Der tiefe Fall des Kronen-Trillionärs Bosel

Eine neue Biografie erkundet das seltsame Leben des reichsten Österreichers der Zwischenkriegszeit. Vom Textilhändler zum Kriegsgewinnler, zum Tausendsassa der Finanzwelt - schließlich seine Ermordung durch die SS.

(c) Österreichische Nationalbibliothek

Wien, im Jahr 1922: Das verarmte Österreich wird nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs von der Inflation gebeutelt, Banknoten haben ihren Wert verloren, Wochengehälter werden mit Scheibtruhen aus der Staatsdruckerei transportiert. In diesem atemlosen hektischen Klima treibt ein junger Mann die soignierten Bankmanager zum Wahnsinn. Der Finanzjongleur heißt Sigmund Bosel (1893–1942), Spross einer jüdischen Textilhandelsfamilie aus Wien. Durch gewagte Transaktionen und halsbrecherische Abenteuer hat er es zum reichsten Österreicher gebracht. Ein zweiter Rothschild will er werden. Und er steht im Wettkampf mit dem weitaus berühmteren Camillo Castiglioni.

Weil dieser Hasardeur den Salonwagen des exilierten Kaisers Karl in seinen Besitz gebracht hat, muss auch Sigmund Bosel so etwa Prächtiges haben. Er legt sich den – noch viel pompöseren Sonderwaggon des deutschen Ex-Kaisers Wilhelm zu.

Sonst haben sie wenig gemein. Castiglioni genießt seinen immensen Reichtum in aller Öffentlichkeit, kauft wie besessen österreichische Großfirmen auf, sponsert die heimische Kulturlandschaft, gibt Bälle, Feste, finanziert das Theater in der Josefstadt und die Salzburger Festspiele. Bosel kann nicht wirklich genießen. Als ob er schon ahnte, dass all die Kronen-Trilliarden nur Talmi und in wenigen Jahren futsch sind, arbeitet der Kettenraucher verbissen an seinem Finanzimperium.

 

Ein Hochhaus am Ballhausplatz

Er lenkt es von seinem Bürohaus am Friedrich-Schmidt-Platz hinter dem Rathaus. In seinen besten Jahren stehen 18 Autos im Fuhrpark für seine leitenden Mitarbeiter. Später, während der Regierungsära Dollfuß/Schuschnigg, hegt Bosel einen nahezu tollkühnen Plan: Er will auf dem leeren Bauplatz neben dem Bundeskanzleramt sein Bürohochhaus errichten (dort, wo heute das Innenministerium seine Büros hat). Die Regierung, der der Finanzmann schon mehrmals aushalf, hat nichts dagegen einzuwenden. Letztlich wird der Plan aber wieder begraben.

Georg Ransmayr hat nun aus seiner bemerkenswerten TV-Dokumentation ein mindestens so spannendes Buch werden lassen. Fein zeichnet er die Unterschiede zum Rivalen Castiglioni nach: Bosel hatte – neben seinem Riecher fürs Geschäft – auch eine soziale Ader. Ob er heimlich sogar Mitglied der Sozialdemokratischen Partei war, ist nicht geklärt (seine Tochter behauptete es). Aber er half der Partei aus einer höchst gefährlichen Krise, indem er die Hammerbrotwerke übernahm, die von den Sozialdemokraten in die Pleite geführt worden waren.

Der jüdische Bankier, in dessen Person sich alle antisemitischen Vorurteile er damaligen Zeit zu bewahrheiten schienen, war aber klug genug, sich auch der rechten Parteienlandschaft zu versichern. Als nach dem Zusammenbruch 1918 die Polizei als einzig verbliebene Ordnungsmacht in dem Chaos notwendiger denn je war, sorgte Bosel mit einer eigenen Firma dafür, dass die Wiener Polizisten samt Familien ausreichend versorgt wurden. Bosel rettete damals Ordnung und Sicherheit im neuen Staat Deutschösterreich und konnte sich zeitlebens auf seinen Protektor, den Polizeipräsidenten Johann Schober, verlassen, auch als dieser Außenminister und kurz Bundeskanzler war.

Waren es die waghalsigen Ideen, an denen er sich berauschen konnte, so lag ihm wenig am Geld, das er zu Bergen aufhäufte. Nein, es war die Macht, die daran hing, sagt sein Biograf Ransmayr. Das Finanzblatt „Die Börse“ (das ihm gut gesinnt war) charakterisierte ihn so: „Der kleine Mann mit der mangelhaften Bildung, die er emsig sich zu stopfen bemühte“, habe herrschen und die öffentliche Meinung kontrollieren wollen. So übernahm er für kurze Zeit auch die konservative „Neue Freie Presse“, an der die Bundesregierung eine Beteiligung hielt. Da gehörte ihm der linksliberale „Tag“ schon längst. Und er zahlte gut.

Doch schon bald folgte der tiefe Fall, wie ihn Kollege Matthias Auer vor zwei Jahren in der „Presse“ beschrieb: Die staatliche Postsparkasse durfte an den rasanten Devisenspekulationen nach 1918 nicht mitmachen, so bediente sie sich Bosels als Strohmann. Der wettete auf einen fallenden französischen Franc. Die Sache ging total daneben, das Kartenhaus fiel in sich zusammen, Bosel verlor sehr viel von seinem Vermögen, aber die PSK war noch viel ärger dran. Obendrein hatte sie ihren politischen Megaskandal.

 

Gefälschte Bilanzen

Die Politiker wandten sich sehr rasch vom zuvor gehätschelten Bosel ab. Nach außen hin blieb ihm nur das Teppichhaus Schein. In Wahrheit hatte der Jongleur Teile des Vermögens längst in die Schweiz transferiert. Als Mitte der Dreißigerjahre aufflog, dass er Vermögen verschleiert und Bilanzen gefälscht hatte, wurde er zu 18 Monaten Haft verurteilt. 1937 kam er vorzeitig frei. Die Hetze gegen „jüdische Spekulanten“ hatte noch nicht ihren Höhepunkt erreicht. Aber Bosel ging noch vor dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich nach Paris.

Warum er noch einmal geschäftlich in die Heimat fuhr, bleibt ein Geheimnis. Bosel wurde verhaftet und musste die Reststrafe aus dem PSK-Skandal absitzen. Am 6. Februar 1942 steckte ihn die SS in einen Deportationszug nach Riga. Zwei Tage später, bei einem Zwischenstopp, trat ihm sein Henker, der Kriegsverbrecher Alois Brunner, mit der Pistole gegenüber. Dreimal flehte Bosel um Gnade, beim dritten Mal – ein Schuss. Ein einziger Schuss. „Hat hier jemand etwas gehört?“ rief Brunner höhnisch in den Waggon. Nein, keiner hatte etwas gehört . . .

Die nächste Folge der Zeitgeschichteserie erscheint am Samstag, 10. September. Dann wieder jeden Samstag.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2016)

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