Ein Streik der Feuerwehr von Ober St. Veit

Ende des 19. Jahrhunderts waren die Vororte nicht begeistert von der Eingemeindung in Wien.

(c) Holzapfel

„Alexander Strecker“, schreibt der Heimatforscher Gebhard Klötzl, „war seiner Herkunft, Bildung und Gesinnung nach“ unter allen Bürgermeistern von Ober- und Unter St. Veit die interessanteste Persönlichkeit.

Heute erinnert der nach ihm benannte Park in Hietzing an jene ferne Zeit, als die vierzig Vororte rund um Wien noch nicht in die Reichshaupt- und Residenzstadt eingemeindet waren – eigenständige Kommunen mit Bürgermeister, Gemeinderat, Gemeindekassa, Nachtwächter, Dorfpolizisten und Friedhof. So auch die Nachbarorte Unter- und Ober St. Veit im Westen Wiens. Bis 1891. Dann schluckte die große glitzernde Stadt die kleinen umliegenden Dörfer, baute ihnen oftmals prächtige Schulgebäude, quasi als Entschädigung für die Aushändigung der prallen Gemeindekassa, was die Einheimischen voll Zorn verfolgten.

 

Ein Manager als Ortsbürgermeister

Gebhard Klötzls Belohnung für seine akribische Forschungsarbeit ist ein umfassendes Geschichtswerk über die Entwicklung der beiden heutigen Hietzinger Ortsteile. So schildert er am Beispiel Alexander Streckers, wie ein begnadeter Manager zur Mitte des 19. Jahrhunderts das zerrüttete Finanzwesen Ober St. Veits wieder in Ordnung brachte, indem er den Amtsträger abwählen ließ und ein Sparpaket durchboxte. Dabei war der Mann nur zufällig hier für kurze Jahre ansässig. Er stammte aus Deutschland, war Betriebsdirektor der Westbahn und zog sich später wieder in seine Heimat zurück. Aber er hinterließ einen soliden Etat. Armenhaus und Kinderbewahranstalt waren ihm zu verdanken, oft griff er persönlich ins Portemonnaie, etwa um die Straßenbeleuchtung zu forcieren. Anderseits wusste er auch zu sparen: Die Gemeindespende für eine Huldigungsadresse zur Silberhochzeit des Kaiserpaars lehnte er 1879 brüsk ab. Ober St. Veit war ziemlich der einzige Ort, der solches wagte.

 

Die schöne Postmeisterin

Das Werk Klötzls hat den Vorteil, der es von so manchem Heimatbuch freundlich unterscheidet: Es hat Humor. Da werden auch die kleinen Skandale im Dorfleben beschrieben, die Unterschlagung der hübschen Postmeisterin für ihren armen alten kranken Vater ebenso wie legendäre Wirtshausraufereien, auch ein Aufstand der Freiwilligen Feuerwehr. Die Bezirkshauptmannschaft veranlasste die Degradierung der ganzen Truppe und deren Abrüstung. Erst der neuen FF wurde das Vermögen wieder ausgehändigt.

Das Ende der Eigenständigkeit in den Neunzigerjahren, die von Wien recht offensiv betriebene Eingemeindung stieß zum Teil auf erbitterten Widerstand der Vororte. Die damals dominierende liberale Stadtregierung versprach aber den Einwohnern eine Verbesserung der Lebensverhältnisse durch die gewaltige Vergrößerung des Wirtschaftsraums – eine trügerische Hoffnung, vermerkt der Chronist spitz: Sie wurden ähnlich betrogen, wie die Österreicher 2002 bei der Einführung des Euro. Die Preise in den eingemeindeten Vororten stiegen nämlich auf das Stadtniveau, und in der Stadt blieb alles gleich teuer . . . (hws)

Tipp

Gebhard Klötzl
Von Bürgermeistern und Affären
Die Vorortgemeinden Ober und Unter St. Veit
1848 – 1891
Holzapfel, 334 Seiten, € 30.-

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2016)

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