In alter Feindschaft: Süleymans Tod spaltet bis heute

Vor 450 Jahren starb der Osmanenherrscher Sultan Süleyman in der Schlacht von Szigetvár. Die Feierlichkeiten an seiner Todesstätte zeigen die Bruchlinien von heute.

HUNGARY-CROATIA-TURKEY-HISTORY
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(c) APA/AFP/ATTILA KISBENEDEK

Szigetvár. Ein verschlafener Weinberg nahe Szigetvár im Süden Ungarns ist plötzlich voller Polizei; bald darauf windet sich eine lange Kolonne schwerer, schwarzer Limousinen mit Blaulicht durch die Schotterwege, bis sie am Ende vor einem der vielen kleinen Présház stehen bleibt, Presshäusern, wo der Wein gepresst wird. Männer in dunkelblauen Anzügen steigen mit wichtiger Miene aus den Wagen. Die Türken sind da: der stellvertretende Ministerpräsident Veysi Kaynak, Parlamentarier, Geschäftsleute, Bürgermeister.

Aus dem Garten kommt ihnen der Entdecker einer – aus türkischer Sicht – ganz besonderen archäologischen Sensation entgegen: Norbert Pap von der Universität Pécs, auch Mitarbeiter seines Teams sind dabei. Sie haben hier vor zwei Jahren den Ort entdeckt, an dem der größte aller Sultane des Osmanischen Reichs im Jahr 1566 starb: Süleyman der Prächtige, den die Türken bis heute Kanuni nennen, den Gesetzgeber.

Kaynaks Besuch, sagt Pap, „bedeutet, dass die türkische Regierung diesen Fund ab jetzt als authentisch einstuft. Von jetzt an geht es um die Zukunft – was aus diesem Ort werden soll.“ Die Forscher haben die Überreste eines Türbe, eines Mausoleums, gefunden, das an dem Ort errichtet wurde, an dem Süleyman starb. Um den Türbe herum fanden sie die Fundamente eines Derwischklosters, einer Moschee und einer kleinen osmanischen Kaserne. Daneben Überreste einer osmanischen Siedlung – die erste und einzige, die in Europa bekannt ist. „Die Osmanen nutzten vorhandene Städte, sie gründeten normalerweise keine eigenen Siedlungen“, sagt Pap.

Eroberung am Todestag

Eigentlich sollte der türkische Staatspräsident, Recep Tayyip Erdoğan, persönlich kommen, um zusammen mit den Präsidenten Ungarns und Kroatiens des 450. Jahrestages der Schlacht von Szigetvár zu gedenken, aber er ist wohl noch damit beschäftigt, nach dem misslungenen Putschversuch gegen ihn daheim Ordnung zu schaffen.

Der Tag, an dem die Osmanen Szigetvár eroberten, war zugleich der Tag, an dem der bereits greise, kranke Süleyman in seinem Zelt starb – und ebenso der Verteidiger der Festung, der kroatische Vizekönig und ungarische Magnat, Miklós Zrinyi. Es war ein Wendepunkt der Geschichte. Nach Süleymans Tod stagnierte das Osmanische Reich und verlor dann langsam an Kraft.

Die Erinnerung an Süleyman und Zrinyi prägt bis heute das Selbstverständnis aller drei Nationen – der Türken, Ungarn, Kroaten. Wie, das wird am Nachmittag in den Ansprachen der Vertreter der drei Länder deutlich. Ungarns Präsident, János Áder, betont, dass Zrinyi „die Werte verteidigte, die auch heute das Fundament Europas sind“, und sich für Heimat und Christentum im Kampf gegen fremde Aggressoren opferte. Kaynak hingegen tut so, als hätten die Osmanen nie angegriffen: „Die Osmanen eroberten nicht, sie kamen einfach.“ Áders Miene bleibt bei den Worten unbewegt, aber da ist etwas in seinem Blick, als hätte er dazu seine eigenen Gedanken.

Für jeden Sultan einen Baum

Es liegt etwas von 1566 in der Luft, die türkische Delegation zieht eine viel größere Show ab als die Einheimischen. Ein Janitscharenorchester von 70 Mann in historischen Kostümen vollführt einen glorreichen musikalischen Krawall, die ungarische Seite bietet gerade einmal 25 Musikanten mit schwächlichem Getröte auf. Die türkische Regierungsdelegation ist deutlich größer als die ungarische oder kroatische, auch wenn Erdoğan nicht dabei ist, und sie haben im sogenannten türkischen-ungarischen Freundschaftspark, unweit der Festung und des Türbe, für jeden der Sultane, die vor Süleyman regiert haben, einen Baum gepflanzt. Die ganze Dynastie ist da nun verwurzelt, die Botschaft ist klar: Wir sind wieder hier.

Parallel zu all dem läuft eine hochkarätige Historikerkonferenz, die Forscher sinnieren unter anderem darüber, welche Ähnlichkeiten es heute zu den Verhältnissen im Jahr 1566 gibt. „Ein wenig ist es heute wie im 16. Jahrhundert“, sagt der ungarische Historiker Pál Fodor, „die Türken drängen – mit den Mitteln unserer Zeit, nicht militärisch – auf mehr Einfluss in Europa, und die Europäer sind in ihrer Reaktion zerstritten und schwach.“

Auch Süleymans Nachfahren sind an jenem Tag in Szigetvár. Unabhängig von der Regierungsdelegation haben sich fünf osmanische Prinzessinen eingefunden, Nachfahrinnen der Sultane. Auch sie legen Blumen nieder, auch sie besichtigen den Türbe, aber separat. Und sie diskutieren untereinander, wie der türkische Staat, der jetzt stolz die Osmanen feiert, die Dynastie nach dem Ersten Weltkrieg verjagt und enteignet hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2016)

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