, die sich oftmals in Wien aufhalten. Auch Nidals Tochter lebt während der 1990er-Jahre für einige Zeit in Wien-Alsergrund.

Warum Österreich?

Österreich ist mehrmals Schauplatz von Attentaten dieser Terrororganisation. Der Grund dafür ist wohl das Naheverhältnis zu Israel. Jedes freundschaftliche Verhältnis mit Israel ist der palästinensischen Terrororganisation ein Dorn im Auge. Die Terroristen sind auch für den Anschlag auf eine Wiener Synagoge in der Seitenstettengasse im August 1981 verantwortlich. Kurz zuvor, im Mai 1981, erschossen Abu-Nidal-Anhänger den Wiener Stadtrat und damaligen Präsidenten der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft, Heinz Nittel.

Der angebliche Beweggrund für den Anschlag auf den Flughafen Wien Schwechat: Österreich will drei Gefangene Abu-Nidal-Anhänger nicht gegen einen „Nicht-Angriffs-Pakt“ eintauschen. Weil dieser Pakt von Österreich abgelehnt wird, werden Aufträge für zwei zeitgleiche Anschläge auf die Flughäfen Schwechat und Rom gegeben. Die Abu-Nidal-Anhänger werden trotzdem nicht freigelassen. Um weitere Anschläge zu verhindern, wird jedoch eine Vereinbarung getroffen. Profil berichtet in seiner Ausgabe vom 21.12.2015, dass die österreichische Staatspolizei bis 1993 Anhängern der Terrororganisation eine Wohnung in Wien zur Verfügung stellte, die unter Überwachung stand. Als Gegenleistung endete der Abu-Nidal-Terror in Österreich.

Urteile für beide überlebene Terroristen

Die beiden Schwechat-Terroristen werden 1987 zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Der Terrorist Mongi Ben Saadaoui wird 2008, nach 22 Jahren Haft, entlassen und mit einem zehnjährigen Einreiseverbot für Österreich belegt. Der andere Terrorist, Tawfik Ben Ahmed Chaovali, bekommt wegen eines Fluchtversuchs 1995 und der Beteiligung an der Geiselnahme in der Justizanstalt Graz-Karlau 1996 eine Zusatzstrafe von 19 Jahren. Der Drahtzieher Abu Nidal kommt 2002 in Bagdad unter mysteriösen Umständen ums Leben. Gerüchten zufolge wird er von Saddam Husseins Geheimdienst ermordet.

Die Verhandlungen laufen noch immer

Die Organisation rund um Abu Nidal ist heute kaum noch von Bedeutung. Doch die Terrorgruppe beschäftigt die österreichischen Behörden auch weiterhin. 1982 wird von Halimeh Almughrabi, der Ehefrau des Abu-Nidal-Finanzchefs, ein Konto eröffnet. Die eingezahlten acht Millionen Euro vermehren sich durch Zinsen und Zinseszinsen auf mehr als 20 Millionen Euro. 2000 wird die Frau, die das Konto eröffnet hat, von den österreichischen Behörden verhaftet. Sie will das Bankkonto räumen. Das Millionen-Vermögen wird gesperrt. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass das Geld für terroristische Zwecke genutzt wird. Die gesperrten Millionen sind seither Gegenstand mehrerer Gerichtsprozesse.

2008 entscheidet ein Gericht, das Geld an Almughrabi zurückzugeben. 2009 wird das Urteil jedoch aufgehoben. Im April 2011 wird ein erneuter Prozess vertagt. Für diesen Prozess soll Halimeh Almughrabi noch einmal befragt werden. Ihrem Anwalt zufolge sitzt diese jedoch in Libyen fest.

Entschädigung: Eine Milliarde pro Person?

Eine weitere Kuriosität in Zusammenhang mit dem Schwechat-Terroranschlag: 2013 wird Opfern des Anschlages auf den Flughäfen Schwechat und Rom eine milliardenschwere Entschädigung zugesprochen. Einige der Opfer am römischen Flughafen sind US-Amerikaner. Ein amerikanisches Gericht spricht den 25 Klägern eine Entschädigung von einer Milliarde US-Dollar pro Person zu. Die Verantwortung für die beiden Anschläge liege bei der Syrisch Arabischen Republik, besagt die Entscheidung des US-Gerichts. Die Attentate hätte ohne die direkte und finanzielle Unterstützung Syriens nicht ausgeführt werden können. Deshalb sollen die Staaten Libyen und Syrien diese Summe eintreiben. Wie das Geld zusammenkommen soll ist allerdings, nicht nur angesichts der politischen Lage in beiden Ländern, äußerst fraglich.

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