Hitler: Als "Wilhelm Tell" vom Vor- zum Feindbild wurde

Schillers Drama "Wilhelm Tell" wurde von den Nazis hoch gepriesen und allerorts aufgeführt. Der Diktator selbst zitierte daraus – bis er am 3. Juni 1941 seine Meinung änderte. Wohl, weil er einen "Tyrannenmord" fürchtete.

Wilhelm Tell aus der Schiller-Galerie, Stich von Johann Leonhard Raab nach Pecht
Wilhelm Tell aus der Schiller-Galerie, Stich von Johann Leonhard Raab nach Pecht
Wilhelm Tell aus der Schiller-Galerie, Stich von Johann Leonhard Raab nach Pecht – (c) Wikipedia

„Der Führer wünscht, daß Schillers Schauspiel 'Wilhelm Tell' nicht mehr aufgeführt wird und in der Schule nicht mehr behandelt wird. Ich bitte Sie, hiervon vertraulich Herrn Reichsminister Rust und Herrn Reichsminister Dr. Goebbels zu verständigen. Heil Hitler!“

Diese streng vertrauliche Anweisung wurde am 3. Juni 1941 von Reichsleiter Martin Bormann unterzeichnet. Kurz darauf verließ das Schriftstück das Führerhauptquartier – und löste einen regen Briefwechsel aus. Denn es galt, ein Kunststück zu vollbringen: Nämlich jenes Schauspiel, das seit Jahren zu allen festlichen Anlässen aufgeführt, zitiert („Ans Vaterland, ans treue schließ dich an“ oder„Unser ist durch tausendjährigen Besitz der Boden“) und in allen Schulen gelehrt und gelesen wurde, mit einem Mal verschwinden zu lassen – von Spiel- und Lehrplänen. Und wohl am besten auch aus dem Gedächtnis der Deutschen.

Einer der in dieses Vorhaben Eingeweihten war der Propagandaminister des nationalsozialistischen Regimes, Joseph Goebbels. Er (der Schiller noch am 10. November 1934 als „Genie“ gelobt und gemeint hatte, dass Schiller, hätte er zur NS-Zeit noch gelebt, wohl ein Vorkämpfer von Hitlers Bewegung gewesen wäre) beauftragte die Theaterkammer des „Dritten Reiches“ ein Rundschreiben an alle Theater auszusenden, in dem es hieß: „Ich ersuche alle Theaterleiter, mir sofort schriftliche Meldung (…) darüber zu machen 1) ob zurzeit 'Wilhelm Tell' von Friedrich von Schiller auf dem Spielplan ist, 2) ob das Stück für eine spätere Aufführung vorgesehen ist. 3) Auch Fehlanzeige muss erstattet werden.“

Der Anweisung wurde Folge geleistet – und eine neuerliche ausgegeben. Ihr Ergebnis: Fortan wurde „der Tell“ weder im deutschen Reich, noch in von den Nazis besetzten Gebieten aufgeführt. Ähnliches geschah in den Bildungseinrichtungen, in denen bisher eifrigst aus dem Drama rund um den Schweizer Freiheitskämpfer gegen die habsburgische Herrschaft (das Drama spielt in den Jahren 1306/08, veröffentlicht wurde es von Schiller 1804) vorgetragen wurde. So hatte bei der Herausgabe neuer Schulbücher sowie bei Neuauflagen Schillers Werk zu fehlen.

Bedrohung durch einen „Tell-Nachahmer“

Über die Gründe für die Kehrtwende Adolf Hitlers kann bis heute nur spekuliert werden. Denn es fehlt sowohl eine öffentliche Kundmachung der Entscheidung, noch wurden die Motive in den Briefwechseln, die 1976 im Jahrbuch der "Deutschen Schillergesellschaft" veröffentlicht wurden, niedergeschrieben. Am wahrscheinlichsten gilt unter Historikern aber die These, dass Hitler – der einst das Tell-Zitat „Der Starke ist am mächtigsten allein“ zur Überschrift für das achte Kapitel seines Buches „Mein Kampf“ ausgewählt hatte – einen „Tyrannenmord“ fürchtete. Immerhin wird die Frage, ob ein Despot getötet werden dürfe, in Schillers Werk mit einem Ja beantwortet.

Gemeint ist die Szene, in der sich Tell weigert, dem Hut des Reichsvogtes Geßler die Ehre zu erweisen, verhaftet wird und mit einem Pfeilschuss den Apfel auf dem Kopf des eigenen Sohnes treffen muss. Er meistert die Herausforderung, gesteht aber ein, dass er, wäre sein Kind zu Schaden gekommen, mit dem nächsten Pfeil auf Geßler gezielt hätte. Daraufhin kommt der Freiheitskämpfer in Haft, kann fliehen und ermordet den Vogt letztlich in der „hohlen Gasse“ bei Küßnacht.

Erstdruck mit koloriertem Kupferstich von Melchior Kraus als Frontispiz
Erstdruck mit koloriertem Kupferstich von Melchior Kraus als Frontispiz
Erstdruck mit koloriertem Kupferstich von Melchior Kraus als Frontispiz – (c) Wikimedia H.-P.Haack

Für diese Annahme spricht auch, dass der Schweizer Student Maurice Bavaud 1938 mehrfach versucht hatte, Hitler zu ermorden, verhaftet und 1939 zum Tode verurteilt wurde. Vollstreckt wurde das Urteil am 18. Mai 1941 – 15 Tage vor der Verbotsanordnung. Zudem kann Hitler eine starke Abneigung gegen die Eidgenossenschaft und deren Nationalhelden Tell nachgewiesen werden. So soll er am 2. Februar 1942 bei einem von Henry Picker überlieferten Tischgespräch gesagt haben: „Wir haben nur ein Unglück: Dass wir bisher nicht den Dramatiker gefunden haben, der in die deutsche Kaisergeschichte hineingeht. Ausgerechnet Schiller musste diesen Schweizer Heckenschützen verherrlichen. Die Engländer haben ihren Shakespeare, dabei haben sie in ihrer Geschichte doch nur Wüteriche oder Nullen.“

Kein Jubel für den Verlust eines „deutschen Stammes“

Daneben hält sich seit Jahren eine zweite These. Demnach sei das Tell-Verbot kritischen Stimme geschuldet, die sich bereits in den 1930er Jahren daran gestoßen hatten, dass Schiller ein Werk geschaffen habe, das „den Verlust eines wertvollen Gebietes für das Deutsche Reich“ thematisiere. Und, damit nicht genug, „den Abfall eines deutschen Stammes vom Reich“ auch noch bejuble. Gemeint ist die dritte Szene im fünften Aufzug des Stückes, in dem das Volk auf Tell zuströmt und seine Taten bejubelt – eben, den Mord am Reichsvogt, und die endlich verwirklichte Freiheit.

Welche Theorie nun zutreffen mag, als gesichert gilt, dass die Schweiz ihre Abneigung gegenüber dem NS-Regime nicht im Verborgenen hielt. Und so beging der neutrale Staat 1941, von Hitlers Bemühungen, Tell verschwinden zu lassen, unbeeindruckt, den 650. Jahrestag seines Bestehens mit großen Feierlichkeiten – inklusive Wilhelm Tell.

(hell)

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