Kurt Steyrer: „Lieber Fredl, lass mich in Ruh'“

SPÖ-Bewerber wider Willen. Der Gesundheitsminister musste erst zum Wahlkampf überredet werden. Die übrigen Gegenkandidaten hatten wenig Chancen, in die Stichwahl zu kommen: Scrinzi und Meissner-Blau.

Kurt Steyrer
Kurt Steyrer
(c) APA (SCHLAGER Roland)

Die Mitbewerber Kurt Waldheims im ersten Wahlgang hießen Freda Meissner-Blau, Kurt Steyrer und Otto Scrinzi. Die beiden Letzteren waren Ärzte, dies war auch schon das Einzige, was sie verband. Der Kärntner Nervenarzt Scrinzi und langjährige Klubobmann-Stellvertreter im Nationalrat hatte sich von der FPÖ wegen Norbert Stegers liberalem Kurs getrennt. Er wurde von der Wahlplattform „National-Freiheitliche Aktion“ nominiert, hinter der die Zeitschrift „Aula“ und der rechte Intellektuelle Andreas Mölzer standen.

Freda Meissner-Blaus Kandidatur wiederum war für die Ökologiebewegung enorm wichtig. Auch wenn sie nicht in die Stichwahl kam, so beschleunigte ihr öffentliches Auftreten dennoch die Bildung der Grünen Alternative, aus der – nach langem Streit zwischen bürgerlichen Grünen und lupenreinen Marxisten – die Grün-Partei hervorging.

Steyrer, der SPÖ-Kandidat, glaubte wohl selbst nicht wirklich an einen Sieg. Dazu war er den meisten Österreichern zu unbekannt. Der elegante Dermatologe war vier Jahre lang – schon unter Kreisky – Gesundheits- und Umweltminister, als ihn Sinowatz auf die mögliche Kandidatur ansprach. „Ich hab' ihn damals freundlich gebeten: Lieber Fredl, lass mich in Ruh'“, erzählte mir Steyrer einmal bei einem Besuch in seinem Zweithaus in Kaltenleutgeben. Da war er als Präsident des Arbö schon in Pension gegangen – eine Tätigkeit, die er nach der schiefgegangenen Präsidentschaftswahl ebenso gern angenommen hatte, wie im sozialistischen Pensionistenverband.

Aber er musste 1986 an die Front. Weisung der Partei. Seine Chancen standen denkbar schlecht, das wusste Kurt Steyrer. Erstens hatte er als Umweltminister durchaus Verständnis für die erstarkende Ökologiebewegung, die die SPÖ unter Kreisky und Sinowatz völlig verschlafen hatte. Zweitens befand sich die verstaatlichte Industrie in miserablem Zustand, es war eine Denkzettelwahl gegen Gewerkschaft und SPÖ zu befürchten. Drittens verschaffte die nun bald ausbrechende Waldheim-Affäre dem (überparteilichen) ÖVP-Bewerber eine ungeahnte Medienpräsenz.

Steyrer hat sich übrigens während der gesamten Wahlbewegung nie abfällig über Waldheim geäußert. Das wieder verübelten ihm die eigenen Parteiapparatschiks. Beide Wahlwerber hatten ein ähnliches Kriegsschicksal. Steyrer hatte gerade erst sein Medizinstudium begonnen, als er an die Ostfront musste. In Prag schloss er das Studium ab, promovierte im April 1945, geriet jedoch danach in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er bereits am 29. Mai 1945 wieder entlassen wurde. (hws)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2016)

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