Peymann oder: Als das heilige Burgtheater unheilig wurde

Das Burgtheater hat bewegte Zeiten erlebt. Nie aber gingen die Wogen um das Haus am Ring so hoch wie während der Direktionsjahre Claus Peymanns 1986 bis 1999. Ein Rückblick in Notizen.

„Zurüstungen für die Unsterblichkeit“ von Peter Handke, Regie: Claus Peymann, Burgtheater 1997.
„Zurüstungen für die Unsterblichkeit“ von Peter Handke, Regie: Claus Peymann, Burgtheater 1997.
„Zurüstungen für die Unsterblichkeit“ von Peter Handke, Regie: Claus Peymann, Burgtheater 1997. – Reinhard Werner/Burgtheater

„Am Burgtheater weht die weiße Fahne“, schrieb Karin Kathrein. Mit den SP-Politikern Ursula Pasterk und Helmut Zilk war es die damalige „Presse“-Theaterkritikerin, die sich für das Engagement Claus Peymanns einsetzte. Der Direktor des Schauspielhauses Bochum hatte in Stuttgart und Frankfurt für Furore und Skandale gesorgt. In Wien stellte sich Peymann zunächst mit einigen seiner Inszenierungen aus Bochum vor, darunter Kleists „Hermannsschlacht“ oder Büchners „Leonce und Lena“. Und er favorisierte österreichische Schriftsteller: Thomas Bernhard, Peter Handke, Peter Turrini oder Elfriede Jelinek. Ein Hit war 1986 Bernhards aus Salzburg an die Burg übersiedelter „Theatermacher“ mit Traugott Buhres Eröffnungssatz: „Hier, in dieser muffigen Atmosphäre!“

Die einen lachten und fanden die Tiraden, die das Burgtheater auf eine Stufe mit einer schäbigen Dorfwirtshausbühne stellten, köstlich. Die anderen waren empört. Rasch formierten sich die Fronten des „Kulturkampfes“.


Schleudersessel. Burg-Chefs amtierten in der langen Geschichte des Hauses meist nur kurz, glücklich waren sie selten. Die Kontroversen um das Regietheater hatten schon vor Peymann begonnen. Gerhard Klingenberg, Wiener, heute 86, ursprünglich Schauspieler, war 1971 als Nachfolger des noblen (deutschen) Mimen Paul Hoffmann an die Burg-Spitze berufen worden, Hoffmann war drei Jahre Burg-Chef.

Klingenberg blieb auch nicht lang – bis 1976. Granden des mächtigen Schauspielensembles lehnten es etwa ab, in Handkes „Ritt über den Bodensee“ aufzutreten, einem Stück, das von berühmten Mimen handelt. Klingenberg schrieb darüber einen launigen Text – und machte auch sonst seinem Zorn über die reformresistente Staatsbühne in spannenden Büchern Luft. Dass ein bedeutender Regisseur wie Luca Ronconi Euripides' „Bakchen“ inszenierte, ohne Deutsch zu sprechen, wirkte freilich unter Klingenberg ebenso befremdlich wie der Mantel für Richard II. (Michael Heltau), der aus großer Höhe auf diesen herabfiel.

Kurzum: Publikum und Ensemble kamen aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Klingenbergs Nachfolger, der Magdeburger Achim Benning (81), unternahm einen neuen Anlauf, das Burgtheater zu modernisieren. Er hielt sich immerhin von 1976–1986. Benning gilt heute vielen als Langweiler. Das muss so sein, weil er nicht so „bunt“ wie Peymann wirkte – zutreffend ist es nicht.


Ultralinks? Die heute ältere Generation hat Benning stärker als Peymann geprägt: mit gallbitteren Nestroy-Inszenierungen, mit herbem Schnitzler (Norbert Kappen als Professor Bernhardi!). Benning hat auch selbst feine Schnitzler-Inszenierungen gemacht („Das weite Land“ mit Karlheinz Hackl). Er spielte Autoren aus dem Osten (Václav Havel), Canettis „Komödie der Eitelkeit“ oder schräg zugebürstete Klassiker („Dantons Tod“). Die Burg werde „linksideologisch unterwandert“, hieß es über Benning. Da wusste noch niemand etwas über Peymann, den ultralinken Alt-68er – übrigens auch ein Klischee: Peymanns Theater ist in gewisser Weise sehr bürgerlich.

Gleichviel, die Sozialdemokraten eroberten die Burg. Ein wichtiger ÖVP-Politiker rief noch einmal kurz: „Wir wollen Klassiker klassisch sehen!“ Aber die Roten wussten, was sie wollten, die ÖVP wollte bewahren, das war zu wenig. Die Aufbruchsstimmung in der Gesellschaft herrschte damals, beginnend mit der Kreisky-Ära 1970, überall. Auch in den Museen übernahmen mit der Zeit statt unauffälliger Wissenschaftler energische Persönlichkeiten das Ruder (von Wilfried Seipel im Kunsthistorischen Museum bis zu Klaus A. Schröder in der Albertina).


Zivilcourage. Das Urteil über die Peymann-Ära bleibt Ansichtssache. Fix ist: Er signalisierte Modernität. Bilder wurden den Worten gleichgestellt (etwa dank Karl-Ernst Herrmanns fantastischer Bühnenbilder). Peymann mischte sich vehement in die Politik ein – und jagte die Politiker vor sich her. Es gab interessante Aufführungen von Regisseuren wie George Tabori oder Peter Zadek. Auch einige Shakespeare-Inszenierungen Peymanns begeisterten. Mitunter erntete er unverdiente Verrisse, weil „der rabiate Piefke“ auch manchen Kritikern unsympathisch war. Besonders viel Staub wirbelte der Skandal um Bernhards „Heldenplatz“ auf, in dem die Frau eines Professors, der aus der Emigration zurückgekehrt ist, noch immer im Geiste den Jubel für Hitler auf dem Heldenplatz 1938 hört. Große Aufregung verursachte auch André Müllers Interview mit Peymann in der „Zeit“ 1988, in dem der Burg-Chef vorschlug, das Theater von Christo einpacken und abreißen zu lassen – und sich zum Quälen von Schauspielern bekannte.


Bedeutung schwindet. Das Burgtheater hat heute um die 80 Prozent Auslastung, bei Peymann lag sie zeitweise darunter. Theater hat an gesellschaftlicher Relevanz (durch TV, Internet) verloren, politisch wie ästhetisch. Daran sind auch die Regisseure schuld – aber nicht das Regietheater, das in der Fachwelt als unbeliebter, weil unscharfer Begriff gilt. Regietheater gab es immer. Die Altmeister hießen Max Reinhardt oder Fritz Kortner. Strukturell hat Peymann einiges verändert. Er sorgte für zeitgemäße Probenbedingungen und holzte brutal im Alt-Ensemble (auch gute Schauspieler bzw. Publikumslieblinge wie Joachim Bissmeier oder Erika Pluhar verschwanden). Heute gibt es neue Publikumslieblinge bzw. Legenden aus der eben auch schon alten Peymann-Zeit: von Kirsten Dene bis Gert Voss (1941–2014). In Wahrheit waren es Voss, Dene und viele andere grandiose Mimen, die Peymanns Theater schufen. Die bürgerliche Schauspielkunst, nicht konservativ, aber einleuchtend, hat eine Marktlücke, keine kleine, wie fast 40.000 Besucher der Festspiele Reichenau jährlich zeigen. Wenn die Burg eine Auslastung wie die Staatsoper (fast 100 Prozent) zusammenbringen will, muss sie mehr kundiges bürgerliches Publikum locken, das ohnedies – auch dank Peymann – aufgeschlossener geworden ist.


Tobsuchtsneigung. Die schönste Beschreibung des heiß umstrittenen Burg-Chefs lieferte André Heller: „Wer Peymann näher kennt, weiß, dass er eine Art Wohngemeinschaft ist. In ihm sind ein eleganter Herr gemeldet, ein trotziger. wunderbar verspielter Kindskopf, ein Grantscherm mit Tobsuchtsneigung, ein brillanter politischer Analytiker, unfähig zum Opportunismus.“ Daneben finde sich ein „harmoniesüchtiger Zauderer, ein harscher Kolonialist – und ein behutsamer Entwicklungshelfer“. Jeden Morgen, so Heller, werde per Ziehung entschieden, welcher Peymann Ausgang erhalte (aus „Weltkomödie Österreich“, Bildband über die Peymann-Ära, Zsolnay).

Zur Person

Claus
Peymann
1937 als Sohn eines Studienrates in Bremen geboren, begann im Studententheater. An Peter Steins Berliner Schaubühne hielt er sich nur kurz, weil er mit der Mitbestimmung dort nicht zurechtkam.

Wichtige Inszenierungen in Wien: „Richard III.“, „Der Sturm“, „Macbeth“ (alle mit Gert Voss), zahlreiche Handke-Uraufführungen (zuletzt „Die Unschuldige“ gestern, Samstag, 27. 2.), Elfriede Jelineks „Raststätte“, Peter Turrinis „Die Schlacht um Wien“. Seit 1999 ist Peymann Intendant des Berliner Ensembles (bis 2017). Lektüre: Roland Koberg, „Aller Tage Abenteuer“ (Peymann-Biografie, Henschel), „Peymann von A bis Z“ (Das neue Berlin).
Fabry

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2016)

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