Südtiroler waren überproportional in Waffen-SS vertreten

Der Sohn eines optierten Südtiroler SS-Untersturmführers arbeitet Familien- und Regionalgeschichte auf.

Plakate aus der NS-Zeit
Plakate aus der NS-Zeit
Plakate aus der NS-Zeit – (c) EPA (RAINER JENSEN)

Im Vergleich zum Deutschen Reich war die Rekrutierungsquote der Südtiroler in der Waffen-SS überproportional hoch. Der Politologe Thomas Casagrande, Sohn eines optierten Südtiroler SS-Untersturmführers, setzte sich nach dem Tod seines Vaters intensiv mit dessen dunkler Geschichte auseinander. Die Recherche verpackte er in ein neues Buch mit dem knappen Titel: "Südtiroler in der Waffen-SS".

Der Vater "war stolz bei der Waffen-SS gewesen zu sein". Daher war die Vergangenheit als SS-Untersturmführer seit der Jugend des Autors ein Streitpunkt zwischen ihm und seinem autoritären Vater. Besonders der anhaltende SS-Stolz und die Unfähigkeit, den Nationalsozialismus verdammen zu können, erschwerte die Beziehung der beiden. Ein Versuch seines Vaters, dessen Gesinnung zu erklären, prägte Thomas Casagrande besonders: "Er habe diesem System seine Jugend, seine Gesundheit und die besten Jahre seines Lebens geopfert. Wenn er sich nun eingestehe, dass das alles falsch gewesen sei, wisse er nicht, woher er die Kraft zum Weiterleben, zum Arbeiten, für die Familie hernehmen solle."

1990 starb Otto Casagrande bei einem SS-Veteranentreffen an plötzlichem Herzversagen. Danach setzte sich der aus Frankfurt stammende Politologe intensiv mit der Geschichte seines Vaters auseinander und veröffentlichte nach 20 Jahren Recherche dieses Jahr das Buch "Südtiroler in der Waffen-SS". Es umfasst eine Studie über die Anzahl und Verwendung der Südtiroler SS-Freiwilligen - wie es auch sein Vater war. Laut Casagrande spiegelt sich in der Freiwilligkeit die deutsche Gesinnung vieler junger Südtiroler wider.

Mit dem Anschluss Österreichs 1938 zum Deutschen Reich hofften viele Südtiroler, die bereits seit Ende des Ersten Weltkrieges zu Italien gehörten, auch vom Führer "heimgeholt zu werden". Bei der von Reichskanzler Adolf Hitler und Italiens Duce Benito Mussolinis erzwungenen Wahlmöglichkeit, der sogenannten "Option", für Südtiroler und Ladiner ihre Heimat zu verlassen und ins Deutsche Reich auszuwandern, entschieden sich 85 Prozent für eine Auswanderung. Bis 1943 hatten dies 75.000 Südtiroler auch getan.

3500 bis 5000 Südtiroler bei Waffen-SS

Die historische Studie Casagrandes besagt, dass bis Kriegsende schätzungsweise 3.500 bis 5.000 Südtiroler in die Waffen-SS einrückten. Auf den ersten Blick erscheint der zahlenmäßige Beitrag der Südtiroler für die Gesamtstärke der Waffen-SS gering. Setzt man aber die Anzahl der SS-Rekruten in Bezug zur Einwohnerzahl und vergleicht die Zahl der Südtiroler mit anderen volksdeutschen SS-Rekruten, sieht man Südtirol, nach den baltischen Ländern, an der Spitze der Skala im Mai 1940.

Casagrande führt dies auf die starke Italienisierung zurück, die von Benito Mussolini seit 1921 im annektierten Südtirol besonders spürbar war. So ist sich der Politologe sicher, dass "ein Zusammenhang zwischen dem Grad der Italienisierung und dem Optionsverhalten sowie den Meldungen zur Waffen-SS im Allgemeinen und zu den freiwilligen Meldungen zur Waffen-SS im Besonderen besteht."

Italianisierung

Casagrande untermauert diese These damit, dass besonders die südlichen Teile des Landes von einer starken Italienisierung betroffen waren. "Auffällig ist, dass im Unterschied zu den Bezirken Vinschgau, Brixen und Meran, die deutlich nach unten abweichen, der Bezirk Bozen Stadt und die südlichsten Bezirke Überetsch und Unterland bei den Waffen-SS-Mitgliedern der ersten Welle anteilmäßig am stärksten vertreten sind". Der Verfasser habe dafür die im Tiroler Landesarchiv in Innsbruck vorhandenen militärischen Suchkarten ausgewertet. Militärische Suchkarten wurden von der Wehrmacht angelegt, um Rekrutierung, Einsatz und Versetzung der jeweiligen Soldaten nachvollziehen zu können.

82 Prozent der ausgewerteten Suchkarten tragen den Verweis auf den Einsatz bei den "Gebirgsjägern" der Waffen-SS. Offensichtlich sahen sie laut Casagrande darin einen Bezug zur Heimat. Natürlich kamen ihnen die vorgeschriebenen Fähigkeiten wie Skifahren oder Klettern auch zu Gute. Auch die Schattenseiten des SS-Drills blieben den jungen Südtirolern nicht lange verborgen. "Erniedrigungen wegen mangelnder Sprachkenntnisse" und "körperliche Gewalt" mussten die Südtiroler Rekruten in der Ausbildung über sich ergehen lassen. Obwohl sie als eingebürgerte Reichsdeutsche galten, erfuhren sie Anfeindungen und Beleidigungen wegen ihrer Herkunft.

Buchtipp: Thomas Casagrande: Südtiroler in der Waffen-SS. Vorbildliche Haltung, fanatische Überzeugung. Edition Raetia, Bozen 2016. 614 Seiten, 24,90 Euro.

(APA)

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